Was uns zu Menschen macht

Was uns zu Menschen macht

Den Gedanken spricht der Publizist und Philosoph Richard Precht im Interview mit Thilo Jung aus: 2000 Jahre haben wir Menschen uns durch den ‹Logos› erklärt und verstanden.


Unsere Fähigkeit zu denken, Bewusstsein zu entwickeln, das habe uns, so erklärten es Philosophie und Religion, über die Natur erhoben. Mit dem 21. Jahrhundert verändert sich dies. Wir erkennen, dass auf diesem Weg zum Selbst das Leben der Verlierer ist. Wir bauen Maschinen, die mit Sprach- und Gesichtserkennung schneller als wir Wissen verknüpfen und Muster finden und daraus Entscheidungen ableiten. Dass bei Regen der Scheibenwischer startet und bei monotoner Fahrweise eine Kaffeetasse im Armaturenbrett blinkt, sind erste Anzeichen dieses Maschinendenkens im Alltagsleben. Die digitale Entwicklung geht schnell, vollzieht sich disruptiv, das heißt in Sprüngen. Also: Wo bleiben dann wir Menschen? Es sei, so Precht, die Empathie, das Einfühlungsvermögen, das an die Stelle des Logos trete, denn das könne keine Maschine, kein Tier, sich gedanklich und emotional in ein anderes Wesen hineinzuversetzen und daraus zu handeln. Folgt man Rudolf Steiners Ausspruch, dass man sich selbst findet und erkennt, wenn man in die Welt geht, dann führt diese Empathie, dieses Einfühlungsvermögen zur eigentlichen Selbsterkenntnis. Es ist ein großer Atem: Aus der so gefeierten Souveränität und Dominanz von uns Menschen über die Natur wächst das Bild, dass im 21. Jahrhundert eine ‹Partnerschaft mit der Natur›, wie sie Andreas Suchantke schon 1993 beschrieb, eine Kommunion, uns Menschen zu Menschen macht.


Siehe: Youtube, ‹Jung und Naiv›, Folge 421, Neues von David Richard Precht; Andreas Suchantke: Partnerschaft mit der Natur, Entscheidung für das kommende Jahrhundert, Stuttgart 1993

Zwei Tagungen zum Thema: Stuttgart, Rudolf-Steiner-Haus, 10. und 11. Oktober: ‹Digitale Zukunft?›
Am Goetheanum: 18. bis 20. Oktober: ‹Das Ende des Menschen? II  – Wege durch und aus dem Transhumanismus›.

Titelbild: Ella Lapointe, Icon ‹Osterglockenfrage›,Vektorisierte Tintenzeichnungen, Februar 2019

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