Kühlende Schatten

Kühlende Schatten

Als ich letzten Sommer mit meinem siebenjährigen Sohn eine Fahrradtour machen wollte, merkte ich bald, dass ich seinen Sonnenhut nicht dabeihatte. Fragend stand ich vor ihm und überlegte, ob wir wieder umkehren und den Hut holen müssten.


Er sah mich nicht einmal an und stellte nur fest: «Wie gut ist es doch, dass wir unseren Schatten haben, sonst würde die Sonne uns ja total verbrennen.» Im ersten Moment wollte ich ihn korrigieren und aufklären. Aber im zweiten Moment empfand ich seine Verdrehung gar nicht so verdreht. Unsere Schattenseiten als Sonnenschutz? Wenn wir unsere Doppelgänger nicht hätten, würden wir im Licht verbrennen. Kann es sein, dass sie uns gegeben sind, damit wir die Orientierung im gleißenden Geisteslicht nicht verlieren auf dieser Erde?

Die Schattenwürfe unseres Lebens geben der beschienenen Oberfläche überhaupt erst die Tiefenwirkung, die Kontur. Die Formhülle wird sichtbar, die sich von innen mit Lebenslicht erfüllen kann. Die Schlagschatten unseres Daseins zeigen die Richtung, aus der das Licht kommt, und seine Qualität, solange die innere Sonne, die keine Schatten wirft, noch nicht allein scheinen kann. In der Kühle dieses Schattengedankens wird die inquisitorische Hitze im Ringen um die Sonne etwas abgemildert. Sie lässt mich in einem liebevolleren Licht auf meine Dunkelseiten schauen.


Bild: Európa Gyermeke (Europas Kind) von Zoltan Döbröntei, 2017