Ein europäisches Problem

Ein europäisches Problem

«In ganz Europa wollten viele die Juden damals ein für alle Mal loswerden, diese fiebrigen Europhilen, die das ganze Sortiment europäischer Sprachen beherrschten, Europas Dichter deklamierten, an Europas erhabene Moral glaubten [...] und [...] alles Menschenmögliche getan hatten, um ein wenig Europas Gefallen zu finden, auf jedem Gebiet und auf allen Wegen sein Wohl zu mehren, eins mit ihm zu werden, seine kühle Feindseligkeit durch heißes Werben aufzubrechen, sich beliebt zu machen, zu beschwichtigen, akzeptiert zu werden, dazuzugehören, geliebt zu werden.» 

So beschreibt der Schriftsteller Amos Oz anhand des Schicksals seines Großvaters die Lage der Juden in Europa zwischen den zwei Weltkriegen. Diese unheimliche Kraft, die einer solchen europaweiten Ablehnung zugrunde liegt, ist die des nationalen ‹Wir›. Sie drückt sich bis heute in unkontrollierbarer Gewalt in Israel-Palästina aus. Die Verbrechen der israelischen Armee − am 14. Mai ermordete sie noch 62 Zivilisten an der Grenze zum Gaza-Streifen − tragen die Signatur dieser Kraft. Die Anschläge von palästinensischen Terroristen gegen israelische Zivilisten auch. Weil Europa im 20. Jahrhundert ein Haus für jeden Menschen hätte werden können, aber stattdessen nur das verzerrte Gesicht des Gruppenegoismus zeigte und in die Tat umsetzte, trägt es hier Verantwortung. Verurteilen bringt aber wenig. Wer Europa liebt und sein Schicksal mittragen will, sollte, wo immer er auch ist, neue Inspirationen suchen für heilende zwischenmenschliche Räume.