Als vieles seinen Anfang nahm

Als vieles seinen Anfang nahm

Vor 50 Jahren erhob sich die Jugend in den Industriestaaten des Westens gegen die Welt ihrer Väter. Die Kriegsgeneration hatte die Ruinen wiederaufgebaut und in diese «Wohlstandswabe», wie es Gerd Koenen formuliert, «wollte diese Generation nicht hineinschlüpfen».


Es sei ein globales Schwellenphänomen gewesen, so beschreibt Beate Fietze (Der Geist der Unruhe – 1968) diese weltweiten Proteste. Der Krieg der Weltmacht USA gegen ein ostasiatisches kleines Bauernvolk entzündete das globale Denken. Anmaßend, ja arrogant mag es geklungen haben, wenn für chinesische Reisbauern, für kubanische Tabakarbeiter Studenten hier auf die Straße gingen, und doch ist es die Geburtsstunde eines globalen Bewusstseins. Zugleich erklang der Ruf, die Persönlichkeit über die Institution zu stellen, ein zorniger Ruf auf den Straßen, ein verbohrter Ruf an den Universitäten und ein verklärter Ruf in Woodstock.

1968 markiert einen Modernisierungsschub. Es sei das Ende der ‹Gutenberg-Galaxis› und der Beginn eines Zeitalters der elektronischen Massenmedien, so vermutete damals der Philosoph Marshall McLuhan. Es sei die letzte Generation mit einer Utopie, eine letzte Generation, die sich nicht um Finanzen kümmerte, beschreibt es Inge Münz (‹Bilderflut und Lesewut›). Mit dem Fernseher zu Hause rücken Öffentlichkeit und Privates zusammen. Die großen Ziele mögen vielleicht noch immer am Horizont sein, aber neue, freiere Lebensstile, zu denen Wohngemeinschaften, Selbstverwaltung und Selbstbestimmung gehören, haben damals ihren Anfang genommen. 1968 schlug die Bresche, in die schon ein Jahr später die Gründung der ersten anthroposophischen Klinik trat und Anfang der 70er-Jahre dann die GLS-Gemeinschaftsbank.

Schön, dass Michaela Glöckler, Karl-Martin Dietz, Martin Kollewijn, Rainer Patzlaff, Friedwart Husemann und Ruedi Bind uns in diesem ‹Goetheanum› in diese widersprüchliche Wendezeit entführen.


Titelbild: Ruedi Bind mit 20 Jahren. 20 Jahre später gehört er zur Redaktion des ‹Goetheanum› und nun, noch einmal 20 Jahre später, schreibt er von seinem persönlichen 1968.

Dichter waren Seher

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