Individualisierte Wissenschaft

Individualisierte Wissenschaft

«Alle meine Studenten lachen, wenn jemand behauptet, die Erde wäre flach», sagte neulich ein Wissenschaftler in einer Radiosendung, «aber wenn ich sie dann frage, ob sie die Demonstration kennen, die zeigt, dass die Erde rund ist: Keiner weiß zu antworten.»


So leben in der Gesellschaft viele Vorstellungen, die als ‹wissenschaftlich› gelten, die wir aber als Individuen gar nicht beweisen oder durchschauen können. Haben wir hier mit ‹Wissen› zu tun oder mit ‹Glauben›? Glaubt man als normaler Bürger heute an die wissenschaftlichen Wahrheiten, wie man früher an die Dogmen der Kirche glaubte?

Innerhalb der anthroposophischen Bewegung stellt sich die gleiche Frage: Wird an die Aussagen von Rudolf Steiner oder an die ‹anthroposophischen Ideen› geglaubt oder handelt es sich um ein ‹Wissen›? Wer sich in diese Fragestellung vertieft und den Ort des ‹Wissens› sucht, wird es nur im menschlichen Ich finden. Wenn ich mich irgendwelchen Autoritäten außerhalb von mir unterwerfe, befinde ich mich nicht eher im ‹Glauben› als im ‹Erkennen›?

So schrieb Steiner im ersten Kapitel der ersten Ausgabe seiner ‹Philosophie der Freiheit›: «Wir wollen nicht mehr bloß glauben; wir wollen wissen. Der Glaube fordert Anerkennung von Wahrheiten, die wir nicht ganz durchschauen. Was wir aber nicht ganz durchschauen, widerstrebt dem Individuellen, das alles mit seinem tiefsten Innern durchleben will.» Es wird also ersichtlich, dass Steiner für eine Wissenschaft gekämpft hat, die sich absolut in der individuellen Erfahrung vollzieht, eine Wissenschaft ohne äußere Autorität, eine Art ‹anarchische Wissenschaft›. Denn: «Nur das Wissen befriedigt uns, das keiner äußeren Norm sich unterwirft, sondern aus dem Innenleben der Persönlichkeit entspringt», schreibt er im schon zitierten Text.

So wird die Frage der Erkenntnis in die Hände des Individuums gelegt, also unter individuelle Verantwortung gestellt, basierend auf individueller Erfahrung. Welche Methoden, welche sozialen Formen solch ein individualistischer Ansatz erfordert, gilt es aber noch zu entdecken.


Malerei Titelbild: Camille Lauth, Studien zur Farbe Gelb

Als vieles seinen Anfang nahm

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Rastend und doch rastlos

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