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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

Ob Vertrauen entstehen kann

Wochenschrift

Ob Vertrauen entstehen kann

Johanna Hueck

Gespräche zur Menschenbildung von Clara Steinkellner mit Johanna Hueck

Zum Forum ‹Freie Bildung braucht Freie Räume› lud die Cusanus-Studierendengemeinschaft gemeinsam mit dem Campus a Stuttgart nach Bernkastel-Kues ein. Gut zwei Dutzend Menschen befragten im Dezember drei Tage dieses grundlegende Thema. Auch ich durfte, gemeinsam mit Thomas Brunner, einen Workshop einbringen und die Cusanus-Hochschule bei dieser Gelegenheit besser kennenlernen. Im Anschluss ergab sich dieses Gespräch mit Johanna Hueck.

Liebe Johanna, du lebst nun seit vier Jahren in Bernkastel-Kues, hast die Cusanus-Hochschule als Mitarbeiterin und Studierende mit aufgebaut – du gestaltest neue Bildungsräume. Durch welche Bildungsräume bist du selbst gegangen?

Durch vielfältige. Ich habe nach dem Abitur (Rudolf-Steiner-Schule Nürnberg) eine Ausbildung in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft gemacht, denn ich war auf der Suche nach ‹Wirklichkeit›. Ich bin jemand, der sich sehr gerne im Denken bewegt, aber ich habe immer den Drang gespürt, mich mit Dingen auseinanderzusetzen, die mir nicht leichtfallen. Diese treue Arbeit an der Erde war eine herausfordernde Erfahrung für mich, und je mehr ich da drinsteckte, desto größere Hochachtung bekam ich vor Menschen, die das in größter Hingabe ihr Leben lang tun! Ich habe nach der Ausbildung drei Jahre in dem Beruf gearbeitet, unter anderem in Argentinien, und ich erlebte, wie viele Bemühungen auch in der Landwirtschaft und Ökologie von ökonomischen Fragen, von Normierung und Steuerung bestimmt werden. Dem wollte ich nachgehen – und so begann ich ein Wirtschaftsstudium an der Alanus-Hochschule, mit der Frage: Was ist dieses Wirtschaftsleben, das heute so dominant ist und in dem zugleich das Potenzial von Brüderlichkeit steckt, wie geht das zusammen?

Bist du der Frage nähergekommen?

Durch meine praktische Tätigkeit bei der Weleda – ich war dort viel mit dem Thema ‹Unternehmenskultur› beschäftigt – bin ich letzten Endes auf die grundlegende Bildungsfrage gekommen: Wie kann der Mensch so Mensch werden, dass er fragend und verantwortend für die Schöpfung einsteht? Zugleich habe ich in philosophischen Seminaren im Studium Generale erfahren, wie menschwerdend die Philosophie wirken kann. Und so habe ich als eine von rund 20 Pionierstudierenden mit dem Master in Philosophie an der Cusanus-Hochschule begonnen. Gleichzeitig war ich als Mitarbeiterin am Aufbau beteiligt.

Warst du auch in die Gründung des Studierendenvereins involviert?

Ja, es ging uns um die Frage der Raum­bildung: Welche Atmosphäre braucht eigentlich ein Bildungsweg der ‹Menschwerdung›? Wir haben hier sehr bewusst an geistig-kulturelle Wurzeln angeknüpft, an Nikolaus von Kues, und dennoch bleibt die Frage: Was braucht so ein Bildungsort heute? Es war uns wichtig, neben der Institution der Cusanus-Hochschule noch ein eigenes, freies Organ der Studierenden zu haben.

Und euch ist – vor allem dank der Möglichkeit der Zwischennutzung der Jugendherberge oben über den Weinbergen – eine tatsächliche Raumbildung gelungen, wie wir als Forumsteilnehmende an den Abenden bei Kerzenschein im Saal des altehrwürdigen Hauses erleben durften! Da wurde Wohnraum geschaffen, ihr kocht selber, bezieht Produkte des nahe gelegenen Demeterhofes und ihr setzt als Studierendengemeinschaft inhaltlich Akzente, mit der jährlichen Herbstakademie oder eben diesem Bildungsforum. Wie kam das eigentlich zustande?

Wir haben seit der Gründung jedes Jahr aktiv an der Bildungsart in Stuttgart teilgenommen, und dort entstand im Gespräch mit Götz Feeser und Joshua Conens schon vor drei Jahren die Idee zu diesem Forum, um den Dialog zwischen den verschiedenen ‹Akteuren›, die der Frage nach freier Bildung nachgehen, weiter zu fördern.

Die Rechtsanwältin Johanna Keller brachte in ihrem Beitrag recht plastisch ins Bild, dass wir in der historisch gewachsenen Gewohnheit stehen, dass der Staat für die Bildung verantwortlich ist – und jede freie Initiative als ‹elitär› abgestempelt wird. Wie erlebst du das?

Wir denken gesellschaftlich in einem Staat-Markt-Dualismus und haben gleichzeitig eine starke Verquickung von Staat und Markt! Der Wissenschaftsrat beispielsweise entscheidet als halbstaatliches Gremium über die Anerkennung von Hochschulen in ganz Deutschland. Die staatlichen Universitäten stellen sich immer stärker markt­orientiert auf, um dem Wettbewerbs- und Effizienzdruck gerecht zu werden. Und wir haben einen privaten Hochschulmarkt, auf dem man viel Geld verdienen kann mit staatlich anerkannten Abschlüssen! Wie stellt man sich da hinein als eine Initiative, die sich jenseits der Paradigmen von Staat und Markt verortet? Wer sich in eine Mitte, ein Drittes stellen will, kann erleben, dass die Gegensätze krasser werden, dass man mehr zu kämpfen hat! Es fehlt zudem ein allgemeines gesellschaftliches Verständnis für dieses ‹Dritte›, für das, was man freies Geistesleben nennen kann. Und wir merken, dass in dem Ringen um das Dritte selbst eine Bildungsaufgabe liegt. Das heißt für die Cusanus-Hochschule, dass sie sich einerseits um Forschung und um die Bildung junger Menschen kümmern möchte und dass sie andererseits aber auch in einer gesamtgesellschaftlichen Bildungsfrage nach dem ‹Dritten› agiert.

Die Cusanus-Hochschule bekommt keine staatlichen Zuschüsse, sondern verfolgt das Ziel, sich durch eine Vielzahl von Schenkungen von Unternehmen, Privatpersonen und Stiftungen zu finanzieren, es werden also laufend Gespräche geführt. Da lebt auch die große Vision der sozialen Dreigliederung auf, die ja sagt, dass die Wirtschaft sich sozialer entwickelt, wenn sie von Kulturinitiativen, die sich um diese ‹Dritte Sphäre› bemühen, angefragt wird als Kooperationspartner. Wie erlebst du diese Begegnung?

Man merkt vor allem, dass es dafür kein Rezept gibt und dass es wirklich darauf ankommt, dass Begegnung stattfinden kann! Bei unserem Forum haben wir ja auch Peter Heller, den Gründer einer Familienstiftung, mit der wir zusammenarbeiten, eingeladen, und er hat sehr lebendig beschrieben, dass Menschen, die sich verantwortungsvoll schenkend engagieren wollen, immer wieder auch schlechte Erfahrungen beispielsweise mit Beeinflussung gemacht haben! Das heißt, letzten Endes beruht vieles darauf, ob Vertrauen entstehen kann. Und dann kommt es ‹einfach› darauf an: Kann sich ein Verständnis bilden, das auf einer Wahrheitserfahrung des gemeinsamen Anliegens gründet? Dann ist die Verbindlichkeit da, und dann entsteht auch etwas.

Im Studierendenverein üben wir diese Geste nach innen – da haben wir den Stipendienfonds. Wir sprechen mit Bewerbern bewusst über Geld und darüber, dass die Studienbeiträge diesen Ort hier mit ermöglichen. 300 Euro im Monat, das ist überschaubar, und dennoch gibt es Menschen, die das aus unterschiedlichen Gründen nicht tragen können. Der Verein vergibt deshalb solidarische Stipendien aus Geldern, die die Studierenden selbst einwerben. Und da ist die Grundidee, die Jahrgänge als Gemeinschaften zu sehen, denn man studiert ja nicht alleine, sondern in Gemeinschaft, man geht diesen zwei- oder dreijährigen Weg gemeinsam. Die Jahrgänge setzen sich zu Semesterbeginn zusammen, besprechen ihre finanzielle Situation und definieren gemeinsam einen Bedarf. Der wird dann in einer Runde der Vertreter der Jahrgänge besprochen, und man schaut, ob der Fonds diese Summe aller Bedarfe erfüllen kann – wenn nicht, dann wird weiter gefragt. Uns ist dabei wichtig, dass im Umgang mit dem Stipendiengeld eine Balance von Transparenz und Schutz gewahrt wird, die wiederum gegenseitiges Verständnis und Verbindlichkeit ermöglicht.

Wie füllt sich der Stipendienfonds?

Durch kleinere Fördersummen von Stiftungen und durch Fördermitgliedschaften: das sind oft Eltern, Großeltern, Bekannte, immer mehr auch Ehemalige – Menschen, die die Tätigkeiten des Studierendenvereins und dessen Umgang mit Geld wichtig finden und die uns durch Kleinstspenden monatlicher Art unterstützen.

Ja, freie Bildungsräume entwickeln sich am besten durch den konkreten Zuspruch, die konkrete Schenkung von vielen einzelnen Menschen! Das erlebe ich auch in unserer Arbeit mit der Freien Bildungsstiftung. Bleiben wir also auf den verschiedenen Ebenen dran, jene dritte, zivilgesellschaftliche Sphäre jenseits von Markt und Staat zu stärken!

Clara Steinkellner ist Autorin der Studie ‹Menschenbildung in einer globalisierten Welt› (Berlin, 2012) und hat gemeinsam mit Thomas Brunner die Freie Bildungsstiftung als Initiative zum Aufbau und zur Förderung freier Kultur- und Bildungsarbeit begründet. Sie ist als Veranstalterin in Berlin und als Lehrerin in Görlitz tätig.

Johanna Hueck, geboren 1984, Landwirtin, Ökonomin, Philosophin, Mitglied der Gründungsinitiative der Cusanus-Hochschule in Bernkastel-Kues, arbeitet aktuell an einer Dissertation über Schellings Erkenntnistheorie.