Was brauchen Kinder und Jugendliche jetzt?

Mit elf Veranstaltungen der Reihe ‹Leben und Gesellschaft im Umbruch› fasst das Goetheanum die Zukunft nach der Corona-Krise ins Auge. Die Kinder- und Jugendärzte Karin Michael, Andreas Oberle und Georg Soldner sprachen über eine Zukunft, die sich als Möglichkeit aus den Beobachtungen ergibt, die in der Pandemie an Kindern und Jugendlichen gemacht werden konnten.


Georg Soldner Wir stehen in einer Zeit, die wir als Wendezeit charakterisieren dürfen. Wir spüren, dass sich ein Umbruch vollzieht, der keinen Weg zurück kennt. Die Pandemiekrise ist umfassend. Wir wissen aber noch nicht, wohin sie führt. Deshalb braucht es Orientierung. Das beinhaltet eine Frage, die die Fähigkeit voraussetzt, jetzt den Standpunkt bestimmen zu können, von dem aus man spricht und handelt. Wir sprechen heute als drei Menschen im ärztlichen Beruf über Kinder – ein Thema, das viele Menschen betrifft. Wenn wir in einer Krise über Kinder und Orientierung sprechen, sprechen wir auch darüber, wie sie uns selbst in der Suche nach Orientierung erleben. Wenn man auf einem Schiff unterwegs ist und es tritt eine Situation ein, die einen die vorgesehene Reise nicht so fortsetzen lässt, gibt es auch die Fragen: Ist allen klar, wo wir sind? Welches Ziel steuern wir jetzt an? Was schaffen wir gemeinsam? Welchen Hafen können wir erreichen? Kinder sind sensibel dafür, was in uns vorgeht, wie wir mit ihnen sprechen, in welcher Resonanz wir mit ihnen stehen, welche Gedanken oder auch Widersprüche in uns leben. Sie erleben es seelisch. Sie leben im Hier und Jetzt, nicht in einer Prognose.

Karin Michael, du hast deinen Weg in die Medizin mit der Altenpflege begonnen. Was hat dich zu diesem Schwerpunkt geführt? Und was ist ein Kind für dich überhaupt?

Karin Michael Das ist eine schöne Frage. Es braucht Mut, diese Frage ins Auge zu fassen. In der Pflege, in der Begegnung mit den alten Menschen, mit den gewordenen Menschen, hat mich sehr berührt, wie das Leben den Menschen prägt. Ich hatte immer geschaut, was den jeweiligen Menschen wohl geprägt hat, und habe dann erst gefragt und geprüft. Ich dachte während des Studiums an eine Praxis im Altenheim, sodass ich den alten Menschen nah sein könnte und trotzdem mit anderen Patienten arbeiten kann. Aber ich habe in mir einen Respekt vor den Kindern bemerkt. Das erste praktische Jahr habe ich deshalb in der Kinderklinik gemacht. Damit kam die Perspektive des ‹Wer willst du werden?›, die Frage nach dem Potenzial, das am Anfang des Lebens steht. So entschied ich, mich dem Werden zu widmen. Diese beiden Seiten gehen schön Hand in Hand. Es berührt mich an dieser Krise schmerzlich, dass die beiden Enden, die Kinder und die Großeltern, sich so schmerzlich vermissen, weil sie so wertvoll füreinander sind.

Soldner Andreas Oberle, wie bist du zu den Kindern gekommen?

Andreas Oberle Mein damals bester Freund hatte Krebs im Endstadium, was mich bewog, Medizin zu studieren. Dann hat es mich in die Kinder- und Jugendmedizin weitergespült. Es war kein geradliniger Weg, aber stimmig. Eingebettet in das jeweilige Umfeld des Kindes, gehen wir seinen Weg mit. Auf diesem Weg ist Corona eine Phase, die uns vor besondere Herausforderungen stellt. Sie hat uns im gemeinsamen Miteinander viel ermöglicht, aber auch an Grenzen geführt. Die Kinder zeigen uns da vieles. Wo sind sie gerade, was ist für sie gerade gut und wichtig? Wir haben in der ersten Welle alles geschlossen, es durfte nicht richtig weitergehen. Wir haben damals schon gesagt, dass wir die Kinder nicht vergessen dürfen.

Amael Szir, 3 Jahre

Angst

Soldner Ein Thema, das uns in diesem Jahr besonders beschäftigt hat und das bei den Kindern deutlich zutage tritt, war die Angst, im Hintergrund auch Todesangst. Was für ein Miterleben hat das Kind für die Erwachsenen? Wie hat sich die Angst dargestellt und gezeigt, was zum Teil auch nicht so leicht erzählbar ist? Wie können wir diese Angst erfassen und wahrnehmen?

Michael Man muss unterscheiden, in welchem Alter die Kinder die Konfrontation mit dieser Krise erleiden und was man da wahrnehmen kann. An den Kindergartenkindern können wir immer wieder erleben, dass sie ganz tief in eine Nachahmung von dem gehen, was sie erlebt haben. Sie bilden das ab und nehmen sich als Gefahr dem anderen gegenüber wahr. Ich erlebe das auch in der Sprechstunde, weil sie sich in der Untersuchung traumatisiert verhalten. Das Angstelement ist so vehement gekommen, dass man es als Trauma begreifen muss. Das Vermögen, in eine Beziehung mit Urvertrauen zu gehen, ist vielen Kindern so nicht mehr möglich. Jugendliche hingegen haben das oft ganz anders gefasst, es neu als Ideal aufgegriffen, sie haben also den Respekt und die soziale Akzeptanz der Distanz aufgegriffen. Nach einem Jahr leiden sie jedoch viel stiller, und man merkt jetzt, dass sie auch in einen Rückzug gegangen sind. Erst jetzt tauchen bei den Jugendlichen immer mehr Depressionen, Erschöpfungszustände auf, weil sie so lange nur Onlinebegegnungen hatten, Anregungen fehlten.

Oberle Ich komme mit vielen Kindern und deren Umfeldern zusammen. Wir haben uns ja auf den Weg gemacht, mit etwas umzugehen, von dem wir keine Ahnung hatten. Wir haben miteinander gelernt und mussten trotzdem Rat geben. Die Unsicherheit hat sich in Angst umgewandelt. Irgendwann haben wir den Aufschrei gemacht, die Kinder und Jugendlichen nicht zu vergessen. Im ehrlichen Austausch mit den Lehrerinnen und Lehrern ist zurückgekommen, dass sie zwar Begegnung wollen, aber Angst haben. Es kam zum Beispiel raus, dass sich Lehrer freistellen ließen, weil Kinder chronische Erkrankungen hatten. Das ist etwas Irrationales. Die Lehrer hatten Angst vor Ansteckung und Weiterverbreitung in ihren eigenen Familien. Indem wir aufklärten, konnte es ein wenig abgemildert werden. Im Lernen haben wir gemerkt, dass es nicht nur um kleine Kinder geht, sondern dass auch die Jugendlichen eine große Rolle spielen. Bei den kleinen Kindern haben wir zum Beispiel festgestellt, dass sie eine längere Fremdelphase hatten. Das ist ja auch natürlich: Da die Kleinkinder nur noch von ihren Eltern getröstet wurden, wollten sie sich auf einmal nicht mehr von einem Kinderarzt anfassen lassen. Die Eltern sind ja wie das Scharnier zwischen uns allen. Und die hat man auch ein Stück weit vergessen. Wir haben die Ängste, die wir auch nicht optimal erklären konnten, also eher indirekt erlebt.

Amael Szir, 3 Jahre

Goldkörnchen

Soldner Die Ängste zentrieren sich sehr an der Krankheit. Und wir lernen daran viel Neues. So dachte man, dass Kinder leichter Viren übertragen, was bei Covid-19 aber nicht der Fall ist. Allerdings ist es ein krankheitsbezogener Gesichtspunkt, und wir haben im letzten Jahr auch gelernt, dass die Gesundheit der Kinder ganz woanders herkommt, nicht aus der Vermeidung oder Bekämpfung von Krankheiten. Wie überwinden Kinder normalerweise Ängste? Was lässt sie die Angst überwinden und damit auch etwas lernen? Wir wissen alle: Wenn wir in der Angst erstarren, lernen wir nicht mehr viel. Was waren da bei euch ‹Goldkörnchen›, die zeigen, dass auch einmal etwas gelungen ist?

Michael Besonders schön ist es dort gelungen, wo in den Familien besonders früh das Bewusstsein entwickelt wurde, dass Kinder verlässliche Räume brauchen, wo man sich nicht so massiv in die Irritation hat bringen lassen, was man alles nicht mehr darf, sondern wo Räume geschaffen wurden, in denen man sich frei bewegen konnte. Allein so etwas, wie einen eigenen neuen familiären Rhythmus zu etablieren, gibt Sicherheit. Regelmäßig rausgehen, in den Garten gehen ist gesund. Bei den Familien, die das salutogenetische Potenzial sowieso schon hatten und es weiter ausbauten, hat der Lockdown gut funktioniert, weil sie sich frei überlegen konnten, was sie selbst jetzt gestalten wollen. Ganz anders sah das natürlich bei Alleinerziehenden oder Doppelberufstätigen aus, bei Familien, die keinen Garten oder Balkon haben, die in Zweiraumwohnungen mit mehreren Menschen mit unterschiedlichen Tätigkeiten ausharren mussten. Da habe ich auch Menschen erlebt, die katastrophal an ihre Grenzen gerieten.

Oberle Die Möglichkeiten hatte wirklich nicht jeder. Da braucht es ein Bewusstsein. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir vor Corona viele unterstützende Systeme hatten, die während der Pandemie für ärmere oder unterstützungsbedürftige Familien weggebrochen sind. Und für uns alle ist Kultur, Kunst, Musik weggebrochen. Was sind denn in welchem Alter Prinzipien, die unsere Kinder weiterbringen? Ist es wirklich der Druck, das Leistungsorientierte? Was macht uns glücklich? Ich kenne eine Familie, nämlich meine eigene, die in diesem Jahr sehr glücklich war, weil ich wirklich ein Jahr lang jeden Tag zu Hause war. Das bringt mich zum Denken und ist vielleicht eine Ressource, die wir bewahren sollten.

Resonanz

Soldner Es gibt Kinder, die in Verhältnissen leben, die Unterstützung brauchen. Und es gab Kinder, die sich in der ersten Welle super fühlten. Auch in Einrichtungen mit schwer autistischen Patienten und Patientinnen kamen Rückmeldungen, dass es besser ging, weil alles ruhiger und langsamer und weniger war. Es konnte aber auch erschütternd sein, wenn es zu keinen Resonanzerlebnissen kam, zu keiner Beziehung. Wir haben über Orientierung gesprochen. Wenn es keine Beziehung gibt, kann es auch keine Orientierung geben. Welche Resonanz oder Beziehung brauchen die Kinder, die Jugendlichen?

Michael Was die Kleinen brauchen – und das ist unsere Initiative ‹Hier darfst du sein› –, sind Gewohnheiten, verlässliche Spiel- und Entwicklungsräume, Orte, wo sie jeden Tag sein können. Schwieriger ist es, den Raum für die Älteren so zu halten, dass sie präsent und in Interaktion bleiben. Mein Schwager ist Lehrer an einer staatlichen Schule. Er gab von Anfang an sehr gekonnt Onlineunterricht, weil das die Schule schon lange so vorbereitet hatte. Er hat über die Monate eine spannende Erfahrung gemacht: Die Bildschirme gingen immer mehr aus, bis er zuletzt vor einer schwarzen Wand saß, buchstäblich und seelisch, und nur noch aus dem Off von einzelnen Kindern Antworten erhielt. Dann tat er einen Griff, der mir deutlich gemacht hat, was eine 6. Klasse jetzt braucht. Es geht nicht darum, die Inhalte online zu präsentieren, sondern er ist wieder zurück in den Klassenraum an die Tafel gegangen und hat den Unterricht wie immer gemacht und die Schüler und Schülerinnen so behandelt, als würden sie dort konkret sitzen. Er hat gemerkt, dass die Jugend dieses Erleben der Unmittelbarkeit braucht: Erleben, Gespräch, Dialog. Dass da jemand etwas für sie macht und nicht einfach zu Hause einen Film vorbereitet hat.

Oberle Ich glaube, wir haben im Laufe der langen Pandemie körperliche und emotionale Distanz vermischt. Da wo körperliche Distanz notwendig ist, könnte Emotionalität etwas ausgleichen. Da scheinen wir in die Verwirrung geraten zu sein. Bei körperlicher Distanz muss man nicht die maximale emotionale Distanz erleben. Das müssen wir anschauen, denn wir dürfen uns nicht verlieren, auch nicht unsere Kinder. Es ist wichtig, dass wir das nicht zulassen. Ich war sehr beeindruckt, als uns der Direktor eines Schulkindes anrief, um uns zu sagen, dass es in den sozialen Netzwerken nicht mehr präsent sei. Es war nicht das Problem, dass das Kind nicht am Onlineunterricht teilnahm, sondern dass es nicht mehr in den sozialen Netzwerken auftauchte. Es ist wichtig, am konkreten Menschen dranzubleiben, ihn zu suchen, wenn er nicht erscheint.

Angeblich haben wir statistisch weniger Kindeswohlgefährdungen, aber das liegt daran, dass sie nicht mehr angezeigt werden. Es fehlen Menschen, die Hinweise oder Unterstützung geben, die die Kinder in den Mantel der Sicherheit einbetten. Wenn die Sicherheit aufgrund von Digitalisierung ausbleibt, muss man andere Mechanismen finden. Das Interesse am Kind muss bleiben.

Amael Szir, 3 Jahre

Aufmerksamkeit

Soldner Wie merkt man, wer verloren geht? Wir erleben ja eine Spaltung in den Klassen. Der eine Teil schafft es ganz gut, manchen Lehrenden gelingt es gut, Beziehung zu halten. Andere Kinder und Jugendliche gehen wie verloren und werden leise oder unhörbar. Was kann sich durch diese Pandemie an unserer Aufmerksamkeit ändern?

Michael Da möchte ich einen Appell machen, weil mir ein Schüler neulich gesagt hat: Man schämt sich dafür, dass man eine Depression hat oder nicht mehr kann. Ich möchte den Jugendlichen sagen, dass sie nicht allein sind, sondern dass es vielen so geht. Der erste Schritt da raus ist, sich jemandem anzuvertrauen. Auch an die Eltern: Fragen Sie nach, wie es Ihren jugendlichen Kindern geht, wenn sie nicht mehr aufstehen wollen. Es gibt diese Scham, sich zu äußern, wenn es einem nicht gut geht. Aber es gibt Verbündete auch in dieser Distanz. Es braucht einen enormen therapeutischen Schritt in die seelische Nähe, wenn es im Außen eine so große Distanz gibt.

Oberle Wir haben allerdings eine neue Form von Offenheit, was eine Chance bietet. Vor einem Jahr war es peinlich, wenn man einen Schnupfen hatte und zu Hause blieb. Da hat man ein Aspirin genommen und ist trotzdem zur Arbeit gegangen. Heute nimmt man sein Kranksein auch ernst. Die Offenheit damit darf nicht zum Nachteil werden. Und man muss die Menschen unterstützen, die sich zu sagen trauen, dass es ihnen nicht gut geht. Wir haben vor zehn Jahren versucht, den Begriff ‹Kinderbewusstsein› marktfähig zu machen. Jetzt sind wir mitten drin in einer solchen Diskussion: ein Bewusstsein zu schaffen für die Kinder.

Gesundheit

Soldner Im ersten Vortrag, den Rudolf Steiner vor dem werdenden Kollegium der ersten Waldorfschule hielt, sagte er zunächst, was das Hauptziel der Schule ist: Der Unterricht soll so gestaltet sein, dass die Kinder gut schlafen und atmen können, dass Schule nicht an einem Leistungsziel orientiert ist, sondern am Schlaf und am Atem. Wir wissen heute, dass ein nicht gesunder Schlaf aggressiver macht und die Aufmerksamkeit beeinträchtigt. Beim Atem ist auch eine seelische Qualität angesprochen worden. Ist ein solches Kinderbewusstsein eine Utopie? Kann denn Schule so bleiben, wie sie war? Wir haben immer mehr Stoff in immer weniger Zeit verpackt. Die Gesundheit der Kinder ist nicht das erklärte Ziel der Kultusministerien. Wie kann man überhaupt lernen und was sind die Voraussetzungen dafür? Was sollten wir jetzt als Momentum in die Diskussion einbringen?

Michael Als Kindergarten- und Schulärztin wollte ich von Grund auf verstehen, was Steiner mit dem Schlafen und Atmen meint. Ich habe mich mit dem Schlafthema beschäftigt und bin auf ein wichtiges Organ im Gehirn gestoßen: den Hippocampus. Er ist dafür zuständig, dass das, was wir am Tag erleben, vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis geht. Das geschieht im Schlaf. Es gibt Faktoren, die das fördern, und andere, die das stören, bis dahin, dieses Organ kleiner werden zu lassen. Störende Faktoren sind Angst, Stress, Depression und Trauma. Förderliche Faktoren sind guter Schlaf und Begeisterung. Dieses Organ lebt davon, dass wir im Raum und in der Zeit kreativ handeln. Ich bin dafür, dass man Schultage draußen macht, zum Beispiel eine Wanderung, bei der nur Englisch gesprochen wird, oder ein Waldaufforstungsprojekt. Da werden wir merken, dass der Unterricht viel effektiver wird.

Oberle Wir merken in der Diskussion, wie wichtig es ist, dass wir uns mit der Dosis beschäftigen. Wie viel tut uns oder unseren Kindern zu welcher Zeit gut? Wir haben zunehmend Kinder bei uns in Betreuung, bei denen wir alle Kriterien für Autismus erfüllt gesehen haben. Dann hat man den Medienkonsum drastisch reduziert und sie sind aufgeblüht. Was können wir von wem wieder nutzen für unser gutes gemeinsames Ganzes? Wir brauchen uns alle. Wir brauchen neben der Schule die Familie, die Sportvereine, die Kultur, dass für unsere Kinder eine Begleitung möglich ist, und Orientierung. Diese beinhaltet Vorbilder, emotionale Orientierung und vieles mehr.

Amael Szir, 3 Jahre

Neue Wirklichkeiten

Soldner Die Welt der Erwachsenen ist ja sehr polarisiert mit der Krise umgegangen. Ich habe bei euch herausgehört, dass es gar nicht so einfach ist, zu sagen, wer recht hat, sondern dass es zum Teil sehr extreme Lagen in diesen Zeiten gibt. Wir beherrschen die Krise gesundheitlich für die Kinder sehr gut. Aber es ist nicht so leicht, die Beziehung zu halten, wenn man vor dem anderen Angst hat. Gleichzeitig ist es verständlich, dass Menschen, insbesondere Politikerinnen und Politiker, Angst haben, etwas falsch zu machen. Wie können wir zu einem gewissen friedvollen Weitergehen finden? Was ist bezüglich der Haltung für euch die Lebenserfahrung aus dieser Zeit?

Michael Für mich ist wichtig, dass ich besonders viel über Jugendfragen nachgedacht habe. Wir haben die Jugendlichen in eine neue Wirklichkeit gesetzt, ohne dass uns selbst klar war, wie anders das Leben sich plötzlich anfühlt und wie einsam wir sie darin gelassen haben. Für sie wünsche ich mir eine andere Jugendpädagogik. Diese Jugend ist voller Ideen. Sie entwickelt das Wirklichkeitsverständnis aus sich selbst heraus und im Dialog. Ich wünsche mir Dialog für die Jugendlichen, mit der neuen Wirklichkeit und neuen Zukunftsperspektiven, dass sie sich begeistern für neue Wege und kreative Möglichkeiten.

Oberle Wir sollten miteinander die Chance nutzen, uns gemeinsam weiterzuentwickeln und zu lernen. Uns hat am meisten geholfen, dass wir uns zugestanden haben, dass die Wahrheit, die wir gestern nach bestem Wissen und Gewissen benannt haben, vielleicht heute nicht mehr die Wahrheit ist. So können wir auch zulassen, dass Kinder uns etwas Neues zeigen. Diesen Aspekt können wir jetzt zunehmend mit Leben füllen.

Soldner Ganz herzlichen Dank für eure Beiträge. Vielleicht kann es neuen Mut bringen. Denn aus der Angst kann man nicht Orientierung geben. Menschen, die nie Krisen durchlebt haben, denen fehlt auch etwas. Man geht nie optimal durch eine Krise, sonst wäre es keine Krise, aber aus ihr kann viel reifen.


Das Video von diesem Gespräch kann auf goetheanum.tv abgerufen werden.

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