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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

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Geldmaschinerien: Freiheit aus reiner Technik?

Louis Defèche

Können wir mit Geld und Maschine so umgehen, dass sie den Menschen nicht zerreiben, sondern befreien? Könnten sogar Maschinen entstehen, die wie lebendige Organismen werden?

Silk Reeling Machine at Tomioka Silk Mill - UNESCO World Heritage Site, CC aotaro

Silk Reeling Machine at Tomioka Silk Mill - UNESCO World Heritage Site, CC aotaro

Als Jugendlicher stellte sich mir ein Problem. Wie ist es möglich, dass jemand nicht das haben darf, was er zum Leben braucht, obwohl es genug für alle gibt, während andere die Möglichkeit haben, mehr als das, was sie brauchen, zu erlangen? Mir schien es unmöglich, einen Menschen hungern zu lassen, zum Beispiel vor einer voll ausgestatteten Bäckerei ­– es gab sowieso nichts anderes als eine Bäckerei in meinem von 200 Seelen bewohnten Dorf. Es ist das Geld, so dachte ich, das diese unmögliche Situation verursacht.

So habe ich versucht, mir in allen Details eine Gesellschaft vorzustellen, die ohne Geld lebt. Wie sollte das in meinem Dorf funktionieren? Aus Vertrauen. Jeder würde dem anderen vertrauen. Jeder könnte nehmen, was er zu brauchen meint. Jeder würde leisten, was er leisten kann und will. Was passiert aber, wenn niemand Lust hat, um fünf Uhr in der Früh die Croissants zu backen? Da sollte das Zusammenleben, die Gemeinschaft eine Lösung finden. Im schlimmsten Fall haben wir keine Croissants, es ist doch nicht so schlimm! Und wenn jemand viel zu viel Croissants nimmt, dass nichts für den anderen übrig bleibt? Jeder hätte das Recht dazu. Dann, dachte ich, wird er mit dem rechnen müssen, was die anderen über ihn denken.  

Wo liegt das Problem mit dem Geld?

Ich merkte damals nicht, dass ich nichts Neues erfunden hatte. Eine Gesellschaft ohne Geld war ja schon vorhanden, als es noch kein Geld gab. Nur waren die Lebensverhältnisse ganz andere. Unter den heutigen Lebensumständen würde es Probleme bereiten. Wo liegt aber das Problem mit dem Geld? Warum kann es zum Werkzeug der Unmenschlichkeit werden? Weil das Geld unmenschlich ist. Es ist eine Abstraktion. Wenn man es als Wirklichkeit behandelt (als absolutes Recht, zu besitzen), ist es nur das Werkzeug, durch das eine Abstraktion, eine Unmenschlichkeit, sich im Zwischenmenschlichen einschleicht.   

Das Geld muss sachgemäß als etwas Unmenschliches betrachtet werden. Das Einzige, was es bringt, ist Bewusstsein. Keinen moralischen Wert, kein Recht. Es zeigt, ‹woher› und ‹wohin› und ‹wie viel›. Wie ein Messgerät. Das Geld muss also auch als kollektives Gerät behandelt werden und den menschlichen Anliegen unterworfen sein. Um das Geld zu zähmen, erfinden die Menschen Maschinerien, die dem Wesen des Geldes eine Form geben. Eine Maschinerie im sozialen Leben – sollte man davor erschrecken? Ja, vielleicht. Aber es werden bereits solche Maschinen gebaut. Warum sind im 20. Jahrhundert mehr als 50 Millionen Menschen – vor allem Bauern – in Russland und China an Hunger gestorben? Wegen schrecklichen sozialen Apparaten, die abstrakt und unmenschlich gebaut waren.  

Gibt es gute Maschinen?

Gibt es aber nicht andere Maschinen? Gibt es Maschinen, die dem Menschen wirklich dienen können? Strader, der Ingenieur, den Rudolf Steiner in seinen Dramen inszeniert, will eine Maschine bauen, die «in seiner vollen Ausgestaltung rein technisch jene Freiheit bringen wird, in welcher Seelen sich entfalten können». Wie könnte eine soziale Maschine aussehen, die dem Staat seine Zentralisationstendenz raubt und den Einzelnen wieder konkrete Macht gibt? Denn woher kommt die Ursubstanz der menschlichen Gesellschaft, ihr wesentlicher Brennstoff, wenn nicht aus der Kreativität, aus der Kraft, aus der geistigen Entfaltung des einzelnen Menschen, die sich dann in seiner konkreten Arbeit zeigen und sich auch in der Wirtschaft und in der Politik ausleben können? Damit wäre das Ziel erreicht, das Strader anstrebt, dass die Menschen nicht mehr gezwungen werden, «in enger Arbeitsstätte würdelos ihr Dasein pflanzenähnlich zu verträumen». 

Mit der Moderne sind wir ins Maschinenzeitalter eingetreten. Ohne Geld und ohne Maschine zu leben, gehört nicht mehr zu den Möglichkeiten. Soziale Maschinen gibt es schon viele, nur sind sie weniger sichtbar als Autos oder Atomkraftwerke. Die Frag e ist aber, ob wir mit Geld und Maschine so umgehen lernen, dass wir den Menschen nicht zerreiben, sondern befreien? Könnten nicht sogar Maschinen entstehen, die wie lebendige Organismen werden?