Das Goetheanum wurde 1921 als Wochenschrift von Albert Steffen und Rudolf Steiner gegründet.

Letzte Ausgabe

Die Welt entmischen

An Pfingsten gibt Zvi Szir drei Vorträge mit dem Titel ‹Kunst, Kultur und Geist – Die königliche Kunst der Entmischung›. Vorab gibt er schriftlich einen Einblick in seine ‹Pfingstvision›.

Wo alles vermischt wird, gibt es Eintopf, Birchermüsli, Brei. Alles wird in ein Mischwesen verwandelt, in eine Chimäre. Dieses griechische Wort bedeutet ‹Ziege›, aber die so benannten mythologischen Wesen sind teils Löwe, teils Ziege und teils Schlange. Diese Mischwesen wurde von einem Helden überwunden, Bellerophon, der auf Pegasus ritt. Es wurde mit den Waffen der Fantasie geschlagen.  

Die Fahne der Ziege

Der Gefahr, eine ‹Kultur-Chimäre› zu werden und unter der ‹Fahne der Ziege› in die Welt zu ziehen, ist jede gegenwärtige Seele ausgeliefert. Eine Kultur, die ihren kultischen Bezugspunkt verlassen hat, eine Kunst, die weder in den Museen noch auf der Straße zu Hause ist, und ein geistiges Streben, das seit dem Verschwinden der Mysterienstätten vollkommen obdachlos ist, droht unser Leben auf einen Eintopf aus Überresten zu reduzieren.  Dieser wird schon eine Weile gekocht und gerührt, besitzt aber eine magische Kraft: Solang wir ihn auch kochen, er bleibt immer eiskalt, unappetitlich, abstoßend. Zugleich ist er aber auch verführerisch einladend. Geradezu magisch ergreift uns die Sehnsucht, ein ‹Teil von allem zu sein›, ‹ein bisschen von allem zu kosten>, uns mit allem zu ‹verbinden›, ohne Verantwortung übernehmen zu müssen. Wir fühlen uns wie berufen, auf der Oberfläche zu gleiten und zu meinen, dass das Eis zu dick ist, dass darunter keiner lebt, dass eine neue geistige Eiszeit angebrochen ist und wir dazu verdammt sind, unsere Suppe kalt auszulöffeln.  Die Alchimisten sind verschwunden. Die Entmischung der Welt soll im Bahnhof stattfinden, oder überall, wo eine Zukunft erwünscht ist. Wie der Glockengießerjunge am Ende des Films ‹Andrej Rubljow› (1969), können wir nur versprechen, dass wir wissen, ‹wie es gemacht wird›, aber unwissend unserer eigenen ethischen Intuition folgen. Von Wissen kann niemand sprechen, wir haben keine Ahnung …, und doch ahnen wir etwas.

Weg mit den Metaphern

Weg mit den Metaphern! Wir haben ein Problem: Wir meinen, es ist alles dasselbe: Kunst ist Schulung und auch Kultur, Kultur ist Kunst und dadurch Schulung und Kunst ist alles. Was aber alles ist, ist gleichzeitig nichts. Zu sein, bedeutet immer, auf eine bestimmte Weise zu sein, sich zu unterscheiden, einen Unterschied zu pflegen, als ein Intervall da zu sein. Sollen Kultur, Kunst und geistiges Streben sich gegenseitig befruchten, können sie nicht mit verschwommenen Grenzen ineinanderliegen, eine Verschmelzung erzeugt nur eine Breikultur. In der alten Tradition des jüdischen Michaelifestes unterscheidet man zwischen zwei Kategorien des Handelns: jener, die zwischen dem Menschen und seinem Freund stattfindet, und jener, die sich zwischen Mensch und ‹Ort› ereignet. Mit ‹Ort› meint man ‹das Anwesende›, Gott. Fügen wir eine dritte Kategorie hinzu, jene, die zwischen dem Menschen und ihm selbst geschieht, dann haben wir drei Kategorien des Handelns, die als ein erstes Set von Destillationskolben fungieren können, um mit der Entmischung der Welt zu beginnen.

Neue Musik

Die Handlungen zwischen Mensch und Freund sind gemeinschaftsbildend oder -zerstörend, sie sind Kultur. Sie finden statt im Sinn des Kultivierens eines Gemeinwesens, einer Einheit der Beteiligten, eines gemeinsamen kulturellen Lebens. Was sich zwischen Mensch und Gott ereignet, gehörte in der Vergangenheit zu den religiösen Pflichten. Es waren Handlungen, die ‹Soli Deo Gloria›, nur Gott zu Ehren vollzogen wurden. Diese lateinische Widmung des Handelns, die wir auf Manuskripten vieler barocker Komponisten finden, führt in einen Bereich, der außerhalb des Praktisch-Nützlichen liegt. Sie bezeichnet Handlungen, die ihre Ursache nicht in ihrem Gebrauch haben, sondern ihren Wert in sich tragen. Das ist, was wir heute als Kunst verstehen, wenn wir Kunst als spezifische Art des Handelns erkennen. Das, was zwischen dem Menschen und ihm selbst getan wird, ist Selbst-Verarbeitung, und dessen wesentliche Dimension nennen wir geistige Schulung. Es sind die Handlungen, die man unternimmt, um sich zu ergründen, von Neuem zu formen, um neu zu werden. Können uns diese drei Kategorien dienen, um dem Wesen dieser drei Bereiche näher zukommen, sodass wir sie in eine wahre Beziehung zueinander setzen können, zuerst in unserer Seele und dann als Kultur- und Kunstschaffende sowie auch als Schüler auf dem Pfad? Es ist Zeit, es zu probieren, einen Weg zu bahnen, um uns neu in der Wirklichkeit zu positionieren. Entmischte Lebensräume sind notwendig, um gesünder zu wirken, um diesen Dreiklang als neue Musik zu gestalten.

Neuekunstschule Basel ‹Am Ende werden wir hier›,
13. bis 16. Mai. Vorträge Sa–Mo 10 Uhr.
Theater, Konzerte und Ausstellungen:
pfingstfestspiele.blogspot.ch

Arbeit 4.0

Geldmaschinerien: Freiheit aus reiner Technik?