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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

TEXTE

Wider den globalen Kapitalismus

Zvi Szir

Zu Alain Badious Ruf ‹für ein neues Denken in der Politik›

Am 23. November 2015, 10 Tage nach den Massenmorden in Paris, hielt der französische Philosoph Alain Badiou einen spontan organisierten Vortrag mit dem Titel: ‹Wider den globalen Kapitalismus – Für ein neues Denken in der Politik nach den Morden von Paris›. Der radikale Titel spricht Bände. Es ist kein ‹wider den radikalen Islamisten›, kein ‹wider den Terroristen›, kein ‹wider den anderen›. Badiou meint uns: Kapitalisten, Europäer und Amerikaner, die herrschende Weltanschauung, das herrschende System, die Früchte der demokratischen Welt, den Kapitalismus, der als Gewinner dasteht und von kolonial zu global mutiert ist.

Alain Badiou, 2012, CC Keffieh67

Alain Badiou, 1937 in Rabat geboren, ist im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends immer noch Marxist, Kommunist, wahrscheinlich sogar Maoist. Ein wunderbarer Denker, dessen Denken sowohl die Anti-Philosophie Wittgensteins als auch Paulus, den ‹Erfinder› des Universalen, umfängt. Ein Mathematiker, ein Schriftsteller, Dramenautor und seit Anfang der 1960erJahre ein politischer Aktivist. Mit einer reichen, produktiven und politisch involvierten Biografie insistiert Badiou auf einem klaren, offenen marxistischen Gesichtspunkt, der sich vor Terminologie nicht scheut. In eine Zeit, in der es keinen Kommunismus mehr gibt, nach dem absoluten Untergang der ‹anderen› Weltanschauung, in einer Kultur, die unfähig scheint, eine Alternative zum Kapitalismus zu formulieren, ist seine Position ungewöhnlich provokativ.

Dunkle Subjekte

Der letzte Woche auf Deutsch erschienene Text von Badiou ist ein maßgebender Ruf. Eine Stimme, die weder sentimental noch unbedacht die ökonomische und politische Wirklichkeit der Gegenwart seziert. Er analysiert die Kultur des Westens und ihr globales Verhalten bis auf den Grund. Er führt die Ereignisse von Paris zurück auf die Entstehung einer neuen Art von ‹Faschismus›. Sie führt durch die globale Herrschaft eines einzigen Wertesystems zu krimineller Gewalt. Kein anderer mir bekannter Denker erwägt mit so viel Klarheit die Folgen unserer ‹Mono-Kultur›, in der es nur die Möglichkeit des globalen Kapitalismus gibt. Die Struktur der Gegenwart geht für Badiou auf die maßlose Konzentration des Kapitals zurück. Damit Hand in Hand: die Unfähigkeit, jegliche Form von Regulierung zu üben, die Schwächung der Staaten durch grenzübergreifende Corporationen und neue imperiale Praktiken, welche die Herrschaft über Rohstoffe durch Zerstörung der Staaten und Segmentierung der Dritten Welt bedeuten. Die Ursachen der Ohnmacht, die zur Zerstörungswut führen, zur Entstehung von dem, was er als ‹dunkle Subjekte› bezeichnet, entspringen einem wesentlichen Zug der Gegenwart: «Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob in einer Frage zwei Ideen im Widerstreit stehen oder es nur eine einzige gibt. Diese Alleinstellung ist für den subjektiven Sieg des Kapitalismus entscheidend.»

Ein ethischer Leuchtturm

Badious Dokument ist eine durch und durch ethische Intuition. Es sollte von jedem gelesen werden, dessen Geist nach Klarheit in Bezug auf die Weltlage strebt. Die klare Darstellung des ‹Siegeszugs des globalen Kapitalismus› ist so aufweckend, dass die Dringlichkeit eines ‹neuen Denkens› bis an die Knochen greift. Es ist nicht der Marxismus, den Badiou als dieses ‹Denken› sieht. Er sendet uns in die Begegnung mit den ‹anderen› und ihren Werten, um ein kommendes Denken zu formulieren – hier beweist sich, dass er weit über den Marxismus hinausgetreten ist. Zweifellos ist Alain Badiou ein ethischer Leuchtturm in einer Zeit, in der Wahrheit und Güte fast zu Schimpfworten mutiert sind. Und doch, fragt man sich aus der Geisteswissenschaft heraus:
Wie steht es eigentlich mit den marxistischen Gesichtspunkten?
Das Entspringen des moralischen, seelischen und kreativen Lebens aus den ökonomischen Verhältnissen ist weit verbreitet. Es beinhaltet Strömungen wie den Glauben an die ‹geistige Übermacht der Unternehmen›, den maßlosen Kapitalismus, das ‹Grundeinkommen› und die alten marxistisch-kommunistisch-maoistischen ‹Lehren›. Diese Richtung ist in unserer Kultur derart verwurzelt, dass die Medien Geld mit fotogenem Lächeln verbinden. – Können wir geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte erarbeiten, welche die Weltlage nicht unmittelbar mit Kapitalanlage verbinden? Interessant ist zu bemerken, dass sowohl der Marxismus wie auch der Kapitalismus in all ihren Entwicklungsphasen die ökonomischen Verhältnisse als die Grundfrage des menschlichen Lebens gestellt haben. Streitpunkt war nur, wie man diese Verhältnisse auf dem Weg zum ‹Heil› regulieren solle.

Geistkämpfer vereinigt euch

Natürlich können wir sagen, dass die ökonomische Ungerechtigkeit ein Wirkung von Luzifer oder Ahriman ist und so die Verantwortung gegenüber der Weltlage verschieben. Aber in einer Situation, in der die Anthroposophie nicht in der Lage ist, auch nur ihr eigenes freies geistiges Lebenzu finanzieren, ist es vielleicht an der Zeit, Badiou zu folgen und uns auf die Suche nach einem neuen Denken zu begeben, einen fragenden Rückblick zu üben: «Was ist uns passiert, dass auf eine so vielschichtige Empörung eine derartige Orientierungslosigkeit folgen kann? Welchen Fehler haben wir gemacht oder was hat uns gefehlt, dass die kapitalistische Hydra, seit zwei Jahrhunderten strategischer Feind der menschlichen Freiheit, sich dermaßen in Pose werfen und Auswüchse annehmen kann, wo wir doch nur ein paar Jahre zuvor noch dachten, es läge für uns in greifbarer Nähe, ihren Niedergang einzuleiten?»* – Wer Badiou liest, kann sich einer weiteren Frage nicht entziehen: Wo ist die revolutionäre Kraft der Anthroposophie? Wird es uns nie gelingen, die Richtung umzustülpen und das Ökonomische aus dem Geistigen zu bestimmen, anstatt anders herum? Geistkämpfer aller Länder, vereinigt euch (mit dem Denker der Welt).

* Alain Badiou, aus dem Vorwort zu ‹Der Vorfall bei Antiochien›, Passagen 2013.
Info: Alain Badiou ‹Wider den Kapitalismus›, Ullstein 2016.