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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

Brüssel – auch in meiner eigenen Stadt

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Brüssel – auch in meiner eigenen Stadt

Jonas Lismont

Trauer, Ratlosigkeit und eine dumpfes Zusammengehörigkeitsgefühl, das zugleich ermutigend ist und sich doch etwas verdächtig anfühlt. Nach den Terroranschlägen am 22. März 2016 war vieles davon in Brüssel zu spüren. Spontane Gedanken aus Brüssel.

Obwohl die Anschläge im Flughafen und in der Metro eine Erschütterung für Belgien und die Welt bedeuten, waren sie keine Überraschung. Seit Paris am 13. November 2015 angegriffen worden war, gab es in Belgien zahlreiche polizeiliche Durchsuchungen. Eine Woche vor dem jüngsten Anschlag war ein mutmasslicher Terrorist im südlichen Teil der Stadt erschossen worden. Terroristische Netzwerke in Belgien hätten, so die Ermittler, die Anschläge in Paris organisiert. Außerdem wurde in den letzten Monaten wiederholt mitgeteilt, dass terroristische Vorhaben in Belgien verhindert werden konnten. Als man die ersten Nachrichten über die Angriffe am Flughafen von Brüssel hörte, dachte man also zuerst: «Ja, jetzt ist es doch geschehen.»  

Pigment auf Steinpapier von Asaf Hameiri

Pigment auf Steinpapier von Asaf Hameiri

Wenn man über Trauer und Ratlosigkeit hinauszublicken versucht, kommt man schnell zu der Frage des Zusammenlebens. Vor dem 22. März wurde in belgischen Medien und Analysen erwähnt, dass Salah Abdeslam, ein Verdächtiger für die Anschläge in Paris, in bestimmten Stadteilen von Brüssel auf Unterstützung mancher Einwohner rechnen konnte. Diese Hypothese, die einen Anteil Wahrheit enthalten mag, hat in Belgien und weltweit viele berechtigte Debatten über die Fragwürdigkeit des belgischen sozialen Integrationsmodells und die Ineffizienz der Sicherheitspolitik ausgelöst. Sie weckt aber auch folgenden Gedanken: Die Ideologie der ausdrücklichen und rücksichtslosen Zerstörung der Menschheit und der Vielfältigkeit der Kulturen ist nicht nur dort in Syrien verbreitet, sondern auch in meiner eigenen Stadt. Solange man hier sein Denken nicht ändert, bleibt man dabei stehen, sich als ‹Demokrat› oder ‹Freiheitsverteidiger› mehr und mehr bedroht zu fühlen, und läuft Gefahr, in unterschiedsloser Aggressivität eine Lösung zu suchen, um diese Werte zu verteidigen. Solange sie nicht in der richtigen Weise verarbeitet werden, können terroristische Anschläge außerdem die Menschen zu ihren animalischen Instinkten zurückführen: zu Angst, Hass und auf Nationalismus oder Blutsverwandtschaft gestützten Egoismus.  

Kann eine andere Art des Denkens über diese Angst, diesen Hass, diese Aggressivität wirklich hinauswachsen? Eine Möglichkeit wäre, die stets wieder vorkommende Annahme zu hinterfragen, dass Terroristen Ideale, das heißt auch Zivilisationsideale, überhaupt bedrohen können. Besinnt man sich auf seine eigene Erfahrung, sieht man, dass Ideale, insofern sie als etwas Lebendiges in mir gepflegt werden, nicht von außen bedroht werden können, sei es durch Terroristen oder sonst wen: Sie können nur durch mich selbst zerstört werden. Das geschieht, sobald ich mich aus der Erfahrung auskopple und meine Ideale zum festen Inhalt, zur Ideologie mache. Versteht man aber, dass Gewalt und Terror als solche keinen Zugang zu dieser Sphäre haben, dann kann man, durch mehr Selbstbewusstsein, deren vorübergehende Akteure nicht mehr als feste Rollenträger, sondern wieder als Menschen in Entwicklung betrachten, die durch soziale und spirituelle Faktoren Knechte starrer Ideologien geworden sind. In einer Zeit, wo äußere kulturelle, religiöse und sonstige Ideologien per se die Gesellschaft nicht mehr zusammenhalten können, kann das Gemeinsame nur die lebendige Welt der Ideen sein, mit der jeder ein einmaliges und bewegliches Verhältnis bildet.