Das Goetheanum wurde 1921 als Wochenschrift von Albert Steffen und Rudolf Steiner gegründet.

Letzte Ausgabe

Ein Duft von Freiheit

Ein Duft von Freiheit sei es, der sie hier anwehe, bekennt eine Teilnehmerin des Kongresses ‹Geist und Kapital›, der vom 27. bis 30.10.2016 in Berlin stattfand.

Die Gedanken, die hier gedacht werden dürfen, erinnern die Teilnehmerin an ihre Studentenzeit; sie müsse aber auch betonen, dass solche Gedanken in ihr heutiges Alltagsleben nicht mehr so recht zu passen scheinen.

Es ist ein bewegendes Wochenende, zu dem Thomas Brunner und Clara Steinkellner im Namen der ‹Freien Bildungsstiftung› und in Kooperation mit anderen Initiativen eingeladen haben. Vortrag folgt auf Vortrag, doch stets gibt es Aussprachen, zu denen Teilnehmer aus dem Publikum aufs Podium steigen und ihre Fragen und Beiträge formulieren, so wie ein Initiativenforum Gelegenheit gibt, eigene Unternehmungen gleich welcher Art vorzustellen. So ist dies ein Kongress, bei dem man nicht nur während der hervorragend organisierten Essens- und Besinnungspausen, sondern sogar während der Vortragszeiten offen miteinander ins Gespräch kommt.

Gesehen und fotografiert von Fabian Roschka.

Gesehen und fotografiert von Fabian Roschka.

Verschiedenste Redner aus Wirtschaft, Rechtsleben, Gesundheits- und Bildungsarbeit können in der intimen und zugleich weltoffenen Atmosphäre unumwunden aussprechen, worunter wir in der heutigen gesellschaftlichen Realität am meisten leiden: nämlich unter den Abstraktionsvorgängen, denen wir uns durch die geschaffenen Systemzwänge stets unterwerfen und darum nicht wirklich individueller Mensch sein, nicht ich werden können in unserer Kultur, die doch solche Ich-Impulse dringend benötigt, um ein starkes, authentisches Geistesleben als Heilfaktor im ganzen Gesellschaftsorganismus zu entwickeln. Was wir heute stattdessen haben, ist eine Wirtschaft, die gar nicht wirklich beziehungsweise immer weniger Real-Wirtschaft, sondern zunehmend entkoppelte Finanzwirtschaft ist, deren ungeheure Dynamik alles in ihren reinen Profitmaximierungsstrom hereinzieht. Es wird dann aber nicht behauptet, dass uns der Staat vor solchem Raubtierkapitalismus schützen könne, sondern im Gegenteil wird immer wieder der Finger auf die Wunde gelegt, dass es gerade die Abstraktion des modernen Staatslebens sei, welche der Wirtschaft die Legitimation erteile und das Bildungsleben rest- und gnadenlos auf diese Wirtschaft hinorientiere.

Als Thomas Brunner den Kongress mit einem Vortrag eröffnet, der diese Rolle des Staates schonungslos offenlegt und auch nicht davor zurückschreckt, die Staatsverflochtenheit der Waldorfschulen kritisch anzusprechen, gilt er wohl manchem im Publikum noch als Idealist, der den Bogen seiner Kritik überspannt. Nachdem jedoch im Laufe der Tagung auch weitere Redner wie Stephan Eisenhut und Udo Herrmannstorfer in die gleiche Richtung weisen, ist die Stimmung zum Ende des Kongresses bereits eine andere und der Duft der Freiheit, der nur an den Idealismus der Jugend erinnerte, hat sich verwandelt in den Schmerz der Freiheit, den es auszuhalten gilt. Denn nur weil eine Waldorfschule, um es auf ein Beispiel zuzuspitzen, heute noch nicht aus der Staatsfinanzierung auszutreten vermag oder ihrer Unabhängigkeit wegen in großen finanziellen Schwierigkeiten steckt, heißt dies noch nicht, dass der Gedanke deshalb falsch ist. – Sondern wir müssen beginnen, endlich die richtigen Gedanken zu denken und nach Wegen zu suchen, Schritt für Schritt die sozialen Bedingungen für diese Gedanken herzustellen. Dass das noch etwas Zeit braucht, tut weh. Aber dies ist eben der Schmerz der sozial und seelisch noch nicht errungenen Freiheit, mit dem wir Kongressteilnehmer in unsere Alltagssituationen zurückfahren, um ihn dort fortan auszuhalten statt wegzudiskutieren, bis wir Wege finden, ihn zu erlösen.

Bedeutungslose Wahl