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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

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Bedeutungslose Wahl

Jonas Lismont

Die Wahl des neuen Präsidenten in den USA scheint auf eine geschichtliche Wende zu deuten. Dennoch zeigt sie auch, wie bedeutungslos Wahlen geworden sind, und wie die Politik neue Perspektiven braucht, nicht zuletzt in Europa.

«Die Medien nehmen ihn immer wortwörtlich. Ich denke, dass viele Wähler ihn ernst nehmen, aber nicht wortwörtlich»*, kommentierte der deutsch-amerikanische Unternehmer und Investor Peter Thiel einige Tage vor der Wahl am 8. November, wo Donald Trump zur allgemeinen Überraschung zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde.

Echte Amerikaner?

Diese Idee hilft uns, zu fragen, was eigentlich im Ernst hinter den provozierenden Wörtern und Haltungen des Kandidaten steht und für was Amerika eigentlich gestimmt hat. Derselbe Peter Thiel sagte am gleichen Abend, dass Donald Trump auf eine neue Politik deute, die abstraktes «Blasendenken» verwirft und «mit der Realität rechnet». Das politische Programm von Donald Trump schwingt in der Tat zusammen mit dem Willen eines Teils der Bevölkerung, die eigenen Interessen selbst wieder in die Hand zu nehmen, sei es durch militärischen und wirtschaftlichen Isolationismus, durch Ausbau des individuellen Rechts auf Gewehrbesitz oder durch ‹klima-skeptische› Maßnahmen zugunsten einer Wiederauferstehung der nationalen Erdölindustrie. Es wird oft angenommen, dass dieses Zurückwollen zum Unmittelbaren eine Reaktion auf eine liberale Politik sei, die Grenzen für Güter und Menschen abgeschafft und moralische Werte relativiert hat. Man habe jetzt den Wunsch, einen ‹ungerechten› Wirtschaftswettbewerb aus China zu bremsen und die angebliche Demoralisierung des Landes und die empfundene Benachteiligung der ‹echten› Amerikaner gegenüber den Migranten umzukehren.

Fotografiert von Pascal Giese, New York.

Fotografiert von Pascal Giese, New York.

Abstrakte Ideale

Ist aber diese Wahl nicht auch eine Reaktion auf das, was die Kandidatin Hillary Clinton, wenn auch gegen ihren eigenen Willen, vertritt? Nämlich eine kosmopolitische Elite, deren vorgespielte abstrakte Ideale von weltweitem Wohlstand und Demokratie das amerikanische Volk schon zu viel gekostet hat an Geld, Arbeitsplätzen und moralischem Selbstbewusstsein? Allein die Kriege in Afghanistan und Irak haben die amerikanischen Bürger schon etwa 2400 Milliarden US-Dollar gekostet, noch ungerechnet der anderen Kriege, die zurzeit in Syrien und Libyen geführt werden. Als Hillary Clinton 2011 Secretary of State war, hat sie eine entscheidende Rolle in der Obama-Administration gespielt, um den Angriff auf Libyen zu ermöglichen, dessen Folgen nicht unbekannt sind, mit der Flüchtlingswelle im Mittelmeer, aber auch mit der Verstärkung der extremen islamistischen Milizen im Mittleren Osten.

Gottes Nähe

Als ‹Selfmademan›, der bisher außerhalb des politischen Systems stand, kommt Donald Trump als ideale Figur für das Zurück zu einem geträumten ‹Great America›, das dem Himmel nah ist. Denn sein unternehmerischer Erfolg soll ein Zeichen dafür sein, dass er von Gott auserwählt wurde und dessen Gnade sicher ist. «Ich trete diesen Moment an in Demut und Dankbarkeit vor Gott für Seine unglaubliche Gnade», so Donald Trumps Vize-Präsident Mike Pence in seiner Siegesrede am 9. November. Den abstrakt-allgemeinen Werten wird eine materialistisch-religiöse Überzeugung gegenübergestellt. Anstatt die ganze Welt zu Demokratie und Wohlstand unter eigener Herrschaft führen zu wollen, sei es durch Waffen und Manipulationen, soll man sich jetzt für einen nationalen Wohlstand einsetzen, um Gott wieder näherzukommen, sei es mithilfe eines wirtschaftlichen Kriegs gegen China, einer Rückkehr zu moralisch-konservativen Werten oder dem Abstoßen von Migranten, die in den USA ein besseres Leben gesucht haben.

Auch in Europa

Dieses Pendeln zwischen illusorischem Universalismus und engerem Nationalismus betrifft auch Europa, wo nationalistische Parteien jetzt immer mehr Unterstützung finden. Könnten die Unzulänglichkeiten dieses Pendelns, das das politisch-rechtliche Leben der Gesellschaft fast monopolisiert, vermieden werden? Denn Abstraktion verlassen wollen, muss nicht heißen, Universal-Menschliches zu vergessen, und Sinn für Konkretes muss nicht unbedingt in anachronistische Werte münden. Eines der Probleme, so Gerald Häfner in einer von Eliant organisierten Veranstaltung in Brüssel am 7. November über «What can European Citizen in Europe do?», sei, dass unsere demokratischen Systeme die Bürger durch die Wahlen nicht zum Mitwirken, sondern nur zum Plebiszit über vorgekaute Entscheidungen aufrufen.
Beim Brexit-Referendum, und man könnte auch sagen bei den amerikanischen Wahlen, findet ein vorläufiger Polarisierungsprozess statt, und die Bürger haben keine andere Möglichkeit, als eine der zwei Optionen auszuwählen, die am Ende angeboten werden. Dass die Wahlen in diesem Kontext gewissermaßen bedeutungslos sind für die sozialpolitische Wirklichkeit, steht in Einklang mit dem Gefühl, dass zurzeit die Politik nicht mehr in der Lage ist, als solche etwas Gesundendes für das Zusammenleben hervorzubringen. Könnten Wege erfunden werden, um in dieses Pendeln eine schaffende Mitte zu bringen?

* «Media is always taking him literally. I think a lot of the voters take him seriously but not literally»