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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

TEXTE

Tolerare – erleiden können

Stephan Siber

Wenn große humanistische Begriffe in Form moralischer Appelle in den öffentlichen Diskurs eintreten, vollzieht sich dies selten ohne Ambivalenzen. Eine Betrachtung über die Toleranz.

Anstatt sich in voller Klarheit zu offenbaren, erscheinen gewisse Begriffe vielmehr, in fortschreitender Verklärung wie unerreichbarer Entfernung, als kollektive Projektionen am nebelverhangenen Horizont der sprachlichen Konventionen. Begriffe, die so omnipräsent, so scheinbar einleuchtend und unmissverständlich, bei näherer Betrachtung jedoch gleichzeitig so widersprüchlich sind, dass sie sich im gleichen Maße, wie sich ihre vermeintliche Unmissverständlichkeit quasi als Köder dem Bewusstsein aufdrängt, immer wieder aufs Neue jeglicher begrifflichen Fassbarkeit entziehen.

Es sind dies Begriffe wie ‹Freiheit›, ‹Vertrauen› oder ‹Verantwortung›, die dadurch gleichzeitig und fortwährend flehentlich nach unserer Aufmerksamkeit rufen. Auch ‹Toleranz› ist so ein antagonistischer Begriff, so ein erstrebenswertes Gut, so ein fragiles Ideal, das aktuell Hochkonjunktur hat, wobei allzu oft nicht ausreichend in Betracht gezogen wird, dass dieses Ideal nicht mit der Fähigkeit zu verwechseln ist, welche die Voraussetzung zu seiner Erreichung darstellt. Denn tatsächlich handelt es sich bei Toleranz doch zunächst weder um das bekennende Einverständnis in die Gültigkeit eines Ideals noch um den Zustand seiner Erfüllung, sondern vielmehr um eine Haltung und vor allem eine erst zu erwerbende Fähigkeit, um etwas, das einen Lernprozess und eine freie individuelle Entscheidung zu diesem voraussetzt. Und nur in dem Maß, in welchem diese Fähigkeit der Toleranz einen gewissen Grad erreicht hat, kann sie auch einer korrespondierenden Annäherungsstufe an das gleichnamige Ideal entsprechen, auf welches diese Fähigkeit hinzielt.

Toleranz kann in diesem Sinne nicht als ‹politisch korrekte› moralische Direktive verstanden werden, welche einfach befolgt werden könnte, um so etwa der drohenden Gefahr sozialer Ächtung zu entgehen. Dass etwas erwünscht ist, bedeutet noch lange nicht, dass es auch unmittelbar möglich ist, ein Wollen noch lange kein Können. Besonders im Sozialen wird fortwährend manifest, dass die Realisierung eines wünschenswerten friedlichen Miteinanders gerade mangels entsprechender sozialer Fähigkeiten immer wieder aufs Neue zu scheitern droht. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Toleranz zumeist als das Gelten- und Gewährenlassen anderer Anschauungen, Handlungsweisen und Werte verstanden, wobei dies oft mit Gutheißen derselben verwechselt oder vermengt wird. Der Begriff der Toleranz deutet hingegen explizit darauf hin, dass mit der eigenen Auffassung nicht vereinbare Meinungen existieren, die nicht befürwortet werden. Gerade auf diese «Koexistenz in der Differenz»* kommt es hier an. Toleranz (lat. tolerare = ertragen, erdulden, erleiden) bedeutet niemals Identifikation mit diesen anderen Meinungen, sondern Aushalten-, Ertragen-, Erleidenkönnen jenes Schmerzes, der als Resultat dieser Unvereinbarkeit in der eigenen Seele auftritt. Sympathie kann niemals verordnet oder erzwungen, Antipathie bei wachsender Toleranzfähigkeit aber ertragen und verwandelt werden.

Ein falsches Verständnis dieses Sachverhaltes wird am Beispiel jener Menschen offenbar, die scheinbar mit gutem Recht – und allzu oft auch unter öffentlichem Beifall – lautstark verkünden, für Toleranz zu stehen, aus diesem Lippenbekenntnis jedoch vorrangig die imaginäre Berechtigung ableiten, all jene Menschen bekämpfen zu dürfen, die aus ihrer eigenen Sicht nicht tolerant genug wären. Gerade Toleranz, als Kampf zur Ausrottung vermeintlicher Intoleranz falsch begriffen, ist jedoch keine Toleranz, sondern genau das Gegenteil: ein Nicht-Ertragen-Können. Wahre Toleranz bedeutet Teilhabe am Kreuz Christi.

Bildausschnitt aus Giotto di Bondone ‹Kreuzigung›

(*) Wolf-Ulrich Klünker