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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

Liebe für Korea

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Liebe für Korea

Louis Defèche

Der Konflikt ist grösser als die Koreanische Halbinsel.

Hat Nordkorea tatsächlich eine Wasserstoffbombe getestet? Obwohl faktisch noch unbestätigt, bleibt die nordkoreanische Aussage in sich besorgniserregend und bedauerlich, denn sie trägt zu den aktuellen weltweite Wettrüsten-Stimmung bei und zeigt dass trotz den Erfahrungen des 20. Jahrhundert und die Versuche, Atomwaffen von der Erdfläche zu entfernen, heute noch ein hohes Potenzial an unsinnige Zerstörung besteht. Die einstimmige Missbilligung aller großen Mächten, inklusiv Russland und China, ist daher verständlich.

Dennoch kann diese gemeinsame Missbilligung zum Teil nicht wirklich ernst genommen werden: Einigen diesen Länder, die sich jetzt empören, besitzen die größten Lagern der Welt an Atomwaffen. Und wenn zum Beispiel die französische Regierung Nordkorea eines Verstoß gegen UNO-Resolutionen beschuldigt, klingt es ein wenig Absurd: Frankreich erkennt den nordkoreanische Staat sowieso nicht und verstößt auch selber ständig gegen das Völkerrecht, wie zum Beispiel in Libyen oder aktuell in Syrien.

Kabayanmark Images, ‹The borderlands between the two Koreas›, Creative Commons link

Kabayanmark Images, ‹The borderlands between the two Koreas›, Creative Commons link

Gewiss sprechen die Bildern und Zeugnisse, die zu uns aus Nordkorea kommen, von eine albtraumhafte politische System. Es ist aber zu einfach, Nordkorea als die einzige problematische Regierung in diesem Zusammenhang zu sehen, denn dort spielen viele Mächte mit. Im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung der regionale und globale Verhältnisse wird die Lösung nicht von einer Verstärkung der Polarisierung kommen.

Die krasseste Polarisierung ist dort schon tägliches Brot. Die Grenze zwischen Süd- und Nordkorea, eine sogenannte ‹demilitarized zone› (DMZ) – obwohl mehr als ein Millionen Soldaten dort stationiert sind –, gehört zu den seltenen Überreste des kaltes Krieges und gilt als die gefährlichste Grenze der Welt. Diese Grenze wird als ‹Metaborder› (Metagrenze) von der Geograf Michel Foucher bezeichnet1, das heißt, eine Grenze die eine starke symbolische Dimension in sich birgt. Tatsächlich geht es in Korea nicht nur um eine lokale Grenze, sondern um eine Grenze zwischen zwei völlig unterschiedliche Welten, zwei Ströme die sich da frontal auseinandersetzen. Als ob sich dort die Schatten von Ost und West, nackt, ohne Zwischenraum, begegnen würden. Ein Knoten, wo sich die ganze Welt spiegelt.

Vor wenigen Jahren ließ der Regisseur Joël Pommerat ein künstlerisches Schaffen über die Liebe aufführen unter den Namen: ‹Die Wiedervereinigung der zwei Koreas›. Die Liebe als Vereinigung der zwei Koreas … eine Unmöglichkeit? Oder vielleicht doch eine Möglichkeit? Jedenfalls, eine große Herausforderung.

Die zwei Koreas arbeiteten jahrzehntelang an eine mögliche Wiedervereinigung, die sogenannte ‹sunshine policy› (Politik des Sonnenstrahl). Ein konkreter Frucht davon stellt die Sonderwirtschaftszone von Kaesŏng dar, in Nordkorea, wo süd- und nordkoreanische Unternehmen zusammenarbeiten. Dieser Prozess der Wiedervereinigung ist aber sehr träge geworden, obwohl der Wille beiderseits besteht.

Dabei wird meistens die nordkoreanische Regierung als einzige Hemmnis beschuldigt. In der letzte Ausgabe von ‹Le Monde diplomatique› bringt Martine Bulard eine viel nuanciertere Darstellung der Situation.2 Sie zeigt dass zahlreiche südkoreanische Beobachter, wie der ehemalige Wiedervereinigungsminister Jeong Se-hyun, nicht in erster Linie Nordkorea beschuldigen, sondern eher die südkoreanische Regierung, die der Konflikt instrumentalisiert um innere politische Angelegenheit zu beeinflussen. Dazu wird auch mit Fingern auf die USA gezeigt, die militärisch höchst involviert sind und ihre Auseinandersetzung mit China dort ausleben. «Sie stellen dasHaupthindernis gegen eine Normalisierung zwischen der zwei Koreas» sagt Jeong Se-hyun. Isolieren und polarisieren bringt Radikalisierung und erhöht die Spannung. Laut Moon Chung-in, Professor für Politikwissenschaft an der Yonsei University in Seoul, sind es «die zunehmenden amerikanischen Bedrohungen die die nordkoreanische Macht zu diese Stellung gedrängt haben». Für Koh Yu-hwan, Direktor des Instituts der Nordkoreastudien an der Universität Dongguk, «statt Nordkorea als Ausgestoßener zu behandeln und sie damit zunehmend zu isolieren und in seiner ideologischen Mauern einzusperren, wäre es besser, zu versuchen, sie in der internationale Gemeinschaft zu führen und sie zu helfen sich zu öffnen.»

Wenn der Test der Wasserstoffbombe gemeldet wird, statt empört oder besorgt, sollte man nicht eher ‹traurig› sein und das eigenes Scheitern einzusehen? Wissend dass diese Eskalationen nicht nur von eine Seite begangen werden sondern unmerklich auch von andere ‹Spieler› getrieben sind, sollten Nuancen im Urteilen kommen. Nordkorea als isolierter Staat zu verstehen ist eigentlich falsch: dort spielt sich die Konfrontation zwischen die zwei größten Mächte der Welt – China und USA. Es ist also vielleicht höchst an der Zeit, trotz der schwierige Lage, über den eigenen Schatten zu springen und an die Möglichkeiten einer Entspannung zu glauben. Die Liebe kommt nicht von selbst, sie braucht unseres Mittun.

1 Philippe Pelletier, ‹Corées, la grande déchirure›, in ‹Manière de voir› N°128, avril-mai 2013 2 Martine Bulard, ‹La réunification de la Corée aura-t-elle lieu?›, in ‹Le Monde diplomatique›, Janvier 2016