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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

TEXTE

Von nun an bin ich eine andere

Christiane Gerges

Die Flüchtlinge sind nicht unbedingt so, wie wir sie uns vorstellen. Die Fremdheit wird zur Anerkennung der Gemeinsamkeit. Eine Erfahrung, die einen innerlich verwandeln kann.

« Ich ging wie jeden Tag über den Marktplatz von Hama. Hier habe ich als Kind mit meinen Freunden gespielt. Meine Mutter saß hier und gab mir Sonnenblumenkerne zu essen. Da sah ich zehn blutige Köpfe auf Holzpfählen aufgespießt. Ich ging weiter, schnelleren Schrittes, mein Herz war gelähmt. Ich ging nach Hause. Ich sah mich im Spiegel und ich erkannte jemanden, der nicht gekämpft hat für seine Freunde, jemanden, dessen Augen wegschauten, dessen Herz sich lähmen ließ, als die Not sich zeigte. Ich fühlte Selbstverachtung, und ich wusste, das Leben wird nie wieder sein, wie es war: Von nun an bin ich ein anderer. Ich bin nicht mehr der, der ich war.»
(Fadi Al Hag, syrischer Pass, lebt seit einer Woche in Deutschland)

Sehnsucht zu arbeiten

An einer Stelle, wo weder Regierungstruppen noch IS-Truppen die Grenze kontrollieren, ist es möglich, im Schutze der Dunkelheit über die syrische Grenze zu gelangen. Es ist auch deshalb möglich, weil die Rebellen, die dieses Gebiet beherrschen, es zulassen.

Jene, die alles verloren haben und die Armen, sie schaffen es bis über die Grenze und landen in den Auffanglagern der Türkei. Die anderen – die reiche Oberschicht (die Mittelschicht gibt es in Syrien nicht) – werden von der türkischen Mafia angesprochen und bezahlen 1200 Dollar pro Person für ihren Transfer nach Griechenland, nach Europa. Ganze Familien nehmen dies in Anspruch. Seitdem Istanbul vom Militär abgeriegelt ist wegen einer Demonstration von syrischen Kurden, ist nur noch der sehr kostspielige und gefährliche Weg über das Meer machbar. 80 Prozent der Flüchtlinge sind seitdem junge Menschen, deren teils 30-köpfige Familien alles zusammengelegt haben, was sie hatten, damit dieser eine seinen Weg nach Deutschland machen kann. In Deutschland sollen dann Papiere für das Familienasyl erstellt und die restliche Familie im Flugzeug nachgeholt werden. So die in Syrien verbreitete Idee. Ein unglaublicher psychischer Druck lastet auf diesen jungen Menschen, die ihre Familie in großer Not wissen und mit diesem Auftrag der Rettung unterwegs sind. Verantwortung ist für diese jungen Menschen ein zentraler Begriff. Sie kommen mit der Sehnsucht, zu arbeiten und Leistung zu bringen.

Circa 2500 Dollar sind nötig für die ganzen Gebühren der Mafia und für die Zugtickets auf der Reise nach Deutschland. Auf Facebook können die Flüchtenden einen Plan mit aktueller Kostenaufstellung für jeden Streckenabschnitt erhalten. Dieser Plan wird jeweils mit Kommentaren versehen, von denen, die den Weg schon hinter sich haben. In diesen Kommentaren geben sie Tipp und Warnungen. Von diesem Geld werden alleine 1200 Dollar für den Bootfahrt von der türkischen Küste bis nach Samos verwendet. – 1200 Dollar pro Kopf in einem völlig überladenen Schlauchboot mit 30 Menschen und Gepäck, in das meist nicht genügend Treibstoff eingefüllt wird, weil sie nur bis in die Mitte des drei Kilometer breiten Wasserstreifens kommen müssen, dann werden sie schon von europäischem Militär aufgelesen und nach Samos geschleppt. Jeden Morgen suchen Helikopter die Meeresoberfläche nach Menschen und Booten ab, die dort eventuell treiben.

Alles Mafia!

Ich komme abends vom Strand zurück in mein Hotel auf Samos: vier Sterne mit Pool, Studios und Meerblick. Die Saison ist schon fast zu Ende. Gestern war ich der einzige Gast. Doch jetzt sind alle Zimmer belegt – das Hotel ist voll mit Flüchtlingen. Die Kellnerin klärt mich auf: Die Hotels hier auf Samos, sie arbeiten zusammen mit den Taxifahrern. Sie lacht: alles Mafia! Die Taxifahrer beobachten am frühen Morgen, in welcher Bucht die Boote aus der Türkei ankommen. Dann fahren sie dorthin und laden die Flüchtlinge ein. Die zahlen für eine Fahrt, die normalerweise für das ganze Taxi 15 Euro kostet, 30 Euro pro Kopf. – Später, als ich einmal Flüchtlinge, die der Straße entlang zur Hafenstadt wanderten in meinen Mietwagen geladen habe, wurde ich von einem Taxifahrer sehr wütend angeschrien: das sei nicht erlaubt. Na klar, bei dem finanziellen Verlust für ihn! – Unter dem Vorwand, die Registrierung brauche zwei Tage, werden die Flüchtlinge in ein Hotel gebracht, das mit den Taxifahrern zusammenarbeitet. Dort werden sie zum dreifach höheren Preis, wie ihn europäische Touristen zu zahlen haben, untergebracht. Am nächsten Tag wird vom Hotel derselbe Taxifahrer wieder angerufen, der sie dann weiter zum Hafen fährt, wo die großen Fähren nach Athen ablegen. Die Kellnerin lacht wieder und sagt: «Die lassen kiloweise Geld hier auf der Insel.»

Sie wird von den Gästen gerufen: Essen wird bestellt, Kaffee, Zigaretten – alles in üppig orientalischer Auswahl. Nicht um den Hunger zu stillen, die Freude an unterschiedlichsten Sinnesgenüssen steht im Vordergrund. Das Angerichtete völlig aufzuessen, entspräche nicht dem guten Ton.

Screenshot ‹Fluchtkarte›

Screenshot ‹Fluchtkarte›

Aber wir haben Geld

In Gedanken habe ich schon T-Shirts in meinem Koffer separiert, die ich verschenken will. Nun stehe ich mit offenem Mund und staune, wie die Tische sich biegen. Da werde ich auch schon eingeladen und darf es nicht ausschlagen, ohne diese Menschen zu beleidigen. Auf den Tischen liegen überall die neuesten Handymodelle von Samsung, Sony und iPhone 6+. Die mitgebrachten Dollars dieser Flüchtlinge aus der Oberschicht sind im fünfstelligen Bereich.

«Werden wir gleich arbeiten können in Deutschland? – Kann mein Sohn gleich weiterstudieren, er ist im zweiten Semester für Architektur?» Ich antworte, ich wüsste nicht genau, wir hätten sehr viele Arbeitslose und an der Uni gäbe es einen Numerus clausus, auch wir Deutschen könnten nicht einfach so studieren, was wir wollten. «Aber wir sind Fachkräfte!» Ich sage ihnen, dass sie erst einige Monate in Auffanglager müssen. «Aber wir haben Geld, wir wollen uns ein Haus kaufen.»

Nicht mehr die, die ich war

Ich frage sie, ob sie in Deutschland bleiben oder bei Änderung der Verhältnisse wieder zurück in ihre Heimat wollen. «Wir bleiben in Deutschland. Das Leben dort ist gut.» Keine Frage, ob das möglich ist. Keine Bitte, ob das sein darf. Kein Dank. Einfach Selbstverständlichkeit.

Ich fühlte mich sehr seltsam, als ich wahrnahm, wie diese Fremden mein Land als das ihrige bezeichneten. Und ich war ab diesem Moment nicht mehr die, die ich war. Von nun an war ich eine andere. Ich hatte meine Heimat in gewissem Sinne verloren. Ich fühlte mich nicht mehr als Deutsche, sondern als Erdenbürger; als Erdenbürger ohne Recht, mich von dem Leid der anderen Menschen abzugrenzen, mitverantwortlich an dem Leben der anderen, mitverantwortlich am Wohle der ganzen Erde.