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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

Vom Umgang mit Medien

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Vom Umgang mit Medien

Daniele Ganser

Als Historiker, Friedensforscher und Energieexperte begann Daniele Ganser seine Forschungen über Zeitgeschichte mit einer Doktorarbeit zum Thema ‹Inszenierter Terrorismus und verdeckte Kriegsführung der NATO-Geheim-armeen›, die er an der Universität Basel 2001 vorlegte. Diese Arbeit wurde auf Deutsch mehr als 18 000 mal verkauft¹ und in zehn Sprachen übersetzt. Daniele Ganser arbeitete bei ‹Avenir Suisse›, einem Thinktank in Zürich, dann an der ETH-Forschungsstelle für Sicherheitspolitik, seither unterrichtete er Geschichte an den Universitäten von Zürich, Luzern, Basel und St. Gallen. Er leitet das von ihm gegründete ‹Swiss Institute for Peace and Energy Research› (SIPER) in Basel. Als er öffentlich auf offene Fragen im Forschungsbereich der Terroranschläge vom 11. September hinwies, wurde er von der US-Botschaft in der Schweiz als ‹Verschwörungstheoretiker› angegriffen. Ganser lehnt diesen Begriff ab. In einem Vortrag an der Universität Tübingen legte Ganser 2014 dar, wie der Begriff ‹Verschwörungstheoretiker› verwendet wird, um Wissenschaftler einzuschüchtern.² 

Verdeckte Kriegsführung

Herr Ganser, denken Sie, dass wir durch die Presse nichtausreichend über Kriegsfragen informiert werden? 

Kann man alle politischen Strukturen wahrnehmen, wenn man die Tageszeitung liest, Radio hört und Fernsehen schaut? Sicherlich nicht. Ich kann zum Beispiel mit meiner Doktorarbeit beweisen, dass es Geheimarmeen der NATO in Europa gab. Diese wurden 1990 erstmals durch den italienischen Premierminister Giulio Andreotti enttarnt. Sie wurden von der nato koordiniert und vom cia und vom MI6 ausgerüstet und trainiert. Die Geheimarmeen hatten eine antikommunistische Funktion: Im Falle einer Invasion durch die Rote Armee sollten sie als Guerilla hinter den besetzten Linien kämpfen. Es gab sie in Italien, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Norwegen, der Schweiz und anderen Ländern. Die italienischen Untersuchungsrichter haben damals herausgefunden, dass diese Geheimarmeen auch in Friedenszeiten aktiv werden können, zum Beispiel durch Terroranschläge unter falscher Flagge, um die politische Stimmung im Land zu steuern. Militärs versuchen immer, Dinge geheim zu halten oder sogar die öffentliche Meinung zu manipulieren. Es ist völlig naiv, wenn man denkt, die NATO würde über ihre verdeckte Kriegsführung – zum Beispiel in der Ukraine – offen informieren. 

Es handelt sich hier um Staatssicherheit und Verteidigungsgeheimnisse. Aber tragen diese geheimen Aktivitäten tatsächlich zur Sicherheit bei oder nicht? 

Oft hilft das Militär, der Geheimdienst oder die Polizei, die Sicherheit von uns Bürgern zu garantieren, vor allem hier in der Schweiz. Aber es gibt eben leider auch Fälle, wo das Militär, vor allem die NATO,  die menschliche Sicherheit gefährdet. Nehmen sie den NATO-Angriff auf Libyen von 2011: Er hat das Land ins Chaos gestürzt. Ein Klassenkamerad, der mit mir in der Steiner-Schule in Basel war, hat für das Rote Kreuz in Libyen gearbeitet, um das humanitäre Völkerrecht einzuhalten: Die verschiedenen bewaffneten Gruppen müssen Regeln befolgen, sie dürfen nicht Frauen vergewaltigen oder Kinder töten. Mein Freund wurde einfach erschossen. Die NATO hat in Libyen Gaddafi gestürzt und gesagt: das fördert die Demokratie. Das ist aber nicht wahr: Heute bekämpfen sich verschiedene bewaffnete Gruppen. In Afghanistan hat die NATO jetzt 13 Jahre lang Krieg geführt und auch dort herrscht Chaos. Die NATO fördert den Frieden und die Sicherheit der Menschen nicht.

Was hat sie am 11. September misstrauisch gemacht? 

Die meisten Menschen wissen heute noch, wo sie an diesem Tag waren, obwohl fast 14 Jahre seit den Anschlägen vergangen sind. In Erinnerung ist geblieben: Flugzeug, Flugzeug, Turm, Turm. Das ist der 11. September. Ich entdeckte, dass es noch einen dritten Turm gab, das World Trade Center 7 (WTC7), der auch einstürzte, aber nicht durch ein Flugzeug getroffen wurde. Warum fallen drei Türme, wenn nur zwei Flugzeuge eingeschlagen sind? Warum kam das nicht im Fernsehen? Es kam nur auf bbc, aber 20 Minuten zu früh: Die Briten haben um 17 Uhr berichtet, dass das WTC7 eingestürzt sei. Doch das Gebäude ist erst um 17.20 Uhr eingestürzt. Da bleibt die große Frage: Können wir den Medien beim 11. September trauen? In der Geschichtsforschung haben wir eine Regel: zuerst das Ereignis und dann der Bericht. Wenn zuerst der Bericht kommt und dann das Ereignis, dann werden die Historiker misstrauisch. 

Daniele Ganser während eines Skype-Interview in seinem Büro. Fotografie Johannes Nilo.

Als 2004 der offizielle Untersuchungsbericht zum 11. September publiziert wurde, der Commission Report, arbeitete ich an der Forschungsstelle für Sicherheitspolitik der eth Zürich. Den Bericht, der aus 600 Seiten besteht, habe ich gelesen: Das Gebäude WTC7 wird nicht erwähnt! Ich ging zu einem Baustatiker, Professor Jörg Schneider, der an der eth Zürich unterrichtete, wie man mit Beton und Stahl stabile Gebäude baut. Im Militär hat er selbst Gebäude gesprengt. Dann habe ich noch einen zweiten Baustatiker gefragt, Hugo Bachmann, auch eth-Professor, emeritiert. Sie haben mir gesagt: Dieses Gebäude WTC7 ist mit grosser Wahrscheinlichkeit gesprengt worden, sonst kann es nicht in dieser Weise in sich zusammenfallen. Ich habe den andern Kollegen am Institut für Sicherheitspolitik gesagt, dass wir das Thema 11. September neu aufrollen müssten. Dann kam es zu einem Streit innerhalb der Forschungsstelle. Die einen sagten: «Das sind ja nur Verschwörungstheorien.» Die anderen meinten: «Das müsste man untersuchen, man darf es aber nicht, sonst verliert man seine Arbeitsstelle.» Die dritten erklärten: «Das müsste man unbedingt untersuchen, aber die Schweiz ist zu klein, dann haben wir Streit mit den usa – mit denen machen wir viele Geschäfte, also ist es nicht klug, das zu untersuchen.» Trotz dieser Widerstände habe ich mich entschlossen, den 11. September zu untersuchen. Wer aber die offizielle Version hinterfragt, wird umgehend als ‹Verschwörungstheoretiker› angegriffen. Aber ich habe meine Meinung bis heute nicht geändert: Der 11. September muss neu untersucht werden. Auch die offizielle Erklärung sagt, dass es eine Verschwörung war. Die Frage ist: Wer sind die Verschwörer gewesen?

Was ist also eine Verschwörung? Was sind Verschwörungstheorien? 

Ich untersuche die Zeitgeschichte – das heißt, die internationale Politik von 1945 bis heute. In diesen 70 Jahren kann ich nachweisen, dass es immer wieder Verschwörungen gab. Eine Verschwörung ist eine geheime Absprache von zwei oder mehr Menschen, um gemeinsam in Politik oder Wirtschaft ein Ziel zu erreichen. 1961 hat die cia zum Beispiel eine Invasion in der Schweinebucht in Kuba gemacht, um Fidel Castro zu stürzen. Sie hat ihn nicht vorher informiert: «Wir kommen morgen und versuchen, dich zu stürzen.» Sie hat versucht, im Geheimen zu handeln. Es war also eine Verschwörung gegen Castro. Auch die NATO-Geheimarmeen wurden im Geheimen aufgebaut. In der Schweizwar es die P26. Bundesrat Kaspar Villiger war damals nicht eingeweiht, obwohl er Verteidigungsminister war. In Politik und Wirtschaft gibt es also verdeckte Operationen undreale Verschwörungen, diese muss man untersuchen, um die internationale Politik zu verstehen. Daneben gibt es natürlich im Internet auch absurde Verschwörungstheorien. Die Aufgabe des Historikers ist, zu prüfen, welche Verschwörungen der Wahrheit entsprechen und welche nur Fantasie sind. 

Es ist ein ganz feines Spiel

Wie kommt es, dass Journalisten und Wissenschaftler solche Fragen so wenig untersuchen?

Wenn Menschen heute über den 11. September Zweifel haben, sprechen sie nur im engen Kreis darüber, mit Freunden. Als Historiker bin ich in einer anderen Position, ich forsche und kommuniziere in der Öffentlichkeit. Wenn ich erkläre, dass der 11. September nicht geklärt sei, kritisiere ich damit die USA. Das führt zu Spannungen. Die usa sind das Imperium der Gegenwart: Sie haben am bip gemessen die größte Wirtschaft, sie haben am meisten Flugzeugträger und am meisten Militärstützpunkte auf der ganzen Welt – keine in der Schweiz, das ist wichtig –, sie haben zudem mit dem Dollar die wichtigste Reservewährung und natürlich einen sehr großen kulturellen Einfluss durch Hollywood. Für das US-Imperium ist der 11. September die Begründung des sogenannten ‹Kriegs gegen den Terrorismus›. Wir sind immer noch in diesem Krieg und ich glaube nicht, dass er bald aufhören wird. Er hat bereits mehr als eine Million Tote gefordert und viele Menschen wurden gefoltert. Wenn man mit dem 11. September den Ursprung dieses Krieges kritisiert, geht man in die Höhle des Löwen. Es geht um sehr viel Macht und um sehr große Erzählungen, die heute noch wirken. Privat bin ich in Florida und in Kalifornien gewesen, auch in New York und Washington, ich fand das toll. Aber die amerikanische Außenpolitik mit den Kriegen, die Folter durch die CIA, die Überwachung durch die nsa, die NATO-Kriege gegen Afghanistan, Libyen und Irak und der Drohnenterror, der schon mehr als 3000 Menschen getötet hat, das kritisiere ich. 

Was ist die Beziehung zwischen amerikanischem Staat, Journalisten und Forschern? Das sind doch verschiedene Welten, verschiedene Menschen. Wie hängen die zusammen?

In der Schweiz haben wir zum Glück Forschungsfreiheit und Redefreiheit. Viele Wissenschaftler und Journalisten getrauen sich aber trotzdem nicht, direkt zu kritisieren. Sie übernehmen oft ohne Recherche oder kritische Nachfrage die offiziellen Aussagen. Journalisten entwickeln schnell ein Gefühl dafür, was man sagen darf und was nicht. Sie sind hierarchisch organisiert. Es hat nicht jeder Journalist den gleichen Einfluss wie der Chefredakteur. Der Chefredakteur entscheidet, welcher Journalist Geld erhält und welcher entlassen wird. Vor einigen Wochen habe ich auf Pro7 ein Interview zum Krieg in der Ukraine gegeben. Sie waren mit großem Aufwand gekommen um zu filmen. Ich habe gesagt, das Hauptproblem sei die Ausdehnung der NATO nach Osten. Ich erklärte im Interview, dass die Ukraine neutral bleiben soll, dass es nicht gut ist, wenn die NATO bis an die russische Grenze geführt wird, weil das Russland provoziert. Am nächsten Tag bekam ich eine Mail: «Wegen den sich überstürzenden Ereignissen konnten wir Ihren Beitrag leider nicht senden.» Ich habe immer wieder erlebt, dass eine Analyse nicht gesendet wird, wenn ich die NATO kritisiere. Wenn ich gesagt hätte: «Putin ist ein Verbrecher, man sollte Moskau in die Knie zwingen», dann würde das sofort in den Abendnachrichten gesendet. Die Medien haben in den letzten zwölf Monaten intensiv das Feindbild Putin und das Feindbild Russland verbreitet. Wissenschaftler, welche an diesem Feindbild mitbauen, sind dauernd auf Sendung. Wissenschaftler wie Noam Chomsky, die den US-Drohnenterror kritisieren, kommen nie auf CNN. 

Es ist ein ganz feines Spiel. Wenn ein Chefredakteur in einem Leitartikel jetzt schreiben würde: «In der Ukraine ist die NATO schuldig, dass die Gewalt zunimmt», wäre das völlig überraschend. Oder ebenso, wenn er schreiben würde: «Die Überwachung der Bürger durch die NSA wurde durch den 11. September legitimiert, aber dieser Terroranschlag ist ungeklärt, viele Fragen bleiben offen.» Warum schreibt er solche Texte nicht? – Meistens ist es so, dass er das selber gar nicht glaubt. Er glaubt, dass der 11. September geklärt ist und dass Putin in der Ukraine an der Gewalt schuld ist. Warum glaubt er das? Weil er sehr stark in diesem Denken erzogen worden ist, dass die Russen die Bösen sind und die Amerikaner die Guten. – Haben die Russen die Krim besetzt? Ja, im März 2014. Als Historiker gehe ich weiter zurück: Was war vorher? Am 20. Februar 2014 wurde Janukowitsch gestürzt. Wer steckt hinter diesem Regierungssturz? Diese Fragestellung müsste ein Chefredakteur verfolgen. Wer waren die Scharfschützen, die Demonstranten und Polizisten auf dem Maidan erschossen und damit das Land destabilisierten? Diese Fragen bleiben offen. 

Also wenn ich Sie richtig verstehe, ist es nicht Lüge … 

Es ist Konformismus, es ist Schwäche. Niemand will eine Position vertreten, die eine Minderheitenposition ist, eine Position, von der er glaubt, dass er persönliche Nachteile haben wird. Es greift aber auch noch tiefer: Da ich oft eine Minderheitenposition vertrete, sagen mir die Menschen: «Das, was du erzählst, ist nicht möglich, es ist falsch.» Dann, wenn ich es belegen kann, werden viele Menschen fatalistisch, sie sehen die Realität und resignieren sofort. Einige sagen: «Nun gut … Dann sind alle Menschen böse und wir sind verloren! Wie können Sie das untersuchen? Wie halten Sie das aus?» Hier brauchen wir aber mehr Balance. Auf der einen Seite sollte jeder Mensch Kritik einstecken können. Auf der anderen Seite ist es wichtig, das Menschenbild positiv halten zu können. Ich selbst bin völlig davon überzeugt dass die Menschen wunderbare Wesen sind, dass es schön ist, auf der Erde zu leben, und dass die Mehrheit der sieben Milliarden Menschen, die wir heute auf der Erde sind, den Frieden will. Die Mehrheit! 

Das Gebiet, das ich als Historiker untersuche, ist dunkel. Es geht um Terror, Krieg, Lüge, Gewalt, Folter. Das ist nicht schön, aber es ist wichtig, dass man in diesen dunklen, fast ‹diabolischen› Bereich mehr Licht hineinbringt. Das Problem ist, dass man dann als Verschwörungstheoretiker angegriffen wird. Das ist das Hauptschwert, das jetzt genutzt wird, um Menschen zu diffamieren. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, sondern ein Historiker, der verdeckte Kriegsführung untersucht. Ich werde mich nicht von meinem Weg abbringen lassen.

Mut und Interesse entwickeln

Welche Haltung können wir in Bezug auf die Medien entwickeln?

Die innere Haltung sollte durch Mut definiert sein, Mut zur Wahrheit. Die zweite wichtige Eigenschaft ist die Neugierde, man muss interessiert sein. Wenn man weder mutig noch neugierig ist, ist alles verloren. Wenn man Mut und Interesse hat, dann wird alles möglich. Man sollte versuchen, sich zu jedem Konflikt ein differenziertes Bild zu verschaffen. Es braucht Zeit. Zum Beispiel zum Thema Krieg in der Ukraine lese ich verschiedene Dinge. Ich nehme die ‹nzz›, dann den ‹Spiegel›, dann schau ich bei ‹Russia Today›, dann bei ‹Global Research›, dann lese ich auf ‹Nachdenkseiten›, dann lese ich in der ‹Basler Zeitung›, dann noch ‹Die Zeit›, iranische Agenturen und ‹CNN› – man kann auch ‹Das Goetheanum› lesen. Wenn man die Vielfalt der Gesichtspunkte erkennt, ist das wie ein Regenbogen. Da sind ganz verschiedene Farben, Meinungen, Blickwinkel auf den gleichen Konflikt. Wenn man nur ‹20 Minuten› oder die ‹Basler Zeitung› am Abend liest, hat man immer das Gefühl, Putin ist schuld und mal sollte ihn einfach entfernen. Diese Beschränkung sollten wir überwinden. Mit dem Internet hat jeder heute die Möglichkeit, sich ein eigenes Bild zu machen. Wenn man sich eine Stunde pro Tag mit der Welt auseinandersetzen will, sollte man nicht immer den gleichen Pfad gehen. So wird man zuerst zu der Einsicht kommen, dass es ganz verschiedene Meinungen gibt. Die zweite Einsicht ist, dass einige Journalisten offensichtlich in den Krieg treiben: die Zeitungen, die immer wieder für den Krieg schreiben, und sobald der Krieg vorbei ist und das Land, wie in Libyen, im Chaos versinkt, nicht mehr darüber berichten. Wenn man solche Entwicklungen sieht, muss man sich fragen, ob die Medien den Krieg anheizen oder den Frieden fördern.

Es gibt aber auch die Gefahr, dass man in konstruierte Vorstellungen oder in Mythologien kommt, Sachen, die nicht erwiesen sind. Gibt es da Methoden?

Im Internet kann man sich verlieren wie in einem großen Wald. Die Meinungen gehen in alle Richtungen. Darum würde ich immer die Frage einschränken. Das ist auch das, was ich den Studenten rate: die Forschungsfrage einschränken. Sie müssen sich fragen, was sie wirklich interessiert. Da liegt die Kraft. Wenn man eine klare Frage hat, kann man fokussieren. Das bedeutet auch, dass man sich abgrenzen muss und sagen kann: «Dazu forsche ich nicht.» Das ist auch eine Kraft. Jeder soll seine Interessen verfolgen. Das ist etwas ganz Zentrales, wenn man über Medienkompetenz spricht. In der Tageszeitung oder in den Tagesnachrichten hat jemand ausgewählt, was wichtig ist. Erstens sind das zu viele Geschichten. Das Gehirn kann das nicht verarbeiten. Man kann den Test machen: Wenn die Nachrichten vorbei sind, setzt man sich hin und schreibt jene Geschichten auf, an die man sich erinnert. Dann kann man versuchen, sich zu erinnern, was gestern in den Nachrichten kam. Nach drei Wochen wird das beschämend. Man hat oft keine Ahnung, was man angeschaut hat.

Die neue Medienkompetenz beinhaltet, dass man gewisse Dinge nicht mehr tut, nicht mehr passiv konsumiert, sondern aktiv auswählt und sich abgrenzt von dem, was einen nicht interessiert. Wo diese Abgrenzung gelingt, da ist der freie Wille. Der einzelne Mensch muss entscheiden, wohin er seine Aufmerksamkeit richten will. Manche sagen: «Anthroposophie interessiert mich nicht.» Andere sagen: «Das interessiert mich brennend.» Wer soll jetzt richten, ob das interessant ist oder nicht? Der freie Wille. Jeder einzelne Mensch. Menschen, die mutig und interessiert sind, denen würde ich die freie Informationsarbeit empfehlen, also die Informationen selber wählen. Vor 1000 Jahren gab es nur wenige Bücher, die waren auf Latein und ganz teuer. Seit zwanzig Jahren gibt es die Möglichkeit, im Internet zu forschen. Zeitungen und Nachrichten am Fernseher sind dazu nicht unbedingt notwendig. Man kann auch Autoren folgen, denen man vertraut. Ich selber schätze zum Beispiel Noam Chomsky und Nafeez Ahmed. 

Sie waren ja in der Waldorfschule, das Goetheanum ist auch nicht weit, haben sie auch Steiner studiert?

Ich war von 1979 bis 1991 in der Waldorfschule am Jakobsberg in Basel und in der 12. Klasse haben wir die ‹Philosophie der Freiheit› gelesen, mit unserem Physiklehrer Peter Bucher. Und dann habe ich das Buch ‹Wie erlangt man Erkenntnis der höheren Welten› gelesen. Aber später habe ich mich in anderen Welten bewegt. Ich habe an der Universität Basel Philosophie studiert: Schopenhauer, Kant, Aristoteles, und danach vor allem Bücher zur internationalen Politik.


Das Gespräch führte Louis Defèche.
(1) Daniele Ganser, ‹
NATO-Geheimarmeen in Europa›, Orell Füssli Verlag 
(2) Der Tübinger Vortrag wurde gefilmt und steht auf dem Internet zu Verfügung – 280 000 Menschen haben ihm schon angeschaut.