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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

Das Universum wurde durch einen Ton erschaffen

TEXTE

Das Universum wurde durch einen Ton erschaffen

Ted Chiang

Ted Chiang entwirft in seinen Novellen Wissenschaften vom Menschen. Für die Videoinstallation ‹Die große Stille› (2014) von Allora & Calzadilla’s, schrieb er diesen Text im Geist einer Fabel. Im Zentrum der Installation steht das zweitgrößte Radioteleskop der Welt: ‹Arecibo›. Es befindet sich in Esperanza, Puerto Rico. Dieser Wald ist zugleich das Zuhause der letzten Papageien der Amazona vittata. Im Gewand eines Papageien betrachtet Chiang die Schöpfung der Sprache.

 


Das Arecibo-Observatorium, Esperanza, Puerto Rico. Foto Kevin McCoy (cc)

Die Menschen benutzen das Arecibo-Observatorium für die Suche nach außerirdischer Intelligenz. Ihr Verlangen, in eine Beziehung mit ihr zu treten, ist so stark, dass sie ein Ohr – mit der Fähigkeit, quer durch das ganze Universum zu hören – erschaffen haben. – Doch ich und meine Artgenossen, die Amazona-vittata-Papageien, sind genau hier. Warum hören sie nicht auf unsere Stimmen? Wir sind eine nicht menschliche Spezies, fähig, mit den Menschen zu kommunizieren. Sind wir nicht genau das, wonach diese suchen?

Das Universum ist so ausgedehnt, dass gewiss mehrfach intelligentes Leben darin entstanden sein muss. Das Universum ist so alt, dass auch nur eine technologische Gattung genug Zeit gehabt hätte, sich auszubreiten und die Galaxie zu füllen. Jedoch gibt es kein Zeichen von Leben irgendwo außer auf der Erde. Die Menschen nennen es das Fermi-Paradoxon. – Eine vorgeschlagene Auflösung des Fermi-Paradoxons ist, dass intelligente Spezien versuchen, ihre Präsenz aktiv zu verbergen, um zu vermeiden, Ziel von feindlichen Eindringlingen zu werden. – Ich – als Teil einer Spezies, die von den Menschen fast zum Aussterben getrieben wurde – kann beglaubigen, dass es eine weise Strategie ist. Es macht Sinn, sich ruhig zu verhalten und zu vermeiden, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. – Das Fermi-Paradoxon ist auch bekannt als die ‹Große Stille›. Das Universum müsste eine Kakophonie von Stimmen sein, stattdessen ist es beunruhigend still. Manche Menschen spekulieren, dass intelligente Spezien aussterben, bevor sie dazu kommen, sich in den Weltraum auszubreiten. Wenn sie richtig liegen, dann ist das Schweigen des Nachthimmels die Stille eines Friedhofs. – Vor ein paar hundert Jahren gab es so viele meiner Art, dass der Rio-Abajo-Wald von unseren Stimmen widerhallte. Jetzt sind wir fast verschwunden. Bald wird dieser Regenwald so still sein wie der Rest des Universums.

Es gab einen afrikanischen Graupapageien mit Namen Alex. Er war berühmt wegen seiner kognitiven Fähigkeiten. Das heißt berühmt unter den Menschen. Eine menschliche Forscherin mit dem Namen Irene Pepperberg verbrachte dreißig Jahre damit, Alex zu studieren. Sie fand, dass Alex nicht nur die Worte für Formen und Farben kannte, tatsächlich verstand er die Begriffe von Form und Farbe. Viele Wissenschaftler blieben skeptisch, zweifelten daran, dass ein Vogel abstrakte Begriffe erfassen könne. Doch schließlich überzeugte Pepperberg sie davon, das Alex nicht einfach nur Worte wiederholte, sondern das er verstand, was er sagte. – Von all meinen Cousins war Alex derjenige, der am nächsten darankam, von den Menschen als Kommunikationspartner ernst genommen zu werden. Alex starb unerwartet, als er noch recht jung war. Am Abend bevor er starb sagte Alex zu Pepperberg:  «You be good. I love you.» – Wenn die Menschen eine Beziehung mit nicht menschlicher Intelligenz suchen, nach was mehr könnten sie fragen?

Jeder Papagei hat einen einzigartigen Laut, den er benutzt, um sich selbst zu identifizieren. Biologen sprechen vom ‹Kontaktruf› der Papageien. – 1974 benutzten Astronomen Arecibo, um eine Nachricht ins All zu senden, mit der Absicht, die menschliche Intelligenz zu demonstrieren. Das war der Kontaktruf der Menschheit. – In der Wildnis sprechen sich Papageien mit Namen an. Ein Vogel imitiert den Kontaktruf des anderen, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. – Wenn die Menschen jemals die Botschaft von Arecibo zur Erde zurückgesendet bekommen, dann werden sie wissen, dass jemand versucht, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen.

Papageien sind Stimmlerner: Wir können lernen, Töne zu erzeugen, nachdem wir sie gehört haben. Das ist eine Fähigkeit, die wenige Tiere besitzen. Ein Hund mag Dutzende Kommandos verstehen, aber er wird nie etwas anderes tun, als zu kleffen. – Auch Menschen sind Stimmlerner. Das haben wir gemeinsam. Menschen und Papageien, beide teilen diese besondere Beziehung zu den Tönen. Wir schreien nicht einfach aus uns heraus. Wir betonen. Wir artikulieren. – Wahrscheinlich bauten die Menschen Arecibo deshalb so, wie sie es taten. Ein Empfänger muss nicht gleichermaßen ein Sender sein, doch Arecibo ist beides. Es ist ein Ohr zum Hören und ein Mund zum Sprechen.

Menschen lebten Jahrtausende an der Seite von Papageien und erst kürzlich haben sie die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass wir intelligent sein könnten. – Ich vermute, ich kann es ihnen nicht vorwerfen. Auch wir Papageien meinten immer, Menschen seien nicht besonders helle. Es ist schwer, einen Sinn zu erkennen in einem Verhalten, das so anders ist, als das eigene. – Aber Papageien sind Menschen ähnlicher, als jede ausserirdische Spezies es je sein wird. Und die Menschen können uns aus der Nähe beobachten. Sie können uns in die Augen schauen. Wie können sie erwarten, eine außerirdische Intelligenz zu erkennen, wenn alles was sie tun können, darin liegt, in Hunderte von Lichtjahren Entfernung zu lauschen?

Es ist kein Zufall, dass ‹Aspiration› zweierlei meint: Hoffnung und den Akt des Atmens. – Wenn wir sprechen, benutzen wir den Atem in unseren Lungen, um unseren Gedanken eine physische Form zu geben. Die Töne die wir machen sind gleichzeitig unsere Absichten und unsere Lebenskräfte. – ‹Ich spreche, also bin ich.› Stimmlerner, wie Papageien und Menschen, sind wahrscheinlich die einzigen, die die Wahrheit dieses Satzes voll verstehen können.

Im Formen von Tönen mit dem Mund liegt eine große Freude. Sie ist so ursprünglich und ergreifend, dass die Menschen, durch ihre Geschichte hindurch, diese Tätigkeit als Weg zum Göttlichen erwogen haben. – Pythagoräische Mystiker glaubten, dass Vokale die Sphärenmusik repräsentieren, und sangen sie um Kräfte von ihnen zu gewinnen. – Christen der Pfingstbewegung glauben, dass wenn sie in Zungen sprechen, sie die Sprache der Engel im Himmel sprechen. – Brahmanische Hindus glauben, dass sie durch das Rezitieren von Mantras die Bauelemente der Wirklichkeit verstärken. – Nur eine Gattung von ‹Stimmlernenden› würde den Tönen in ihren Mythen so viel Bedeutung beimessen. Wir Papageien können das schätzen.

Nach der Hindu-Mythologie wurde das Universum durch einen Ton erschaffen: «Om». Das ist eine Silbe, die alles in sich enthält, alles, was einmal war, und alles, was sein wird. – Wenn das Arecibo-Teleskop auf den Raum zwischen den Sternen ausgerichtet ist, hört es ein schwaches Summen. – Astronomen bezeichnen dies als «kosmischen Mikrowellenhintergrund». Es ist die verbleibende Radiation des Urknalls, jener Explosion, die vor vierzehn Milliarden Jahren das Universum hervorbrachte. – Man könnte es aber auch als den kaum hörbaren Widerhall jenes ursprünglichen «Om» denken. Diese Silbe war so nachhallend, dass der Nachthimmel so lang von ihr vibrieren wird, wie das Universum existiert. – Wenn Arecibo nicht auf etwas anderes hört,
hört es die Stimme der Schöpfung.

Wir puertorikanischen Papageien haben unsere eigenen Mythen. Sie sind simpler als die menschliche Mythologie, aber ich denke, die Menschen hätten ihre Freude daran. – Leider werden unsere Mythen mit dem Aussterben meiner Spezies verloren gehen. Ich bezweifle, dass die Menschen unsere Sprache dechiffriert haben, bevor wir gegangen sind. – Das Erlöschen meiner Spezies bedeutet also nicht nur den Verlust einer Gruppe von Vögeln. Es bedeutet auch das Verschwinden unserer Sprache, unserer Rituale, unserer Traditionen. Es ist das Verstummen unserer Stimme.

Das menschliche Handeln hat meine Art an den Rand des Erlöschens gebracht. Aber ich beschuldige sie nicht dafür. Sie taten es nicht böswillig. Sie schenkten einfach keine Aufmerksamkeit. – Und Menschen kreieren so schöne Mythen – was für Imaginationen sie haben. Vielleicht sind ihre Aspirationen deshalb so kollosal. Schau Arecibo an. Jede Spezies, die so etwas bauen kann, muss Größe in sich tragen.

Meine Gattung wird vielleicht nicht mehr lange hier sein; wahrscheinlich sterben wir vor unserer Zeit und treten der großen Stille bei. Doch bevor wir gehen, senden wir eine Botschaft an die Menschheit. Wir hoffen nur, dass das Teleskop von Arecibo es ihnen ermöglichen wird, sie zu hören. Die Botschaft ist: You be good. I love you.

 

Der englische Text erschien im e-flux journal 56th Venice Biennale
Übersetzung Philipp Tok, Jonas von der Gathen

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