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Das chaotische Paradies

Das chaotische Paradies

Die 56. Kunstbiennale in Venedig mit dem Titel ‹All the World’s Futures› lädt bis zum 22. November ein, in die Unsicherheit und die Krisen der heutigen Welt zu blicken. In der Hauptausstellung versucht der Kurator Okwui Enwezor, mit 136 Künstlern aus 53 Ländern die Welt ein Stück zusammenzubringen, indem er nicht vereinheitlicht, sondern viele Sichten nebeneinanderhält. Zukunft sollten wir fortan als Plural denken.

Ein Anfang, der ein Ende ist

Über dem Eingang des Hauptpavillons im Garten Giardini erwartet die Besucher nicht die gewohnte Begrüßung ‹La Biennale›, sondern in großen Neonbuchstaben geschrieben ‹blues blood bruise›. a Der us-amerikanische Künstler Glenn Ligon erinnert uns an die Harlem-Krawalle von 1964. Zwischen den Säulen des einst von Mussolini gebauten Pavillons hängen dicke schwarze, mit Öl eingeschmierte fahnenähnliche Leinwände b des jungen kolumbianischen Künstlers Oscar Murillo. Er hat die Installation ‹signaling devices in now bastard territory› genannt. Wer noch nicht verstanden hat, worauf Enwezor hinauswill, bekommt eine neue Chance gleich im ersten Raum, wo der italienische Künstler Fabio Mauri wechselweise die Wörter ‹The End› und ‹Fine› c mal gezeichnet, mal gemalt, mal als Broderie ins Bild gesetzt hat. Auch der Anfang am zweiten Ausstellungsstandort, die unendlich lange mittelalterliche Werft, Arsenale, ist konsequent inszeniert. Der erste Raum ist dunkel und übersät von in den Boden gestochenen Macheten, geordnet in Gruppen, als handelte es sich um Blumensträuße. d Die Arbeit des algerischen Künstlers Adel Abdessemed heißt tatsächlich ‹Nymphéas› (Wasserlilien). An den Wänden leuchten Wörter wie ‹Raw›, ‹War›, ‹Death›, ‹Life›, ‹Human› rhythmisch auf. Bruce Naumans Neonskulpturen sind Teil des hier zu verarbeitenden Erbes des 20. Jahrhunderts.
Trümmer, Schutt, Ablagerung, Abfälle, Bruchstücke, Rückstände – dies alles umfasst das englische Wort ‹debris›, das Okwui Enwezor als Grundton für diese Biennale gesetzt hat. Im epischen Wortlaut klingt seine Zeitdiagnose: «Hier sind wir: stehend, ratlos, prüfend blickend auf das Unergründliche; ein Plateau von Trümmern erstreckt sich bis zum Horizont. Jenseits dieses Plateaus, ein unermesslicher Raum. Was sehen wir? Eine Leere, ein Nichts? Einen Horizont von Möglichkeiten? Was tun? In die Leere oder ins Gefecht springen? Welche Richtung auch immer ich wähle, es ist im unermüdlichen Potenzial und in der Kraft der Kunst, dass wir neue Zugänge zur Darstellung zusammenrufen müssen, um unsere Sicht auf die Wirklichkeit zu erneuern und herauszufordern, um alte Bilder zu entkräften und mit neuer Kraft zu durchdringen.»1

 

Enwezor spricht hier aus dem eigenen Erleben dessen, was er von Walter Benjamin gelernt hat, der anlässlich eines kleinen Aquarells von Paul Klee vom Angelus Novus spricht. Dieser neue Engel der Geschichte blickt mit aufgerissenen Augen in die Vergangenheit. Er ist unfähig, seine Flügel zu schließen, da sich darin ein starker Sturm, vom Paradiese herwehend, verfangen hat und ihn unaufhaltsam, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst, in die Zukunft treibt. Was sieht der Engel? Das, was wir den Fortschritt nennen.

Post-Westernism

Der 1963 geborene Nigerianer Okwui Enwezor vereint viele Eigenschaften und Erfahrungen, um glaubwürdig die Welten zusammenzubringen. Er lebte 20 Jahre in New York, ist ständig auf Reisen durch die globalisierte Welt mit ihren vielen Gesellschaften, ist ein erfahrener Ausstellungsmacher, unter anderem kuratierte er die elfte Documenta. Er hat dazu eine reiche literarische Bildung und ist vielleicht einer der intellektuell schärfsten Vertreter des Postkolonialismus in der Kunstwelt. Heute leitet der 55-Jährige das geschichtsträchtige Haus der Kunst in München, wo 1937 die von zwei Millionen Menschen besuchte Ausstellung «Entartete Kunst» eröffnete. – Wenn sich Enwezor vornimmt, die Welt aus der Sicht des Engels der Geschichte zu inszenieren, lohnt es sich hinzuschauen.

Mit der Ausstellung will er wach machen für mögliche Zukünfte. Er fragt sich, was wäre, wenn Nigeria nicht wie London wird, nicht dieselben Luxusmarken vertreibt, in den gleichen Straßen, im Besitz derselben zwei Unternehmen? Er spricht von einer Zeit nach dem Westen, ‹Post-Westernism›, die heute beginnt. Sie habe zu tun mit einer zunehmenden Skepsis gegenüber dem Monopol der maßgebenden Weisheit des Westens.2 Es wundert nicht, dass er seine Inspiration bei dem postmodernen Denker Michel Foucault holt und nach dem Unterschied, dem Flüssigen und dem Mobilen anstatt nach Einförmigkeit, Einheit und System fragt. Die globale Gesellschaft könne nicht gesteuert werden von einer singulären Leitidee und die Kunst könne nicht definiert werden durch eine singuläre ästhetische Überzeugung oder eine Idee von Kreativität. Die Ausstellung spiegelt dieses Programm und wirkt mitunter chaotisch, überladen und durchdrungen von einer Kakofonie aus Gesang und Wörtern. Es ist konsequent, dass Enwezor, statt ein Leitthema zu setzen, drei «Filter» als theoretischen Rahmen aufstellt, nämlich der «chaotische Garten» als Bild für die Lage der gegenwärtigen Welt, «Lebendigkeit – Epische Dauer» als tragenden Ursprung und Hoffnung des Menschlichen, «Das Kapital – als großes Drama unserer Zeit». Ursprünglich stammt die Idee des Gartens aus der persischen Antike und symbolisiert das Paradies. Die heutigen politischen und sozialen Verhältnisse zeigen, wie weit entfernt wir davon sind, und doch versammeln sich für ein halbes Jahr 89 Nationen auf engem Raum im ‹Garten› Venedig im Namen der Kunst. Die «Lebendigkeit» soll durch ein sich wandelndes Programm mit Performances von Mai bis November erreicht werden und das Kapital durch eine kontinuierliche Lesung von Marx’ dreibändigem Klassiker ‹Das Kapital›.
Das Angebot fordert viel Geduld und Konzentration. Die Lesung aus der Abhandlung von Karl Marx ist anstrengend und die Besucher bleiben nicht lange in der vom Architekten David Adjaye gebauten Theaterarenae im zentralen Pavillon e . Irgendwie will es nicht richtig abheben. Dagegen überzeugen die ‹Work Songs› der «stimmkräftigen» Sängerin Alica Hall Moran. Die Aufführung von Haydens ‹Schöpfung› von einem rückwärtsschreitenden Chor f , eine Arbeit von dem Künstlerduo Allora & Calzadilla3, habe ich wie vieles mehr leider verpasst. Einen Gesamteindruck zu vermitteln, ist nicht möglich, aber auch nicht notwendig. Jeder wird seine eigene Geschichte bauen.

Verlangsamung

Es wird mir neu deutlich, wie langsam sich ästhetische Urteile bilden. Es gibt wenige Werke in der Ausstellung, die sich mir unmittelbar erschließen. Vielmehr setzen sie informierte und sensibilisierte Rezipienten voraus. Vielleicht war es schon immer so, nur dass es heute auffälliger ist, weil wir nicht in einer gemeinsamen Erzählung, sondern in einer Vielfalt von Diskursen leben. Ein Gemälde von Rubens um das Jahr 1600 war möglicherweise nicht ästhetisch direkter zugänglich, aber die Tatsache, dass der Kontext, in dem das Bild geschaffen wurde, eindeutiger war und die Motive mit ihren Allegorien wenigstens der gebildeten Schicht bekannt, hat den Zugang erleichtert. Heute bleiben Kunstwerke ohne nähere Kenntnis zum Beispiel der Vorgehensweise des Künstlers, der materiellen Eigenschaften und des theoretischen Rahmens dem Zuschauer oft verschlossen. Oder sie verschmelzen mit ihrer Umgebung, wirken belanglos und zeigen sich nicht als ‹Kunstwerke›. So hätte ich fast die Arbeit von Sarah Sze, ‹Landscape for an Event Suspended Indefinitely› g –Landschaft für ein Ereignis, das für immer aufgehoben sei – verpasst, wenn nicht eine Kennerin der amerikanischen Künstlerin mich darauf aufmerksam gemacht hätte.

Müde und unaufmerksam gehe ich erst durch die Installation, leicht irritiert, so lang für nichts gelaufen zu sein. Einige Fäden zwischen den Bäumen, lose mit Plastikteilen versehen. Dann, nachdem ich für die Arbeit animiert bin, ein zweiter Anlauf, ganz anders. Der vorhin als verwahrlost wahrgenommene Platz verwandelt sich in einen heiligen Hain. Die gezeigten Objekte sind nicht bedeutungsbeladen, sie bleiben Plastikfolien und -schnüre in unterschiedlichen Farben, aber so umsichtig integriert in den Garten, dass sie verklärt und schön erscheinen.

Ähnlich ging es mir mit den ‹Skulls› h von Marlene Duma, einer Malerin, der ich folge, ihre Arbeiten suche ich deshalb mit einer gewissen Erwartung auf. Ich weiß im Voraus, dass es sich um 30 × 24 cm kleine, bisher nicht gezeigte Werke handelt. Als ich vor ihnen stehe, bin ich enttäuscht. Sie sagen einfach nichts. Am darauffolgenden Tag suche ich sie wieder auf und plötzlich fangen sie an zu sprechen. Ich entdecke, dass es sich nicht um bloße Schädel handelt, sondern um lebendige Schädel, Porträts von individuellen Gestalten in Schädelform – eine Spur Lebendigkeit im Tod. Jedes Bild, jeder Schädel erzählt eine eigene Geschichte. Ein Gefühl von Andersheit stellt sich ein, von Fremdheit und doch von einer intimen Nähe.

Schlaf als Widerstand

Die letzte Biennale ‹Der enzyklopädische Palast› wandte sich nach innen und zeigte die Innenwelt von visionären Subjekten. Enwezors Ausstellung tut das Gegenteil und wendet sich nach außen, in die Welt. Es geht um Arbeit und die damit verbundene Ausnutzung, um Verteilung von Waren, um soziale Fragen. Es fällt auf, wie oft die menschliche Hand – die irgendetwas herstellt, sich um etwas kümmert – in der Ausstellung zu entdecken ist. Die Umschmelzung von Waffen in eine große Glocke i , eine Arbeit des irakischstämmigen Künstlers Hiwa K, oder ein schlichtes und poetisches Doppelvideo von Steve McQueen j , wo auf der einen Seite ein junger Fischer von der Antillen-Insel Grenada auf dem Bug eines Fischerbootes auf offener See zu sehen ist – ein Gefühl von Freiheit und Lebensbejahung, aber auch von Einsamkeit – und auf der andern Seite einen Friedhof und die Vorbereitung eines Grabes. Der junge Fischer ist tot. Mit großer Fürsorge und Kunstfertigkeit wird das wie ein Sarg oder wie ein Altar anmutende Grab von zwei Männern in Beton gegossen.

Es sind die einfachen Dinge, die Enwezor hervorhebt. Das Wort, die menschliche Stimme, die Hand, Tod und Leben. Sie tauchen auf als eine Erinnerung an ein anderes Leben und aktivieren die Frage: Worum geht es eigentlich? Wir sind gefangen in der Komplexität und dem Leid unserer Zeit mit ihrer Ungleichheit, Ausbeutung, Gewalt, Kolonialgeschichte, Umweltverschmutzung, Gier und Sinnlosigkeit. Diese Spannung von dem Primären und dem Hochentwickelten macht die Ausstellung anregend und höchst aktuell. «Die Wahl der Ästhetik ist immer auch eine politische Wahl», sagt er in einem Interview.4 Die Suche nach dem Einfachen ist an sich eine politische Stellungnahme, heute, wo uns ständig gesagt wird, wie komplex die Welt ist, und sich parallel das Primäre entzieht. Für alles gibt es Experten und je mehr Experten, desto mehr verschwindet die Welt für den Menschen.

Enwezor hat sich inspirieren lassen von einer Zeile der indischen Künstlergruppe ‹Raqs Media Collective›: «Die Schlaflosigkeit der Herrschenden und die Wachsamkeit der Protestierenden». Die Biennale solle diese Momente der Schlaflosigkeit ansprechen, sagt er und fragt: «Wie können wir auf die Wunden der Geschichte blicken? Wir werden über Unordnung, Dystopie und über das, was ich den permanenten Wandel nenne, sprechen; darüber, dass die Schlaflosigkeit mit dem Sicherheitsstaat, der permanenten Überwachung, dem permanenten Zustand des Aufgewecktseins und der Militarisierung von unseren Leben zusammenhängt. Alles, weil unsere Herrschenden nicht schlafen gehen können.»5 Die Schlaflosigkeit als Problem haben auch andere entdeckt. Der Autor Jonathan Crary schreibt in seinem Buch ‹24/7. Schlaflos im Spätkapitalismus›, «dass der Soldat ohne Schlaf der Vorläufer des schlaflosen Arbeiters und Konsumenten» sei. Also nicht nur den Herrschenden, uns allen wird der Schlaf genommen. Chris Dercon, der Direktor der Londoner Tate Modern, kommentiert Crarys Buch folgendermaßen: «Er zeigt, dass der Schlaf als eine erholsame wie stärkende Form des Entzuges unvereinbar ist mit dem 24/7-Kapitalismus der Gegenwart. Insofern ist Schlaf die einzige Widerstandsform, die uns bleibt.»6 Eine paradoxale Form des Widerstandes, erwarten wir doch das gerade Gegenteil: äußere Aktivität und Wachheit. Und doch ist es der Schlaf, der uns mit den Tiefen, mit unserem Willen und damit mit der Zukunft am nächsten verbindet. Mit dem Schlaf geht es uns so wie mit dem Paradies, in dem wir «leben und weben wie je», wie es Christian Morgenstern in einem Aphorismus sagt: «wir sind selbst Paradies – nur seiner unbewusst, und damit mitten im – Inferno.»7


1 Okwui Enwezor, in: ‹56th International Art Exhibition. All the World’s Future›, Venice 2015, S. 17.
2 ‹Global Entry. Okwui Enwezor talks with Michelle Kuo about the 56th Venice Biennale›, Art Forum, Mai 2015, S. 85

3 Siehe auch ‹Die große Stille› von Ted Chiang in einem kommenden Heft
4 Deutschlandradio Kultur, ‹Ein Marx-Oratorium in Venedig›. Interview mit Enwezor vom 6.3.2015, deutschlandradiokultur.de
5 Okwui Enwezor, Daniel Schreiber in: ArtMag, db-artmag.com, 2015.
6 Chris Dercon, ‹Langsamkeit und Schlaf sind die nächsten großen Themen der Kunst. Taugen sie als Formen des Widerstands?›, Monopol 7/2015, S. 23
7 Christian Morgenstern, ‹Vom offenbaren Geheimnis›, München 1957, S. 7 Fotos Pressebilder La biennale die Venezia und von Johannes Nilo



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