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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

Liebe hat kein Unterbewußtsein

TEXTE

Liebe hat kein Unterbewußtsein

Zvi Szir

Zur Frage nach dem Grund und dem Bösen
Eine philosophisch-esoterische Betrachtung

Die drei Bilder sind nicht thematisch mit dem Text verbunden. Sie sind aus dem Ort gemalt, in dem Kausalität aufhört und ein Handeln ohne Ursache, aus der Liebe zur Tat, beginnt. In Reihenfolge: ‹Zwei›, ‹Hinter›, beide 40 × 32 cm, ‹Warten› 45 × 35 cm, Eitempera auf Pressholz, Zvi Szir 2014.

1

In einer Reihe, beginnend bei Aristoteles, über Thomas von Aquino bis zu Leibniz, weist Heidegger in seinem ‹Vom Wesen des Grundes› auf eine Tradition des Denkens hin, welche annimmt: ‹Nihil est sine ratione, nichts ist ohne Grund›. Um dieses Fundament des westlich-metaphysischen Denkens auf ontologischer Ebene neu zu formulieren, stellt Heidegger die Frage nach dem Gebrauch eines «ungeklärten Wesens des Grundes». Diese erlaubt ihm, die Aufmerksamkeit zurück zum eigenen Thema zu führen, zur Frage des Seins. Die Erläuterungen Heideggers in seinem Text von 1928 und in den Vorlesungen 28 Jahre später suchen durch wortgeschichtliche Zusammenhänge näher an das Wesen des Grundes heranzutreten. Durch den Bezug zu ‹Abgrund› und ‹ratio› sucht Heidegger einen Weg zu seiner berühmten Formulierung am Ende der letzten,  13. Vorlesung:  «Nichts ist ohne Grund. Sein und Grund: das Selbe. Sein als gründendes hat keinen Grund, spielt als der Ab-Grund jenes Spiel, das als Geschick uns Sein
und Grund zuspielt.»1
Es sind atemberaubende poetische Texte, die Sinn- und Erkenntnisdramen aus den verschiedenen Sprachen und Worten herausholen; eines aber bleibt offen:
Sein ist kein Beweggrund, keine Ursache, es ist eben das Sein. Die Frage des Beweggrunds ist keine ontologische-, sondern eine ethische Frage. Also erklärt Heidegger nur den Grund, nicht aber die Ursache. In seiner Eile, den Grund im Sein zu finden, verwischt Heidegger die uns wesentliche Frage: die nach dem Beweggrund, nach der Ursache, nach der treibenden Kraft in Schöpfung und Leben, er reduziert sie auf ein allgemeines, allumfassendes, aber beweggrundloses Prinzip.2

  • Wenn ‹Sein› Grund ist, hat alles, was ist, einen Grund. Doch die Frage bleibt offen: Hat alles eine Ursache? Ist nicht die Ursache der Grund des Handelns? Ist nicht Sein, also ein Wesen sein, ein bestimmtes Sein, gerade weil es sich verhält, also auf eine spezifische Weise handelt?
  • Wir sollen also ethisch, nicht ontologisch fragen: Hat alles seine Ursache?
  • Gehen wir einen Schritt zurück und setzen wieder bei Leibniz ein: «alles hat seinen Grund» oder «nichts ist ohne Ursache».
  • Also, alles ist aus einer vorherigen Ursache heraus erklärbar. ‹Das ist geschehen wegen dem, was vorher geschah.›
  • Also sollte auch jede Ursache ihre Ursache haben.
  • Was ist die erste Ursache, der erste Grund?
  • Bei Leibniz ist es Gott.
  • Schauen wir die Annahme, dass alles einen Grund hat, genau an, ergeben sich verschiedene Möglichkeiten:
    1 Es gibt einen ersten Grund, eine Ur-Ursache. Weil alles einen Grund hat, muss die erste Ursache ihren Grund in sich haben.
    2 Die Welt ist ein Kreis, in dem Ursache und Wirkung kreisen. Wenn es eine ‹letzte Wirkung› gäbe, wäre sie die Ursache der ‹ersten Wirkung› usw.
    3 Die Reihe der Ursachen erweitert sich in die Unendlichkeit. Wir können immer noch einen Schritt rückwärts gehen und es gibt immer eine ‹vorherige Ursache›.
  • Der erste Gedanke ist leer, denn wenn etwas einen Grund in sich hat, kann es kein Grund für das ‹was› oder ‹wie› (es ist) sein, weil die Ursache eben ein Teil ist von dem, was es ist. Also hat es keinen Grund, sondern ist einfach, wie es ist.
  • • Ist die Welt eine kreisende Ursache/Wirkung-Wiederholung, sind wir bei der ewigen Wiederholung des Gleichen. In diesem Fall ist jede Sache, jedes Ding oder Geschehen die Ursache von sich selbst, also gibt es keine Ursache oder keinen Grund (wie im vorigen Satz gezeigt).
  • Erweitert sich die Reihe ins Unendliche, das heißt gibt es immer eine vorige Ursache bis ins Unendliche (3. Möglichkeit), dann ist der Grund immer ein anderer, ein voriger, also ein anderer als er selbst, und damit nicht der Grund. Eine unendlich regressive ‹Verschiebung› vom Grund entwertet die Ursache, ‹Es ist immer noch nicht, auf ewig, die Ursache›, also gibt es keine endgültige Ursache, keinen Grund.
  • Wenn das der Fall ist und alle drei möglichen Beziehungen zum Urgrund Unmöglichkeiten sind, müssen wir feststellen, dass der Gedanke ‹Nihil est sine ratione, nichts ist ohne Grund› ein Fehler ist, ein unbewiesenes Axiom, das weder die Prüfung des Denkens noch die der Wirklichkeit bestehen kann.
  • Das bedeutet, dass es etwas geben muss, das keine Ursache oder keinen Grund hat.
  • Es ist schwierig, etwas zu finden, das keine Ursache hat. Wir tendieren dazu, die Ursache als Erklärung und Begründung zu fassen, als die wichtige Klärung von dem, was wesentlich ist. Etwas ohne Grund und Ursache scheint uns ohne Sinn zu sein, also schwer oder sogar unmöglich zu benennen. Das, was keinen Grund hat, scheint uns wesenlos zu sein.
  • Das, was keine Ursache hat, was nicht ‹wegen diesem oder jenem› stattfindet, bezeichnen wir als Liebe. Als die Liebe, die unbedingt und frei von Begehren ist. Es ist ein Wort, welches eine Verantwortung bezeichnet, die in keiner Pflicht und keinem Gewinn verankert ist.
  • Die Liebe hat keinen Grund, keine Ursache, keinen Sinn. Man kann nicht lieben, um etwas zu erreichen, weil man etwas will. Will man etwas, dann wird es zum Begehren, liebt man wegen etwas, dann wird es bedingt.
  • Sogar unsere Kinder lieben wir nicht, weil sie unsere Kinder sind. Sondern weil sie unsere Kinder sind, sind wir fähig, sie zu lieben. Die gegebene Bindung, die Nähe, die da ist, weil sie unsere Kinder sind, verschafft uns den sicheren, freien Raum, in dem wir uns erlauben, grund- und ursachenlos zu sein. Es wäre nicht notwendig, sie oder andere zu lieben, wir könnten sie auch einfach instinktiv schützen, aber in der Liebe, und das ist die Bedeutung, in der dieses Wort hier benutzt wird, ist keine Notwendigkeit (im Unterschied zur Begierde, Anziehung oder Angst).
  • Also: Liebe hat keine Ursache, keine Notwendigkeit, keinen Grund.
  • Das, was grundlos, also von Grund und Ursache frei ist, ist der Urgrund von allem. Das, was als Erstes in der ‹Kette der Dinge›, in der Ursachen-Reihe steht.
  • Das Grundlose allein kann die Ursache und der Urgrund von allem Bedingten sein, es ist die Urbedingung.
  • Liebe ist also, denkbar, die Ursache aller Dinge, der Grund.
  • Also ist die Liebe auch die Ursache und der Grund von Hass und dem Bösen.
  • Die Möglichkeiten des Bösen, des Guten und der Freiheit sind mit dem Anfang der Ur-Ursache verknüpft.
  • Nur beim Übergang von der grundlosen Tiefe der ursachenfreien Liebe, die, weil grundlos, unendlich tief ist, zum begründeten und verursachten Handeln entsteht die Möglichkeit des Bösen und aus dem heraus das Gute. Als Folge davon entsteht die Frage nach der Freiheit.
  • Böse wird es, wenn das Unterordnen der Handlung unter die eigenen Interessen sich so entfaltet, dass die Begründung der Handlung nach einer unendlichen Entfernung vom ‹ersten Grund› strebt, zu einem absoluten Beweggrund wird und sich als ‹Quelle aller Dinge› formuliert. So eine Handlung findet ihre Berechtigung in einer Ursache, die alle anderen Gründe eliminiert, also ein absoluter Grund wird (wie etwa bei Lustverbrechen oder religiösem Fanatismus).
  • Als ‹gut› erkennen wir das Handeln das seine Ursache und seinen Beweggrund im Unbedingten, Grundlosen findet (dieses ist nur als Liebe zu denken). Also eine Handlung, deren Impuls bis zur Liebe zurückverfolgt werden kann.
  • In so einer Tat wird die Reihe der Ursachen vom Ursachenfreien unterbrochen: ‹Das habe ich deswegen gemacht, und das wegen diesem usw.›, bis zur grundlosen Ursache: ‹und das, weil ich dich liebe›. Das Gute hat keine Ursache, keinen Grund.
  • Liebe hat kein Unterbewusstsein. Obwohl die Liebe uns unbewusst sein kann, liegt ihr kein Unbewusstes zugrunde.

 

Die drei Bilder sind nicht thematisch mit dem Text verbunden. Sie sind aus dem Ort gemalt, in dem Kausalität aufhört und ein Handeln ohne Ursache, aus der Liebe zur Tat, beginnt. In Reihenfolge: ‹Zwei›, ‹Hinter›, beide 40 × 32 cm, ‹Warten› 45 × 35 cm, Eitempera auf Pressholz, Zvi Szir 2014.

2

In menschlichen Verhältnissen ist Liebe immer wieder die Ursache für Neid, Hass und Bosheit.

  • Das Zurückweisen der Liebe, wegen Liebe zu einem anderen oder zu anderen Überlegungen und Empfindungen, die in sich nichts Böses haben, ist der Grund und die Ursache (auch wenn nicht immer direkt, sondern in einer Reihe von Ursache und Wirkung) von vielem, wenn nicht von allem, was wir als menschliche Bosheit bezeichnen können.
  • Im Werk von Rudolf Steiner finden wir Schilderungen über den Ursprung des Bösen, in kosmischen Dimensionen, auf zwei Ebenen.
    1 In den Mysteriendramen in ein Bild gekleidet: Die Axt, die ihren Griff aus dem Holz des Baumes bekommen hat, droht, den großzügigen Baum selbst zu fällen.
    2 In der Geheimwissenschaft, in der das Geschehen im altenMond (und vorher noch unsichtbar im alten Saturn) als das Urbild der Geburt des Widersachers geschildert wird: Die Geister der Bewegung bieten ihre Arbeit, die Entfaltung der planetarischen Stufen des alten Mondes, den Geistern der Harmonie als Opfergabe an. Diese Gabe wird liebevoll den höheren Geistern entgegen-getragen. Die Geister der Harmonie erkennen voller Liebe die Unvollkommenheit des Werkes und weisen es zurück: ‹Arbeitet weiter daran, es ist noch nicht reif. Kommt wieder, wenn ihr so weit seid, ihr seid noch zu jung.› Ein Teil der Geister der Bewegung kann die Zurückweisung durch die «geliebten Meister» nicht ertragen. Ihre Herzen zerbrechen daran. Sie wenden sich gegen ihre geliebten Wegweiser und versuchen, ihren eigenen Weg zu gehen, eine Gegenrichtung einzuschlagen. Sie wollen es den älteren Geist-Geschwistern ‹zeigen›.
  • Ihre Arbeit ist nicht mehr im Dienste der ganzen Entfaltung der möglichen Welt, sondern wird zum Eigenzweck. Eingekapselt, aus dem Ganzen heraustretend, wurzelt sie nicht mehr in der Liebe, sondern hat ihre Ursache im Beleidigtsein, im Neid und in der Wut.
  • Denkend sehen wir die Geburt des Hasses und der Bosheit aus dem Urgrund und der Ursache der Liebe.
  • Also kann man die Liebe als Ursache und Grund allen Seins bezeichnen; als das einzige Unverursachte, also Unbedingte, im Kosmos.
  • Also ist Gott die Liebe, oder besser formuliert, Liebe ist das was wir unter Gott verstehen.

 

Die drei Bilder sind nicht thematisch mit dem Text verbunden. Sie sind aus dem Ort gemalt, in dem Kausalität aufhört und ein Handeln ohne Ursache, aus der Liebe zur Tat, beginnt. In Reihenfolge: ‹Zwei›, ‹Hinter›, beide 40 × 32 cm, ‹Warten› 45 × 35 cm, Eitempera auf Pressholz, Zvi Szir 2014.

3

Vergleichen wir die vorchristlichen Geschichten, Erzählungen und Mythen mit der nachchristlichen Literatur, werden wir eine Wende bemerken.

  • Die vorchristlichen Erzählungen, etwa die griechischen Tragödien und Mythen, handeln von Notwendigkeit, von dem, was prophezeit wurde, was sich erfüllen soll. Die Spannung zwischen dem, ‹was› sich erfüllt, und dem, ‹wie› es sich erfüllt, macht den tragischen Charakter des Griechischen aus.
  • Der Beweggrund der Geschichte war immer das Notwendige.
  • Die nachchristliche Literatur handelt immer wieder von der Liebe, oft vom Recht der Liebe gegenüber der Pflicht und der Welt-/Kulturordnung. Der Beweggrund der Dramen ist immer wieder die unerklärliche Tat(Sache) der Liebe, das, was auch als Liebeswahn bezeichnet wird.
  • Die Geschichten handeln zwar meist von ‹romantischer Liebe›, diese steht aber als Stellvertreter und als erstes Bild oder als Allegorie der unbedingten Liebe (wie jede religiöse und kabbalistische Exegese des Hohelieds beweist).
  • Obwohl wir uns politisch, sozial und persönlich immer wieder an der Frage der Freiheit orientieren, lässt sich die Freiheit in literarischem Handeln leichter in Bilder der Liebe kleiden.
  • Liebe und Freiheit lassen sich nicht separat denken, oder besser gesagt: wenn es nicht um Wahlfreiheit geht (die nur begrenzt, metaphorisch, als
  • Freiheit bezeichnet werden kann), kann ein Handeln nur frei sein, wenn es seinen Beweggrund in der ursachenfreien Liebe hat.
  • Es geht um eine Handlung, die nicht aus Notwendigkeit vollzogen wird, aber aus Liebe zu dem, was man tut, tun soll, oder will. Rudolf Steiner bezeichnet es als «Leben in der Liebe zum Handeln». Oder ausführlicher: «Ich erkenne kein äußeres Prinzip meines Handelns an, weil ich in mir selbst den Grund des Handelns, die Liebe zur Handlung gefunden habe. Ich prüfe nicht verstandesmäßig, ob meine Handlung gut oder böse ist; ich vollziehe sie, weil ich sie liebe.» (‹Die Philosophie der Freiheit›, 9. Kapitel)


1 Die beiden Haupttexte Heideggers zum Thema sind: ‹Vom Wesen des Grundes›, 1928, Gesamtausgabe Band 9, und ‹Der Satz vom Grund› Vorlesungen aus dem Wintertrimester 1955/56, die in Buchform herausgegeben wurden, Gesamtausgabe Band 10. Siehe ‹Martin Heidegger. Gesamtausgabe›, Vittorio Klostermann GmbH, Frankfurt am Main, 1997.
2 Das Verschieben der Grundlage der Philosophie von Ontologie hin zu Ethik finden wir im Denken Emmanuel Lévinas, der sowohl der großen Verehrer wie auch der größte Kritiker des Denkens von Heideggers war.
3 ‹Die Philosophie der Freiheit› 9. Kapitel, in der ersten Ausgabe von 1894