Das Goetheanum wurde 1921 als Wochenschrift von Albert Steffen und Rudolf Steiner gegründet.

Letzte Ausgabe

Die Liebe geht in den Tod

Die Liebe geht in den Tod

Mit der Begegnung von Venus und Saturn Anfang Januar schliesst sich ein Fest planetarischer Begegnungen, das sich über das ganze Jahr 2015 erstreckte und nun mit einem weihnachtlichen Bild endet.

Ein Fest der planetarischen Begegnung kommt im Januar an sein Ende. Es begann vor einem Jahr mit Venus und Merkur. Die beiden ‹Sonnenplaneten› standen zehn Tage eng beisammen. Eine solche Konjunktion ist der besondere Moment, in dem jeder Planet seine Eigenart, seinen individuellen Duktus besonders zeigt. Gerade in Nachbarschaft zu einem anderen Wandler zeigt sich das Typische im Brennglas. So erinnert Merkurs zartes Leuchten, wie gleißend, wie überschwenglich das Licht von Venus ist, und die übermächtige Lichtkraft von Venus zeigt gerade, wie empfindlich Merkur für das Licht der Umgebung ist. Weil Venus nun bei allen folgenden Konjunktionen beteiligt ist, scheint es plausibel, all diese planetarischen Zusammenkünfte vom Blickpunkt dieses Planeten aus zu verfolgen. Venus als der Planet der Liebe kommt also zuerst mit Merkur zusammen. Versteht man Venus als Repräsentanten von Liebe und Schönheit, dann begann der kosmische Reigen mit der ‹merkuriellen› Liebe, also jener Liebe, die beweglich ist, zum anderen strömt und sich mit dem Fremden verbindet. ‹Liebe ist Bewegung›, könnte man diese erste Konjunktion überschreiben.


Orion, das Wintersternbild steht über dem Mont Blanc. Foto von Sebastian Voltmer


Die drei Begegnungen von Venus

Dann wanderte Venus weiter zu Mars und kreuzte einen Monat später dessen Bahn. Nimmt man die seelischen Eigenschaften, die den Planeten zugeschrieben werden und die sich vielfältig in deren Eigenschaften finden lassen, dann waren nun Liebe und Tatkraft am Himmel vereint. Man fragt sich beim Anblick der so unterschiedlichen Lichter, ob es tatsächlich so ist, dass die Liebe um so viel heller leuchtet als der Wille, denn die Leuchtkraft von Venus überragt diejenige von Mars um das Hundertfache. Während Venus im hellsten Glanz selbst dann zu sehen ist, wenn die Sonne schon aufgegangen ist und den Himmel erhellt, glimmt Mars in zartem Orange und ist nur vor dunklem Himmelsblau zu sehen. Zum Willen gehört, dass er schwach leuchtet. Wer in den Weihnachtstagen die Ruhe und Aufmerksamkeit findet, auf das alte Jahr zurückzublicken, wird diesem Phänomen begegnen: Entscheidende biografische Wendungen und neue Wege kündigen sich häufig durch scheinbar unbedeutende neue Handlungen an. Unvermerkt bricht man mit alten Gewohnheiten. Bevor es ins Bewusstsein dringt, haben die Glieder schon begonnen, sich auf einen neuen Weg einzurichten. Mag dieser Wille auch gegenwärtig schwach leuchten, so ist er doch voller Zukunft. Es lohnt sich deshalb, solche Begegnungen wie die von Mars und Venus mit der Frage anszuschauen: «In welchem Licht ist mehr Kraft und Zukunft?» Mit ‹Liebe ist Tat› könnte die Begegnung mit Mars überschrieben sein.
Es folgte dann im Sommer eine großartige Zusammenkunft mit Jupiter am Abend- und später erneut am Morgenhimmel. Es ist eine besondere Feier, wenn die beiden hellsten Planeten Venus und Jupiter, die Repräsentanten von Liebe und Weisheit am Firmanet vereint sind. Die Konjunktionen der beiden Planeten erinnerte daran, wie eng Liebe und Weisheit aufeinander angewiesen sind, soll in der Welt etwas erkannt und etwas getan werden, soll etwas gedeihen. Liebe ohne Erkenntnis ist haltlos, droht sentimental zu werden, und Erkenntnis ohne Liebe bleibt äußerlich, dringt nicht zum Wesen der Dinge. ‹Liebe ist Erkenntnis› war demnach die Überschrift zu der doppelten Begegnung der beiden hellsten Planeten.

 Saturn, Venus und die Mondsichel stehen zwischen Schlangenträger und Skorpion.
(Aus: ‹Sternkalender›2015/2016).


Kraftstrom am Morgenhimmel

Aus dem Punkt der Begegnung zweier Planeten wurde dann im Herbst eine Linie. Über das weitgestreckte Bild der Jungfrau verteilten sich die Planeten und bildete sich so etwas wie eine Leiter zum Himmel, wobei die Sterne Regulus im Löwen und Spica in der Jungfrau sich in diesen Kraftstrom einreihten. Wie können sich einzelne Begegnungen zu einem Kraftstrom, einem Lebensprozess steigern, das schien diese Planetenreihe beantworten zu wollen. – Im Januar folgt nun der dritte und gewissermaßen letzte Akt in diesem planetarischen Reigen. Die Planetenreihe weitet sich in solchem Maß, dass nun Venus in den Weihnachtstagen das Tierkreisbild des Skorpions erreicht und sich dort zu Saturn stellt. Wie verschieden sind diese beiden Planeten! Während Venus all ihr Licht zu verströmen scheint und damit scheinbar alles in die Gegenwart gießt, ist das Licht von Saturn so ruhig und zurückhaltend, dass man meint, der ferne Planet würde das Licht nicht ausstrahlen, sondern vielmehr hineinstrahlen. ‹Kronos› nannten die alten Griechen den Planeten am Rand des Sonnensystems. Was wir heute räumlich fassen, drückt sich in der Namensgebung zeitlich aus: Kronos gehört nicht wie Zeus oder Aphrodite zum Olymp, sondern ist als Titan ein Gott er Urzeit, ein Gott der Schöpfungszeit. Von diesem höheren Rang Saturns spürt man etwas, wenn man das Auge im Teleskop auf den Ringplaneten richtet. Während Jupiter feierlich wirkt und sich – so fühlt man es – dem bewaffneten Auge gerne präsentiert, wird im Anblick des fernen Saturns die Stimmung feierlich. Saturn ist so etwas wie die Kathedrale, der heilige Ort im Sonnensystem. Hier ist alle Bewegung zur Ruhe gekommen, sodass man den langsamen Wandler beinahe als Stern begreift. Reife, Innerlichkeit und Tod sind deshalb die Attribute, die ihm zugesprochen werden. Wie eine Tonart einen einzelnen Ton in eine geistige Klanglandschaft einbettet, so schenkt der Sternenhintergrund jedem Planeten und dessen besonderem Charakter eine geistige Landschaft. Saturn steht in seinem 30-jährigen Lauf jetzt im Skorpion, dem Tierkreisbild des Todes. Über der s-förmigen Gestalt des Skorpions tront allerdings ein Sternbild, das beinahe zum Tierkreis hinzugehört und oft vergessen wird: der Schlangenträger (Asklepios). Polar zur schneidenden Geste des Skorpionbildes besteht der Schlangenträger aus einem feinen Rund zarter Sterne. Kein anderes Sternbild verfügt über solch einen großen Innenraum wie dieses Bild des Heilgottes. Nicht nur Tod, sondern auch neues Leben sind die Motive dieser Region. Wer am Heiligabend spät zum Sternenhimmel blickt, wird sehen, dass Saturn nun direkt bei Antares, dem Hauptstern des Skorpion steht. Die Krönung dieser Konstellation erfolgt aber erst mit Epiphanias: Am 6. und 7. Januar stellt sich Venus zu dem Doppelgestirn des Todes. Vielleicht, so frage ich am Schluss, ist Venus die Brücke aus dem saturnischen Tod zu dem neuen Leben an das der Schlangenträger erinnert, vielleicht ist die ‹Liebe, die zu sterben vermag› die letzte und vermutlich größte Überschrift in der Reihe der Begegnungen. Es ist eine weihnachtliche Überschrift, denn das Weihnachtsfest feiert die Geburt eines Menschen und damit den Tod eines Gottes, den Tod aus Liebe, so wie Ostern den Tod eines Menschen und die Geburt eines Gottes feiert.


Siehe: Wolfgang Held, ‹Sternkalender 2016/17› Dornach 2015
und ‹Im Zeichen des Tierkreises› Stuttgart 2015

Text entstammt: Das Goetheanum 51-52 · 18.12.2015 · PDF

 

 

 

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