Kontakt

Wenn Sie Fragen haben oder Rückmeldungen schicken möchten, können Sie uns gerne hier schreiben.

45 Rüttiweg
Dornach, 4143
Switzerland

Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

Erwachen, um zu hören

TEXTE

Erwachen, um zu hören

Bodo von Plato

Gott klingt. Die Welt klingt. Auch der Mensch – oder das Ich – ist ein Klang; der Mensch ist Widerhall, ist Resonanzraum des Liedes, das die Welt durchklingt. – Gibt es Gesetze des Erwachens für das Lied der Welt, für das Raumwerden?

Seit der Neuzeit wird die Welt zunehmend vom Menschen gestaltet. Und sie ruft nach Frieden, die Welt wartet auf den friedlichen, den kontemplativen Menschen. Anders als im Mittelalter, anders als in der Antike kann Kontemplation heute zum Erwachen für die Welt, zum Eintauchen in die Welt, zur Liebe für die Welt führen. Kontemplation als ein Erwachen für den Klang der Welt, für das Lied, das in allen Dingen träumt, ein Erwachen in der Lust zur Welt? Dieses Erwachen findet heute schwerlich in der Vita contemplativa statt, in der Zurückgezogenheit, wohl aber in der Vita activa: Das tätige Leben kann zur Kontemplation in der Welt werden und auf den Ruf nach Frieden antworten. Nicht etwa, um mit der Welt und ihrer ganzen Stofflichkeit eins zu werden, sondern um Mensch zu werden. – Wartet nicht die Welt darauf, dass der Mensch Mensch wird, dass er ‹Ich› sagt, dass er Ich wird? Will nicht die Welt durch das Lied, das in allen Dingen schläft, in uns Ich werden, wenn wir es zu hören beginnen?

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.¹

Grenzziehung

Es treten Meister auf, Lehrer des Hörens, die uns lehren, wie das Lied der Welt in uns erwachen kann. Diese Meisterschaft kann aber auch Partnerschaft werden, oder besser noch: Freundschaft. Ist Freundschaft, wenn wir so zusammenkommen, dass Ich und Ich sich begegnen und aneinander erwachen? Die Mysterien der Begegnung können als Freundschaft, als Liebe, als Arbeitsgemeinschaft, Partnerschaft, Auseinandersetzung und in vielen anderen Weisen, glücklichen und unglücklichen, offenbar werden. In Begegnung, die nicht Fusion wird, in der Ich und Du ihr Gegenübersein verlieren. – So wie Gott zur Welt wurde, so wie die Welt zum Ich werden möchte, möchte der Meister immer mehr im Freund, im Partner, im Mitarbeiter leben. Diese Transformation folgt Regeln, hat Gesetze, die zu lernen, zu respektieren sind. Manche Menschen haben, mehr als andere, solche Regeln erforscht. Das sind oft die Dichter.

In seinem Buch ‹Hier, wo wir uns begegnen›² beschreibt der Dichter John Berger dieses Zentrum einer unendlichen Sphäre: der Sphäre Gottes, der Sphäre der Welt oder des Menschen. Dieses Zentrum, das überall ist, ist eigentlich, so sagt Berger, nicht überall, sondern dort, wo wir uns begegnen. Da ist der Ort des Ichs, der Ort des Menschen, der Ort, der Welt wird, der Ort Gottes.

John Berger beschreibt eine Bedingung für diesen Begegnungsort. Er erzählt die Begegnung mit seiner Mutter, die längst gestorben ist, die er aber in Lissabon trifft. Er geht durch die Stadt und auf einmal ist sie da, auf einer Bank. Sie begegnen sich und sie sagt zu ihm: «Alles im Leben, John, hängt davon ab, wo man die Grenze zieht – und das muss jeder für sich allein entscheiden. Das kannst du niemandem abnehmen.» Wenn wir uns für das Unendliche interessieren, wenn wir uns zu dem Unendlichen hingezogen fühlen, also auch zu dem anderen Menschen, dann müssen wir lernen, Grenzen zu ziehen. Das können wir nicht abgeben, auch niemandem abnehmen. ‹Ich› muss es sagen. ‹Ich› bestimmt die Grenze. Es ist nicht leicht, undmanchmal möchte man gerne jemanden bitten: Sag mir, wo muss ich die Grenze ziehen? «Man kann es natürlich versuchen, aber es wird nicht funktionieren.» Johns Mutter ist erfahren und verstorben und klar. Ich muss es selbst tun. Es geht um eine Grenzziehung, die erst jene Grenze bildet, die uns erlaubt, in das Unendliche zu gehen, wenn ich selbst sie ziehe.

‹Im Urbeginne III› Gold auf Papier, Barbara Schnetzler

‹Im Urbeginne III› Gold auf Papier, Barbara Schnetzler

Eine fremdbestimmte Grenzziehung hat Konsequenzen. Was passiert, wenn jemand anderes oder gar Konventionen für uns die Grenzen ziehen? «Wenn die Menschen Regeln gehorchen, die andere für sie ausgedacht haben, achtet keiner mehr das Leben.» Das ist die Folge. Sagt Johns Mutter. Sieht nicht so die heute menschengemachte Welt aus: leblos? Die Mutter: «Wenn du das Leben achten willst, kommst du um die Grenzziehung nicht herum.»

Seit der neueren Zeit, der 1968er-Bewegung, der Entkolonialisierung, der Liberalisierung und Persönlichkeitskultur ist die ‹Entgrenzung› ein hoher Wert: die Grenzen der Bürgerlichkeit durchbrechen, die Grenzen der Wissenschaft überschreiten, die Grenzen der geregelten Kunstausübung sprengen. John Berger spricht dagegen von ‹Grenzziehung›. Keine ‹Grenzziehung›, um zu verbürgerlichen, sondern um als Ich in die Unendlichkeit treten zu können.

«Dann spielt Zeit keine Rolle mehr, wohl aber der Ort?», fragt John. Die Mutter: «Das ist aber nicht irgendein Ort, sondern der, an dem man sich begegnet.» Der Ort, an dem man sich begegnet, ist ein Ort außerhalb der Zeit. Eine Begegnung, eine akute Begegnung, sprengt die Zeit, sie spielt plötzlich keine Rolle mehr. Aber sie findet an einem Ort statt. Wie ist dieser Zustand, in dem die Zeit keine Rolle spielt, in dem die Zeit sich in die Dauer, in die Nichtzeitlichkeit löst, in der aber der Ort wichtig bleibt, wird? Wie ist dieser Raum, der nicht mehr geografischer Ort ist? Nicht ein ‹Raum-Ort›, sondern ein ‹Mensch-Ort›, ein ‹Wer-Ort› – und es handelt sich hier nicht um ‹irgendwen›. In mancher Begegnung ereignet sich nichts. Sie ist ein Nicht-Ort. In einer anderen ist plötzlich alles da. Die Welt beginnt zu klingen. Das Lied taucht plötzlich auf. Das Zauberwort – getroffen. Gesetze des Hörbarwerdens? Ist die Grenzziehung ein Gesetz?

Übergänge

Ein anderer Meister des Hörens ist Peter Handke. Er hat eine Art Lehrbuch der Kontemplation geschrieben: ‹Die Lehre der Sainte Victoire›3. Es ist seine Poetik, die beschreibt, wie das Wort die Welt zum Klingen, zum Singen bringt und wie wir hören lernen können. – Wenn ich zu Gott sprechen will, bete ich. Es macht mich bereit, Ihn zu hören. Spreche ich zur Welt, arbeite ich. In der Arbeit trete ich in die Welt ein. In der Arbeit, im Studium, lerne ich mich – das Ich – aus der Welt kennen. Kontemplation bedeutet: Gott, Welt, Ich hören. Kontemplation will Hören Gottes, der Welt werden, Hören der Menschenwelt auch. In der Kontemplation lernt das Ich hören, lernt, auf das Ich zu hören.

Im Hinblick auf das Hören weist Peter Handke auf Übergänge hin, auf das Übergängliche. Auf den Ort, wo eins in das andere übergeht. Nicht die Grenze, sondern das Gegenteil von Grenze. Zum Beispiel gibt es zwischen Tag und Nacht keine scharfe Grenze. Der Tag geht in die Nacht über. Die Nacht kommt, der Tag geht. Im Übergang: Zwielicht. Dämmerung. Traum –  Übergang zwischen Schlafen und Wachen. Wach springe oder falle ich nicht plötzlich in den Schlaf. Normalerweise träumt man zuerst, und dann verklingen die Träume in den Schlaf. Und auch wenn man zurückkommt, träumt man, lebt in dieser seltsamen, beweglichen Bilderwelt und wacht dann auf. Oder das Gefühl – zwischen Wille und Gedanke, Übergang zwischen Tat und Reflexion? Das Übergängliche: Dämmerung, Traum, Gefühl.

In seiner Lehre der Kontemplation erzählt Peter Handke ein Schwellenerlebnis. Er macht einen Spaziergang mit einer Freundin und gibt sich – ganz – dem Schauen der Natur hin. Plötzlich überfällt ihn die Angst, dass er sich im Schauen, im Offenen verliert. Da sieht er sie, die Freundin. Er sieht die «beruhigende Menschenform». Die Gestalt, die Form des Menschen vor oder in der Unendlichkeit. Er fängt sich. Kommt zu sich. Und sie sagt: «Der Übergang muss für mich klar trennend und ineinander sein.»

Die Kontemplation, die uns den Klang der Welt, der hiesigen, hören lässt, ist ein Leben in Übergang und Grenze. Das Leben mit der Grenze und dem Übergang ist das Leben der Kontemplation, die den Gesang der Welt hörbar werden lässt. Aufmerksamkeit für Übergänge und Grenzen lässt eine kontemplative Haltung aufleben, die das Lied der Welt erweckt. Und wir lernen dieses Lied singen, das eine friedliche, eine menschliche Welt schafft.


Der Text stammt aus einem Vortrag, den Bodo v. P. im Rahmen der Februartage am 2015 Goetheanum hielt. Zusammenfassung durch Louis Defèche.

1 Joseph von Eichendorff, ‹Wünschelrute›

2 John Berger, ‹Hier, wo wir uns begegnen›, Carl Hanser Verlag

3 Peter Handke, ‹Die Lehre der Sainte-Victoire›, Suhrkamp Verlag