Das Goetheanum wurde 1921 als Wochenschrift von Albert Steffen und Rudolf Steiner gegründet.

Letzte Ausgabe

Selbstbewusstes Europa

Eine Tagung über das europäische 20. Jahrhundert.

«Seine wahre Mitte hat Europa noch nicht gefunden. Die Vorstellung von einem Europa, das nicht auf Instinkte, sondern auf menschliches Streben und Bemühen gegründet ist, existiert eigentlich noch gar nicht. Bürger aus anderen Orten der Welt, die nach Europa kommen, weil sie meinen, diese Vorstellung hier finden zu können, sind oft enttäuscht.» Mit diesen Gedanken endete am 15. November der Pariser Kongress ‹Le bouleversement du monde 1914–2015› (1), an dem etwa 120 Gäste mit den drei Historikern Terry Boardman, Antoine Dodrimont und Markus Osterrieder versucht haben, tiefere Wurzeln und Erscheinungen der komplexen Konfiguration des heutigen Lebens zwischen Kulturen, Völkern und Staaten begreifbar zu machen. Nicht zuletzt konnte dieser Kongress auch einen klaren, kraftspendenden Blick auf die Anschläge werfen, die die Stadt ein paar Stunden vor Kongressbeginn bis in ihre Tiefen erschüttert hatten.

Das Panorama des europäischen Schicksals seit dem Ersten Weltkrieg rückte die Frage der Wahrhaftigkeit ins Zentrum. Genau wie Gavrilo Princip, der am 28. Juni 1914 den österreichisch-ungarischen Thronfolger ermordete, sich nicht darüber bewusst war, dass seine Tat eigentlich Großmächten wie Grossbritanien, Frankreich und Russland diente, so haben sich auch die europäischen Völker täuschen lassen über die realen Motive, die sie in den Krieg stürzten.

Imaginationen von Europa

Imaginationen von Europa

Man solle sich darüber bewusst sein, so Markus Osterrieder, dass die Bilder, wie sie in den einzelnen Kulturen als Gesellschaftsprojekte lebten, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, beseitigt wurden, was erschütternde Konsequenzen hatte. Etwa im Fall Deutschlands kann man sehen, dass es eigentlich nicht darum gehen sollte, einen nach Macht strebenden deutschen Nationalstaat zu bilden. Vielmehr hätte man danach streben müssen, die Voraussetzungen für eine grenzenloseEntfaltung des deutschen Geistes zu fördern. So hatte es Goethe ausgedrückt: «Deutschland ist nichts, aber jeder einzelne Deutsche ist viel, und doch bilden sich letztere gerade das Umgekehrte ein. Verpflanzt und zerstreut wie die Juden in alle Welt müssen die Deutschen werden, um die Masse des Guten ganz und zum Heile aller Nationen zu entwickeln, das in ihnen liegt.»(2) Und Novalis: «Deutschheit ist Kosmopolitismus mit der kräftigsten Individualität gemischt.»(3) Diese Aussagen stehen in Einklang mit der damaligen Bevölkerungslandschaft in Mitteleuropa: Zwischen Rhein und Schwarzem Meer und bis in die baltischen Provinzen des russischen Reiches bemühten sich verschiedene Länder, Religionen und Kulturen, eine lebendige Gemeinschaft zu bilden. Deutsche, wie andere Völker, waren über diesen Raum zerstreut, und erst die zunehmenden Nationalismen, die von verschiedenen Kreisen und dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson nach dem Ersten Weltkrieg unterstützt wurden, haben dieses Gleichgewicht zunichte gemacht, unter anderem durch die Zerstückelung des österreich-ungarischen Reiches. Dieser von manchen bewusst gewollte Schritt wurde eine der tieferen Begleiterscheinungen des Ersten Weltkriegs und ein Vorbote des mächtigen Triebs nach ‹ethnischer Reinheit›, der die Menschheit des 20. Jahrhunderts später quälen sollte.

Während die Völker von Mitteleuropa sich darüber nicht voll bewusst waren, lebte in bestimmten angelsächsischen Kreisen schon sehr früh, wie Terry Boardman zeigte, ein klares Bewusstsein über diese Fragen, das sich zum Beispiel in den geopolitischen Ideen von Sir Halford John Mackinder ausdrückte. Diese Geopolitik als Staatsstrategie, unterstützt durch Werkzeuge wie Geheimdienste, die zuerst in Grossbritanien organisiert wurden, war eine Möglichkeit, politische Geschehnisse vorauszusehen und zu manipulieren, um gewisse Ziele zu erreichen. Ein sicherer Zugang zum Öl des Nahen Ostens wurde zum Beispiel durch Unterstützung der Entstehung Saudi-Arabiens und die Teilung des Nahen Ostens mit Frankreich im geheimen Sykes-Picot-Abkommen 1916 gewährleistet. Für diesen angloamerikanischen politischen Trieb hieß es zunächst: Ein starkes Mitteleuropa, das seine kulturelle Vielfältigkeit und spirituelle Kreativität in politische und kulturelle Macht auf der Weltbühne umsetzen würde, soll verhindert werden. Tatsächlich hätte ein solches Mitteleuropa die globale Herrschaft der angelsächsischen Mächte, die fast alle Weltmeere beherrschten, infrage gestellt. Es hätte deren Streben zum Scheitern bringen können, weltweit eine hochstehende technisch-wirtschaftliche Macht zu verbreiten, die eine sozialdarwinistische Gesellschaft fördern würde.

Heinrich Bünting [Public domain], via Wikimedia Commons

1905 hatte der russische Staatsmann Pjotr Stolypin gesagt, Russland brauche nur Frieden: «Gebt dem Staat 20 Jahre inneren und äußeren Frieden, und ihr werdet das heutige Russland nicht wiedererkennen.» Man hätte hinzufügen können: Lasst uns unter Europäern uns gegenseitig nicht als Nationen, sondern als bloße Menschen kennenlernen. Nur dann hätten die Fragen nach Identität und Zusammenleben einen gesunden Platz finden können, jenseits von Nationalismus und Sozialdarwinismus. Jean Jaurès strebte genau danach, deshalb wurde er zur größten Gefahr für die Kriegsbefürworter. Hundert Jahre sind seitdem vergangen, und diese Herausforderung bleibt eine Bedingung für ein kreatives und vor allem selbstbewusstes Europa .


Jonas Lismont, geb. 1987, Studium der Politikwissenschaften, arbeitet für eine afrikanische Botschaft in Brüssel.

(1) ‹Welt im Umbruch 1914–2015›.
(2) J. W. von Goethe, Gespräch mit Kanzler von Müller vom 14. Dezember 1808, Gedenkausgabe, Bd. XXII: Goethes Gespräche, 1. Teil,1949, S. 527.
(3) Brief an August Wilhelm Schlegel vom 30. November 1797. In: ‹Novalis: Schriften›, Bd. IV,1975, S. 27. 

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Die Liebe geht in den Tod

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