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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

Phänomen des Fremden

TEXTE

Phänomen des Fremden

Gilda Rhien

Es gibt keine Welt, in der wir
je völlig zu Hause wären, und
es gibt kein Subjekt, das je
Herr im eigenen Hause wäre.
(Bernhard Waldenfels)

Das Fremde ist nicht das Gegenteil zum Eigenen, sofern wir das Eigene verstehen als das uns selbst Verständliche, die Selbstverortung und Selbstordnung, unsere Welt. Das Fremde ist mehr als nicht unsere Welt, größer als ein anderes Selbst- oder Menschenbild. Das Fremde ist wie die Antimaterie, ein schwarzes Loch – ein Tor. Das Fremde als ein Phänomen an sich zielt nicht darauf ab, angeeignet zu werden. Sich fremde Sicht- und Seinsweisen anzueignen, geschieht glücklicherweise zur Erneuerung, zu Erweiterung auch. Wer aber nach dem Fremden an sich fragt, fragt immer auch nach dem Ort und der Art unseres Verstehens und damit nach uns selbst. «Wir verstehen Fremdes nur in dem Maße, wie wir das Eigene nicht völlig verstehen», sagt Bernhard Waldenfels in seiner ‹Topographie des Fremden›.¹

Am Fremden erfahren wir, dass es nicht eine einzige, gültige Ordnung gibt. Fremdheit schafft ein konstitutives Moment für vieles. Oder anders herum: Unsere Eigenheit als Exklusivität schafft die Grundlage dafür, dass es auch Andersheit gibt. Aber Andersheit ist nicht gleich Fremdheit, selbst wenn mir eine andere Sprache fremd ist oder ich meinen Nachbarn nicht kenne.

Schwarze Tränen, Obsidian-Gestein in Armenien, fotografiert von Gilda Rhien

Schwarze Tränen, Obsidian-Gestein in Armenien, fotografiert von Gilda Rhien

Fremdheit ist wie ein Tor, durch das etwas in Erscheinung treten kann, was mehr ist als das mir nicht bewusst Vertraute. Das Fremde ist wie ein Nichtraum, das schwarze Loch, welches den Ort der Hermeneutik mitbestimmt. «Der wahre Ort der Hermeneutik liegt im ‹Zwischen› von Fremdheit und Vertrautheit», sagt Waldenfels. Es ist das Außerordentliche, das unsere Ordnungen wie ein Schatten begleitet.

Die Beziehung der Griechen zum ‹Barbaren› war eine Nicht-Beziehung. Barbar ist derjenige, zu dem ich aufgrund meiner Fremdheit nicht in Beziehung treten kann. Insofern ist das Fremde nichts, «was wir noch nicht kennen, was aber auf seine Erkenntnis wartet und an sich erkennbar ist», sondern eine leibhaftige Abwesenheit beziehungsweise ein Kein-Gegenüber. Für die Philosophen Emmanuel Levinas, Roland Barthes und Maurice Merleau-Ponty ist das Fremde das originär Unzugängliche, das Abwesende, das sich meinem Zugriff, meiner Aneignungstendenz entzieht. Deshalb wird es mitunter auch als Bedrohung empfunden. Für Theodor W. Adorno gleicht das Fremde in seiner ‹abwesenden› Qualität dem Vergangenen, dessen Nachwirkungen man wahrnehmen kann, wie Erinnerungen. Es liegt jenseits von Heterogenität und Eigenheit.

Fremdheit findet eine höchste Steigerung, wenn selbst die bloße Interpretationsmöglichkeit infrage gestellt wird. Das hat sie gemeinsam mit Ereignissen, «die den Gang der Dinge, auch die Raum- und Zeitordnung durchbrechen, vielleicht zu einem Augenblick, der die Raum- und Zeitlosigkeit streift».² Und Edmund Husserls paradoxe Kennzeichnung des Fremden legt die Annahme nahe, dass etwas da ist, indem es nicht da ist und sich uns entzieht. Warum sollte das nicht auch für das eigene Ich gelten, fragt Waldenfels.

Das Fremde als Erfahrungsform

Das Eigene beheimatet uns in der Welt. Die Ausbildung einer Heimwelt produziert zugleich eine Fremdwelt. Am Fremden machen wir eine Erfahrung. Das Fremde entreißt uns immer wieder ein Stück der Heimat, verweist auf etwas Unkategorisiertes, Ungeordnetes, Unbenanntes, Unbekanntes, nicht Domestiziertes in und um uns. Dabei gibt es das Fremde nicht fixierbar im Außen, auch wenn fremd und eigen als zwei Topoi aufgefasst werden können. Dem Flüchtling, an dem ich eine Fremdheitserfahrung mache, wohnt das Fremde nicht inne. Auch er macht an mir eine Fremdheitserfahrung. Wir fühlen in uns selbst eine Zugehörigkeit in der Nichtzugehörigkeit, eine Ferne des Nahen und eine Nähe des Fernen. Fremdheit ist eine Erfahrungsform in der paradoxen Form einer originären Unzugänglichkeit, einer abwesenden Anwesenheit. «Die Fremderfahrung bedeutet keinen Akt, den wir uns zuschreiben können, sie besteht aus singulären Ereignissen, die unserer Intentionalität zuvorkommen, sie durchkreuzen, von ihnen abweichen, sie übersteigen und die deshalb den Zirkel von Besonderung und Verallgemeinerung, von Teilung und Verganzheitlichung sprengen. Das Fremde zeigt darin eine Nichtassimilierbarkeit, wie sie uns besonders eindringlich im Bereich von Kunst, Eros und Religion begegnet.»³

Der Staunende ist ein beheimateter Heimatloser

Waldenfels' Text endet mit dem Plädoyer, dass «Heimischwerden und Fremdwerden auf unzertrennliche Weise ineinander gewirkt (sind), wie die Vorderseite und Rückseite eines Gewebes». Das bedeutet, dass die Aufspannung des Menschen in einem Zwischen liegt, nicht aber an einem konkreten Topos. Dass die Heimat des Menschen in einer Entwicklung, Bewegung und Wandelbarkeit liegt, anstatt in einer angewohnten Festigkeit und einem identifizierten/identifizierenden Blick. Der Staunende ist ein Ortloser (bei Sokrates), der in keine bestehende Ordnung passt und in sich selbst das schwarze Loch trägt, die Fremde erträgt. Er beherrscht nach Waldenfels die «Form des Überschreitens», die sich ständig zwischen fremd und eigen bewegt und mit einer Lebenswelt korrespondiert, jedoch auf fundamentalistische Absicherungen verzichtet. Die sich die Welt mit ihren überschüssigen Möglichkeiten nur mit einem schrägen Blick und einer schrägen Rede erschließt, in denen das Eigene sich nachhaltig verfremdet, ohne dass diese Verfremdung auf eine umfassende Aneignung zuläuft. «Von hier aus eröffnen sich Verständigungsmöglichkeiten zwischen verschiedenen Lebenswelten, durch die die Vielstimmigkeit und die Unstimmigkeit der Rede sowie die Vielförmigkeit der Erfahrung nicht einem Ideal der Homologie und Harmonie geopfert werden.»

Dem Fremden kann man nur antworten, im produktiven Sinn. Es ist das Paradox einer kreativen Antwort, in der wir sehen, was wir nicht haben, in der neuartige Gedanken entstehen, die weder mir noch dem anderen gehören. Die Kreation entsteht zwischen uns.


Literaturhinweis (1) Bernhard Waldenfels ‹Topographie des Fremden, Studien zur Phänomenologie des Fremden I›, Frankfurt/M. 1997. (2) Ebenda. (3) Ebenda. • Gilda Rhien ist Religionswissenschaftlerin und Ethnologin. Sie lebt und arbeitet als freie Autorin in Weimar.