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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

Nächste Stufe

TEXTE

Nächste Stufe

Louis Defèche

Am Vorabend der Tagung ‹Welt im Umbruch› in Paris fanden die Terroranschläge statt. Zwei Ereignisse, die einander beleuchten und Anlass zu Gedanken über die Weltlage geben.   

Paris ist ruhig

Heute morgen ist Paris ruhig. Als ob alles eine Spur langsamer gehen würde. Alles scheint nachdenklich, selbst die Gebäude. Als ob die Eindrücke von Freitag verdaut werden sollten. – Die Anschläge von Charlie Hebdo sind nicht mal ein Jahre alt. Jetzt aber wirkt es anders. Im Januar waren greifbare Fragen im Zentrum: Karikaturen, Meinungsfreiheit ... Es gab Ideen, um sich zu empören. Jetzt fliehen die Ideen weg. Es ist zu einfach, zu direkt. Es rückt zu nah. Es hat den Menschen, mitten in der Straße, völlig überrascht. 

Und doch, während der Reise nach Paris, am Freitagnachmittag, als noch nichts geschehen war, habe ich mir schon zweimal vorgestellt, im Zug und bei der Ankunft im Gare de l'Est, dass es für solche Menschen eigentlich gar nicht schwer wäre, mit einem Schießgewehr oder einer Bombe die beschäftigte Menschenmenge anzugreifen. Wer könnte sie daran hindern? Zweimal wurde ich unruhig und musste mich mit dem Gedanken beschwichtigen, dass es sowieso nichts zu tun gibt, dass das Leben einen Sinn hat. 

Zeichnung von Asaf Ameiri

Wenn man die geopolitischen Verhältnisse kennt, weiß man, dass der sogenannte islamische Staat seine Absichten, in Europa anzugreifen, ausdrücklich verkündet hat. Man kann die Videos des syrischen Kriegs anschauen, wo die religiösen Kämpfer unaufhörlich «Allahu akbar» schreien, als ob sie völlig besessen und abgestumpft seien. Es wütet dort ein Krieg, der uns direkt betrifft. Was am Freitag passiert ist, wundert also nicht den, der die Katastrophe im Nahen Osten verfolgt. Und doch ist es tief erschütternd, wenn unbewaffnete, unbefangene Menschen derart auf der Straße erschossen werden. – Diesmal war es nur vier U-Bahn-Stationen von mir entfernt. Und doch ist es weit. Ich merkte es, als Freunde mir aus der ganze Welt an diesem Abend schrieben. Ich fühle mich nicht näher als sie.

Vor hundert Jahren ...

Wie kann man dies denken? Einerseits gibt es Tote, weinende Familien, anderseits Erklärungen, schon bekannte Antworten. Können wir den Deutungen und Berichterstattungen der Regierung und der Medien vertrauen? Staaten und Zeitungen sind sicherlich nicht die glaubwürdigsten Quellen, um die Welt wirklich zu verstehen. – Während wir Gedanken zu gestalten versuchen, laufen wir zu unserem Termin: ‹Die Welt in Umbruch›, eine Tagung über den Ersten Weltkrieg und die Geopolitik des 20. Jahrhunderts, wo Markus Osterrieder (Deutschland), Terry Boardman (England), und Antoine Dodrimont (Frankreich) sprechen werden. Ausgerechnet heute! Auf dem Weg fragen wir uns, ob es dort überhaupt Menschen geben wird, ob nicht alle zu Hause geblieben sind. Nein. Es sind mehr als hundert Menschen da. Sie freuen sich umso mehr, sich sehen zu können. Und doch herrscht eine ernste Stimmung. Diese Tagung wird existenziell. 

Schon zu Beginn der Veranstaltung wird an zwei geschichtliche Momente erinnert, die für die heutige Situation vielsagend sind. Im November 1915, genau vor hundert Jahren, wurde das sogenannte Sykes-Picot-Abkommen ausgehandelt. Die englische und die französische Diplomatie haben damals die heutigen Grenzen des Nahen Ostens (Syrien, Irak …) gezogen und sich dieses Gebiet untereinander aufgeteilt, dieselben Grenzen, die der IS heute infrage stellt. Dann wird auch erzählt, wie 1915, durch den Kapitän Shakespear, England, und demzufolge die angloamerikanische Welt, eine aus geopolitischem Interesse motivierte Freundschaft mit den künftigen Königen Saudi-Arabiens geschlossen hat. Diese Freundschaft hat sich bis heute weitergezogen. Die Saudis sind mit dem Wahabismus verbunden, die Auffassung des Islams, von der sich die sogenannten ‹Terroristen› auch inspirieren lassen. So werden die Ereignisse in eine große Zeitspanne einbezogen. Sie werfen uns hundert Jahre zurück. Sie sind auch von der ganzen Entwicklung der internationalen Beziehungen im 20. Jahrhundert und den Interessen und Strategien von großen Kapitalie und Staaten nicht zu trennen. Die Tagung wird zeigen, wie die großen Mächte, die die riesigen Kriege des 20. Jahrhunderts entfacht haben, heute in veränderter Form immer noch tätig sind. Es wirkten damals typische, materialistische Denkmuster aus der westlichen Kultur, die heute noch wirksam sind. 

Gegensätze erleben

Während der Tagung bilden sich parallel Gedanken in mir: Um zu der unmittelbaren Erscheinung der Attentate zurückzukommen, müssen wir feststellen, dass hier zwei entgegengesetzte geistige Haltungen aufeinanderprallen. Die ‹Terroristen› haben eine besondere Beziehung zum Tod. Vor dem Tod haben sie keine Angst. Sie versuchen nicht, ihre Leben zu retten, sterben gerne im Namen Gottes. In ihren Augen steht Gott über jeglichem materiellem Vorteil. Es ist eine Weltanschauung, in der das Geistige über allem steht, in der einzelne Schicksale weniger Bedeutung haben, in der das Ich quasi verschwindet. Anderseits haben wir eine Zivilisation, die die materiellen Werte im Mittelpunkt hat. Die Angst vor dem Tod spielt hier eine große Rolle. Das Schicksal jedes Einzelnen steht im Vordergrund und das Ich – oft in Form des Egoismus – hat Vorrang. 

Was in Paris geschehen ist, zeigt die reine Zerstörung der ‹Nicht-Begegnung›, der Unmöglichkeit der Begegnung. Die Ohnmacht, in die diese Ereignisse uns zurückwerfen, zwingt uns, diese knallende Dualität innerlich zu überwinden. Jenseits jeglicher Dämonisierung, trotz der Fürchterlichkeit der Ereignisse, sei es in Paris, sei es in Aleppo oder woanders, sind wir nicht dazu berufen, unsere Vorstellungen zu verwandeln? Wollen wir uns wirklich weiter in einen ‹erbarmungslosen Krieg› verwickeln? Oder wollen wir versuchen, zu beginnen, einen inneren Ort der möglichen Begegnung zu schaffen? – Wenn eine Krankheit jedoch zu weit fortgeschritten ist, müssen vielleicht harte Mittel angewendet werden? Vielleicht auch nicht. Jedenfalls wirken diese Mitteln zerstörerisch und bringen nicht die eigentliche, nachhaltige Heilung. – Inwiefern ist die sogenannte ‹freie Welt› frei? Stellt das Verharren in der Behauptung von den ‹universalen Werten des Westens› nicht eine gewisse Blindheit dar? Oder liegt es in der Art, wie sie behauptet werden? Denn sie wurden bis jetzt immer von Zerstörung, Ausbeutung und Kriegen begleitet. Also was ist der nächste Schritt?

Anthropologische Stufe

Über diese Fragen sprach 1978 schon Alexander Solschenizyn in seiner berühmten, immer noch sehr lesenswerten Harvard-Rede. So endete er seinen Vortrag: 

«Wir kommen nicht umhin, die Skala der Werte zu überprüfen, die unter den Menschen als solchen gelten, und uns über ihre Fehleinschätzung heute zu wundern. Es darf nicht möglich sein, dass die Tätigkeit eines Staatspräsidenten danach beurteilt wird, wie viel jeder von uns verdient, und ob es Benzin unbegrenzt zu kaufen gibt. Nur die freiwillige Erziehung des Menschen zu klarer Selbstbeschränkung erhebt die Menschen über den Materialfluss der Welt.
Sich heute etwa an die verknöcherten Formen der Aufklärung zu klammern, bedeutet Rückschrittlichkeit. Denn diese soziale Dogmatik lässt uns hilflos in den Prüfungen unseres Jahrhunderts.
Wenn uns kein Untergang durch Krieg droht, so wird unser Leben keinesfalls so bleiben dürfen, wenn es nicht an sich selbst zugrundegehen will. Wir werden um eine Überprüfung der fundamentalen Definitionen des menschlichen Lebens und der menschlichen Gesellschaft nicht herumkommen. (...)
Wenn die Welt jetzt vielleicht noch nicht vor dem Untergang steht, so doch zumindest vor einer Wende der Geschichte, die in nichts an Bedeutung der Wende des Mittelalters zur Renaissance nachsteht – und diese Wende wird von uns ein Aufleuchten des Geistes erfordern, einen Aufbruch zu einer neuen Höhe des Überblicks, auf ein neues Lebensniveau, auf dem zwar nicht, wie im Mittelalter, die physische Natur des Menschen der Verdammung überlassen sein wird, auf dem aber umso weniger, wie in der neuesten Zeit, unser geistiges Leben zertreten wird.
Der Aufbruch wird einem Aufstieg auf die nächste anthropologische Stufe gleichkommen. Und niemand auf der Welt hat einen Ausweg als den – nach oben.»*

Sehen lernen

An diesem anthropologischen Schritt haben Rudolf Steiner, wie auch viele andere Menschen, intensiv gearbeitet. Dennoch zeigen die heutigen Ereignisse, dass es noch längst unzureichend ist. Die Kräfte eines gesteigerten, schauenden Denkens sind noch nicht stark genug, um bedeutsame gesellschaftliche Entwicklungen zu verursachen. Der Glauben an die durch die Medien überwiegend verbreitete Erklärung der Welt herrscht noch zu sehr vor, während das freie Denken, welches versucht, die Polaritäten zu verstehen – um sie zu überwinden, zu versöhnen –, immer mehr attackiert wird. Da wird man als ‹prorussisch› oder ‹Stalinist› verleumdet, dort als ‹Rechtsextremist›, dort als Verschwörungstheoretiker, wenn man nur versucht, sein Denken in Bewegung zu bringen, um die Feinbilder, die üblichen Denkmuster und die Dualität zu überwinden.

Dennoch wird nur aus diesem gesteigerten, beweglichen, schauenden Denken ersichtlich, dass trotz den vielen neuen Implusen, heute immer noch die Kräfte eines zerstörerischen und materialistischen Sozialdarwinismus herrschen, der die Möglichkeit eines freien Geisteslebens überall ersticken lässt und den Menschen, auch und vor allem im Westen, in einer existentiellen Angst fesselt. Auf wirtschaftlicher Ebene wird gesundes Wachstum nur möglich, wenn auch Abnahme möglich ist, da, wo das Geld sterben darf, wo die Würde eines Menschen wichtiger ist als die unmittelbaren finanziellen Gewinne und die Effizienz.

Neben dem ‹Carillon›, wo geschossen wurde: «Mach krieg in deinem Herzen.»

Neben dem ‹Carillon›, wo geschossen wurde: «Mach krieg in deinem Herzen.»

Ein Mensch

Am Freitagabend, zwei Stunden vor den Attentaten, habe ich in der Gare de l’Est einen Menschen getroffen. Ein schöner Mensch, der eine Zigarette suchte, der mir erzählt hat, wie er seit acht Jahren mit 50 Euro pro Monat in der Straße lebt. Tag und Nacht in der großen Stadt, Essen, Kleider, Zigarettenstummeln suchend. Diese Lebensbedingungen haben bereits seine Gesundheit angeschlagen. Seine intelligenten Augen, die Harmonie seines Gesichts und seine gepflegte Sprache strahlten Schwermut und Hoffnungslosigkeit aus. Eine bedrückende Fatalität, die normalerweise nur bei den Tieren zu spüren ist. Diese Begegnung war das Erlebnis, das mich an diesem Freitag am stärksten erschüttert hat. Eine sille Empörung wuchs in mir, obwohl ich schon oft solchen Menschen begegnet bin. Solange dieser Mensch in den Straßen irren wird, solange seine menschliche Würde derart mit den Füßen getreten wird, mitten in einer Stadt, die ihre Pracht und ihr Reichtum gerne vor der ganzen Welt zeigen möchte, werden die Stürme der Zerstörung hier elementar wüten wollen.

Aber heute morgen ist Paris ruhig. Als ob alles eine Spur langsamer gehen würde. Alles scheint nachdenklich, selbst die Gebäude. Und ich hoffe, dass durch diesen inneren Raum, der in dieser Stadt und vielleicht weiter in der Welt, sich vorübergehend geöffnet hat, geistige Keime der Zukunft im Denken erscheinen werden, in einem über die Dualität hinaussehendes Denkens.