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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

Die Kraft des Schwachseins

TEXTE

Die Kraft des Schwachseins

Madeleine Ronner

Der Völkermord an den Armeniern jährt sich zum 100. Mal. Ein Gespräch mit Arik Khachaturyan, einem Nachgeborenen der dritten Generation.

‹Aghet› – die Katastrophe – zeichnet die Geschichte Armeniens. Als in Europa der Erste Weltkrieg tobt, beginnt unter der jungtürkischen Regierung des Osmanischen Reichs am 24. April 1915 eine systematische Vernichtung des armenischen Volkes. Es werden 1,5 Millionen Menschen – drei Viertel der im Osmanischen Reich lebenden Armenier, 60 Prozent der Volksgruppe – hingerichtet. Um die ‹richtige Erinnerung› an den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts wird gestritten. Der türkische Staat hat diesen Teil der Geschichte bis heute offiziell nicht anerkannt und daher auch keine Entschuldigung ausgesprochen. – Die armenische Kultur birgt ein tiefes Geheimnis. In meinem Gespräch mit Arik Khachaturyan erlebe ich die kollektive Erinnerung, die weit vor die Katastrophe zurückreicht. Wir treffen uns im Goetheanum. Hier arbeitet Khachaturyan als Haustechniker. Der Ort ist schnell vergessen, wir reisen gemeinsam in die armenische Kultur.

Was bedeutet es für dich, Armenier zu sein?

Durch meine Vorfahren habe ich auch armenisches Blut und bin selbst zwischen St. Petersburg und Jerewan aufgewachsen. Meine Familie lebt großteils in Russland und in Europa und ist nicht unmittelbar von den Massakern betroffen. Aber alle anderen, mit denen ich in meiner späten Kindheit in Armenien aufgewachsen bin, sind es. Das prägt. Ich bin in einer volksseelischen Beziehung mit Armenien verbunden.

Kloster Norawank, 13. Jahrhundert, Armenien

Wenn man von Armenien spricht, meint dies viel mehr als nur den heutigen Staat Armenien. 301 nach Christi wird das Christentum mit der Armenisch-Apostolischen Kirche die erste Staatsreligion der Welt. Bis heute prägt sie das Selbstverständnis der Armenier. Obwohl Armenien in der Geschichte stark umkämpft und immer wieder besetzt war, entwickelte sich eine Hochkultur, die durch Baukunst, Literatur und im Jahre 405 bereits durch ein eigenes Alphabet einzigartig leuchtet. Die Sonderstellung als christlicher Staat und Minderheit in einer vorchristlichen und später muslimisch geprägten Region erklärt ein eigenes Selbstbewusstsein. – Eigentlich braucht es keinen Staat. Das haben wir schon gehabt, es ist so, als seien wir darüber hinaus. Das geistige Selbstverständnis, der Bewusstseinszustand findet sich nicht nur auf der Ebene des Staatsdenkens. Ich fühle mich als Armenier und bin zugleich fast mein ganzes Leben fern der Heimat in andere kulturelle Zusammenhänge integriert. Das geht vielen so – ohne armenische Diasporagesellschaften aufzusuchen.
Um das Geheimnis Armeniens zu erahnen, kann man mit den Ausführungen des italienischen Dichters und Dramaturgen Tonino Guerra mitgehen. Im späten Alter bereist er Armenien und berichtet: «Ich habe viele Schätze der Welt gesehen, aber Armenien ist der einzige Ort, der mich verwandelt hat. Was ich besonders finde: Die Kraft des Schwachseins. Die Klöster, die von den Händen der Mönche erbaut wurden. Sie haben die Steine mit ihren Gebeten gezähmt und bearbeitet. Alles, was ich antreffe, ist mindestens 3000 Jahre alt. Tausende von Jahren trage ich mit mir, wenn ich durch diese Kultur reise. Ich laufe auf ihren Grabsteinen, die die Klöster und Kirchen pflastern. Und ich werde den weißen Gipfel des Bergs Ararat niemals vergessen, den man in Armenien immer vor sich hat. Jeder Mensch sollte Armenien besuchen, um sich von jener einhüllenden Spiritualität läutern zu lassen. Ich fühle, dass meine Armenienreise meinen Weg in die Vertikale vorbereitet hat!»

Wieso ist es für die heutige Türkei so schwer, den Genozid anzuerkennen?

Wenn man die Siedlungsgeschichte der Türkei anschaut, ist es bemerkenswert, dass sich ein Nomadenvolk aus Zentralasien nach sehr langer Reise dazu entscheidet, im Laufe des 12. Jahrhunderts genau auf diesem Fleck Erde sesshaft zu werden. 1299 wird das Osmanische Reich gegründet (die Eroberung Konstantinopels erfolgt später), – dessen Zukunft – an der Seite der Mittelmächte kämpfend – im Ersten Weltkrieg auf dem Spiel steht. Frankreich und Großbritannien versprechen den Armeniern einen selbständigen Staat in Ostanatolien. Die Folgen im Innern des Reiches sind verheerend. Die Jungtürken befürchten eine territoriale Schwächung und die im Osmanischen Reich lebenden Armenier werden auf Todesmärschen ermordet oder sterben während der ‹Vertreibung› in die syrische Wüste.
Zu den territorialpolitischen Gründen gehört eine weitere, tiefere Schicht. Das kulturelle Erbe der armenischen Hochkultur ist bis in die Gegenwart präsent. Etwa ihre Architekturen prägen bis heute die Türkei, und zugleich widersprechen sie dem ‹jüngeren›, nomadisch-muslimischen Volk. Ich empfinde hier ein ‹Identitätsproblem› der Türken, dass in die Aufarbeitung hineinspielt und zugleich zum Völkermord beigetragen hat. Am Beispiel des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk sieht man das Ausmaß des Identitätskonflikts: Er spricht öffentlich über die türkische Schuld am Völkermord und wird dafür angeklagt: «Man hat hier eine Million Armenier umgebracht. Und fast niemand traut sich, das zu erwähnen. Also mache ich es. Und dafür hassen sie mich.» Es wird als ein Attentat gegen die türkische Identität empfunden.

Welche Rolle spielt das Gedenken?

Armenier – Urchristen – wurden entlang des Euphrat-Flusses gekreuzigt, wurden erdrosselt oder verhungerten in der Wüste. «Alle Tode der Erde, die Tode aller Jahrhunderte starben sie», erinnert der deutsche Augenzeuge und Feldarzt Armin T. Wegner – er selbst ließ sich später am Denkmal der Opfer in Jerewan beisetzen. – Es ist die Generation unserer Groß- und Urgroßeltern, sie wurden nie erlöst – sie leben gequält in uns weiter. «Es ist, als hätte jemand deine Eltern umgebracht – alle wissen es, – aber die Mörder gestehen es sich nicht ein.» Die Türkei zeigt Mitgefühl für die ‹kriegsbedingten Sicherheitsmaßnahmen› – aber nur ein ehrlicher Versöhnungsprozess kann die Fesselung des historischen Traumatas aufbrechen. – Die frische Wunde und die in Stein gemeißelte Ur-Vergangenheit zeigen zwei Dimensionen, die im Zeitenstrom Gegenwart und Zukunft Armeniens zeichnen.