Das Goetheanum wurde 1921 als Wochenschrift von Albert Steffen und Rudolf Steiner gegründet.

Letzte Ausgabe

Kosmische Erinnerungen

Einen Sommer verbrachte Charlotte Fischer damit, den Flügelschlag von Schmetterlingen zu fotografieren. Hier zeigen wir einige Trophäen ihres Lauerns und Jagens. Hans-Christian Zehnter begleitet die Bilder mit Beobachtungen und Gedanken, die bis zum kosmischen Ursprung träumen.

Wie vom Winde verweht, so wirkt der Flug eines Schmetterlings. Zuweilen gleicht er dem vergänglichen Mohnblütenblatt, das in einer Böe wie ein Papierschnipsel verflattert – hin und wieder wird es dabei vom Wind so umspielt, dass es kurz davor steht, Flügel werden zu wollen. Dann scheint der Wind den Schmetterling für einen zielgerichteten und überraschend geschwinden Ortswechsel zu ergreifen. Vielleicht lässt sich der Schmetterling auf einer gelb leuchtenden Löwenzahnblüte nieder, deren Staub mir noch, von den zuvor gepflückten Exemplaren, an den Fingerkuppen haftet – ganz so, wie der farbige Flügelstaub auf der Haut zurückbleibt, wenn man – angesichts seiner filigranen Zerbrechlichkeit in unvermeidbarer Ungeschicklichkeit – einen schwach gewordenen Schmetterling in die Hand
zu nehmen versucht. – Der Schmetterling, er gleicht der Pflanze, nicht nur der Blüte, und geht doch über sie hinaus; er gleicht dem warm durchpulsten Tier und ist doch lange noch keines.

Charlotte Fischer

Charlotte Fischer


Sich in die Umgebung versprühen

Die Pflanze macht auf ihrem Weg von der Wurzel zur Blüte eine vollständige Umstülpung durch: Herrscht in der Wurzelbildung das Strahlig-Radiäre als Gestaltungsprinzip, das in die sphärische Umgebung der Erde hineinwächst, so dominiert in der Blüte das Sphärisch-Runde, das von der Strahlkraft des Lichtes umgeben ist.1 – Zwischen Blüte und Wurzel windet sich die Metamorphose des grünen Blattes um den Stängel. Beginnt diese zunächst mit dem strahligen Prinzip im Prononcieren des Blattstils, so opfert sie letztlich die grüne Blattspreite, nachdem sie sich anschickte, sich großflächig auszubreiten: Vom einst üppigen Blatt bleibt kurz vor der Blüte nur noch eine feine Spitze. Mit der Hülle der wenig später die Kelchblätter stellenden Knospe taucht das Blatt wieder erneut auf, um sich als Höhepunkt in Farbe, Duft, Same und Staub – sich selbst übersteigend – in die Umgebung hinaus zu versprühen. – Der Schmetterling verkörpert die inneren Bewegungen, die eine Pflanze in dieser fortwährenden und abwechslungsreichen Verwandlung vollzieht. Er folgt als sinnlich erscheinendes Wesen dem Streif, den die Pflanze als Verwandlungsbewegung im Übersinnlichen zieht: Die (oft grüne) Raupe windet ihren (linearen) Leib um Stängel und Blattwerk herum; sie umschließt sich mit einer Puppe, wie die Blüte im prospektiven Blütenkelch der Knospe; sie befreit sich mit dem beflügelten Schmetterling in den Umkreis hinaus, dem – um mit Nelly Sachs zu sprechen – ein «schönes Jenseits» in seinen Staub gemalt ist.2 Der Schmetterlingsflügel – Bildfläche, auf der der Kosmos seine Gestimmtheit malt. – Was wir bei einer blühenden Pflanze mitsehen, das Über-sich-Hinausgehen, das vollzieht der Schmetterling in seiner stufenweisen Entwicklung und schließlich in seinem freien und bunten Flatterflug. – Der Schmetterling, die von der Pflanze losgelöste Blüte, ja, so Rudolf Steiner: die vom Kosmos befreite Pflanze. 3

Schaue die Pflanze
Sie ist der von der Erde
gefesselte Schmetterling.
Schaue den Schmetterling
Er ist die vom Kosmos
befreite Pflanze.
Rudolf Steiner
Charlotte Fischer

Charlotte Fischer


Das Spiel mit dem Feuer

Wer sich dem Kosmos nähert, nähert sich der Sonne – und damit der Gefahr, von ihrem Feuer verzehrt zu werden. Der Blühimpuls bringt das Leben der Pflanze oft an ihre Grenze: Viele Pflanzen sterben mit oder bald nach dem Blühen. Bereits das Blühen selbst ist ein Aufgehen in der feurigen Wärme unter gleichzeitigem Vitalitätsverlust: Das Blütenblatt welkt bald dahin, und für das Veraschen und Verpulvern sind der Samen und der Blütenpollen sprechende Zeugen. – In seiner Auferstehung aus der Puppe erzählt auch der Schmetterling – wie ein Phönix aus der Asche – von seiner Nähe zur kosmischen Wärme: Seine Flügel sind mit ihrer Entfaltung bereits abgestorben. Ihre Äderchen werden nur einmal – eben zu ihrer Entfaltung – mit Leibesflüssigkeit durchpulst und dann nie wieder. Ihre oft bunt schimmernden ‹Schuppen›-Muster sind so vergänglich wie die sommerlich-bunten Straßenmalereien aus Kreidestaub.

Charlotte Fischer

Charlotte Fischer


Verborgen – hinter seinen Augen

Als Schmetterling flattern bunte Farben, Muster, vielleicht Augen, durch unsere Welt – als Bilder ihrer selbst, von magischer Hand in Bewegung gebracht und geleitet. Denn: So unbestreitbar der Schmetterling auch einen ‹Leib›, der noch der Raupe gleicht, haben mag, so können wir ihm doch keinen Blick abgewinnen, wie etwa von den höheren Tieren oder vom Menschen. Der Blick des Schmetterlings wirkt wie maskiert, er gleicht in seiner Anmutung einem menschlichen Antlitz, dessen Sehen sich einer unsichtbaren Welt ‹hinter› einer Cyberspace-Brille öffnet. Dem ‹Leib› des Schmetterlings eignet keine dem warmem Tier verwandte Innerlichkeit. Nein, von diesem Leib geht kein Begehren, kein Bewegungsimpuls gleich dem einer Katze aus. Trotzdem ist der Schmetterling – bei aller Schaukelhaftig- und Flattrigkeit – zielorientiert. Zwar nicht in unserer Sinneswelt, wohl aber in einer ‹hinter› seinen ‹Jenseits-Augen› verborgenen Welt, die als solche unsere Dingwelt aber stets umflort.
Rudolf Steiner nennt den Schmetterling den ‹Liebling› des Kosmos (der Saturnwirkungen), dessen Blick nicht in die Erde eindringt, sondern an ihr wie an einem Spiegel zurückprallt.4 Mit dem Schmetterling streckt der Kosmos seine Fühler aus.5 Er blickt dabei nicht über sich hinaus, sondern in sich hinein. Sein Blicken dient der erinnerungsgleichen Selbstausleuchtung. Rudolf Steiner spricht von den Schmetterlingen als «kosmischen Erinnerungen».6 – Der Schmetterling hat sein Seelensein jenseits des Leibes: Er füllt mit seinen Bewegungen den Raum seiner Anwesenheit aus. Er hat sein Wesen jenseits des Horizontes: «Weil die Erdenmaterie schwer ist und überwunden werden muss, so ziehen die Schmetterlinge ihre gigantisch große Gestalt, die sie eigentlich haben, ins Kleine zusammen. Wenn Sie von einem Schmetterlinge absondern könnten alles, was Erdenmaterie ist, so würde er sich allerdings zur Erzengelgestalt als Geistwesen, als Leuchtewesen ausdehnen können.»7

 

Charlotte Fischer

Charlotte Fischer

 


Fotografien Charlotte Fischer

  1. Vgl. hierzu Andreas Suchantke: Metamorphose: Kunstgriff der Evolution. Stuttgart, 2002.

1 Vgl. hierzu Andreas Suchantke: Metamorphose: Kunstgriff der Evolution. Stuttgart, 2002.2 Siehe Gedicht ‹Schmetterling› Nelly Sachs: Fahrt ins Staublose. Frankfurt am Main 1961, S. 148.3 Rudolf Steiner. Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes (GA 230), Vortrag vom 26. Oktober 1923.4 Rudolf Steiner: a.a.O., Vortrag vom 27. Oktober 1923. 5 Vögel und Schmetterlinge seien Sinnesorgane des Kosmos, schrieb Rudolf Steiner als Notiz nieder.6 A.a.O.: Da im Sommerhalbjahr der Kosmos zur Erde kommt, er sich sinnlich umkleidet, können wir von den Schmetterlingen sogar als von gestaltgewordenen kosmischen Erinnerungen sprechen.

7 A.a.O.: Vortrag vom 28. Oktober 1923.

 

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