Das Goetheanum wurde 1921 als Wochenschrift von Albert Steffen und Rudolf Steiner gegründet.

Letzte Ausgabe

Alte und neue Gefühle

Alte und neue Gefühle

Die Zeit großer Gefühle liegt in der Kindheit und früheren Zeiten.  Doch was wird aus diesem ‹Es war einmal›?

«Jeder Mensch ist ein Adam; denn jeder wird einmal aus dem Paradies der warmen Gefühle vertrieben.»1 Das sagt Goethe im hohen Alter, und tatsächlich, wenn man große Gefühle sucht, gerät man bald in die Kindheit, das biografische Paradies. Wir sind außerhalb der Welt, das Gefühlsleben hat nicht mehr die Wucht, an die wir uns aus der Kindheit erinnern. Wie war das damals? Ein Beispiel: In der 10. Klasse hatte unsere junge Lehrerin ihre Lehrprobe. Hinten saß die Phalanx der Prüfungskommissare. Kopflos machten wir solchen Unsinn, bis von hinten die Stimme vom Direktor dröhnte: «Es reicht, die Kinder müssen wenigstens ein bisschen was lernen, ich übernehme den Unterricht!» Ich kann mich nicht daran erinnern, in meinem Leben noch einmal eine solche Schuld gefühlt zu haben, wie in diesem Moment, und zwar kollektiv als Klasse. Dann kreiste ein Zettel, unterm Tisch ein Papier mit der Botschaft: ‹Jetzt erst recht›. Auch kann ich mich kaum erinnern, jemals wieder so dankbar für den rettenden Strohhalm gewesen zu sein. Welch ein Mut, der in die Glieder fuhr und nun auch den Direktor scheitern ließ. Mit dem Pausensignal verließ die Reihe der Pädagogen die Klasse und als letzte unsere Lehrerin. Wie sie sich noch einmal umdrehte und mit unbewegter Miene eine Ewigkeit auf uns blickte, um uns dann mit einem Lächeln zu erlösen – so fein, dass keine Kamera es hätte festhalten können, aber wir hatten es gesehen –, und unsere Herzen glühten.
«Kinder sind Riesen, sie sind nur zur Tarnung klein» – diesen Satz des Liedermachers Reinhard Mey gilt wohl dem Gefühlsleben, denn mit jedem Jahr, das man erwachsener, klüger und skeptischer wird, schwinden die großen Gefühle und eine mediale Welt ‹ernährt› uns aus Lautsprechern und Bildschirmen mit Emotion und Gefühl. Es lohnt sich, viereinhalbtausend Jahre in die ‹Kindheit› der Menschheit zurückzugehen, in dieZeit der ‹großen Gefühle›:
Wie hat man im alten Ägypten gefühlt? Wie hat man in Griechenland und Rom gefühlt? Nicht nur technisch leben wir in einer anderen Welt, auch seelisch. Was heute am stärksten das Gefühlsleben prägt, ist gerade mal zweihundert Jahre alt: die ‹Kamaradschaftsehe›. Sie ist in der Zeit der Romantik an die Stelle der Zweckehe getreten. Heute gilt Depression, das Gefühl der Gefühlslosigkeit, als die seelische Zeitkrankheit. Gefühlsarmut als Kennzeichen der Kultur. Das mag bestürzen, aber alle Religionen sind in der Wüste, der Ödnis entstanden. So können wir fragen, was es heißt, heute in dieser ‹Gefühlswüste› zu leben. Ich habe auf Studienreisen die Atacama-Wüste, die Sahara und die Wüste Gobi besucht und die elementare Erfahrung ist: ‹Das Große wird klein und das Kleine wird groß›. Bevor wir diesen Schlüssel aufnehmen, ein Blick zurück.

‹Farbmeditationen›, Tempera auf Leinwand, 5070 cm bis 20080 cm, 2006-2011 von Jasminka Bogdanovic: www.bogdanovic.ch

‹Farbmeditationen›, Tempera auf Leinwand, 5070 cm bis 20080 cm, 2006-2011 von Jasminka Bogdanovic: www.bogdanovic.ch

 

In der Kindheit der Menschheit

Aus einer Zeit, als in Ägypten die Herrschaft des Pharaos, die Einheit des Landes, zerbrach, als an die Stelle dieses goldenen Zeitalters Chaos trat, gibt es eine Klageschrift. Was heute aus Syrien berichtet wird, das muss sich damals in Ägypten ähnlich zugetragen haben. Der Pharao hatte das Land und all seine Lebensprozesse geordnet, doch nach 700 Jahren wurden die Beamten in den einzelnen Gauen allzu selbstständig. Aus der einen Pyramide wurden viele kleine Pyramiden. Das Land stürzte in eine Krise und der Gelehrte Ipuwer, gibt in seiner Klage seinem Gefühl Ausdruck3: Es ist ein Tauchgang in das Gefühlsleben der Empfindungsseele:
«Die Gesichter sind bleich · Verbrechen ist überall · Wahrlich, die Frauen sind unfruchtbar, man wird nicht mehr schwanger. Nichts kann der Schöpfer mehr bilden wegen dem Zustand der Welt. · Wahrlich, die Herzen sind gewalttätig, Pest geht durch das Land. Blut ist überall. Wahrlich, die Menschen sehen aus wie Trauervögel. · Wahrlich, die Welt dreht sich wie eine Töpferscheibe. Wahrlich, die Krokodile sind satt von ihrem Fang. Wahrlich, die Wüste ist über die Welt ausgebreitet. · Wahrlich, das Lachen hat aufgehört. Wahrlich, man ist taub vor dem Lärm. Wahrlich, Groß und Klein sagen: «Ach, wäre ich tot!» Die Kinder sagen: Hätte er mir doch nie das Leben gegeben.» Oh, gäbe es doch ein Ende mit uns Menschen, kein Empfangen mehr, keine Geburt – dann wäre die Welt frei von Lärm, frei von Streit!»
Man kann auch den ‹Sonnengesang des Echnaton› als positives Beispiel großen Gefühls nehmen. «Wenn du erscheinst am östlichen Horizont, füllst du das ganze Land mit deiner Schönheit. Mögest du schön, groß, glänzend und hoch sein!» Auch da entfaltet sich der Reichtum, aber in der Verzweiflung Ipuwer ist es plastischer: Hier bedeutet Gefühl, das, was in der Welt geschieht, unmittelbar als Empfindungsleben zu spiegeln. Resonanz statt Distanz. Ägypten – ein Leben in Gefühlen. Es ist heute die klügste Technik, es sind die begabtesten Künstler, die medial dazu helfen, in diesen ägyptischen Zustand immer wieder hereinzukommen, um so noch einmal der Welt tatsächlich zu begegnen. Begeisterung und Empörung sind die Pole dieses unmittelbaren Gefühlslebens, wo die Seele direkt auf die Außenwelt antwortet. Überall dort, wo Empörung und Begeisterung durch die Seele ziehen, ist man somit in ägyptischer Verfassung – ein Gedanke, der hilft, es nicht zu bedauern, dass es heute schwer gelingt, die Seele in den Zustand reiner Begeisterung zu versetzen, ein Gedanke, der zugleich skeptisch stimmt, wenn sich die Empörung meldet.

Kultur und Herrschaft über Gefühle

So wie sich das Bewusstsein wandelt, so wächst auch das Gefühlsleben. Mit Griechenland, mit der Geburt von Wissenschaft und Kunst wächst eine Zeit heran, in der es nicht mehr darum geht, in Gefühlen zu leben. In Griechenland wird das Gefühlsleben kultiviert. Es gibt wohl kaum einen magischeren Ort, der diesen Aufstieg des Gefühls noch heute atmet, als Epidaurus. War Delphi und sein Orakel die Schulungsstätte des Denkens, diente Olympia der Ertüchtigung des Leibes, des Willens, dann steht Epidaurus als Heiligtum für Heil und Kunst für das menschliche Gefühl. Am Eingang der lieblichen Hochebene war über dem Tempel zu lesen: «Eintrete nur, wer rein ist, rein aber ist, wer Heiliges denkt.» Henry Miller hat in der Beschreibung seiner Griechenlandreise ‹Der Koloss von Maroussi› den Zauber dieses Gefühlstempels ‹Epidauros› fassen können:
«Der Tag begann in tiefstem Frieden. Es war (...) eine stille Welt, eine Welt, wie sie dem Menschen eines Tages beschieden wird, wenn er aufhört, Mord und Diebstahl zu frönen. (...) Ist das Licht zu ätherisch, um vom Pinsel eingefangen zu werden? Es ist die höchste Vollkommenheit, es ist, als würde Mozart hier musizieren! (…) Der Mensch beginnt nicht zu leben, indem er über seinen Feind triumphiert, ebenso wenig erlangt er über Kuren allein Gesundheit. Lebensfreude entsteht durch Frieden, der nicht statisch, sondern immer dynamisch ist. Kein Mensch kann, eher er den Frieden erlebt hat, behaupten, dass er sich wirklich freut im Leben. (...) Wir kranken an unseren Bindungen, und hier habe ich gelernt, was Bindung bedeutet. Epidaurus ist nur ein Symbol, die wahre Stätte liegt im Herzen, im Herzen eines jeden Menschen. (...) Solange wir uns weigern, in Ausdrücken wie ‹Weltgüte›, wie ‹Weltgüter›, wie ‹Weltordnung›, wie ‹Weltfriede› zu denken werden wir weiter einander verraten und morden. Es ist ein Wunder und es ist noch immer hier. Es ist die Aufgabe des Genies, und der Mensch ist nichts, wenn er nicht ein Genie ist, die darin liegt, das wir lebendig das Wunder halten. Nichts und niemandem Treue zu loben, sondern nur wundervoll zu leben, wundervoll zu denken, wundervoll zu sterben. Es macht wenig aus, wie viel der Vernichtung anheim fällt, wenn nur der Keim des Wunderbaren bewahrt bleibt. In Epidaurus steht man an dem unfasslichen Zeugnis des wunderbaren Aufschwungs des menschlichen Geistes. Man wird durchdrungen von ihm. Hier habe ich, wie selten an einem anderen Ort, erfahren, was es heißt, ein Mensch zu sein.»
Sei es im menschlichen Maß der griechischen Tempel, sei es in der aristotelischen Ethik der Mitte, immer geht es in Griechenland um die Kultivierung der Gefühle. Hier geht es nicht darum, in Gefühlen zu leben, die die Natur verschenkt, sondern darum, Gefühle zu gestalten. Im alten Rom wird das inszeniert: Da kommt Cäsar von seinem Feldzug in Gallien zurück. Millionen von Menschen säumen die Straßen, Jubel über Jubel, die ‹Emphase› – große Gefühle. Und dann steht direkt hinter dem Cäsar auf dem Streitwagen ein einfacher Soldat und flüstert ihm ins Ohr: «Memento Mori – Bedenke, auch du bist sterblich.» Das ist Beherrschung der Gefühle! In Pompeji hat man eine Patriziervilla ausgegraben und fand vor der Tür dieses Hauses einen von Asche begrabenen wachenden Legionär, mit der Lanze in der Hand. Stoisches Gefühlsleben: bis zur Entmenschlichung das Zurückdrängen der Gefühle! – Das gehört zu Rom.

Leben in der Wüste

Und heute? Mit einer Reisegruppe stand ich am Fuß der Anden in der Atacamawüste. Die Morgensonne im Rücken, schauten wir auf das Naturschauspiel: Die majestetischen Fünftausender glüten rot, während der Fuß des Gebirges im Staub und Dunst in unwirklichem Blau schimmerte – als würde Feuer auf dem Wasser schwimmen, so sah das gewaltige Naturschauspiel aus. Da murmelte jemand im Angesicht der Farberscheinung: «Gut gemacht!» und brachte so die heutige Entfremdung und Gleichgültigkeit gegenüber der Welt zum Ausdruck. Die Dinge und Erscheinungen der Welt haben kaum mehr Geschichte, die von ihrem Wert erzählt und Gefühle vermittelt, sie haben ihre Aura verloren. Wo so vieles verfügbar ist, wo sich fortwährend ein Dutzend Optionen stellen – ‹anything goes›–, da hat nichts und niemand mehr einen Wert für sich. ‹Depression› als das Gefühl der Gefühlslosigkeit wird Lebensgefühl. Es ist die mediale Welt, die für die alten großen Gefühle sorgt. Ob das Design eines neuen Gerätes oder die Kameraeinstellung im Film: immer zählt die ‹atmo›, die Atmospähre. Dem heutigen Seelenleben jeden Tag Spannung und Rührung, Heiterkeit und Trauer zu schenken und es so für ein, zwei Stunden in den antiken Zustand alten Glücks zu versetzen, seinen trockenen Seelenzustand vergessen zu lassen, das ist das Können der Medienwelt.

Wenn das Kleine groß wird

Mit der Gefühlswüste ist es nicht anders als mit der natürlichen Wüste: das Kleine wird groß und das Große wird klein. Wer mit der Tatsache Frieden schließt, dass uns die Welt nicht mehr mit Gefühlen ‹bedient›, dass sowohl Empörung als auch Begeisterung Gefühlslagen einer vergangnen Zeit sind, der wird darauf auchten leren, was in der Wüste und nur in der Wüste wachsen kann. Es sind neue Gefühle, die sich jetzt in der Seele entfalten können, aber die sind nicht natur- oder gottgegeben, sie steigen nicht mehr reflexartig auf, sondern selbst geschaffen. Jörgen Smit nennt es ‹selbsterworbenen Idealismus›4
Die zeitgenössische Kunst ist hier die grosse Schule, denn ihre Werke rufen oft kein Gefühl mehr hervor, sondern warten darauf, dass der Betrachtende Gefühle an das Kunstwerk heranträgt. Dabei hilft es, von der alten Frage: ‹Was will das Werk mir sagen?› zu wecheln zu ‹Was möchte ich diesem Werk sagen, was will es von mir hören?›. Erst steht man sprachlos vor dem hermetischen Bild und dann wächst gerade aus der Verzweifelung der Erlebnisarmut ein neues Gefühl. Es ist stiller als die grossen klassischen Gefühle und deshalb nur auf diesem ‹nährstoffarmen› Boden der Seele zu erfahren – es ist kein Feuer, dafür Glut. Während das naturgegebene Gefühl eine Begegnung einordnet und damit abschließt, steht das das neue, selbst geschöpfte Gefühl am Anfang einer Begegnung. Wie alles Neue ist es unscheinbar.
Der Künstler und Seminarleiter Alexander Schaumann nennt den Schlüssel für diesen Quellort neuer Gefühle: Man müsse sich den Satz «Das kenn ich schon» verbieten. Stauendes Interesse, und unbefangene Empathie sind Boden und Dünger dafür, dass neue Gefühle wachsen können, denn sie befreien aus der Gleichgültigkeit des allzu klugen Menschen.

Was in der Stille reift

Wie wäre es, sich nicht mehr schuldig zu fühlen, wenn man im Schein einer Kerze keine Andacht fühlt, beim Anblick eines leidenden Tieres oder Mensche nur wenig Mitgefühl aufsteigt, sondern diese seelische Leere als Einladung versteht, den Moment individuell zu beseelen? Die in einer beschleunigenden, schwirrenden Zeit verlorene Gegenwart feiert dann als ‹erzeugtes Jetzt› ihre Aufsterstehung. Je langweiliger eine Konferenz, je belangloser eine menschliche Begegnung, je äußerlicher eine Lektüre, desto attraktiver ist der Moment, um diesem Jetzt seine Innenseite zu geben. Dabei geht es nicht darum, den Moment seelisch aufzuladen, das wäre zur (ahrimanischen) Gefühlslosigkeit die (luziferische) Sentimentalität. Es geht darum, in sich die Resonanzräume zu bilden, dass etwas vom Verborgenen und Verstellten, sich offenbaren kann. «Der Mensch ist die Seele der Natur», sagt Friedrich Hegel. Gefühle neu zu schöpfen heißt dann, diesen hegelschen Satz als Auftrag zu begreifen. Während wir im heutigen Wohlstand die Ressourcen der Erde verbrauchen, ihr Leben verzehren, lassen wir sie so seelisch wachsen.
Rudolf Steiners Spruch «Sterne sprachen einst zu Menschen, Ihr Verstummen ist Weltenschicksal» gilt es wörtlich zu nehmen: Die Sterne, aber auch die Bäume, Tiere, Mitmenschen ‹erzählen› nichts mehr von sich. Vermutlich gilt es auch für die Anthroposophie, dass sie ohne weiteres nichts mehr von sich erzählt. Die anthroposophischen Begriffe haben ihre Aura verloren, resümierte Joachim Daniel. Diese schreckliche Stille ist wohl notwendig, um selbst sprachfähig zu werden: «Doch in der stummen Stille aber reift, was Menschen sprechen zu Sterne», so Rudolf Steiner weiter. Vielleicht kündigt sich in den Gefühlen und Haltungen und Stimmungen, die man selbst
hervorbringt, diese neue Sternensprache an.
Nicht anders als in der Biografie sind auch die geschichtlichen Epochen nicht vergangen, sondern einem Schichtenbild vergleichbarals Untergrund der Gegenwart. Deshalb sind Empörung und Begeisterung als ‹ägyptische› Gefühle und auch die ‹griechische› Beherrschung von Gefühl und Leidenschaft nicht vorbei, sondern bilden das seelische Fundament. Man darf aber nicht vergessen: In die Zukunft führen weder diese großen Gefühle noch derenBeherrschung, sondern diese so unscheinbar wirkenden neuen Gefühle, weil sie das Neue von Anfang an in sich tragen.

 

Der Artikel fußt auf dem Vortrag von Wolfgang Held an der Tagung der Sektion für Sozialwissenschaften, ‹Mensch und Organisation›, Mai 2015 und liegt gedruckt und als PDF vor: https://sellfy.com/p/BFi3/


1 Eugen Korn, Goethes Gespräche (mit Johann Ch. Lobe), S. 73 2 Das Gedicht ist von Erich Kästner. Der Liedermacher Hermann van Veen hat es wunderbar ‹emotional› vertont.3 Erich Hornung, ‹Die Gesänge vom Nil›.  Manche Historiker datieren die Mahnworte des Ipuwer in die zweite Zwischenzeit Ägyptens, also 1600 v. Chr.4 Jörgen Smit ‹Christus und Meditationserfahrung›

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