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Wochenschrift für Anthroposophie ‹Das Goetheanum›

Eingeweiht in die Mysterien des Bösen

TEXTE

Eingeweiht in die Mysterien des Bösen

Christine Gruwez

Die Welle von Gewalt und Terror scheint kein Ende nehmen zu können. Am Donnerstag, dem 12. November, gab es Selbstmordattentate in Beirut, am Freitag, dem 13. November, wurde Paris Schauplatz verschiedener Attacken. Was kommt als Nächstes auf uns zu? Betrachtungen über die zentrale Rolle der Begegnung mit dem Bösen und des Erlebens der Ohnmacht heute. 

Es sei in den letzten Wochen zu einer Art Zusammendrängen der Zeit gekommen, schreibt Daniel Baumgartner.(1) Er verweist dabei auf Kapitel 22,10 aus der Offenbarung des Johannes, wo der Engel sagt: «o καιρoς γaρ eγγnς eστιν». Buchstäblich heißt es: ‹Die Zeit hat sich zusammengezogen›, ‹die Zeit ist eng›. Das bedeutet, dass wir nicht nur als Zuschauer, sondern auch als Zeitgenossen nicht mehr in der Lage sind, die Ereignisse in einem zeitlichen Verlauf, in einem Nacheinander zu verfolgen. Diese Ereignisse häufen sich für unsere Beobachtung aufeinander, als würde eine Mauer gebaut, eine Mauer, die uns daran hindert, einen offenen Blick auf die Zukunft richten zu können. Auf diese Mauer schauen wir jetzt und fragen: Wie können wir uns dazu verhalten? Genau dies, stärker noch als die Ereignisse an sich, ‹enthält eine apokalyptische Note›, so Baumgartner.

Jasminka Bogdanovic, aus der Reihe ‹wohl dem, der sie überstanden hat, diese Feuerprobe des Herzens› (Hölderlin), www.bogdanovic.ch

Innere Schritte in der Flüchtlingskrise

Was sich zu einer Mauer aufgehäuft hat, lässt sich nicht einfach wieder ‹entmanteln› oder demontieren. – Inmitten der zahllosen Herausforderungen, die an uns als Zeitgenossen herankommen, ist die Flüchtlingskrise vielleicht die vielsagendste, weil sie deutlich machen könnte, in aller entstellenden Klarheit, was es heißt, Zeitgenosse zu werden. Diese Krise ist nicht länger eine Krise, sondern ist dabei, ein Dauerzustand zu werden. Dasjenige, was sich als eine Herausforderung angekündet hat, ist in unserer Gegenwart angekommen. Die Herausforderung ist da. Und sie hat ein Antlitz. Von diesem Antlitz kann man wegschauen oder man kann es nur von der Seite anschauen. Diesem Antlitz kann man aber auch begegnen. In dieser Begegnung macht man fast immer die Erfahrung der Ohnmacht. Denn einem Mitmenschen von Antlitz zu Antlitz zu begegnen, bedeutet in erster Linie eine Tat im Inneren. Selbstverständlich soll diese Begegnung im Inneren durch konkrete Schritte weiter transformiert werden. Aber die Tiefe der Wirkungskraft dieser Schritte hängt mit dem Ort zusammen, wo sie ihren Ursprung finden. In diesem Ort ist Ohnmacht öfters zu Hause.

Wo findet im Menscheninnern Ohnmacht statt? Ohnmacht – als Erfahrung – zeichnet sich durch eine Radikalität aus, wodurch sie sich von vorübergehender Hilflosigkeit unterscheiden lässt. Sie ist als Erfahrung ‹radikal›, weil mein ganzes Wesen von ihr restlos besetzt wird. Diese Radikalität wird zwar in der Seele erlebt, aber die Ohnmacht dehnt sich über das Seelische hinaus und ragt direkt zum Ort des Ich. Das Drama der heutigen Zeitlage trifft das Ich in seinem Wesenskern, das heißt in der Potenz seines Wesens. Jedes Ich ist Träger einer Potenz, die danach strebt, sich verwirklichen zu können. In dieser Dynamik kann das Ich erst dann in Erscheinung treten, wenn es seine innerste Intention verwirklichen kann. Es geht gar nicht nur um Unternehmen, Projekte oder Aktionen im üblichen Sinne, obwohl sie selbstverständlich davon nicht ausgeschlossen sind: Es geht hier um eine kleine Gebärde, einen Blickwechsel. Denn die Intention, die in jedem Ich lebt, ist schon an sich eine Gebärde. Das Ich will sich verbinden, will teilnehmen können. Das Ich will bejahen. 

Vom Zuschauer zum Zeitgenossen  

Als Zuschauer haben wir zwar am Zeitgeschehen teil, aber im besten Falle ertragen wir es nur. Als Zeitgenosse nehmen wir aktiv teil, indem wir bejahen. Nicht im Sinne eines Übereinstimmens mit den Ereignissen, sondern so, dass wir uns entscheiden, wach dabeizubleiben. Wir werden zum ‹Mittragenden›. Ein Mittragen, das zugleich die Erfahrung der Ohnmacht hervorruft.

Jedes Mal, wo wir nur zuschauen können, wie zum Beispiel eine Gesellschaft, eine Kultur, eine Menschengemeinschaft bis auf den Grund zerstört wird und wir keine Möglichkeit haben, dieser Zerstörung ein Ende zu setzen, gerade dann kann das Ich seine innerste Intention nicht zur Erscheinung bringen, es wird gelähmt. Zwischen Wesenspotenz und Verwirklichung klafft ein Riss, wie eine offene Wunde, und wird zum Schmerz in der Seele. An diesem Schmerz erwachen wir. Der Versuch, das Unerträgliche trotzdem zu tragen, bringt einen auf den Weg vom Zuschauer zum Zeitgenossen zu werden. 

In seiner Dankesrede für den Friedenspreis des deutschen Buchhandels hat Navid Kermani auf diesen Punkt hingewiesen, wo wir als Zuschauer der Not unserer Zeit angekommen sind: «Nur drei Flugstunden von Frankfurt entfernt werden ganze Volksgruppen ausgerottet oder vertrieben, Mädchen versklavt, viele der wichtigsten Kulturdenkmäler der Menschheit in die Luft gesprengt, gehen Kulturen und mit den Kulturen auch eine uralte ethnische, religiöse und sprachliche Vielfalt unter, die sich anders als in Europa noch bis ins 21. Jahrhundert einigermaßen bewahrt hatte – aber wir versammeln uns und stehen erst auf, wenn eine der Bomben dieses Krieges uns selbst trifft, wie am 7. und 8. Januar in Paris, oder wenn die Menschen, die vor diesem Krieg fliehen, an unsere Tore klopfen.»(2)

Dieser Weg des Zeitgenossewerdens bietet aber noch eine weitere Möglichkeit. Oktober 1918 in Dornach geht Rudolf Steiner tief auf diese Möglichkeit ein.(3) Es ist die Möglichkeit, das Böse, so wie es sich seit dem Anfang des Zeitalters der Bewusstseinsseele jetzt auch im Innersten des Menschenwesens veranlagt hat, umzuwandeln. Die Geistesströmung, die sich diese Umwandlung zur Aufgabe gemacht hat, ist der Manichäismus und «es wird vorbereitet in diesem kleinen Häuflein», so Rudolf Steiner 1904, «aus dem Bewusstsein‚ dass das Böse wieder einbezogen werden muss in die Entwicklung, dass es aber nicht durch Kampf, sondern nur durch Milde zu überwinden ist. Dies kräftig vorzubereiten, das ist die Aufgabe
der manichäischen Geistesströmung.»(4) 

Mani

Mani ist nicht nur der Begründer dieser Geistesströmung. In der Bibliothèque Nationale de Paris, im ‹Cabinet des Médailles› gibt es ein winziges Siegel – 29 mm Durchmesser – aus Bergkristall, das im Besitz Manis war. Dieses Siegel wurde unter anderem dazu verwendet, Briefe, von denen Mani bekanntlich sehr viele zu seinen Gemeinden geschrieben hat, zu ‹cachettieren›. In der Mitte sieht man eine Gestalt mit eine Tiara auf dem Haupt und einem drapierten Gewand auf den Schultern, und links und rechts zwei ähnliche, aber kleinere Gestalten. Um den Rand herum läuft in syrischer Sprache, aber in der von Mani selber entworfenen manichäischen Schrift: «Mani, s’liha dIso m’shiha’», Mani, Apostel Jesu Christi.
Dieser Titel war in der Historie universal bekannt. Apostel heißt hier weniger ‹Schüler› als wohl ‹Gesandter›, was dem Griechischen auch am nächsten kommt. ‹Hoher Sendbote Jesu Christi›, so nennt Rudolf Steiner Mani und erwähnt dabei, wie Mani sich selber als in der nächsten Nähe des Paraklet, des Heiligen Geistes verstanden hat. Es gibt in den später aufgefundenen koptischen Texten verschiedene Stellen, in denen Mani seine Wesensnähe und geistige Verbindung zum Parakleten betont. «Im Jahre, wo Ardashir zum König gekrönt werden sollte», so heißt es in der ‹Kephalai des Lehrers›, «da kam der lebendige Paraklet zu mir und sprach zu mir» (Keph. 31–32). In einem Vortrag im Jahr 1908 sagt Rudolf Steiner Folgendes: «Manes ist jene hohe Individualität, die immer und immer wieder auf der Erde verkörpert ist, die der leitende Geist ist derer,
die zur Bekehrung des Bösen da sind.»(5)

Jasminka Bogdanovic, aus der Reihe ‹wohl dem, der sie überstanden hat, diese Feuerprobe des Herzens› (Hölderlin), www.bogdanovic.ch

Jasminka Bogdanovic, aus der Reihe ‹wohl dem, der sie überstanden hat, diese Feuerprobe des Herzens› (Hölderlin), www.bogdanovic.ch

Bekehrung des Bösen

Wie wird das Böse bekehrt? Lässt es sich überhaupt bekehren? Was hat dies mit unserer Zeitlage zu tun? Und was wird in diesem Zusammenhang unter ‹Böse› verstanden? In der Regel wird als ‹böse› bezeichnet, was durch das Böse bewirkt wird. Der Blick richtet sich auf die Auswirkungen des Bösen, auf dasjenige, was durch das Böse verursacht wird. In seiner schon erwähnten Vortragsreihe von 1918 über ‹Geschichtliche Symptomatologie› spricht Rudolf Steiner von einem ‹Einweihungsprinzip›, das die Gesamtheit einer Kulturepoche begründet. Für unsere Zeit, für die Epoche der Bewusstseinsseele, ist eine Einweihung im Mysterium des Bösen grundlegend: «Zwei Mysterien sind von ganz besonderer Bedeutung für die Entwicklung der Menschheit im Zeitraum der Bewusstseinsseele, in dem wir drinnen stehen seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts. Es ist das Mysterium des Todes und das Mysterium des Bösen.»(6) Die Mysterien von Geburt und Tod, als Einweihungsprinzipien des vorangegangenen Zeitalters, wirken jetzt im Äußeren, während das Mysterium des Bösen unserer Zeit im Innern des Menschen wirkt.

Wenn in diesem Zusammenhang vom ‹Bösen› die Rede ist, ist nicht seine Wirkung gemeint, also nicht die Art, wie sich das Böse auswirkt. Es geht hier ausschließlich um die Wesensgestalt des Bösen. In dieser Wesenheit des Bösen wird man als gegenwärtiger Mensch eingeweiht. Das kann nur bedeuten dass man jetzt in seinem eigenen Wesen über die Möglichkeit zum Bösen verfügt. Diese Möglichkeit zum Bösen wird von Rudolf Steiner als ‹Neigung› gekennzeichnet: «Im Weltenall walten diese Kräfte des Bösen. Der Mensch muss sie aufnehmen. Indem er sie aufnimmt, pflanzt er in sich den Keim, das spirituelle Leben überhaupt mit der Bewusstseinsseele zu erleben. Sie sind also wahrhaftig nicht da, diese Kräfte, die durch die menschliche soziale Ordnung verkehrt werden, sie sind wahrhaftig nicht da, um böse Handlungen hervorzurufen, sondern sie sind gerade dazu da, damit der Mensch auf der Stufe der Bewusstseinsseele zum geistigen Leben durchbrechen kann. Würde der Mensch nicht aufnehmen jene Neigungen zum Bösen, von denen ich eben gesprochen habe, so würde der Mensch nicht dazu kommen, aus seiner Bewusstseinsseele heraus den Impuls zu haben, den Geist, der von jetzt ab befruchten muss alles übrige Kulturelle, wenn es nicht tot sein will, den Geist aus dem Weltenall entgegenzunehmen.»7 

An dieser Stelle wird nicht nur ersichtlich, dass die ‹Bekehrung des Bösen› eine innere Angelegenheit ist, sondern auch welche Bedingungen dafür vorausgesetzt werden. Es geht darum, dass man das Böse, so wie es im Weltenall wirkt, so in sich aufnimmt, dass man es als Wesensgestalt des Bösen kennenlernt. Gerade dieses wird, dank der Einweihung im Mysterium des Bösen, von jetzt ab ermöglicht. Denn die Neigungen zum Bösen tragen wir als ‹Eingeweihter› bereits in uns. Es kommt darauf an, ob wir sie in uns auch anerkennen können. Ob wir sie als die Möglichkeit, als die Potenzialität anblicken können, die in unserem Wesen integriert worden ist. 

Die Bekehrung könnte schon da anfangen, wo dasjenige, das in mir immer in Gefahr ist, von mir selber ausgegrenzt zu werden, wieder in einen Zusammenhang eingegliedert wird. In der manichäischen Kosmogonie wird dieser Vorgang so dargestellt, dass der Urlichtmensch aus dem Lichtreich hinausgeht und sich den Finsternismächten ausliefert. Seine Lichtseele wird von diesen zerstückelt, wodurch die Vermischung der beiden Ursubstanzen, Licht und Finsternis, einen Anfang nimmt. – In seinem Vortrag über dem Manichäismus stellt Rudolf Steiner diesen Vorgang wie folgt dar: «Der tiefe Gedanke, der darin liegt, ist der, dass von Seiten des Lichtreichs das Reich der Finsternis überwunden werden soll, nicht durch Strafe, sondern durch Milde, nicht durch Widerstreben dem Bösen, sondern durch Vermischung mit dem Bösen, um das Böse als solches zu erlösen. Dadurch, dass ein Teil des Lichts hineingeht in das Böse, wird das Böse selbst überwunden.»(8)

Die Ohnmacht gestehen

«Die Aufnahmemöglichkeiten sind endlich.» So schreibt Erhard Körting als Einführung zu seinem nuancierten Gastbeitrag in der faz: «Eine ehrliche, konsequente, aber auf lange Sicht auch fruchtbare Asyl- und Flüchtlingspolitik wird schmerzhaft sein. Sie wird unschöne Bilder erzeugen. Wir sollten bereit sein, sie zu ertragen.»(9) Aber sind wir auch bereit, mitzutragen? 

Mittragen heißt, nicht gleich Hilfe zu leisten. Noch nicht. Und ist weder eine politische Angelegenheit noch eine Rechtsfrage. Mitzutragen kann nur dem Individuum zukommen, wo es aus dem Zuschauerszustand aufwacht und den Schritt wagen will, wach zu bleiben. Wache zu halten. Auch wenn dieses Wachbleiben heißt, in voller Klarheit die Unmöglichkeit einer Lösung ins Auge zu fassen und sie trotzdem innerlich offenzuhalten. Es geht dann zum Beispiel nicht mehr darum: ‹Grenzen auf oder Grenzen zu?›, denn beide sind in diesem Sinne ‹Unmöglichkeiten›, weil sie nur bis ins Unendliche weitere ‹Endlichkeiten› hervorrufen können. Über dieses ‹Entweder-Oder› kann man aber hinausgehen. Gerade diese Herausforderung ist ganz der Bewusstseinsseele anvertraut. Es ist die Möglichkeit, den Schritt aus dem Dualen zum Polaren zu tun, indem man weder das eine noch das andere bejaht, aber die beiden offenhält, bis ein Drittes in Erscheinung treten kann. Gewiss, auch dieses ist schmerzhaft! In jedem von uns möchte der ‹Zuschauer› so gerne, dass es endlich eine Lösung gäbe, damit er sich wieder beruhigen und das Leben weitergehen lassen kann. Manche Lösungen können zwar kurzfristige Erleichterungen bringen, aber das Leben, das in diesem Fall ‹weitergeht›, ist schon ein vergangenes. Damit das Neue als lebendig wirksame Gestalt sich manifestieren kann, soll das ‹Unlösbare› offengehalten werden. Der Schlüssel ist die Ohnmacht in der Radikalität der Erfahrung. 

Viele Bilder, die in den letzten Wochen herumgegangen sind, da wo ein einziges schon ausreichend wäre, erwiesen sich als unerträglich. An diesem Punkt heißt es, nicht länger ertragen zu können! Denn die Frage, die auf uns zukommt, ist nicht: ‹Könnt ihr dieses ertragen?›, sondern: ‹Könnt ihr dieses Unerträgliche tragen?› Und die Antwort ist nicht ein übermütiges ‹Ja›, sondern ein ehrliches Geständnis: Nein, das kann ich nicht! Ich kann es nicht, weil beim Anblick dieser Bilder die Menschenwürde in mir zutiefst verwundet worden ist. Was da passiert, ist dem Menschen unwürdig. Nur, genau da, wo ich meine Ohnmacht gestehe, entsteht zugleich die Möglichkeit eines ‹Umschlags›. Denn in diesem Moment trage ich meine Ohnmacht und werde ich zum Mittragenden desjenigen, was in mir Ursache dieser Ohnmacht ist. Im Tragen-Können meiner Ohnmacht bin ich nicht länger von ihr gefesselt. Eine Lösung ist es nicht, aber aus diesem Mittragen kann eine Lösung hervorgehen, wobei der leise Anfang einer Erlösung sich bereits ankündigt.

Erlösung? 

Die ‹Mani-Intention›, wie von Rudolf Steiner einmal so genannt (11.11.1904), strebt hin zur Erlösung des Bösen, sodass es eines Tages in der Gesamtentwicklung wieder eingegliedert werden kann. Eine ‹Rettung› der Erde und der Menschheit, wo das Böse als Entwicklungsprinzip aus der gesamten Entwicklung ausgegrenzt wird, ist aus dieser Sicht eine Unmöglichkeit. Das innerste Geheimnis des Manichäismus als Initiationsprinzip ist genau darin gelegen, dass es nun einmal nicht möglich ist, nur sich selbst zu retten! Das Böse auszugrenzen, als Massnahme für eine Rettung des Eigenen, führt nicht weiter. Im Gegenteil, die Verhärtung nimmt zu. 

Was im manichäischen Sinne Erlösung heißt ist ein Geschehen, das sich im Wesenhaften vollzieht. Besser gesagt: vom Wesen zum Wesen. Die Einweihung im Mysterium des Bösen ist die Vorbedingung dazu und ermöglicht die allerersten Schritte auf diesem Weg. Die Neigungen zum Bösen kommen nicht mehr nur von außen an uns heran, aber sie sind in unserem Wesenskern als Möglichkeit dauerhaft vorhanden. «Will man eindringen in das Wesen dieser Kräfte des Bösen, dann darf man nicht auf die äußeren Folgen dieser Kräfte sehen, sondern dann muss man das Wesen des Bösen da aufsuchen, wo es in seiner eigenen Wesenheit vorhanden ist, wo es so wirkt, wie es wirken muss, weil die Kräfte, die als das Böse im Weltenall figurieren, auch in den Menschen hereinfielen.»(7)

Im Zeitalter der Bewusstseinsseele geht es nicht mehr darum, zwischen ‹guten› und ‹bösen› Menschen zu unterscheiden, denn jeder, insofern er diesem Zeitalter angehört, trägt diese Möglichkeit zum Bösen in sich. Ob sie sich in einer Tat auswirkt‚ «das hängt von ganz anderen Verhältnissen ab als von dieser Neigung.» (8) «Auf der Stufe der Bewusstseinsseele zum geistigen Leben durchbrechen»(9) hängt unmittelbar zusammen mit der Möglichkeit, das Böse als Neigung in sich selber anzuerkennen. Erst dadurch bekommen wir eine Chance, dem Finsteren in uns selber so zu begegnen, dass das Lichtvolle in der Begegnung erwacht. Es wird zu einem Licht, das durch die Finsternis der Ohnmacht hindurchgegangen ist, ein transfiguriertes Licht, wobei auch das Finstere erhellt worden ist. So mehrt sich, wider Angst und Verhärtung, dasjenige, was von Rudolf Steiner das Gute im Zeitalter der Bewusstseinsseele genannt wird, das Gute, aus dem das wirklich Menschenwürdige werden soll: «dass der Mensch im Zeitalter, in dem das Böse so anrückt in seinen Neigungen, in der Lage ist, wenn er sich zu Intuitionen erhebt, umzuwandeln die bösen Neigungen in dasjenige, was gerade für die Bewusstseinsseele das Gute, das wirklich Menschenwürdige werden soll».


(1) ‹Wir sind alle Flüchtlinge›, ‹Goetheanum› Nr. 37, 11. 9. 2015 
(2) FAZ 10.10.2015 
(3) GA 185 
(4) GA 93, 11.11.1904 
(5) GA 104, 25.6.1908
(6) GA 185, 26.10.1918

(7) GA 185, 26.10.1918 
(8) 11.11.1904 
(9) 13.11.2015