Die Kunst der Zusammenarbeit — Vom Ursprung des Dreigliederungsgedankens

Die Kunst der Zusammenarbeit — Vom Ursprung des Dreigliederungsgedankens

«Marx würde sagen: Wenn nach mir einer kommt, der etwas Neues bringt, und er heißt nicht Marx, sondern Steiner, dann haltet euch an den lebendigen Geist und nicht an die alten Knochen.» (1) Das ist die Stimme eines Arbeiters, der sichtlich berührt war von dem ‹Neuen›, das Rudolf Steiner in seinen einleitenden Worten an einer Betriebsräteversammlung in Stuttgart den Zuhörern in Herz und Sinn einprägte.


«Jeder hat es gelesen.» Jeder?

Das Neue, es kam nicht über Nacht, sondern erschien gleichsam als Zwischenbericht eines jahrzehntelangen Beobachtens und Reflektierens der sozialen Verhältnisse im Großen wie im Kleinen, in der Weltwirtschaft wie im Zwischenmenschlichen. Bereits als 27-Jähriger, im Jahr 1888, hatte Rudolf Steiner in seiner Eigenschaft als Redakteur der Wiener ‹Deutschen Wochenschrift› die Debatten der Abgeordneten im Wiener Parlament verfolgt und die Geschehnisse in zahlreichen Zeitungsartikeln kritisch kommentiert. (2) So hat er sich u. a. mit der von Papst Leo XIII. am 20. Juni 1888 verkündeten Enzyklika ‹Libertas praestantissimum donum› (deutsch: Die Freiheit ist das vorzüglichste unter den natürlichen Gütern) kritisch auseinandergesetzt, um schließlich einen Satz in das Gedächtnis seiner Zeit einzuschreiben, der sein eigenes zukünftiges Wirkungsfeld absteckte und zugleich programmatisch ein Stück der Postmoderne vorwegnehmen sollte: «Nur das für wahr halten, wozu uns unser eigenes Denken zwingt, nur in solchen gesellschaftlichen und staatlichen Formen sich bewegen, die wir uns selbst geben, das ist der große Grundsatz der Zeit.»(3) In jedem seiner damaligen Essays spürt man seine Präsenz, spürt man den Atem eines nicht dem Gleichschritt verpflichteten Denkers, und man spürt bereits den zukünftigen Verfasser einer Freiheitsphilosophie (1894), in der er jeglichem normativen Anspruch moralischer Gesetze eine deutliche Abfuhr erteilte.

Lässt man sich auf seine außergewöhnlichen Überlegungen einmal ein, dann wird man schon bald Zeuge eines rastlos Suchenden, bei dem es wohl ein Innehalten, aber keinen Stillstand gibt und der 25 Jahre später mit seinem Buch ‹Die Kernpunkte der sozialen Frage›, erschienen 1919, die Feuilletonisten namhafter Zeitungen beschäftigen wird, sei es bei der ‹New York Times› (14.1.1923), der ‹New York Tribune› (26.5.1921) oder der britischen ‹Daily News› (16.9.1920). In Letztgenannter war unter der Überschrift ‹Wie Kapital behandelt werden soll – Ein Buch, über das in Europa diskutiert wird› u. a. zu lesen: «Von jedem Denkenden des Kontinents wird ein auffallendes Buch besprochen, das von einem bemerkenswerten Manne im Frühjahr dieses Jahres veröffentlicht wurde [...]. Jeder, der irgend etwas ist, hat es gelesen.» Jeder?

Worauf es ankommt, ist, dass wir als Menschen uns mit dem Weltenlauf so verbinden können, dass wir das lebendige Übergehen von der Einheit in die Dreiheit, das Zurückgehen von der Dreiheit in die Einheit zu verfolgen in der Lage sind.
— Rudolf Steiner

Drei in einem und eins in drei

Ein Gegengewicht zum Ungeist seiner Zeit zu bilden, das war eines der großen Motive, das Rudolf Steiner umtrieb und u. a. zu einer Reihe von Gegenwartsreden veranlasste, die er 1920 in Stuttgart gehalten hat. «Warum sind wir eigentlich Materialisten?», fragt er seine Zuhörer, um dann mit seiner Antwort den Nerv der Zeit damals – und heute wohl ebenso – zu treffen. Wir sind Materialisten nicht deshalb, dozierte Rudolf Steiner, «weil wir das Leben falsch interpretieren, sondern weil wir falsch leben. [...] Wir schalten die Seele aus und denken mit dem Gehirn.»(4) Worauf es aber ankommt, ist, dass «dasjenige, was zwischen den Menschen geschieht, durch das Erleben jedes einzelnen Menschen geschieht und nicht dadurch, dass die Menschen wie eine Tierherde leben und durch irgendeine Organisation von oben ihnen alles dasjenige befohlen wird, alles angeordnet wird, was die Richtung, der Weg ihres Lebens sein soll.» Der Mensch, so Rudolf Steiner, muss lernen, mit der Seele zu denken, «muss das Denken zu einer in sich selbst bestehenden, freien Beweglichkeit des Seelischen umformen».(5)

Das hätte wohl auch der amerikanischen Schriftstellerin und (Regierungs-)Kritikerin Susan Sontag (1933–2004) gefallen, die zeitlebens einen Kreuzzug gegen die Trennung von Denken und Fühlen geführt hat. So ließ sie im Jahr 1978 in einem Interview mit Jonathan Cott ihrem legitimen Zorn freien Lauf: «Ich führe einen meiner ältesten Kreuzzüge gegen die Unterscheidung zwischen Denken und Fühlen [...]. Die Vorstellung, es gäbe einen Unterschied zwischen Denken und Fühlen, ist nur eine dieser Formen von Demagogie, die viel Unheil über die Leute bringt, weil sie sie misstrauisch gegenüber Dingen macht, denen gegenüber sie nicht misstrauisch oder gleichmütig sein sollten.»(6)

Rudolf Steiner ging in seinen Gegenwartsreden noch einen Schritt weiter, indem er nicht nur für eine Überwindung des Gegensatzes von Denken und Fühlen plädierte, sondern zugleich «die Durchgeistigung des Leibes mit dem Willen» einforderte, denn «das Hineinführen des Willens in alles Sinnliche, in alles Leibliche und in alles Soziale», das ist es, worauf es ankommt. Und das ist es, was auch der «Entzauberung der Welt» – einem von Max Weber 1917 in seinem Vortrag ‹Wissenschaft als Beruf› eingeführten Terminus – entgegenwirken kann. Alles in allem gilt es, die Aufmerksamkeit auf die Entfaltungsmöglichkeiten von drei seelischen Eigenschaften zu richten: dem Denken, dem Fühlen und dem Wollen – und es geht um deren Gleichberechtigung im Kanon menschlicher Lebensäußerungen. All dies waren für ihn bereits Themen, die er in seiner 1894 erschienenen ‹Philosophie der Freiheit› erörtert und dabei auch schon das soziale Zusammenleben der Menschen im Blick gehabt hat. Wie er den Zusammenhang seiner Publikationen von 1894 und 1919 sieht, hat er in seinem Schlusswort nach einer sich an seinen Vortrag am 17. März 1920 in Zürich anschließenden Diskussion so dargestellt: «Daher darf ich sagen, dass in gewissem Sinne die Ergänzung zu meiner ‹Philosophie der Freiheit› meine ‹Kernpunkte der sozialen Frage› sind. Wie meine ‹Philosophie der Freiheit› untersucht, woraus beim einzelnen Menschen die Kräfte zur Freiheit kommen, so untersuchen meine ›Kernpunkte der sozialen Frage›, wie der soziale Organismus beschaffen sein muss, damit der einzelne Mensch sich frei entwickeln kann.»(7)

Alle diese Überlegungen kann man angesichts der fast schon tragischen Eindimensionalität, die unsere gegenwärtigen Lebensverhältnisse bestimmt, gleichsam mit Rotstift unterstreichen. Hinzu kommt noch ein weiterer Aspekt, der sich aus dem intellektuellen Denken der letzten Zeit nahezu spurlos verabschiedet hat, dessen Daseinsberechtigung aber Robert Musil schon in einer Tagebuchnotiz aus dem Jahr 1920 betont hat: «Rationalität und Mystik, das sind die Pole der Zeit.»(8) Mit diesen Worten erinnert er uns an die seit eh und je bekannten Eckdaten jener Wegstrecke, auf der jeder ein Wissender und Unwissender, jeder ein Fremder unter Vertrauten ist. Wie wohl kaum einer hat Rudolf Steiner diese Pole der Zeit in sich vereinigt, vor allem aber ausgehalten und in Reden und Schriften, Bildern und Architektur seiner Zeit entgegen­gehalten.

Rudolf Steiner dachte und fühlte jedoch nicht nur in bloßen Gegensätzen, sondern konzentrierte sich auf das, was sie miteinander in Verbindung bringt. So sind das physisch-materielle und das geistige Leben zunächst als Zweiheit gegeben. Das Dritte ergibt sich durch das rhythmische Ineinanderweben von beiden. «Worauf es ankommt», so Rudolf Steiner in seinen Vorträgen ‹Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde›, «ist, dass wir als Menschen uns mit dem Weltenlauf so verbinden können, dass wir das lebendige Übergehen von der Einheit in die Dreiheit, das Zurückgehen von der Dreiheit in die Einheit zu verfolgen in der Lage sind. Dann, wenn wir dadurch, dass wir den Ostergedanken in dieser Weise ergänzen durch den Michaeli-Gedanken, uns in die Lage versetzen, die Urdreiheit in allem Sein in der richtigen Weise zu empfinden, dann werden wir sie in unsere ganze Seelenfassung aufnehmen. Dann werden wir in der Lage sein, einzusehen, dass in der Tat alles Leben auf der Betätigung und dem Ineinanderwirken von Urdreiheiten beruht. Und dann werden wir, wenn wir das Michael-Fest so inspirierend haben, für eine solche Anschauung, wie das einseitige Osterfest inspirierend war für die Anschauungen, die nun einmal heraufgekommen sind, dann werden wir eine Inspiration, einen Natur-Geistimpuls haben, um in alles zu beobachtende und zu gestaltende Leben die Dreigliederung, den Dreigliederungsimpuls einzuführen. Und von der Einführung dieses Impulses hängt es doch zuletzt einzig und allein ab, ob die Niedergangskräfte, die in der menschlichen Entwicklung sind, wiederum in Aufgangskräfte verwandelt werden können.»(9)

Die Therapie ist die Zusammenarbeit

Einer, der ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen der ‹Kernpunkte der sozialen Frage› seine Sicht auf die Dreigliedrigkeit des sozialen Organismus kundtat, war der Künstler Joseph Beuys, der mit seinem Ausruf ‹Die Mysterien finden am Hauptbahnhof statt› Steiners Diktum «vom Labortisch, der zum Altar werden muss», neu belebt hatte. Des Geredes überdrüssig, dass man endlich die Dreigliederung einführen müsse, entgegnete Beuys: «Der soziale Organismus ist dreigliedrig, allerdings in einer verzerrten Form, d. h. in pathologischer, krebsgeschwulstartiger Konstellation oder in verfilzter Form usw. Es wäre ein völliges Missverständnis, wenn man aus Steiners ‹Kernpunkten› z. B. herauslesen würde, dass er vorhat, den sozialen Organismus dreizugliedern. Das hat er gar nicht vor, sondern er stellt fest, was ist, und gibt lediglich die therapeutischen Maßnahmen an.» (10)

Es geht darum, aus der eigenen Wahrnehmung, der eigenen Vorstellungskraft, der eigenen Fantasie und der eigenen Erfahrung all das heraufzuholen und freizusetzen, was wir selbst für wesentlich halten.
— Walter Kugler

Der Schlüssel zu dieser Therapie ist die Zusammenarbeit − ohne Wenn und Aber. So wie der menschliche Organismus mit seinen drei Hauptfunktionen, also dem Nerven-Sinnes-System, dem Rhythmischen System und dem Stoffwechsel-Gliedmaßen-System, dreigliedrig, aber auch immer wieder therapiebedürftig ist, damit alle Funktionen sinnvoll ineinandergreifen können, so verhält es sich auch mit dem sozialen Organismus. Nicht das, was das Trennende zwischen Geistesleben, Rechtsleben und Wirtschaftsleben ausmacht, ist das Wesentliche, sondern ihr Zusammenwirken. Und dies wirkt umso gesünder, je bewusster man sich der Eigenheiten, d. h. des Wesens der drei Funktionsglieder des sozialen Organismus ist. Denn: Dreigliederung heißt, das soziale Ganze differenziert betrachten, um im nächsten Moment die einzelnen Teile wieder miteinander in Beziehung zu bringen. Dabei können wir einmal ganz getrost hinter uns lassen, was alles an Klugem schon gesagt wurde über Wirtschaft, Recht und Kultur. Es geht darum, aus der eigenen Wahrnehmung, der eigenen Vorstellungskraft, der eigenen Fantasie und der eigenen Erfahrung all das heraufzuholen und freizusetzen, was wir selbst für wesentlich halten. Rudolf Steiner wollte keine Reform der Wirtschaft, des Rechts oder der Kultur, sondern anregen zu einem Bewusstsein dessen, was im öffentlichen Raum Wirtschafts-Leben, was Rechts-Leben, was Geistes-Leben ist. Zweifellos, alles Leben braucht auch seine Form, aber die muss aus ihm selbst heraus entwickelt werden. Es ist schließlich das Bewusstsein, was zwischen Form und Leben vermittelt. Wie Geist niemals ohne Materie und Materie nie ohne Geist wirksam werden können, so auch das Leben nie ohne Form und die Form nie ohne Leben. Das Ganze funktioniert aber erst dann, wenn drei ‹Persönlichkeiten› miteinander kooperieren: das Ich, das Du und der Andere. Dreigliederung ist symphonisches Komponieren, ist Zusammenklang einzelner Grundfunktionen unseres sozialen Lebens, der umso besser gelingt, wenn der einzelne Ton zu seinem Recht kommt.

Sieben Empfehlungen

Erstens Dreigliederung ist ein Ausrufezeichen. Seine Botschaft: Die soziale Frage ist nicht nur eine Angelegenheit des Wirtschaftslebens, sondern auch eine Angelegenheit des Rechtslebens und des Geisteslebens. Dies gilt auch für innerbetriebliche Angelegenheiten. Ob Industrieunternehmen oder Einrichtungen des Bildungswesens: immer geht es um rechtliche, wirtschaftliche und geistige Vorgänge, und dies nicht nacheinander, sondern gleichzeitig.

Zweitens Der soziale Organismus ist dreigegliedert – seit jeher. Nur bemerkt man dies aufgrund zahlreicher Fehlentwicklungen nicht. Die Krankheitssymptome sind offensichtlich. Deshalb braucht der soziale Organismus eine Therapie. Es braucht den dreigliedrigen Blick.

Drittens Der Schlüssel zur Therapie der einzelnen Glieder des sozialen Organismus ist die Zusammenarbeit. Wie heißt es doch zu Beginn von Rudolf Steiners programmatischer Schrift ‹Die Kernpunkte der sozialen Frage› aus dem Jahr 1919? «In ihr wird deshalb durchaus nicht theoretisch festgesetzt: Dies soll so oder so sein. Sondern es wird zu Menschengemeinschaften angeregt, die aus ihrem Zusammenleben das sozial Wünschenswerte herbeiführen können.» (11)

Viertens Dreigliedern heißt, sich bewusst machen, dass der soziale Organismus nicht ein irgendwie von Menschenhand geschaffenes Konstrukt, sondern ein Zusammenspiel von drei Kräften ist. Es geht nicht darum, mit der Dreigliederung ein Konzept neben andere Zukunftsprojektionen zu stellen, sondern darum, «die Menschen in eine solche soziale Verbindung zu bringen, dass aus dem Zusammenwirken der Menschen die allmähliche Lösung der sozialen Frage entsteht». (12)

Fünftens Mitten im Zweiten Weltkrieg, im Februar 1943, hat der Schriftsteller C. S. Lewis an der Universität von Durham drei Vorlesungen gehalten. Die dritte trug den Titel: ‹Die Abschaffung des Menschen›. – Wie heißt es doch manchmal so schön? Wir arbeiten dran. – Rudolf Steiner hat sich nie lange damit aufgehalten, irgendwelche Untergangsszenarien auszubreiten. Sein großes Thema war die Zusammenarbeit. Das bezieht sich auf den engeren Umkreis eines jeden, aber auch auf den weiteren. Purer Individualismus war für ihn eher hinderlich als dienlich. Darum rief er seinen Zuhörern in Oxford im Sommer 1922 zu: «Man hat in der Menschheitsentwicklung nicht das Recht, sich als Individualität zu fühlen, wenn man sich nicht zu gleicher Zeit als Angehöriger der ganzen Menschheit fühlt.» (13)

Sechstens «Fragen wir uns jetzt: Hat menschliches Denken, hat menschliches Interesse auch vermocht, jene soziale Struktur zu schaffen, die in irgendeiner Harmonie, in irgendeiner Angemessenheit steht zu dem, was auf den Gebieten der Technik und der Industrie die menschliche Geisteskraft geschaffen hat? Man denke sich einmal hypothetisch, was geworden wäre, wenn die Menschen oder wenn eine menschliche Individualität imstande gewesen wäre, ihre Geisteskraft, die in so gewaltiger, so großartiger Weise sich kristallisiert hat in Maschinen, in Banken und im Verkehrswesen, dazu zu verwenden, um diejenigen, welche hineingestellt sind in diese Entwicklung, auch in eine entsprechende soziale Struktur hineinzubringen.» (14)

Siebtens Eine neue Aufmerksamkeit erhielt Rudolf Steiners Gedankenkosmos in den 1970er-Jahren mit dem Aufkommen der Alternativbewegung. Der unendlichen theoretischen Debatten müde geworden, hatte sich eine neue Generation auf den Weg gemacht, das, was in ihren Köpfen war, schließlich auf die Füße zu stellen. Rudolf Steiners Pädagogik, seine Landbaumethode und noch manches andere fand bei den Alternativen starken Anklang und hat sogar so manchen Linken nicht unbeeindruckt gelassen. So hat der Soziologe Joseph Huber dem Abdruck, den Anthroposophen vielerorts sichtbar dem neuen Zeitgeist eingeprägt haben, ein ausführliches Statement im ‹Kursbuch›, ein Kultperiodikum der Linken, unter dem Titel ‹Astral-Marx› gewidmet, in dem es u. a. heißt: «Mir persönlich ging es mit der Anthroposophie wie im Märchen vom Igel und vom Hasen. Als linke Hasen rennen wir uns nach den sozialistischen Träumen die Hacken ab, und wenn wir wo hinkommen, steht da oft ein anthroposophischer Igel und sagt: Ätsch, ich bin schon da – hier ist ein klassenloses Krankenhaus, dort eine eigene Genossenschaftsbank, da sind selbstverwaltete Kindergärten und Schulen, Verlage, alternative Heil- und Therapieeinrichtungen, Tagungsstätten, freie Kunstakademien, Arzneimittelfabriken, biodynamische Landwirtschaftsbetriebe und anderes. Wo die heutige Linke mit lautem Getöse relativ wenig erreicht, schaffen Anthroposophen im Stillen viel.» (15)

Joseph Huber ließ es aber nicht dabei bewenden, die anthroposophischen Praxisfelder zu beschreiben, sondern setzte sich auch mit dem geisteswissenschaftlichen Hintergrund und damit auch der Dreigliederung des sozialen Organismus auseinander. Und er konnte es sich schließlich auch nicht «verkneifen, zwischen Marx und Steiner kurz zu resümieren», was dann zu der Schlussfolgerung führte: «Über Marx hinaus- und an Steiner nicht vorbeigehen.»


(1) Votum eines Diskussionsteilnehmers an der Betriebsräteversammlung vom 14.6.1919. In: Rudolf Steiner, Betriebsräte und Sozialisierung. GA 331, S. 158.
(2) Sämtliche Artikel sind erschienen in: Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887–1901. GA 31.
(3) Aufsatz: Papsttum und Liberalismus, in: Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887–1901. GA 31, S. 136 f.
(4) Vortrag, Stuttgart, 15.6.1920, in: Die Krisis der Gegenwart und der Weg zu gesundem Denken. GA 335.
(5) Sämtliche Zitate sind demselben Vortrag (siehe Anm. oben) entnommen.
(6) Susan Sontag, The Doors und Dostojewski. Das ‹Rolling-Stone›-Interview mit Jonathan Cott 1978. Hamburg 2014, S. 83.
(7) Vortrag, Zürich, 17.3.1920, in: Vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus. GA 334, S. 105.
(8) Robert Musil, Tagebücher (Heft 8, 1920). Hrsg. von Adolf Frisé, Reinbek, 2. Aufl. 1983, S. 389.
(9) Vortrag, Dornach, 2.4.1923, in: Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die großen Festeszeiten. GA 223, S. 50.
(10) Joseph Beuys, Interview mit Rainer Rappmann, in: V. Harlan, R. Rappmann, P. Schata, Soziale Plastik. Materialien zu Joseph Beuys. Achberg 1976, S. 13 f.
(11) Rudolf Steiner, Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft. GA 23, S. 14.
(12) Vortrag: Die Kardinalfrage des Wirtschaftslebens. Kristiania (Oslo), 30.11.1921, in: Die Wirklichkeit der Höheren Welten. GA 79, S. 260.
(13) Vortrag, Oxford, 29.8.1922, in: Die geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehungskunst. GA 305, S. 228.
(14) Vortrag: Beruf und Erwerb. Berlin, 12.3.1908, in: Die Erkenntnis der Seele und des Geistes. GA 56, S. 231 f.
(15) Joseph Huber, Astral-Marx. Über Anthroposophen, einen gewissen Marxismus und andere Alternativen. In: Kursbuch 55, Berlin 1979, S. 139.

Titelbild: Deutsche Wochenschrift und New York Tribune

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