Die soziale Dreigliederung lernt laufen

Die soziale Dreigliederung lernt laufen

‹ImPuls für die Zukunft – Aufbruch zu einer menschlicheren Gesellschaft im 21. Jahrhundert›, so lautete der Titel der großen Tagung zum hundertsten Jubiläum von Rudolf Steiners Sozialidee. Gerald Häfner hielt dort einen der beiden Abendvorträge. Jetzt liegt er schriftlich vor.


Im politischen und wirtschaftlichen Leben geht es ständig darum, Entscheidungen zu treffen, die Konsequenzen für viele Menschen, ja für ein ganzes Land haben. Wo ich selbst in solchen Entscheidungssituationen stand, war ich entsetzt über den Mangel an Zeit zu gründlichem Bedenken, an Freiheit, geistiger Offenheit, Dialogbereitschaft und Intuitionsvermögen, um die Chance für andere, neue, bessere Denkansätze und Lösungen zu ergreifen und nicht zukunftsblind Vergangenheit in die Zukunft zu verlängern.

Als jemand, der sich früh schon intensiv mit dem Werk Rudolf Steiners und der Idee der Dreigliederung des Sozialen Organismus beschäftigen durfte, war mir zum Erlebnis geworden, wie man das Soziale tiefer und umfassender verstehen und entwickeln kann. Ich litt deshalb daran, wie wenig solche Perspektiven bei den Menschen, mit denen ich damals um Entscheidungen zu ringen hatte, präsent waren. Diese schmerzhafte Erfahrung führte zu der Entscheidung, Initiativen mit dem Ziel zu ergreifen, dass diese Gesichtspunkte und Wege für eine größere Zahl von Menschen auffindbar und gangbar werden.

Zugleich bedauere ich – trotz mancher geglückter Gründungen –, wie wenig von dem, was gerade im anthroposophischen Feld gedacht wurde und wird, tatsächlich Wirklichkeit im Sozialen wird. Suchen wir die Gründe dafür nicht nur bei anderen, sondern in erster Linie auch bei uns selbst, so fällt auf, wie schmerzhaft wenig reale soziale und politische Gestaltungserfahrung viele Dreigliederungspropagandisten haben. Nachdenken und Handeln, Entscheiden, Gestalten – das klafft oft auseinander. Wie aber werden wir heute zu Handelnden, nicht nur zu Denkenden und Sprechenden – zu Mitgestaltern des Zeitenschicksals? Und ebenso: Wie werden die heute Handelnden sämtlich auch zu denkenden und begegnungsfähigen Menschen? Zwei Fragen, die den Boden, den Goldgrund für das folgende Bild bilden.

Wo Anthroposophie zur Tat wird

Ab 1917 und kulminierend 1919 stürzt sich Rudolf Steiner regelrecht ins Soziale. Das war kein Abdriften, kein Irrweg, sondern konsequent. Denn in der Dreigliederung will Anthroposophie zur menschheitlichen, sozialen Tat werden. Der innere Entwicklungsweg des Menschen möchte immer so verstanden sein in der Anthroposophie, dass ein Schritt auf dem Weg der Erkenntnis begleitet wird von zwei oder drei Schritten im Äußeren, Moralischen, Sozialen. Zumal, wenn es dort an allen Ecken und Enden brennt! Wir dürfen nie vergessen, dass wir gemeinsam die Verantwortung tragen für diese Erde, das Leben und die Zukunft der Menschheit. Das sage ich mit großem Ernst, denn diese Zukunft steht heute auf dem Spiel. Und das ist neu. Wir sind die erste Generation, die nicht mehr die Augen davor verschließen kann, dass wir, wenn wir so weitermachen wie bisher, die Schöpfung unwiederbringlich in den Abgrund führen. Und wir sind zugleich die letzte Generation, die das noch ändern kann! Das spüren die Menschen. Es spüren auch die Schülerinnen und Schüler, die plötzlich freitags nicht mehr in die Schule gehen. Sie verlangen ein radikales Umdenken und Umlenken. Und sie fragen, wozu noch Hausaufgaben machen, wenn die Erwachsenen die ihren nicht machen und den Planeten zerstören. Nicht nur beim Klima ist es überaus ernst. Jeden Tag sterben mehr Tier- und Pflanzenarten endgültig aus. Wir haben in den letzten 50 Jahren mehr Energie und Rohstoffe verbraucht als in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor. Von vielen ist bald nichts mehr vorhanden. Dafür wird sich im Jahr 2050 in den Meeren dieser Welt mehr Plastik befinden als Leben. Und all dies kommt zu uns zurück. All das wissen wir. Wir wissen auch, dass sich vieles ändern muss, dass es um einen grundlegend anderen Weg geht.

Es gehört zu den wichtigsten persönlichen sozialen Erkenntnissen, dass es uns dann gut geht, wenn wir für das Wohl unserer Mitmenschen sorgen. Die Wirklichkeit ist heute anders: Wir wissen, dass unser europäischer Wohlstand auf den schrecklichen Lebensbedingungen anderer beruht.

Es geht um eine Besinnung, bei der es sich lohnt, auf die Anfänge dieses Weges der Menschheit zurückzuschauen. Denn dieser Blick zurück vermittelt eine Perspektive, ermöglicht ein Verstehen. Und er offenbart, dass neben den Zwängen und Notwendigkeiten, in denen wir heute stehen, zugleich sich enorme Möglichkeiten bieten. Möglichkeiten, die für vorangehende Generationen und Kulturen nicht vorstellbar waren.

Der Weg der Menschheit auf Erden begann in einer Art All-Einheit, in enger Gemeinschaft mit den Naturreichen und Reichen über uns. Es gibt wohl keinen Schöpfungsmythos, der nicht von diesem anfänglichen Bund erzählt. Wir waren noch nicht frei, nicht erkenntnisfähig, vielmehr in einem träumenden Bewusstsein mit allem verbunden. Die Bibel nennt das das Paradies. Die Religionen haben jeweils verschiedene Bilder und ihre eigene Sprache gefunden, die Emanzipation aus dieser All-Einheit zu beschreiben.  – Beides zugleich sind diese Erzählungen: Hymnus und Klage. Das Christentum spricht vom Sündenfall in der Paradies­erzählung. Die ersten Menschen übertraten das göttliche Gebot und aßen vom Baum der Erkenntnis. Das zerreißt die Einheit. Dualität entsteht, die Welt wird zum Gegenüber. Doch das ist zugleich die Geburt der Freiheit. Und der Erkenntnis. Fortan wird möglich – und nötig! –, Gut und Böse zu erkennen und sich zwischen ihnen zu entscheiden. Da stehen wir heute noch – doch zugleich an einem Scheitelpunkt, einem Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte, weil, wie wir vielleicht seit 40 Jahren, vielleicht erst jetzt wissen, von dieser Entscheidung das Wohl der Schöpfung insgesamt abhängt.

Wir haben den Zusammenhang, die Verbindung verloren. Wir sind im Individual- bzw. Gegenstandsbewusstsein erwacht und stehen seither einander und der Welt fremd gegenüber. Wir können sie beherrschen, plündern, ausbeuten, zerstören. Doch dieser Weg führt in den Abgrund. Wir müssen einen anderen wählen. Die große Menschheitsfrage heute ist, ob wir den Weg finden in eine neue, nicht mehr träumende, sondern bewusste Form des Zusammenklanges, der Verbundenheit mit unserer Mit-, Um- und Nachwelt, ob wir in Freiheit und Selbsterkenntnis den Zusammenhang mit der Welt wieder finden? Jeder ahnt, dass es richtig wäre, das zu tun. Aber noch geschieht vielfach das Gegenteil. Unter der Oberfläche aber lässt sich erleben, dass heute die meisten Menschen schon viel weiter sind als die Verhältnisse, in denen wir leben. Im Innern der Seelen ist eine neue Verbundenheit gewachsen. Dort hat die Entscheidung, um die es geht, schon begonnen zu reifen. Die äußeren Verhältnisse aber rollen weiter in den alten Bahnen und wir rollen mit, wenn wir bequem sind und diese innere Wendung überhören oder verdrängen. Es ist nicht leicht, diesen Kurs zu verlassen. Aber es ist möglich, auch weil Keime, vor hundert Jahren gelegt, jetzt ans Licht drängen.

Wie Seele und Welt wieder eins werden können

1917 begann Rudolf Steiner über die Dreigliederung des sozialen Organismus zu schreiben und zu sprechen. Er wandte sich zuerst an die Eliten, die deutsche Regierung, den Kaiser von Österreich. Während des Krieges suchte er einen Weg in den Frieden. Man müsse die Ursachen begreifen, die in den Krieg geführt haben. Er entwickelte ein umfassendes Friedensprogramm. Das war derartig auf der Höhe der Zeit, dass die meisten Menschen damals es nicht begreifen konnten. 1917 war das Jahr eines doppelten Paukenschlages. Zum einen trat Amerika in den Krieg ein. Und Woodrow Wilson verkündete seinen 14-Punkte-Plan, ein ‹Weltvölkerfriedens- und Beglückungsprogramm› nach amerikanischen Werten, auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechtes der Völker. Das war das Präludium zur bis heute anhaltenden amerikanischen Weltherrschaft. Und im Osten? 1917 wurde Lenin im plombierten Zug durch Deutschland nach St. Petersburg geschickt, um in Russland Unruhe zu stiften, in der Absicht, Russland zu schwächen und so eher den Krieg zu gewinnen. Die Unruhestiftung ist gelungen, aber der Preis war hoch! Lenin initiierte einen radikalen Umsturz. Auf Märzrevolution folgten Oktoberrevolution, Bürgerkrieg und der Sieg des Bolschewismus. So entstand die andere ideologische und Weltmacht, die schließlich im Wettstreit mit den USA die Welt des 20. Jahrhunderts bestimmte.

So entstand im Westen ein System, welches die Freiheit über alles andere stellt. Die Freiheitsstatue grüßt am Eingangstor in die Neue Welt. Von Brüderlichkeit ist dort kaum die Rede. Im Osten dagegen entstand die Zwangsbrüderlichkeit des Kommunismus – in der keine Freiheit, nicht einmal die Freiheit der Meinungsäußerung, Platz hat. Zwei Machtblöcke rissen die Erde auseinander, die Menschheit – ja, rissen durch ihre Ideologie den Menschen auseinander. Noch heute bestimmt oft die Behauptung Debatten, wir müssten uns entscheiden, es könne nur eines von beidem geben, entweder Freiheit oder Sozialismus (bzw. Geschwisterlichkeit). So wurde die Welt in Ost und West geteilt und die Menschen wurden in die Irre geführt.

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gehören zusammen und bedingen sich. Freiheit ist nur auf dem Boden von Gleichheit und Brüderlichkeit möglich. Brüderlichkeit nur auf dem Boden von Freiheit.

Vor diesem Hintergrund und in diesem welthistorischen Moment trat Rudolf Steiner auf den Plan und machte deutlich: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gehören zusammen, sie bedingen, stützen und stärken einander. Freiheit ist überhaupt nur auf dem Boden von Gleichheit und Brüderlichkeit, Brüderlichkeit nur auf dem Boden von Freiheit und Gleichheit möglich. Diese drei großen Ideale, die in der Französischen Revolution als Ideen zu strahlen begannen, erkannte Rudolf Steiner als verbunden mit den menschlichen Seelenfähigkeiten und den entsprechenden gesellschaftlichen Feldern, und machte deutlich, wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gemeinsam soziale Wirklichkeit werden können.

Am 23. April 1919 sprach Rudolf Steiner vor über 1000 Arbeitern im Tabaklager der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Wohl alle, die ihm zuhörten, hatten das Gefühl, einer Menschheitssternstunde beizuwohnen. Nun wussten sie, worauf es ankam! Doch wenn sie versuchten, anderen davon zu berichten, taten sie sich schwer. Die alten Begriffe wollten das Neue nicht tragen. Rudolf Steiner hatte in den Worten der damaligen Zeit etwas zu schildern versucht, was noch ganz und gar zukünftig war. Daraus entstand eine Bewegung. Sie wuchs. Doch nun wuchs auch der Widerstand. Die Dreigliederung wurde zwischen den Polen der alten Ideologien zerrieben. Die Linken denunzierten Steiner als Kapitalistenknecht, die Rechten als Handlanger der Bolschewisten. Die Dreigliederung wurde – wie alles Fragen und Suchen – zwischen diesen beiden riesigen Mühlsteinen zermahlen. So sollte der Unternehmer Carl Unger Ende Mai 1919 aus der Württembergischen Arbeitgebervereinigung ausgeschlossen werden, denn er hatte einen Arbeiterrat zugelassen. Zugleich beriet die USPD, die unabhängige Linke, über einen Unvereinbarkeitsbeschluss gegen Dreigliederer: Denn diese seien verkappte Kapitalisten!

Es ging den Agenten des Alten nie um den Inhalt der Dreigliederung. Sie suchten Schubladen des alten Denkens, um das Neue darin verschwinden zu lassen. Rudolf Steiner verzweifelte an dieser Entwicklung. Viele Mitstreiter waren nicht kräftig genug, dieses alte Denken zu überwinden. Denkschwäche aufseiten der Arbeiterbewegung und Willensschwäche aufseiten der Intellektuellen, so beschrieb Steiner den seinerzeitigen Zustand. Deshalb entschloss er sich, ‹Mustereinrichtungen› zu gründen, damit die Menschen an ihnen ablesen könnten, was sie dem bloßen Gedanken noch nicht entnehmen konnten. So entstand die Waldorfschule in Stuttgart. Sie war nicht nur Schule, Realisierung einer neuen Pädagogik, sondern der erste Akt zur Befreiung des Schulwesens vom Staat überhaupt. Die Waldorfschule ist von Anfang an frei und gemeinnützig. Und sie ist selbstverwaltet. Das war für Menschen, die im Kaiserreich groß wurden und immer Unterworfene unter den Willen anderer waren, eine enorme Herausforderung, alles selbst verwalten und selbst gestalten zu sollen. Es war eine ganz zukünftige Form. So ist jede Waldorfschule ein Labor der neuen Gesellschaft. Ähnliches wollte Rudolf Steiner in allen Bereichen des sozialen Lebens. Aber er fand auf den meisten Gebieten die nötigen Mitstreiter nicht. Mein Eindruck ist, dass Rudolf Steiner den Möglichkeiten der damaligen Zeit und Menschen unglaublich weit voraus war und so nur erst weniges realisiert werden konnte.

Im Tun lernen, worauf es ankommt

Die Dreigliederungsidee ist durch viele Phasen gegangen: Es gab eine Zeit, in der sie vor allem theoretisch gelebt hat, eine Zeit, in der sehr viel Kluges in Büchern über sie geschrieben wurde. Es war ein sehr gedanklicher Zugriff. Da war man von einer Realisierung meist weit weg. Dann tauchte sie mehr und mehr im Gefühl auf. Wie gehen wir miteinander um? Wie können wir uns einbringen? Es bildeten sich Gruppen, um mit Wirtschaftsgemeinschaften zu experimentieren. Daraus gingen z. B. die GLS-Bank und die Gemeinnützige Treuhand hervor. Das NPI entstand, die ganze Beraterszene. Etliche Schulen und andere Einrichtungen wurden gegründet. Es war eine Suche ganz und gar auf der Ebene von Mensch zu Mensch, der Ebene des Empfindens. Auch die Ökologie- und Friedensbewegung dieser Zeit war ein Aufbruch eines neuen Empfindens. Man fühlte sich verantwortlich für das, was auf diesem Planeten passiert. Bewegungen von Amnesty International bis Pro Asyl, die großen Demokratiebewegungen, aber auch all die lokalen politischen Vereine sind Ausdruck dieser Gefühlskraft.

Heute scheint mir die Dreigliederung mehr im Willen aufzuleben. Es entsteht wie eine neue Willenskultur. Das gilt vor allem für die jungen Menschen. Greta Thunberg und Fridays for Future etwa sind ein Willensphänomen. In aller Ruhe stand diese Schülerin so lange nur still da, bis sie gesehen wurde. Da ist eine Kraft, die wirkt. In den 1960er-Jahren wurden die Fragen noch sehr studentisch-intellektuell gestellt. Danach zog man aufs Land, schuf Kommunen. Und heute gibt es immer mehr Menschen, die einfach anfangen, etwas zu tun, da, wo sie sind. Sie fangen an, ihre eigene Währung zu gründen, fangen an, Einzelnen ein bedingungsloses Grundeinkommen zu ermöglichen, kümmern sich um die ins Land kommenden Flüchtlinge. Sie lernen im Tun, worauf es ankommt.

 
Foto: Judit Stott

Foto: Judit Stott

 

Ein Beispiel: Aus der Art, wie wir Eigentum handhaben, resultiert viel an sozialem Unrecht und Unfreiheit. Deshalb hat mich die Frage nie losgelassen, wie Eigentum verwandelt und menschlich werden kann. Neben dem Eigentum an Grund und Boden gilt das besonders für das Eigentum an Unternehmen, denn hier sind die indirekten Folgen immens und fatal. Der Sündenfall tritt ein, wenn Unternehmen wie eine Ware betrachtet und gehandelt werden. Eben das ist heute mehr denn je der Fall. Unternehmen werden gekauft und verkauft wie Kleider oder Brote. Sie wechseln den Eigentümer. Dabei nimmt die Kapitalkonzentration immer mehr zu. Zu keiner Zeit war sie so groß wie heute. Rechtlich gesehen arbeiten die Mitarbeiter ja für den Eigentümer des Unternehmens und damit für die Mehrung seines Vermögens. Ein Unternehmen ist aber keine Ware, sondern ein lebendiger Menschen-Ideen-Fähigkeiten-Zusammenhang. Verkaufe ich es, verkaufe ich die Menschen mit. Auch Menschen werden so zur Ware! Ungefragt wechseln die Mitarbeiter den Besitzer. Und das Eigentum wird immer anonymer. Die Menschen, die mit den Unternehmen verbunden sind und dort arbeiten, sind immer seltener noch die, die wirklich entscheiden können. Vielmehr entscheiden Menschen weit weg von den Tätigkeitsfeldern – aufgrund bloßer Zahlen, Diagramme, mit dem einzigen Ziel, den Marktwert des Unternehmens und ihren Return on Investment nach oben zu treiben. Wir brauchen eine Eigentumsform, die volle unternehmerische Freiheit und Verantwortung sichert, ohne dass das Unternehmen selbst zur Ware wird.

Ich habe darüber oft gesprochen und geschrieben. Eines Tages kam ein junger Freund zu mir, er war damals noch Schüler. Er hat in meinem Team mitgearbeitet und wir haben zusammen viele Ideen bewegt – natürlich auch zu anderen Fragen wie transnationale Demokratie oder eine Reform der EU. Ich spreche von Armin Steuernagel. Unter seinen Händen wuchs die Eigentumsfrage in eine neue, andere, ungleich konkretere Schicht. Armin gründete Unternehmen, die keine Ware mehr sind. Und Unternehmen, deren Sinn es ist, anderen Firmen zu helfen, ihre Eigentumsordnung zu verändern. Er und seine Freunde haben damit weltweiten Erfolg.

Um eine solche Form des ‹Verantwortungseigentums› ohne mühsame Umwege allen Unternehmen zu ermöglichen, haben wir schließlich gemeinsam einen Gesetzesentwurf formuliert, wie in Deutschland insgesamt das Eigentumsrecht geändert werden kann. Wenn es gelingt, das durchzusetzen, wird überwindbar, was den Grundwiderspruch zwischen Kapitalismus und Kommunismus und soziale Kämpfe über Jahrhunderte bestimmte. Ich kann das hier nur andeuten. Das Faszinierende ist, dass, als wir unseren Gesetzesentwurf auf einem großen Kongress in Berlin vorstellten, viele Unternehmer kamen, die bereits entschlossen sind oder gar schon begonnen haben, die Eigentumsform ihrer Unternehmen in diesem Sinn zu verändern. In Armin, seinen Freunden und diesen Unternehmern erlebe ich eine andere, neue Kraft. Sie lebt in einem Willen, der aus der Zukunft kommt. Sie tut, wirksam und selbstverständlich, wo vorher mehr gedacht wurde.

Dem Guten die Bresche schlagen

So werden heute viele Unternehmen und Start-ups gegründet, deren Gründerinnen und Gründer von Beginn an sagen, dass sie ihr Unternehmen nicht als ihr Eigentum verstehen, sondern in ‹Verantwortungseigentum› überführen wollen. Es geht ihnen nicht um Profit, die Zahl auf dem Konto, sondern um den Wert, der für alle Menschen entsteht – oder einfacher: das Gute.

Die Kraft dazu liegt im Willen. Sie ist, in dieser Form, eine neue Kraft. Um eben diese Kraft geht es in der Dreigliederung. Um die Kraft, auf allen Gebieten die sozialen Formen neu zu greifen. Selbstverwaltet. Überall in der Gesellschaft kommen wir heute an den Punkt, an dem die alten Begriffe nicht mehr tragen, nicht mehr weiterführen. Dies gilt, neben dem Eigentum, auch für den Begriff der Arbeit. Was ist Arbeit? Wofür arbeiten wir? Im Kapitalismus scheint es klar: Ich arbeite, um Geld zu verdienen. Ich arbeite für mich und meine Familie, für den Lohn, für mein Haus, für die Rente, für das Auto, für die Kinder. So antworten wir aus den herkömmlichen Vorstellungen – aber wie antwortet die Seele, wenn sie sich die Frage neu und frei stellt, wenn sie nicht aus Gewohnheiten, sondern aus der Wirklichkeit antwortet?

Diese Wirklichkeit, wir haben sie verstellt! Überall. Im Sozialen ist das besonders dramatisch. Nehmen wir eine Alltagssituation, das Einkaufen: Ich stehe vor dem Regal mit den Shampoos – darunter jeweils der Preis. Ich greife zu dem Shampoo, das mir am günstigsten scheint. Kann ich mich jetzt im Spiegel sehen? Kann ich sehen, wie ausschließlich mein Eigeninteresse wirksam ist? In diesem Fall kann mir der Moment vor dem Ladenregal zu einem Moment des Erwachsens zur sozialen Wirklichkeit werden: Kann ich die Menschen suchen, die dieses Shampoo hergestellt haben. Was für Menschen sind das? Mit welchen Intentionen haben sie es gemacht? Wie wurden sie bezahlt? Geht es ihnen gut oder werden sie ausgebeutet? Wie wurde mit der Erde umgegangen, der Luft, dem Wasser, mit der Umwelt? Will ich das unterstützen, gutheißen? Ich kann mich darüber informieren. Schon diese kleine innere Anstrengung hilft, durch die imaginäre Wand zwischen mir und der Wirklichkeit durchzustoßen und der Wirklichkeit zu begegnen. Das hat Konsequenzen. Denn es ist immer die Begegnung, die uns sozial macht, wo wir uns selbst überwinden, von uns selbst wegkommen und den Zugang zum anderen finden.

Es ist immer die Begegnung, die uns sozial macht, wo wir uns selbst überwinden, von uns selbst wegkommen und den Zugang zum anderen finden.

Es gehört zu den wichtigsten persönlichen sozialen Erkenntnissen, dass es uns nur dann gut geht, wenn wir für das Wohl unserer Mitmenschen sorgen – und wenn diese nicht unter unserem Verhalten leiden müssen. Die ökonomische Wirklichkeit heute aber ist anders: Wir verdanken Teile unseres Wohlstands den schrecklichen Lebensbedingungen anderer. Bei der Arbeit – das war ja vorhin meine Frage – zeigt die soziale Wirklichkeit, dass niemand für sich arbeitet. Kein Musiker spielt ‹für sich›, sondern er spielt für das Ohr seiner Zuhörer. Es lohnt sich, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass das Haus, die Kleidung, die Nahrungsmittel, all das, was mich aktuell schützt, ernährt, wärmt, mir hilft, durch andere Hände ermöglicht wurde. Das ist ein ständiges, zauberhaftes, ganz und gar geschwisterliches, soziales Geschehen, ist tätige Liebe. Da, wo wir selbst arbeiten, tun wir es für andere. Das ist Menschsein, ist menschliche Gesellschaft in der sozialen Wirklichkeit. Weltweit. Staatliche Grenzen spielen dabei kaum noch eine Rolle. Die Welt wächst zusammen und alle sind für alle tätig. Das ist Wirtschaftsleben. Es ist von sich aus brüderlich, wie Rudolf Steiner sagte. Seiner Zeit weit voraus, sprach er damals schon von Weltwirtschaft, und er zeigte, dass diese ein völlig anderes Denken und andere Gesetze verlangt, als in der klassischen Theorie der Fall. Beispielsweise ist es in dieser arbeitsteiligen Weltwirtschaft gar nicht mehr möglich, den exakten Anteil des Einzelnen an der Herstellung eines Produktes zu berechnen. Das Grundgesetz der heutigen sozialen Realität ist genau das Gegenteil dessen, wonach wir unser ökonomisches Denken seit mehr als 200 Jahren eingerichtet haben. Diesem liegt noch der Gedanke von Adam Smith zugrunde, wonach das Wohl einer Gemeinschaft von Menschen umso größer sei, je mehr jeder Einzelne immer seinen Eigennutz im Auge hat, an sich denkt, für sich arbeitet. Rudolf Steiner aber sagt: Das Wohl einer Gemeinschaft von zusammenarbeitenden Menschen ist umso größer, je mehr der Einzelne die Erträgnisse seiner Leistung gerade nicht für sich beansprucht, sondern an die Gemeinschaft abgibt. Umgekehrt lebt der Einzelne von dem, was die soziale Gemeinschaft für ihn leistet. So ist die soziale Realität, die weltweit zu beobachten ist. Doch wenn dem so ist, hat das Konsequenzen. Beispielsweise ist die Art, wie wir heute Arbeit und Einkommen verkoppeln, nicht mehr zu halten. Ist denn unser Einkommen die Folge der in der Arbeit erbrachten Leistung – oder vielmehr deren Voraussetzung? Das Einkommen wird zur Rechtsfrage. Und dass ich etwas zu essen habe, eine Wohnung usw., zur Bedingung dafür, dass ich meine Fähigkeiten in der Arbeit für andere frei und sinnvoll einsetzen kann.

Die Idee der Dreigliederung ist keine Idee

Das heißt: Wir müssen Wirtschaft neu denken – und lenken. Noch gilt: Geld regiert die Welt. Der Geist, der von allem den Preis kennt und von nichts mehr den Wert, ist auf dem Gebiet der Ökonomie weiter auf dem Vormarsch. Die Methoden, alles zähl-, bewert- und bezahlbar zu machen, werden immer ausgeklügelter. Während früher ein Arzt dafür bezahlt wurde, seine Patienten gut zu versorgen, muss ich heute als Arzt immer die Rechenmaschine im Kopf mitlaufen lassen und für jede Diagnose, jede Therapie den Geldwert berechnen. Hier ringt das alte vorstellungshafte Denken, nach dem wir die Wirklichkeit eingerichtet haben, und das unaufhaltsam weiterrollt, bis wir es ändern, mit jenem, das wir selbst innerlich erleben und erfahren, wenn wir uns ganz auf die Wirklichkeit einlassen. Hier ringen Innenwelt und Außenwelt, mögliche und faktische Welt miteinander. Können, wollen wir uns für die wirkliche Welt, die wirklichen Menschen, das echte Soziale entscheiden?

Wichtig scheint mir, dass Rudolf Steiner kein Programm entwickelt hat, wie die Gesellschaft werden solle. Die Dreigliederung ist kein Programm, nichts Ausgedachtes, keine Blaupause, sondern sie ist nichts anderes als eine Beschreibung der sozialen Realität. Er hat wie ein Goetheanist mit phänomenlogischem Blick auf das Soziale geschaut und die darin wirksamen Grundkräfte beschrieben. Ich behaupte, die Dreigliederung ist längst da! Sie lebt in den Tatsachen. Was ihre Wirksamkeit verhindert, ist unser falsches Denken, sind unsere falschen Vorstellungen und Begriffe, und es sind, in deren Folge, die falschen Rechtsordnungen, Wirtschaftsordnungen, Gesellschaftsordnungen, nach denen wir unser Zusammenleben organisieren.

Ich meine deshalb – zusammenfassend - dass zu keiner Zeit die Idee der Dreigliederung so lebendig, so greifbar, so nah war wie heute. Doch ist es unsere Aufgabe, sie endlich aus dem Verborgenen zu befreien und auch zur bewussten Gestalt einer organisch gegliederten, selbstverwalteten Gesellschaft zu erheben. Nur durch unser Handeln kann eine Gesellschaft der Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit Wirklichkeit werden. Unzählige Initiativen heute arbeiten genau aus diesem unbewussten Wissen heraus. Sie setzen sich ein für freie Schulen und Hochschulen, für Bürgerbeteiligung und direkte Demokratie, für eine solidarische Ökonomie, für ein ethisches Bankwesen oder für neue Geldsysteme, bei denen das Geld im wirtschaftlichen Kreislauf sinnvolle Tätigkeiten der Menschen finanziert, ohne selbst zur Ware zu werden. Auch im Bereich der Versicherungen bilden sich Alternativen, wie Solidargemeinschaften im Gesundheitswesen oder Fairsicherung. Auch im Umgang mit dem Boden entstehen neue Rechtsformen, vor allem, um ihn seines Warencharakters zu entkleiden - etwa Nutzungsrechte oder Treuhandeigentum. Es gibt Initiativen, die Häuser oder Land aufkaufen, um Bauern freizustellen für ihre Arbeit oder um die Spekulation im Grundstücks- und Mietmarkt zu überwinden. Menschen brechen auf als Pioniere, um aus diesem neuen Verständnis des Sozialen heraus zu wirken, auf dass eine neue Welt entsteht und wächst.

Wir selbst sind die Revolution

Diese neue Welt, sie wächst durch uns und unsere Taten. Das ist das Signum der heutigen Zeit.

Im Jahr 1917 hatte Rudolf Steiner sich an die Herrscher gewandt, an die Regierung, den Kaiser. Sie hatten die Chance zur Veränderung, aber wollten sie nicht. 1919 schlug er den entgegengesetzten Weg ein. Er wandte sich an die Arbeiter. Denn jetzt waren sie die, die wirklich etwas ändern wollten – ‹das revolutionäre Subjekt›. Aber sie konnten nicht. Stattdessen gewannen die alten Ideologien des Kapitalismus und Sozialismus noch einmal die Oberhand.

Was können wir heute tun? Nichts lässt sich nachahmen, nichts wiederholen. Es gilt, alles neu zu entwickeln, aus den Bedingungen und Fragen unserer Zeit heraus. Wer ist heute das revolutionäre Subjekt? Das ist die Zivilgesellschaft. Und die sind wir alle. Das ist der Unterschied zu damals. Wir sind in eine Zeit eingetreten, in der jeder einzelne Mensch mitbestimmend ist dafür, wie sich das Soziale entwickelt, ob er will oder nicht, durch sein Tun wie durch sein Unterlassen.

Heute sind wir alle verantwortlich. Die Welt ist in unsere Hände gelegt. Klar ist: Ohne wirklichkeitsgemäße Erkenntnis des sozialen Organismus und dessen entsprechende Gestaltung gibt es keine menschliche Zukunft. Doch aus dem Impuls der Dreigliederung heraus, aus dem tiefen Erleben und Empfinden dieser Zusammenhänge, sind auch Menschen tätig, die dieses Wort, diesen Namen noch niemals gehört haben. Wir können aber unglaublich viel tun. Zu keiner Zeit in der Geschichte konnte ein einzelner Mensch so viel bewirken wie heute. ‹Zivilgesellschaft› meint ja, dass Menschen, die (eigentlich) nicht zuständig sind, anfangen, sich darum zu kümmern, wie wir z. B. mit dem Klima, mit den Mitmenschen oder mit sozialen Fragen umgehen. Sie tun das ohne Amt, Beruf oder Auftrag, einfach als Bürgerinnen und Bürger, als bewusste Zeitgenossen. Überall bilden sich Netzwerke von ‹unzuständigen› Menschen, die sich dennoch zuständig wissen aus ihrem Menschsein heraus. Das ist die Signatur der Zeit, in die wir jetzt eingetreten sind. Ein weltweiter Aufbruch ist im Gange, von dem wir nur ein Teil sind.

Die Dreigliederung wirkt! Sie ist viel ubiquitärer, präsenter, wirksamer, als uns bewusst. Mit Blick auf die nächsten hundert Jahre Dreigliederung steht deshalb die Aufgabe im Zentrum, soziale Dreigliederung vor allem zu ‹tun› – im Mikro-, im Meso- und ganz besonders im Makrosozialen. Und auch, öffentlich in moderner, angemessener Sprache über die Dreigliederung zu sprechen – und so eine lebendige Erkenntnis des sozialen Organismus zu fördern und mit all jenen zu teilen, die sich für eine bessere Welt engagieren und die nicht selten im Praktischen schon weiter sind als wir, weil sie zwar die Ideen noch nicht völlig zu Ende gedacht, aber längst schon mit dem Handeln begonnen haben. Jede/r kann dazu das ihm/ihr Mögliche beitragen.


Auszugsweise und vom Verfasser überarbeitete Abschrift des Vortrages von Gerald Häfner an der Tagung in Stuttgart ‹Hundert Jahre soziale Dreigliederung›, Ostern 2019

Fotos: Eindrücke von der Tagung, Judit Stott

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