Der Regenbogen als Pforte zum Geistigen

Der Regenbogen als Pforte zum Geistigen

Im Herbst 2018 trafen sich zur Tagung der Naturwissenschaftlichen Sektion ‹Evolving Science› goetheanistische Forschende, um sich über Wege zum Geistigen in der Natur auszutauschen. Was Rudolf Steiner in seinem ‹Grundsteinspruch› als die Fähigkeiten von Geisterinnern, Geistbesinnen und Geisterschauen fordert, das spiegle sich, so im Tagungstext zu lesen, in der tieferen Naturerfahrung im ideellen Zugang, im hier beschriebenen Symbolisieren der Naturerfahrung und schließlich in der Grenzerfahrung, in der das Sinnliche zugunsten eines Höheren verschwindet. Hier geben wir einen breiten Einblick in die Werkstatt der Forschenden.


Zwei Bemerkungen mögen diese meditative Betrachtung einleiten: Erstens ist das Ziel des Goetheanismus die Wesensbegegnung, die Begegnung mit dem Wesen der Phänomene, auch wenn dieses Wesen eine Unendlichkeit ist, von der man nur Aspekte zu fassen vermag. Mit dieser Erfahrung geht man zurück in die Welt. Warum? Weil diese Wesen in der Welt ihre eigenen Aufgaben haben, bei denen wir sie durch unsere Erkenntnis unterstützen können. Ein Beispiel: In meiner Farbenforschung konnte ich eine tiefgehende spirituelle Erfahrung als Durchbruch auffassen. Ich konnte die Farbwesen als Wesen mit einem heilenden Willen erleben. Sie brauchen aber die Anerkennung der Menschen, um ihre Ziele erfüllen zu können. Die Erkenntnis, die wir uns in dieser Konferenz als Aufgabe gestellt haben, ist nur die erste Hälfte der Arbeit. Die zweite Hälfte, die wir ebenso ernst nehmen sollten, führt zurück in die Welt. Zweitens sehe ich die Beschäftigung mit dem Weg vom Phänomen zum Geistigen in der Naturwissenschaftlichen Sektion als zentrales Thema, weil die Menschheit die Schwelle überschritten hat und dadurch immer mehr Menschen von geistigen Erfahrungen berichten. Der Goetheanismus ist eine wichtige Stimme in diesem Chor, weil wir durch ihn Zurückhaltung im Urteilen lernen. Das führt zu einem methodischen Bewusstsein, das beim Überschreiten der Schwelle unbedingt notwendig ist.

Wo Sprechen und Lauschen eins sind

Rudolf Steiner beschreibt immer wieder, dass sich an der Schwelle zur geistigen Welt ein Abgrund öffnet. An diesem Abgrund begegnet der Mensch der ungereinigten, nicht transformierten Seite seiner selbst. Steiner spricht zum Beispiel im ersten Vortrag von ‹Anthroposophie als Kosmosophie› von der Begegnung mit Furcht, Hass und Zweifel. Was er dort sagt, ergänzt seine Beschreibung der beiden Grenzen zum Geistigen in dem Vortragszyklus ‹Grenzen der Naturerkenntnis›.Hier sagt er, man müsse zuerst einen Weg nach innen gehen, den Weg der Imagination, um dann mit gestärkter Denkkraft und geläuterter Liebe den Weg wieder nach außen gehen zu können, der in den geistigen Bereich der Phänomene führe, den Weg der Inspiration. Das Symbolisieren von Phänomenen nennt er als Mittel, um meditativ die Grenze nach innen zu überbrücken. Unser normales Bewusstsein sei an die Erinnerung gebunden. Diese müsse zurückgehalten werden, um zwischen einem Phänomen und dem Geistigen in unserem Organismus eine Beziehung herstellen zu können.(1)

Goethea­nimsus zielt auf Wesens­erkenntnis, um so das Wesen dabei unterstützen zu können, seine eigene Aufgabe in der Welt zu erfüllen.

In ‹Anthroposophie als Kosmosophie› beschreibt Rudolf Steiner, dass das Bewusstsein des modernen Menschen wie ein Spiegel sei, der unsere Wahrnehmungen in toten Begriffen zurückspiegle. Normalerweise komme man nicht vorbei an diesem Spiegel, aber es sei möglich, es zu lernen. Dann komme man in einen physisch-ätherischen Bereich, wo die Gedanken noch lebendig sind, aber die Materie bis ins Chaos vernichtet wird. Dieser ‹Vernichtungsherd›, so Steiner, sei die Grundlage unseres Denkens, errege aber auch Furcht. Gleichzeitig ist es auch der Ort, wo unser Ich Kraft zur Überwindung der Furcht bekommt und wo der Geist erscheinen kann, weil die Materie vernichtet wird. Hier kann Christus das Alte, Tote zur Auferstehung bringen. Solange die Vorstufen unseres Denkens unbewusst in uns wirksam sind, bewirkt das Angst, Hass und Zweifel. Die materialistische Wissenschaft sei aus dieser Angst entstanden. Wenn wir aber moralische Kräfte in diesen Bereich fließen lassen, kann das Geistige in uns wirksam werden. Rudolf Steiner spricht vom inneren Wort, wo Sprechen und Lauschen eins sind: «Was da im Inneren sich vollzieht, indem die moralischen oder auch unmoralischen Impulse sich mit dem Chaos in uns verbinden, das spricht zu uns. […] Allerdings so, dass in dem abgeschwächten Worte, das wir sprechen oder hören im Verkehr mit unseren Mitmenschen, ja Hören und Sprechen getrennt ist, während wir in unserem Inneren, wenn wir unter den Erinnerungsspiegel hinuntertauchen in das innere Chaos, eine Wesenhaftigkeit haben, wo in unserem Inneren selber gesprochen wird und zu gleicher Zeit gehört wird.»

Ist das innere Wort durch die meditative Erarbeitung von einem Phänomen durch ein Symbol erweckt, kann es als ein höheres Wahrnehmungsorgan wirksam werden, das uns den Weg am Sinnesteppich vorbei zur Inspiration öffnet. Steiner sagt dazu: «Der Mensch dringt also durch Hingabe, durch Liebe ein in die Welt jenseits des Sinnesteppichs, und er dringt dazu vor, die Wesenheiten, die sich ihm da bei voller Hingabe seines eigenen Wesens offenbaren, wahrzunehmen durch das, was er in seinem Inneren als das innere Wort gelten lassen muss. Wir wachsen zusammen mit der Außenwelt. Die Außenwelt wird gewissermaßen weltentönend, wenn das innere Wort erweckt ist.(2)

Geistig sind die Hände grün

Ein Beispiel für eine solche Symbolisierung im Bereich der Farben: Schaut man etwa einen Sonnenuntergang an, dann zeigt das Gelb bei der noch höher stehenden Sonne eine strahlende Gestalt in Form eines Kranzes um die Sonne. Dieses Strahlende verschwindet im orangen Stadium nicht ganz, aber die rote Sonne hat nahe am Horizont eine scharfe Kontur. Der ganze Prozess, bei dem das Sonnenlicht sich durch die Trübe der Atmosphäre verfinstert, zeigt eine verdichtende Gestalt. Beim blauen Himmel ist es umgekehrt. Dort hat man hinter der Trübe der Atmosphäre die Finsternis des Weltalls, aber die Trübe wird durch die Sonne beleuchtet. Beim Horizont, wo die Trübe dicht ist, wirkt die Atmosphäre reflektierend und der Himmel wird weiß. Nach oben entsteht Hellblau und Richtung Zenit wird das Blau dunkler und tiefer. Hier ist die Atmosphäre wie ein Fenster, sodass die Finsternis hinter der Atmosphäre das Licht aufnehmen kann und dadurch die Tiefe des Blaus entsteht. Wenn man durch ein Prisma ein kreisförmiges Lichtbündel fallen lässt, sieht man dieselben Gebärden.

Den ganzen Zusammenhang – das Rot mit seiner Stauung gegenüber der Finsternis, Blau mit seinem Ausstrahlen und Grün mit seiner zurückgehaltenen Entfaltung – kann man jetzt zum Symbol nehmen und meditativ vertiefen. Das Symbol kann man so aufbauen: Lässt man Licht von oben nach unten, nach links und nach rechts strahlen und der Finsternis begegnen, dann wird das Licht sich nach rechts gegenüber der Finsternis stauen, wobei Rot entsteht, und das Licht wird nach links in die Finsternis ausstrahlen, wobei Blau entsteht. Die Mitte ist jetzt noch offen. Nun lässt man das Licht nach unten gegen die Finsternis zu weder stauen noch ausstrahlen und daraus entsteht das Grün in seinem Gleichgewicht. Nach dem Aufbau lässt man dieses Symbol auf die Seele wirken. Wiederholt man diese Übung oft genug, verbindet sich das Grün im Nachklang der Meditation mit dem ganzen menschlichen Körper, mit seinem unspezialisierten Charakter. Speziell die Hände sind im Verhältnis zur Tierklaue unspezialisiert und dadurch für alle Handlungen geeignet. Die Hände sind somit geistig gesehen am grünsten.

Dieses Beispiel zeigt, wie man die Qualität des inneren Wortes an den Farben erfahren kann. Dann erst kann sich der ‹Sinnesteppich› für unseren geistigen Blick öffnen. Aber es braucht einige Übung. In ga 136 zeigt Steiner, wie man gegenüber dem Himmelsblau und dem Frühlingsgrün zum Erleben von moralischen Kräften kommen kann, die in diesen Farben leben. An einem Tag mit ungetrübtem blauem Himmel lässt man das Blau auf sich wirken, indem man hineintritt. Das Blau wird am Ende verschwinden, eine Unendlichkeit öffnet sich und eine moralische Kraft gießt sich in diese Unendlichkeit herein. Auf diese Weise konnte ich im Blau eine Stimmung von großer Hingabe erleben. Steiner nennt diese Stimmung Frömmigkeit.(3) Um Rot geistig zu erleben, kann man sich in das Rot eines Sonnenunterganges versenken. Da erlebe ich das Rot als eine Kraft, die tief durch die Haut nach innen dringt und die Egoität verbrennt, aber gleichzeitig die tiefste Sehnsucht des Menschen verstärkt. Ich nenne das Rot eine reinigende Feuerkraft. Um das Frühlingsgrün geistig erleben zu können, braucht es mehr Zeit. Am besten nimmt man ein frisches Buchenblatt in die Hand, das von der Sonne durchleuchtet wird. Dann erlebe ich eine Kraft der Ganzheit und Heilung. Später konnte ich das Frühlingsgrün auch als geistigen Ausdruck der neu in Erscheinung tretenden Pflanze erfahren.

Der Regenbogen ist die Naturerscheinung, die einer Imagination am nächsten kommt. Deshalb wurde der Regenbogen in vielen Kulturen als eine Pforte zur geistigen Welt gesehen. Man kann auch den Regenbogen meditativ durchlaufen. Dabei durchlebt die Seele die moralischen Stimmungen der Farben. Das dunkle Band zwischen zwei Regenbogen kann man als Anfang nehmen, als Bild für das normale Bewusstsein vom Geistigen aus gesehen. Dann kommt man erst durch das Rot und erlebt seine reinigende Feuerkraft. Im Gelb kann eine reine Stimmung gefühlt werden – wie vor der Geburt. Geht man durch das Orange, kann man bemerken, wie man gestärkt wird. Das Grün bringt die Kräfte der Sympathie und Antipathie ins Gleichgewicht. Das Hellblau erregt in der Seele eine Stimmung von Sehnsucht nach der geistigen Welt. Violett versetzt die Seele in die Stimmung von Opferwillen. Dann erreicht man die andere Seite des Regenbogens, wo der Himmel hell ist, Bild für das Geistige. Nachher soll man ganz bewusst ins normale Bewusstsein zurückkehren.

Als wir nach dem Vortrag nach draußen kamen, stand ein großartiger Regenbogen am Himmel.


(1) Grenzen der Naturerkenntnis, GA 322
(2) Anthroposophie als Kosmosophie, GA 207
(3) Die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen, GA 136.

Illustration von Adrien Jutard

Textredaktion von Ruth Richter und Wolfgang Held

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