Wo die Welt wild ist

Wo die Welt wild ist

Was an Natur ganz im Menschen aufgegangen und erlöst ist, das kann verschwinden. Ist die Wildnis also wirklich ‹erledigt›? Stephan Stockmar schaut, wo die Kunst diese Frage zu beantworten sucht.


«Wer wird der Tod der Wälder sein? Der Tag wird kommen, an dem der Wald, der bis dahin ein Schürzenjäger war, sich entschließt, nur in alkoholfreien Lokalen, auf geteerten Straßen und mit Sonntagsspaziergängern zu verkehren. […] Tugendgeschwächt, wird er die bösen Gewohnheiten seiner Jugend vergessen. Er wird geometrisch, gewissenhaft, pflichtbewusst, grammatisch, richterlich, pastoral, klerikal, konstruktivistisch und republikanisch werden … Er wird ein Studienrat werden.» – Max Ernst (1891–1976) (1)

Dieser zum Studienrat dressierte Wald hat nichts mehr gemein mit dem dunklen, wilden Wald, in den Dante einst geriet und der «in Gedanken noch die Angst erneuert» (‹Die Göttliche Komödie›, Erster Gesang). Damals, im Mittelalter, waren die Wälder gefährlich, nicht nur der Tiere, sondern auch der Räuber wegen. Und zugleich waren sie eine Art Spiegelbild für das ebenfalls furchteinflößende Unterbewusste des Menschen, das sich verwob mit einer von Dämonen bevölkerten Zwischenwelt, der Gegenwelt zu der Sphäre, die auf den alten Bildern als Goldgrund in Erscheinung tritt.

Als ein Repräsentant dieser Zwischenwelt galt einst der Werwolf – ein Mensch, der ihr verfallen war und sich in den Augen der anderen in einen Wolf verwandelt hatte. Ein solcher Wolfsmensch ist es wohl auch, der in den Märchen Rotkäppchen und seine Großmutter oder auch sechs der sieben Geißlein verschlingt. Oder den der heilige Franziskus der Legende nach in dem Städtchen Gubbio zähmt und mit ihm einen Vertrag schließt. Dante wurde am Ende des Waldtales nicht nur von einem Panther und einem Löwen in Bedrängnis gebracht, sondern auch von einer Wölfin, «die schien beladen in ihrer Magerkeit mit allen Lüsten». Dieses «ruhelose Untier» brachte ihm als «einem, der sich gern bereichert», offenbar auch seine eigene Gier zum Bewusstsein. (2)

Die dunkle Seite des Menschen

In dieser dunklen Seite von Natur und Mensch verbirgt sich aber auch noch ein anderes, das gerne übersehen wird, etwas, das vielleicht eher mit dem weiblichen Element in ‹jedem› Menschen zusammenhängt: die hervorbringende, schöpferische Kraft, die allem natürlichen Sein zugrunde liegt wie auch jedem menschlichen Schaffen, von Urbeginn an. Solange der Mensch noch ganz unmittelbar mit der ihn umgebenden Natur verbunden war, sich noch nicht mittels seines Eigenwillens abgesondert hatte, spielte auch diese dunkle Seite keine besondere Rolle. Im Bild erscheint dieser Zustand in der biblischen Schöpfungsgeschichte, wo der Mensch vor dem sogenannten Sündenfall im Garten Eden noch friedlich mit den Tieren zusammenlebte. Oder im Gilgamesch-Epos, wo der in der Wüste aus Lehm erschaffene Enkidu mit den Gazellen im Gras der Steppe weidete und zusammen mit den wilden Tieren am Wasserloch trank – bis er einer Frau begegnete; danach wollten die Tiere von ihm nichts mehr wissen.

Je mehr der Mensch seinen seelischen Innenraum ausbildete, desto mehr wurde diese Seite ins Unterbewusstsein ‹weggedrückt›.

Je mehr der Mensch seinen seelischen Innenraum ausbildete, desto mehr wurde diese Seite ins Unterbewusstsein ‹weggedrückt›. Man kann dies aber auch als eine Art Schutz verstehen, der es ihm ermöglichte, für die äußere Sinneswelt zu erwachen und an ihr das Selbstbewusstsein auszubilden. Die Folge ist allerdings, dass sich unterhalb der Bewusstseinsschwelle immer etwas zu verselbständigen droht. Wie prekär die Situation bereits zu Beginn der Neuzeit war, zeigen die häufigen Darstellungen der Versuchung des heiligen Antonius, auf denen dieser von dämonischen Wesen bedrängt wird, die in verzerrten Tiergestalten erscheinen. Zugleich stellt sich für den Menschen die Frage nach dem Umgang mit dem, was in seinem Unterbewusstsein lebt und ja ganz unterschiedlicher Natur ist – das ganze Spektrum zwischen niedersten, ihn ganz an das Irdische fesselnden Trieben, und höherem Selbst. Diese Doppelnatur macht ja gerade seine besondere Stellung in der Welt als irdisches, aber geistbegabtes Wesen aus. Er steht gewissermaßen vor der Aufgabe, seine Naturseite so zu verwandeln, dass sie dem Geist zum Instrument werden kann, und den Geist so zu erden, um durch ihn sich mit der äußeren Welt gestaltend verbinden zu können. Bis das gelingt, bleibt es oft unklar, welche ‹Natur› sich im Menschen zeigt, aus welchen Kräften er schöpft und was sein Handeln antreibt. Außerdem ist es immer auch eine Frage der Perspektive, aus der heraus ich auf einen Menschen blicke. Ist es nur Unverständnis oder Neid, wenn ich einen anderen Menschen zum ‹Untier› erkläre? Projiziere ich auf ihn etwas, was ich selbst in mir trage, aber verdränge? (Liegt darin vielleicht der Grund für die vor allem von der Kirche angestifteten Hexen- und Werwolf-Verfolgungen?) Oder bin ich einfach nicht bereit, ihm beizustehen?

 
Asger Jorn, Eine CoBra-Gruppe, 1964, Öl auf Leinwand. Foto: Thomas Weiss, Ravensburg

Asger Jorn, Eine CoBra-Gruppe, 1964, Öl auf Leinwand. Foto: Thomas Weiss, Ravensburg

 

Der Film ‹Der freie Wille› von Matthias Glasner, der 2006 in die Kinos kam, zeigt einen Vergewaltiger, Theo, der verzweifelt gegen seine Triebe ankämpft, die ihn trotz der Liebe einer Frau immer wieder überfallen. Er selbst erlebt sich dadurch letztlich unfähig zur Liebe und sieht schließlich als einzigen Ausweg den Selbstmord. Ihm «bleibt als Freiheit, sich selbst aus der Welt zu schaffen. Auch das geschieht gewalttätig, auch das ist begleitet von den Schreien einer Frau, die das nicht will und doch sehend geschehen lassen muss. – In Nettie (Sabine Timoteo) spiegelt sich der freie Wille in ihrer Liebe, geht darin über und wird darin unsterblich. Das Schlussbild», so beschreibt Enno Schmidt (mit dem ich damals den Film zusammen angeschaut habe) seinen Eindruck, «ist der unbesiegbare Mensch, der durch das kreatürliche Leiden gegangen ist und geht: der freie Wille der Liebe.» (3) – Nach diesem Film kann ich nicht mehr so einfach auf den ‹bösen› Sexualtäter zeigen. Das Schicksal des Protagonisten berührt mich so, dass ich tatsächlich mit ihm leide und zugleich Scham vor mir selbst empfinde.

Das Schicksal des Wolfes

Kein wildes Tier wird je zum Untier. Nur der Mensch kann es werden; er kann – das wissen wir spätestens seit Goethe – «tierischer als jedes Tier» sein (‹Faust›, Prolog). Den Wolf hat das Schicksal ereilt, für diese menschliche Bestie, die letztlich in jedem von uns steckt, herhalten zu müssen, und das hat ihm, zumindest in Mitteleuropa, das Leben gekostet: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war seine gezielte Ausrottung weitestgehend geschafft. Für den am 19. Januar 1835 erlegten letzten Wolf Westfalens wurde am 100. Jahrestag sogar ein Denkmal errichtet – als Siegesmal?

Warum hat es gerade den meist scheuen Wolf getroffen? Nur, weil er neben dem schwerfälligeren Bären das größte Raubtier in unseren Breiten ist? Weil er so ‹schön› heulen kann? Oder auch darum, weil er in seinem sozialen Verhalten in gewisser Beziehung dem Menschen ähnelt, wie die Verhaltensforschung herausgefunden hat? Wobei diese Ähnlichkeit sich gerade nicht auf das Raubtierhafte bezieht, sondern ganz im Gegenteil auf die gemeinsame Fürsorge gegenüber den Jungen und Alten und auf die Teamfähigkeit bei der Jagd! Letzteres machte ihn vielleicht schon in der Frühzeit des Menschen zu einem ernsthaften Konkurrenten.

Und nun kehrt der Wolf zurück, und zwar von Osten her, von wo schon immer der russische Bär drohte … Das löst bei Naturschützern Freude aus, macht vielen Menschen aber auch Angst, die wohl kaum nur mit der Gefährdung von Schafen oder anderen Haustieren zusammenhängt. Da steigen auch alte Ängste vor dem Wilden wieder auf, das ja im Menschenreich durchaus nicht als besiegt gelten kann. Ist es Zufall, dass dies gerade jetzt geschieht, wo der Raubtierkapitalismus sich kaum noch versteckt, wo Hetzkampagnen an der Tagesordnung sind, #MeToo-Debatten geführt werden müssen und sich mehr und mehr die Abgründe sexuellen Missbrauchs zeigen – der Mensch also dem Menschen tatsächlich zum Tier wird, ganz ohne äußere Verwandlung?

Die ursprünglich mal wilde äußere Natur haben wir erfolgreich an unser Studienratsdasein angepasst. Dafür quälen wir uns mit allradgetriebenen SUVs durch die Städte und Staus, um unsere Kinder sicher zur Krippe zu bringen, und lassen uns sicherheitshalber überall von Videokameras überwachen. Im Ausgrenzen der vermeintlich wilderen anderen mauern wir uns selbst mehr und mehr ein, verkehren oft nur noch digital miteinander oder begnügen uns gar mit Alexa und anderen sprechenden Bordcomputern. Beziehen sich unsere Ängste aber nicht eigentlich auf das Wilde in uns selbst, das zu verwandeln so schwer gelingt?

Eindrücke von einer Ausstellung

Die kürzlich in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle zu Ende gegangene Ausstellung ‹Wildnis› (1.11.2018 bis 3.2.2019) war nicht gefährlich. Man ging von Bild zu Bild bzw. Video, las brav in den erläuternden Texten an der Wand – beispielsweise, dass für die CoBrA-Künstler «die Auseinandersetzung mit dem Tier als einer elementaren Dimension des Menschlichen» wesentlich war. Oder: «Durch die intensive, meist auch physische Auseinandersetzung mit den ungezähmten Kräften der Natur entstehen hier Werke, die Wildnis nicht vorrangig abbilden, sondern als einen integralen Bestandteil in sich tragen.»

Letzteres traf auf die Inszenierung der Werke in der Ausstellung allerdings nicht zu. Sie entsprach ein wenig dem mageren Stück Wildnis, das Mark Dion auf einem kleinen PKW-Anhänger um einen ausgestopften Wolf drapiert hat. Dieses Werk – ‹Mobile Wilderness Unit – Wolf› (2006) – wie das ganze Ausstellungsarrangement widersprachen geradezu dem Motto der Ausstellung: ‹Die Wildnis kehrt zurück›, zeigten aber sehr wohl unser gebrochenes Verhältnis zu ihr: Der ‹Wildnis› wird ein säuberlich abgegrenzter Raum zugeteilt, sodass wir uns an ihr ergötzen können, ohne uns anzustrengen oder gar bedroht zu werden. Ähnliche Versprechungen machen auch die für die letzten Reste von ‹wilder Natur› zuständigen Nationalparks, die uns als ‹Sonntagsspaziergänger› anlocken, um Wildnis zu besichtigen – von Aussichtsplattformen und Baumwipfelpfaden aus oder durch die Zäune weitläufiger Tiergehege.

Der ‹Wildnis› wird ein säuberlich abgegrenzter Raum zugeteilt, sodass wir uns an ihr ergötzen können, ohne uns anzustrengen oder gar bedroht zu werden.

Wie auch dort, konnte man in der Ausstellung durchaus spannende Entdeckungen machen. Ich war zunächst in der Parallelausstellung ‹König der Tiere› (25.10.2018 bis 27.01.2019), die Bilder des Malers Wilhelm Kuhnert zeigte, der als einer der Ersten Anfang des 20. Jahrhunderts die wilden Tiere Afrikas nicht im deutschen Zoo, sondern vor Ort, in der Savanne des damaligen Deutsch-Ostafrikas studiert hat. Auf den zum Teil monumentalen Schinken sind vor allem Löwen zu sehen, naturalistisch gemalt in eindrucksvollen Posen – aber ohne jede Kraft. Sprechend ist das Bild ‹Die Strecke›, ein Selbstporträt mit Tropenhelm und Gewehr, zwischen offenbar selbst erlegten Tieren, einer Löwin und einer Antilope. Nach Kuhnerts Entwürfen sind viele Illustrationen der damaligen Ausgaben von Brehms und anderen ‹Thierleben› entstanden und haben über Generationen das Bild des wilden Afrikas geprägt – eben aus der Sicht der Kolonialherren.

 
Henri Rousseau, Le lion, ayant faim, se jette sur l’antilope, 1898–1905, Öl auf Leinwand, Foto: Robert Bayer, Basel

Henri Rousseau, Le lion, ayant faim, se jette sur l’antilope, 1898–1905, Öl auf Leinwand, Foto: Robert Bayer, Basel

 

In der Wildnis-Ausstellung stieß ich dann zuerst auf das Gemälde ‹Der hungrige Löwe wirft sich auf die Antilope› von Henri Rousseau, ebenfalls monumental und um die Wende zum 20. Jahrhundert entstanden. Es ist allerdings alles andere als naturalistisch, und Rousseau war auch nie in Afrika. Doch trotz der scheinbar naiven Akkuratesse, mit der hier gemalt ist, sehe ich dem Löwen deutlich seine Gier an – und spüre: Der Zöllner Rousseau kennt eine solche Gier aus eigenem Erleben! Er selbst beschreibt sein Bild sehr präzise: «Der hungrige Löwe stürzt sich auf die Antilope, er zerfleischt sie; der Panther erwartet unruhig den Augenblick, wo auch er seinen Anteil abbekommt. Raubvögel haben dem armen Tier, das eine Träne vergießt, oben ein Stück Fleisch herausgerissen! Sonnenuntergang.» Das dramatische Geschehen spielt sich zwar vor der Kulisse eines Dschungels ab, könnte aber ebenso gut unter Menschen vorgehen – auch wenn das Ausstellungskapitel ‹Wildnis in uns› erst später folgte.

Zu sehen waren auch Dokumente von Künstlern, die ihre Spuren direkt in der Natur hinterlassen haben. Während Richard Long auf wie Gemälde inszenierten Fotos seine Steinsetzungen in erhabenen Landschaften zeigt, diese wie überhöhend, hat sich die 1985 mit 37 Jahren verstorbene amerikanische Künstlerin mit kubanischen Wurzeln, Ana Mendieta, buchstäblich mit Leib und Seele in die Natur involviert, dabei nur ephemere Spuren hinterlassend: «Ich warf mich hinein in die Elemente, die mich hervorgebracht haben, und benutzte die Erde als meine Leinwand, meine Seele als Werkzeug.» Von diesen schamanischen Aktionen zeugen Fotos, die sie selbst im Federkleid oder mit Schlamm übergossen am ‹Tree of Life› zeigen, meist aber nur als Körper-Silhouetten auf dem Boden, als zartes Blütenarrangement im Gebüsch oder – im Video – aus trockenem Gras gebildet, das von den Füßen her aufbrennt, bis schließlich nur noch verkohlte Reste die ‹Silueta› bilden. Es sind tatsächlich einfach nur «Fotos von einem Gegenstand» oder von einem Menschen, wie sie einmal in einem Interview geäußert hat. (4) Hier finden Mensch und Natur für Momente zusammen und berühren sich gegenseitig wie von innen her. In der Anverwandlung entsteht etwas Neues – auch in mir als Betrachter.

Die «Wildnis in uns» war eindrücklich durch ein Bild des CoBrA-Künstlers Karel Appel vertreten: ‹Der wilde Junge› ist kein harmlos tobendes Kind, sondern Ausdruck der in jedem Menschen schlummernden Kraft, die, wenn sie nicht in schöpferische Bahnen gelenkt wird, auch schweres Unheil anrichten kann. Dieses Bild lässt sich nicht mehr nur – wie vielleicht noch die unheimlich-schönen Bilder von Max Ernst – mit ästhetischem Blick würdigen; es trägt tatsächlich die Wildnis «als einen integralen Bestandteil in sich» und konfrontiert mich unmittelbar mit mir selbst.

 
WILDNIS, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2018, Foto: Wolfgang Günzel

WILDNIS, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2018, Foto: Wolfgang Günzel

 

Eine bewegende, bis in seine unruhig-zerrissene Bildsprache adäquate Synthese zwischen äußerer und innerer Wildnis leistet das Video ‹Bogman Palmjaguar› von Luke Fowler.(5) Hier erzählt ein nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechender Mensch – er nennt sich selbst «Jaguar-Sumpfmann» – seine Geschichte. Vor Behördenwillkür und anderen menschlichen Schikanen hat er sich in ein schottisches Moorgebiet zurückgezogen und engagiert sich dort als Naturschützer: «Ich habe die letzten Reste von Zivilisation abgestreift. Und werde zu einem Wesen der Wildnis. In Momenten, wenn ich wie ein Hirsch in den Flows röhre, während die dunstige Herbstsonne wie ein orangefarbener Ball am weiten Himmel hängt – in solchen Momenten dringt der Geist der Wildnis in mich ein, um immer in mir fortzuleben. […] Ich weiß sehr genau um die Gesamtsituation, dass menschliche Verfolgung eine traurige Tatsache des Lebens in der heutigen Gesellschaft ist.» – Am Ende der Ausstellung, nachdem man an Großstadtdschungeln, digital generierter Wildnis, künstlichen Schlacken und postapokalyptischen Ursprungsszenarien vorbeigekommen war, betrat man einen ganz in zinnoberrotes Licht getauchten Raum. Dort hörte man Eis krachen und splittern sowie Tauwasser gurgeln und wusste nicht so recht: Wohne ich einem urtümlichen Geschehen in der erhabenen Welt des ewigen Eises bei – oder lausche ich den letzten Seufzern eines dank Klimaerwärmung dahinschmelzenden Gletschers?

Doch wie gesagt: Was einzelnen Werken durchaus an existenzieller Wildnis innewohnt, fehlte der Ausstellung als solcher. Das ließ einerseits frei, eigene Entdeckungen zu machen, enttäuschte aber auch ein wenig, nicht zuletzt aufgrund der distanziert-erklärenden Sprache, der sie sich bediente.

Mit der Wildnis ins Reine kommen

Kürzlich habe ich im Basler Kunstmuseum wieder den Film «I like America and America likes Me» über Beuys’ Erstbegegnung mit dem amerikanischen Kontinent im Jahre 1974 angeschaut. Während dieser Aktion lässt sich Beuys in einen vergitterten Raum im Herzen New Yorks mit einem Kojoten einsperren, diesem kleinen Wolfsverwandten der amerikanischen Prärie, der den Ureinwohnern heilig und dem Mythos nach an der Entstehung der Welt beteiligt war. Mich beeindruckt, wie Beuys sich in seiner Interaktion mit dem Kojoten zugleich als Herr des Tieres und als dessen Diener zeigt – wie eine Art Priester: Es ist ein Kräftemessen auf Augenhöhe. Beuys verstand diese Aktion offenbar auch als einen Beitrag zur Heilung des amerikanischen Traumas mit den Indianern: «Man könnte sagen, dass noch eine Rechnung mit dem Kojoten zu begleichen ist, erst dann ist dieses Trauma vorbei.» (6)

Ein solcher Rechnungsausgleich mit der Wildnis in uns scheint mir aktueller denn je zu sein. Er ist Voraussetzung, um auch mit unserer Umwelt wieder ins Reine zu kommen, der menschlichen wie der natürlichen. Dazu hat Beuys den Menschen mit seiner sich ins Soziale erweiternden Kunst herausgefordert: Jeder Mensch ein Künstler!


(1) Soweit nicht besonders nachgewiesen, stammen die Zitate aus dem Katalog zur Ausstellung: Wildnis Wilderness, hrsg. von Esther Schlicht, Bielefeld 2018.
(2) Heute analysiert man aufgrund von Persönlichkeitseigenschaften wie Egoismus, Gehässigkeit, Machiavellismus, moralischer Enthemmung, Narzissmus, Psychopathie, Sadismus, Selbstbezogenheit sowie übertriebenem Anspruchsdenken den sogenannten D-Faktor als ‹Kenngröße der Niedertracht› eines Menschen, in etwa vergleichbar mit dem IQ. Dieser Wert könne auch bei der Personalauswahl hilfreich sein, wird ein Autor der entsprechenden Studie zitiert, die kürzlich in der ‹Psychological Review› veröffentlicht wurde; vgl. sz vom 14.11.2018.
(3) Enno Schmidt: Der freie Wille. Zu dem Film von Matthias Glasner und Jürgen Vogel, in: die Drei 10/2006, S. 70–73.
(4) Ana Mendieta – Traces, hrsg. von Stephanie Rosenthal, Ostfildern 2014, S. 231 f.
(5) https://lux.org.uk/work/bogman-palmjaguar
(6) Nach Carin Kuoni, Energy Plan for the Western Man: Joseph Beuys in America, Four Walls Eight Windows, NYC, 1990; vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/I_like_America_and_America_likes_Me#cite_note-1

Zu den Bildern:

Asger Jorn, Eine CoBra-Gruppe, 1964, Öl auf Leinwand, 132 × 162 cm, Peter und Gudrun Selinka Stiftung, Ravensburg/Kunstmuseum Ravensburg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Foto: Thomas Weiss, Ravensburg

Henri Rousseau, Le lion, ayant faim, se jette sur l’antilope, 1898–1905, Öl auf Leinwand, 200 × 301 cm, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler, Foto: Robert Bayer, Basel

WILDNIS, Ausstellungsansicht, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2018, Foto: Wolfgang Günzel

Titelbild: Gerhard Richter, Tiger, 1965, Öl auf Leinwand, 140 × 150 cm, Museum Mors­broich, Leverkusen, © Gerhard Richter 2018 (0127)

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