Über die Liebe zum höheren Gedanken

Über die Liebe zum höheren Gedanken

Ariane Eichenberg und Christiane Haid im Gespräch mit Marica Bodrožić über die Kraft der Sprache. Marica Bodrožić wurde 1973 in Dalmatien geboren. 1983 siedelte sie nach Hessen über. Sie schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen und Essays, die sich immer in einem Resonanzraum zwischen Ethik und Ästhetik bewegen. Für ihre Bücher erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung und den Ricarda-Huch-Preis. Marica Bodrožić lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Zuletzt erschien von ihr ‹Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe›.


Ariane Eichenberg Sprache ist nicht losgelöst vom Körper zu denken. In welchem Verhältnis stehen für Sie Sprache und Körper?

Marica Bodrožić Sprache fließt nicht ohne den Körper. Der Körper arbeitet der Sprache zu, aber auch die Sprache dem Körper. Die geistige Dimension der Sprache ermächtigt den Körper sozusagen zu höheren Gedanken. Nach dem Schreiben fühle ich mich sehr stark, wenn ich mich auf diesen Prozess des Interagierens eingelassen habe. Bei jedem Buch habe ich das Gefühl, mein Körper hat auch etwas gelernt oder hat es ausgetragen. Es ist eine Kraft, die aus der Sprache kommt, und sie birgt die Fähigkeit, der Welt auf einer neuen, anderen Ebene zu begegnen. Das kann auch zu Reibungen führen, denn je tiefer man in sich selbst reist, desto mehr nimmt man wahr und desto mehr Widerstand oder Schönheit oder was auch immer es ist sieht man in der Welt.

Eichenberg War es schon immer so, dass das Schreiben bei Ihnen durch den Körper gehen musste?

Bodrožić Ja, ich habe schon immer über den Körper alle Sensibilitäten, aber auch alle Störungen, alle Widerstände wahrgenommen. Ganz am Anfang habe ich mit der Hand geschrieben. Mit der Zeit hatte ich dann ein Notebook, und dann dachte ich, man tippt das so ein. Das ist allerdings ein entkoppelter Prozess gewesen. Die Texte, die ich da geschrieben habe, sind echt und haben auch eine geistige Dimension, die ganz fest zu mir gehört. Doch ist es etwas anderes, wenn ich jetzt wieder mit der Hand schreibe. Es ist dann alles aus einem Guss. Das zu erkennen, war ein langer Prozess. Meine Hand, die angeschwollen ist beim Schreiben mit dem Notebook, hat mir das über fünf oder sechs Jahre so ganz langsam beigebracht. Durch sie habe ich gelernt, mich selbst und die Welt an sich intensiver zu lesen. Irgendwann habe ich gedacht, ja, es ist wie ein Text, ein Körpertext, den ich entschlüssle. Es war wie eine Kreisbewegung, die über meine Hände führte und die mich an noch tiefere innere Schichten brachte, die dann wiederum eine noch intensivere Spiegelung möglich gemacht hat. Es war eine Suche nach Wahrhaftigkeit und auch Ehrlichkeit – mir selbst und den anderen gegenüber. Was will die Hand und was will sie nicht, das war die Frage. Ich musste erst lernen, dem Körper und seinen Mitteilungen zu vertrauen oder sie überhaupt zu enträtseln. Letztlich hat dieser Prozess mich in meinem Schreiben an eine noch radikalere geistige Stelle gebracht. Vor allem auch zu meinem Buch ‹Das Wasser unserer Träume›. Das war eine geistige Geburt. Der Atem war noch ganz weit und auf der Reise zu mir, als meine Hand mich zur Umkehr bewegt hat. Und ich glaube, dass ich seitdem mit meinem Schreiben auch mutiger geworden bin. Ich habe eine neue Offenheit gewonnen. Nicht in einem intimen, persönlichen, sondern schon im transformierten Sinn. Die Dinge gehören nicht mehr mir, aber sie sind durch mich hindurchgegangen.

 
Foto: Peter von Felbert

Foto: Peter von Felbert

 

Alles geht jetzt über meine Hand und ich bin so dankbar, dass meine Hand mitdenkt. Dass sie auch die Schnelligkeit oder die blitzartigen Eingebungen, die ich habe, mitmacht und sich einbringt. Und ich weiß auch, wie ich innehalten muss, um einen Gedanken zu formen und trotzdem in diesem Schreibstrom oder Fluss zu bleiben. Das führt dazu, dass die geistige und seelische Wahrhaftigkeit auch mit dem Körper einhergeht. Ich glaube, das ist ein lebenslanger, sehr, sehr schöner, aber auch sehr fordernder Prozess, der den ganzen Menschen will und nicht nur einen ästhetischen Gedanken, der vom Körper absieht. Diese Verbindung von Geist und Materie ist für mich auch ein Lebensthema. Mit dem Körper zu wachsen und da zu sein, wo ich bin. Anders als es die Transhumanisten glauben, kommt es für mich auf den echten Körper an, den Körper, der alles kennt, den Körper, der verletzlich ist und genau dadurch auch seine Kraft, sein Wissen und seine Weisheit hat. Denn das, was wirklich zum Leben dazugehört, das kann ich nur über die verletzliche Dimension des Menschen erkennen, über seine Beziehung zur Schönheit, zum Stilleren, zu dem, was ihn wirklich trägt und auch in der Einheit beheimatet sein lässt.

Eichenberg Inwiefern haben diese Erfahrungen auch Ihr gesamtes Leben verändert?

Bodrožić Das sprachliche Erschaffen, das eins ist mit dem Körper und dadurch das Geistige erfasst, hat eine so starke Kraft, dass es sich auf alles überträgt. Ich glaube auch, dass ich deshalb auch jetzt mit meiner ganzen Liebe Mutter sein kann. Und zwar mit dieser wirklich großzügigen Kraft, die nicht auf mein Ich angewiesen ist, sondern ein anderes Selbst möglich macht. Auch die Erfahrung ist wichtig, dass alles, was zu mir gehört, ich nicht verlieren kann. Ich verliere nur das, was nicht zu mir gehört. Deswegen habe ich auch alle Zeit der Welt, denn ich denke nicht, ach, das oder jenes müsste ich jetzt noch tun. Ich kann einfach mit voller Kraft mich meiner Tochter widmen und weiß, sie ist das schönste Buch. Wenn man ein Kind hat, dann gehört die Zeit dem Kind. Für mich ist das eine Fortsetzung der Erfahrung mit der Hand. Es ist eine totale Entschleunigung und eine andere Erfahrung von Zeit.

Christiane Haid In Ihrem ersten Essay in ‹Poetische Vernunft im Zeitalter gusseiserner Begriffe› beschreiben Sie, wie Sie als Kind in einem Beipackzettel von Medikamenten gelesen haben und dabei das Gefühl entwickelten, dass Sie all diese Krankheiten bekämen, die da als Nebenwirkungen vermerkt worden sind. Zugespitzt hieße das, die Sprache formt den Körper?

Bodrožić Immer wieder denke ich darüber nach, wie ich mit Sprache, mit dem, was ich als meine geistige Aufgabe und auch als meine Lebensaufgabe empfinde, ein anderes Gewicht in diese Welt geben kann. Sprache ist heute permanent kriegerisch, sie wiederholt Dinge, die auch ungesund sind und durch die Wiederholung natürlich immer wieder auch diese Art von Welt manifestieren. Sicher ist es wichtig, dass wir alle Ebenen der Wirklichkeit verstehen. Aber mit der Poesie diese oft auch krude Welt zu betreten und das Geistige nicht zu verlieren, das ist eine große Herausforderung. Das gelingt nur, wenn ich ganz bei mir bleibe und bei meinem Körper. Für mich ist es manchmal sehr schwer, die Lautstärke der anderen, von der Seele abgewandten Welt auszuhalten. Trotzdem habe ich durch die poetische Dimension mit den Jahren gelernt, der anderen Welt nicht zu verfallen. Also nicht das mir anzueignen oder zu dem zu werden, was auf dem Beipackzettel beschrieben ist.

Der Mensch erliegt allem, was zu ihm spricht. Alles ist Sprache. Alles spricht. Es gewinnt seine Lebendigkeit und Kraft dadurch, dass wir ihm zuhören.

Es stellt sich dabei dann die große Frage, wie man mit der Welt, den Informationen, dem Wissen umgeht. Wie ermächtigt man den Menschen, in seiner Sprache zu wachsen und da zu bleiben, wo er ist und was er ist, ohne dass er allein zu dem wird, was von außen auf ihn zukommt? Denn der Mensch erliegt allem, was zu ihm spricht. Alles ist Sprache. Alles spricht. Es gewinnt seine Lebendigkeit und Kraft dadurch, dass wir ihm zuhören. Mit diesem Bewusstsein schreibe ich auch meine Texte. Ich weiß, dass diese Kraft durch mich hindurchgeht, durch mein physisches Dasein, und dann praktisch auch das größere Geistige mitträgt.

Haid Gibt es eine gemeinsame Quelle zwischen der inneren Sprache, der Sie Raum zu geben versuchen, und der anderen Sprache der Wirtschaft, des Krieges, der Gewalt?

Bodrožić Ich stelle mir das manchmal so vor, wie Schnittmengen funktionieren. Also, wenn man zwei Kreise so weit übereinanderlegt, dass sie sich überlappen, dann könnte man sagen, es kommt alles aus einer Quelle. Man könnte es aber auch ganz anders auffassen. Ich möchte dies kurz am Beispiel des Hauses, in dem ich lebe, veranschaulichen. Die Hausgemeinschaft besteht aus Eigentümern, Genossen und einem sozialen Träger – der evangelischen Kirche, die für Menschen, die gehörlos sind, Wohnungen mitgebaut hat. Wir haben dieses Grundstück als Gemeinschaft mitten in Berlin zugesprochen bekommen. Wir sind an die 80, 85 Leute gewesen, die viel riskiert und die über Jahre hinweg dieses Haus mit Architekten usw. gebaut haben. Wir mussten permanent als große Gruppe alles ausagieren und besprechen und immer wieder auch Kompromisse machen, wo eben nicht der Einzelne dann hundert Prozent das bekommen konnte, was er sich gewünscht hat, sondern gemacht wurde, was im Sinne der Gemeinschaft und im Sinne dieser geistigen Idee gültig war. Es ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass nicht nur das knallharte Kapital und die Sprache der Wirtschaft sich durchgesetzt haben, sondern eben auch unsere Idee einer sozialen Gemeinschaft, die zusammengewachsen ist. Beide Sprachen haben zusammengefunden. Für mich hat dieses Projekt in der Mitte der Stadt einen tief symbolischen Wert und ich hoffe, dass das auch geistig etwas bedeutet und ansteckend wirkt, also dass diese Art zu bauen auch zukunftsweisend ist.

 
Ella Lapointe, Icon ‹Aufblühtanz›

Ella Lapointe, Icon ‹Aufblühtanz›

 

Haid Die eigentliche Frage wäre dann also, wie man die verschiedenen Sprachen, die Kreise in ein Gespräch bringen kann, das produktiv ist?

Bodrožić Ja, genau. Ich glaube, es ist immer wieder der einzelne Mensch, der das, was an Härte und auch an Asozialität in diesen einzelnen verbarrikadierten Welten herrscht, durchbricht. Der einzelne Mensch kann die Ganzheit des Gedankens und der Verbindung zu anderen sehen. Deswegen glaube ich auch, dass man die Welt nicht einfach sofort verändern kann. Es ist eher so, dass der Mensch wächst, und dadurch verändert er die Dinge seiner Umgebung. Der Einzelne ist derjenige, der den Platz für sich selbst dann anders nutzt oder geistig besetzt und dadurch in andere Zusammenhänge kommt. Dadurch, dass er das lebt, was er spricht.

Eichenberg Die meisten Menschen allerdings leben nicht, was sie sprechen. Sie sind in ihren Sprachkorsetten gefangen, seien sie gusseisern oder aus Plastik. Inwiefern birgt die Literatur Möglichkeiten, uns von diesen zu befreien?

Bodrožić Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Aber ich glaube, dass eben genau dieser lange Atem, wie ich ihn eben beschrieben habe, notwendig ist. Ich arbeite viel mit Kindern in Schulen zusammen. Wir schreiben kleine Miniaturen, Beobachtungen, Gedichte, oder ich lese ihnen aus meinen Texten vor. Dabei mache ich immer wieder die Erfahrung, dass mit den Kindern etwas geschieht. Sie lassen sich auf die Weisheit des Klangs ein, ohne dass sie dabei alles im Einzelnen verstehen. Der Klang hat in sich eine unbedingte Wirklichkeit. Das wird regelrecht spürbar, wenn die Klassen beim Lesen dann ganz still werden. Zu Beginn sind sie wie kleine surrende Insekten, und dann auf einmal beginnt etwas in ihnen sich zu konzentrieren. Dann merke ich, sie werden irgendwie ruhiger, ein Wort oder ein Satz bleibt bei ihnen und bewirkt etwas. Wenn jemand allerdings keinen Zugang findet, dann geschieht auch nichts in ihm. Dieser Mensch verändert sich vorerst nicht. Obwohl ich glaube, dass alles, was ich geistig in die Welt hineingebe, auch im Kontinuum des Geistigen vorhanden ist. Etwa so, wie vielleicht ein Baum da ist. Früher oder später gibt es dann vielleicht doch eine kleine Öffnung, eine Tür im Geist, und etwas verändert uns. Meistens führt den Menschen das Leiden oder eine Verstörung dazu, in der Literatur dann doch etwas als Spiegelung oder als Raum wiederzufinden, was mit den eigenen Erfahrungen korrespondiert. Aber der Weg dahin ist sehr schwer. Gerade, wenn man sehr weit davon entfernt ist. Deswegen glaube ich, dass wir unser ganzes Schulsystem verändern müssen, damit die Kinder und Jugendlichen wieder mit ihrer inneren Musik in Verbindung treten können. Das bloße Lernen und Ansammeln von Wissen, das ist eben nicht die Sprache, die ich meine, so spricht die Seele nicht. Das ist nicht der selbstermächtigte Ausdruck eines Kindes oder eines jungen Menschen. Aber darum geht es, das zu finden, was die Würde des Einzelnen ist. Manchmal denke ich sogar, es ist die Basisarbeit für alles, was mit Frieden, Geist und Entwicklung zu tun hat. Statt unsere Kinder von Beginn an verändern zu wollen, müssten wir zuerst fragen, wer bist du eigentlich?

Ich glaube, dass man die Welt nicht einfach sofort verändern kann. Es ist eher so, dass der Mensch wächst, und dadurch verändert er die Dinge seiner Umgebung.

Diese unglaublich lange Kette der Verbindungen von Geist, Körper und Seele, das kann auch wiederum nur jemand mit verändern, der selbst verändert worden ist. Menschen also, die sich selbst nicht abhandengekommen sind. Menschen, die mit ihren Kindern auch so umgehen, dass sie sich so entwickeln können, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollen. Dann werden sie auch fähig, eine wahre Sprache aufzunehmen, oder von der anderen Seite gedacht: Sie sind diese Sprache. Sie sind diese andere Setzung, diese andere Luft in der Welt. So ist die Sprache des Menschen für mich immer auch verbunden mit seinen ganzen Entwicklungen, mit allem, was der Mensch ist. Die Literatur ist wirklich ein großer Planet, doch die Menschen, die einander begegnen und zusammen eine Art Menschenlandschaft bilden, die sind die Sonne, die alles heller oder dunkler macht.

Haid Den Zusammenklang von Mensch und Welt beschreiben Sie in Ihren Texten immer wieder eindrücklich. Wie erwachen wir dafür, wie erkennen wir, dass wir nicht nur ein isoliertes Staubkorn im Weltall sind, sondern dass das Weltall mit uns verbunden ist?

Bodrožić Ich glaube, dass das Leben einen permanent dahin führt, das ist unser aller Reise, aber sehr viele Menschen in unserer Zeit haben diese Verbindung verloren. Es ist das Wesen des Lebens, dass wir immer dahin gebracht werden, unser Menschsein zu hören. Es gibt doch nichts Schöneres, als wenn ein Mensch sich wirklich auch als Mensch wahrnehmen kann, in dieser seiner Grundsätzlichkeit. Erst dann kann er auch alle anderen richtig wahrnehmen. Man ist immer im Leben drinnen und nicht bedeckt von diesem Staub oder dieser Schicht, die die Menschen voneinander trennt. Es ist der größte Zauber des Lebens, wenn man die Verbindungen spürt und fühlt, wie alles miteinander verknüpft ist und man selbst Teil davon ist und nicht ein ausgelagertes modernes Einzel-Ich, das so isoliert ohne all die anderen herumschwebt.

Es gibt viele verschiedene Wege, die zu diesem Gesang zwischen den Menschen führen. Die Poesie ist einer davon. – Ich glaube, dass auf meinem Lebensweg auch gedacht war, diese Verknüpfungen zwischen den Menschen herzustellen. Ich bin in ganz einfachen Verhältnissen im Sozialismus in einer sehr gläubigen Gegend zur Welt gekommen. Ich war verbunden mit den einfachsten Menschen und mit ihrer Liebe zur Erde. Meine Kindheit war eine Schule des Sehens. Ich habe gelernt, die Menschen so zu sehen, wie sie sind, und nicht das, was sie an Bedeutungen sozusagen mir übermitteln wollten. Es kann ja furchteinflößend sein, was Menschen für Monturen von Bedeutung mit sich herumschleppen. Aber wenn es uns gelingt, dem Menschen an sich zu begegnen, dann fallen auch diese ganzen komischen Verkleidungen ab.

 
Ella Lapointe, Icon ‹Gesangblüte›,

Ella Lapointe, Icon ‹Gesangblüte›,

 

Eichenberg Dabei kommt der Literatur eine besondere Aufgabe zu. Sie webt im Zwischenraum, durch sie werden innere Freiräume geschaffen und damit Offenheit gegenüber mir selbst, dem Menschen und der Welt möglich.

Bodrožić Ja, diese gestaltete Offenheit ist mit der Schönheit eine unglaubliche Kraft. Ich fühle, dass das Leben mich dahingehend erzieht. Dass ich lerne, diese Verstecke aufzugeben, in denen man irgendwie sich eine Pseudogröße suggeriert oder so was. In meinen Figuren, die ich zu finden versucht habe oder die mich gefunden haben, lebt alles, in ihnen ist alles drin. Der Mensch, der die Erde berührt, der Mensch, der denkt, der Mensch, der die Glocken läutet, der die verschiedenen Materialien in Händen hat oder mit ihnen lebt oder durch sie geformt wird. In der Literatur betritt man diese neuen Räume, begegnet den anderen Menschen und trägt sie in sich. Alles ist in ihr eine Einheit. Denn zum Wesen der Literatur gehört diese Kraft der Einheit. Gerade die genaue Betrachtung des Einzelnen erschafft das Leben in seiner Ganzheit, während es in der etwas stumpferen Wirklichkeit getrennt erscheint. Doch diese Trennung ist künstlich. Denn alles gehört zusammen. Beispielsweise war mein Großvater Analphabet. Dass ich nun jemand bin, der die Schrift sozusagen durchschreitet, ist für mich ein großer Augenblick der Schönheit. Es ist ein Geschenk, dass das Leben mir einen Menschen an die Seite gegeben hat, der eben in einer anderen Schrift, also nicht im Alphabet, beheimatet war und mich doch begleitete. Wir gehören zusammen, die Schrift und das Leben ohne sie.

Eichenberg Sowohl in Ihrem Buch ‹Das Wasser unserer Träume› wie auch in Ihrer Betrachtung ‹Das Auge hinter dem Auge› sprechen Sie von einem Zusammenspiel zwischen Organen und Planeten. Wo holen Sie diese Gedanken her?

Bodrožić Es ist tatsächlich etwas, was in mir als Bild aufkommt. Von Kindheit an hatte ich diese Faszination für die Planeten. Ich habe damals im Kleiderschrank meiner abwesenden Mutter ein Buch gefunden, das hatte mit Träumen und mit Planeten zu tun. Und ich weiß, dass ich darin immer geblättert und mir die Planeten angeschaut habe, die so weit draußen waren. In diesem Buch gab es auch eine Abbildung, in der die Hand mit verschiedenen Planeten in Verbindung gebracht wurde. Das hat mich seitdem nicht losgelassen, weil ich wusste, diese Zusammenhänge haben etwas mit mir zu tun. Das kosmische Geschehen im Planetarischen oder Astronomischen hat für mich immer auch eine geistige Bedeutung. Als ich schwanger war, wurde Valetudo entdeckt, ein nach besagter Göttin genannter Mond des Planeten Jupiter – Valetudo bedeutet Gesundheit, Wohlbefinden. Da wusste ich, dass hier zu uns auch eine kleine gesunde Wesenheit kommt. Ein Mensch ist eben auch ein Stern für sich, so ein Wort von Danilo Kiš. Diese Entsprechungen werden dann sozusagen immer kleiner, bis in die Organe hinein. Es sind Korrespondenzen, die für mich wirkliche Bilder sind, die aber auch meine Imagination anzünden. Ich kann mir dann unglaublich viel vorstellen, oder ich habe eine Beziehung dazu, die mich lebendig macht. Es hat, glaube ich, immer auch mit dem geistigen Funken des Menschen zu tun. Beim Schreiben habe ich oft das Gefühl, dass ich mit dieser Ebene auch verbunden bin. So habe ich ja auch mein Buch ‹Sterne erben, Sterne färben› genannt. Es beruht auf einem Satz von Maurice Maeterlinck, der sagt, dass die Planeten im Grunde genommen noch Überreste einer religiösen Sprache sind, aus denen auch die Weltreligionen entstanden. Dieser Gedanke, der spricht sofort zu mir – ich bekomme jetzt noch eine physische Gänsehaut, wenn ich mich daran erinnere. Der Geist zündet das in mir an, es geht in den Körper und ich weiß, das ist eine Spur, das muss ich verfolgen. Der Gedanke und die Empfindung, dass wir etwas von den Sternen erben, eine Art Sternenessenz, und diese selbst färben, also gestalten können, das hat mich zu diesem Titel inspiriert und mir eigentlich auch den Mut gegeben, dieses ganz unkonventionelle Nachdenken über Sprache und Biografie auch niederzuschreiben.

 
Foto: Peter von Felbert

Foto: Peter von Felbert

 

Haid Sie beschreiben in ‹Sterne erben, Sterne färben›, wie Sie sich in der deutschen Sprache beheimatet haben. Wie Sie mit dem Verlassen der physischen Heimat dazu aufgefordert wurden, in der deutschen Sprache eine neue Heimat zu finden.

Bodrožić Ja, manchmal muss man alles verlieren, um etwas anderes sehen oder finden zu können. Diese erste Welt war schon ein großer Verlust für mich, da ich wusste, die anderen Menschen sind jetzt dort, wo ich nicht bin. Doch zugleich war es für mich selbstverständlich, im Deutschen einen geistigen Ort zu haben. Erst später wurde mir klar, dass ich über meine Mutter das Deutsche aufgenommen hatte. Meine Mutter lebte ja in Deutschland, als sie mit mir schwanger war. Das heißt, das Deutsche ist eigentlich überhaupt nicht meine zweite, sondern meine erste Sprache. Klang­lich. Deswegen habe ich auch diese starke Beziehung zum Klang. Ich gehe immer über den Klang, der Klang gestaltet die Gedanken.

Eichenberg Seit der Antike bewegt die Menschen die Frage, ob die Sprache das Wesen der Dinge erfassen kann oder nur auf diese verweist. Könnten Sie dazu etwas sagen?

Bodrožić Ich denke sehr viel darüber nach und glaube, dass Sprache das Wesen oder die Wahrheit erfassen kann, auch wenn ich dafür schon angegriffen wurde. Ich glaube, dass der Mensch in sich selbst die Lüge durchschreiten muss, um zur Wahrheit durchzudringen. Oder auch, dass er diese Schälungen in der Sprache vornehmen muss, wenn er zu der anderen, tieferen, in der Sprache lebenden Wahrheit vordringen will. Also wenn man ein Wort wie Liebe benutzt, das schon so oft benutzt und missbraucht und, ja verdunkelt wurde, dann wird man es nie in dieser Tiefe der Wahrheit, die es in sich trägt, in die Welt tragen können, wenn man nicht diesen Zustand in sich selbst kennt. Das ist für mich der Schutz vor der Lüge: da hinzukommen und diese Schälungen in mir selbst abzutragen, auszuhalten, dass ich natürlich als Mensch Teil der dunklen Zonen bin. Immer wieder muss ich diese Arbeit auf mich nehmen, um zu dem tieferen Grund, zu der Nacktheit vorzudringen, in der diese andere Dimension wieder wirken kann. Denn die Lüge ist permanent anwesend.

Aber wenn wir es schaffen, in die Tiefe dieser Wahrheit der Sprache vorzudringen, und wir selbst wahr sind als Menschen, für uns selbst, dann hat die Sprache diese Kraft.

Aber wenn wir es schaffen, in die Tiefe dieser Wahrheit der Sprache vorzudringen, und wir selbst wahr sind als Menschen, für uns selbst, dann hat die Sprache diese Kraft. Dann kann man das Wort auch laut aussprechen – ohne sozusagen von der Sprache bestraft zu werden. Oder abgemahnt zu werden. Ich merke das immer, wenn ich das Wort mit meiner Stimme tragen kann. So lese ich mir meine Texte auch immer wieder laut vor. Ich versuche, in den Raum zurückzukehren, in dem das, was werden will, geistig erschienen ist. Also noch bevor es laut geworden ist, bevor es Klang geworden ist. Und wenn ich es dann in der Stimme tragen kann, weiß ich, es beruht auf diesem anderen, wahren Grund. Und eben von dieser unsichtbaren Seite der Welt kommend, glaube ich auch, dass nur durch diese Wahrhaftigkeit diese andere laute, omnipräsente und scheinbar einzig existierende Welt verändert werden kann. Weil der einzelne Mensch diese Sprache ist. Und wenn er es selbst also nicht ist, diese Sprache nicht in sich trägt, dann kann er es, glaube ich, auch nicht verändern. Es kann auch nichts passieren, was neu ist. Was einen anderen Denkkreis, eine andere Bewegung in Gang bringt. Ich glaube, das ist auch der Grund bei mir, warum ich das Hohe nicht scheue. Warum ich eher das Gefühl habe, es kommt aus einer Tiefe, die ich manchmal nicht kenne, aber die ich selbst bin. Und das ist auch die Kraft der Literatur. Deswegen glaube ich auch nicht, dass diese gefährdet ist. Es sei denn, sie ist im Menschen gefährdet. Dann ist sie auch in dieser geistigen Form, in der Sprache oder in der Poesie oder im Buch gefährdet. Aber solange der Mensch in sich selbst reisen kann, in diese Stille sozusagen vor dem Klang, kann keine Lüge bestehen. Das ist stärker als alle Lüge, das ist der Anfang des Lebens. Deshalb ist es für mich auch heilig. •


Marica Bodrožić wird einen Vortrag und eine Lesung halten während der Tagung:

«Das Ende des Menschen? II Wege durch und aus dem Transhumanismus».

Vom 18. bis 20. Oktober am Goetheanum

Transhumanismus bedeutet, menschliche Grenzen auf allen Ebenen mittels der Technik zu überschreiten. Durch gezielte genetische, neurotechnologische, prothetische und pharmakologische Eingriffe werden Körper, Gefühle und neurologische Prozesse so optimiert, dass Krankheit, Alter, Leid und Tod überwunden und in letzter Konsequenz abgeschafft werden können. Ziel ist es, Erde und Universum mit einer Super-KI zu beherrschen. Mag dies utopisch klingen, so zeigt sich doch, dass sämtliche gegenwärtigen Lebensbereiche von transhumanistischem Gedankengut durchdrungen sind. Ob in der Medizin, Pädagogik, Wirtschaft, Politik, im Rechtswesen, im sozialen Miteinander oder in der Kultur – überall ist das Ziel Effizienz, Effektivität und letztlich die ewige Glückseligkeit durch technischen Fortschritt. Entwicklung kann allerdings nur aus dem menschlichen, seelisch-geistigen Innenraum, aus einem schöpferischen Ich heraus vollzogen werden. Dieses zu erkennen, zu entwickeln und zu hüten, wird die Aufgabe der Zukunft sein. Technik dient dem Menschen, nicht der Mensch der Technik. Die Frage nach dem Ich und den menschlichen Seelenkräften steht im Zentrum der Tagung: «Denn das Ich erhält Wesen und Bedeutung durch das, womit es verbunden ist.» (Rudolf Steiner: ‹Theosophie›).

Mit Marica Bodrožić, Ariane Eichenberg, Matthias Girke, Michaela Glöckler, Christiane Haid, Stefan Hasler, Michael Hauskeller, Edwin Hübner, Johannes Kühl, Sebastian Lorenz, René Madeleyn, Claus-Peter Röh.
Mehr: www.goetheanum.org/tagungen/

Vignetten: Ella Lapointe, Vektorisierte Tintenzeichnungen. Alle Zeichnungen sind im Februar 2019 entstanden.
Titelbild: Ella Lapointe, Icon ‹Rückenlauschen›

Fotos von M. Bodrožić © Peter von Felbert

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