Nordkorea vor der Öffnung

Nordkorea vor der Öffnung

70 Jahre nach seiner Gründung scheint das isolierte und gefangene Land Nordkorea überraschende Entwicklungen zu machen. Gerald Häfner hat als parlamentarischer Vertreter das Land fünfmal besucht und erzählt, wie diese bizarre, entrückte Welt Nordkorea ihre Isolation hinter sich lassen will. Das Gespräch führte Wolfgang Held.


Im Deutschen Bundestag warst du verantwortlich für die Beziehung zu Nordkorea – wie kam es dazu?

Gerald Häfner Mich hat von Jugend an die Tatsache sehr beschäftigt, in einem geteilten Land aufzuwachsen. Daraus entstand – neben vielen Freundschaften mit Bürgerrechtlern im Osten – ein starkes Interesse an Korea, dem damals einzigen Land, das wie Deutschland als Folge des Krieges und im Kalten Krieg in der Mitte brutal geteilt war, nur nicht Ost-West, sondern Nord-Süd. Im Bundestag wurde ich dann u. a. Mitglied der deutsch-südostasiatischen Parlamentariergruppe. Dann haben u. a. Hartmut Koschyk von der CSU, mit dem ich befreundet bin, und ich vorgeschlagen, eine eigene Gruppe für Korea zu gründen. Südkorea war dabei immer schon im Fokus der deutschen und des europäischen Parlaments, Nordkorea allerdings überhaupt nicht. Es hieß z. B., nach Nordkorea zu reisen, Kontakte dorthin aufzubauen, sei doch unmöglich. Es schien außerhalb unserer Welt zu liegen. Doch auf einer Reise nach Südkorea lernte ich dann den Leiter des Goethe-Instituts in Seoul, Uwe Schmelter, kennen. Er half mit Verbindungen nach Nordkorea. Von ihm auch lernte ich, dass Deutsche in Nordkorea offene Türen finden, weil ein Großteil der nordkoreanischen Elite in der DDR studiert hatte.

Das erinnert an die Mongolei, aus der ja auch viele in der DDR studiert haben.

Richtig, sie haben in Halle, Jena, Leipzig oder Berlin studiert und sprechen deshalb Deutsch. Und dann ist da noch etwas: Kim Il Sung, der Gründervater Nordkoreas, hat sein Volk darauf hingewiesen, es solle die Geschichte von Deutschland und Österreich studieren. Von Österreich könne man lernen, wie eine Wiedervereinigung gelingen könne – in Deutschland war das damals ja noch nicht der Fall. «Erzählen Sie uns von der österreichischen Wiedervereinigung», wurde ich von Studenten und Parteifunktionären in Nordkorea deshalb oft gefragt. Die Enttäuschung war groß, wenn ich erklärte, dass es eigentlich keine österreichische Wiedervereinigung gegeben habe, weil es auch nie geteilt gewesen sei. Aber Österreich erlangte nach dem Zweiten Weltkrieg seine Souveränität wieder, indem es sich zur Neutralität verpflichtete. Diese Neutralität hat Kim Il Sung angezogen, denn er wollte ein von den Großmächten unabhängiges Korea. Zwar war er Kommunist, aber er wollte einen eigenen Weg gehen, der anders als der aller anderen sein sollte. Das Wort dafür ist ‹Chuch’e›. Man darf nicht vergessen, dass Kim Il Sung bei aller kommunistischen Ideologie und Gewalt auch ein Visionär war. Seine Gesamtausgabe liegt in allen Buchläden und kommt auf mehrere Hundert Bände, die bis heute ausführlich studiert werden.

Wir waren damals die erste parlamentarische Delegation eines westlichen Landes, die nach Nordkorea reiste.
 
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Wie war dein Eindruck von dem Land?

Ich beginne mit meiner ersten Reise Ende der 1980er-Jahre. Wir waren damals die erste parlamentarische Delegation eines westlichen Landes, die nach Nordkorea reisen konnte. Natürlich konnte man von Seoul nicht das kurze Stück nach Pjöngjang fliegen, sondern nur mit Tausenden Meilen Umweg über Peking. Schon im Flugzeug schmettern aus den Lautsprechern Propagandalieder. In Pjöngjang fährt man über menschenleere Prachtboulevards an übermenschlich großen Skulpturen vorbei, die alle den großen Führer verewigen. Das ganze Land ist voll damit. Weit außerhalb der Stadt zeigt z. B. eine vielleicht 7 × 15 m große Bildtafel, wie ein Mann sich aus einer schwarzen Limousine beugt und einer alten Frau im Straßengraben die Hand entgegenstreckt. An dieser Stelle, heißt es, habe der große Führer seine Wagenkolonne anhalten lassen, um der Frau zu helfen. Das Land strotzt vor derart inszenierten Gedenkstätten. An einer wird z. B. mythisch überhöht seiner Kindheit gedacht. Busladungen von Schülern werden dort herumgeführt. Man zeigt ihnen sein Zimmer und seine Spielsachen: eine Karte von ganz Korea, ein Fernglas und eine Pistole. Das ist natürlich alles inszeniert, inszeniert für die Botschaft, dass dieses Kind später Korea in die Einheit und Freiheit führen würde.

Nordkorea gilt als das Land der Indoktrination. Wurde das erlebbar?

Und wie! Man wird morgens um 6 Uhr durch das Geschnarre der Lautsprecher geweckt. Patriotische Lieder, Ansprachen und dann Anweisungen zur Massengymnastik. Das schnarrt durch alle Plätze und Straßen. Die Wohnblocks leeren sich. Tausende machen ihre gymnastischen Übungen, bevor die tägliche Arbeit beginnt. Natürlich unter Kontrolle. So kontrolliert der Blockwart, ob auch alle da sind. Überall Sprüche, Parolen, Banner. Berühmt sind ja die Massengymnastik-Präsentationen, bei denen über 100 000 Menschen einer Choreografie folgen und z. B. ein Bild darstellen, indem jeder die passende Farbtafel hochhält. Jeder ist ein Pixel, ist für sich nichts, doch gemeinsam entsteht das Bild. So wird die Geschichte Koreas vorgeführt. Erst Elend und Verzweiflung, dann, mit dem großen Führer, endet die Not und alles wird gut. Am Schluss werden beide Hälften Koreas vereinigt. Tatsächlich ist die Wiedervereinigung bis heute die große Verheißung. Mehrmals auf den Reisen haben mich junge Nordkoreaner gefragt, wann ich meinte, dass die Wiedervereinigung stattfinden würde. Es ist und bleibt ihr großer Traum.

 
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Der Tag beginnt mit dem Lautsprecher – und wie endet er?

Um 22 Uhr wurde damals in Pjöngjang der Strom abgeschaltet. Mit einem Mal war die ganze Stadt dunkel. Das Einzige, was immer leuchtet, sind die Standbilder des großen Führers, da deren Beleuchtung die ganze Nacht über sichergestellt wird. Ein bizarres Bild. Der Energiemangel war damals übrigens dramatisch. Auf dem Land gab es oft nur für ein oder zwei Stunden Strom und in den Fabriken standen dann die Bänder still – groß waren auch die Hungersnöte. Heute geht es wirtschaftlich ein wenig besser.

Und das Spitzelwesen?

Alle bewachen alle. Wenn ich in Brüssel mit dem nordkoreanischen Botschafter verhandelt habe, war immer jemand vom Geheimdienst dabei, der alles mitschrieb. Sie trauen ihren eigenen Leuten nicht. Genauso ist es in Nordkorea selbst. Bei jedem Gespräch ist jemand vom Geheimdienst dabei. Selbst im Hotel: an der Rezeption, am Telefon, im Zwischengeschoß: Wanzen, Kameras, Geheimdienstschatten.

Wie lässt sich die Atmosphäre, der Geist einer solchen Überwachung beschreiben? Trauert die Natur?

Die Atmosphäre in Nordkorea hat etwas sehr Gespenstisches an sich. Bei meinem ersten Besuch in Nordkorea dachte ich: Jetzt kannst du verstehen, wozu das Dritte Reich geführt hat – bis in die Gesichter hinein. Alle sind emsig und gehen ihrem Tagewerk nach, aber als würden sie unterhalb ihres Menschseins verbleiben. Du begegnest viel Emotionalität, und doch ist es nie eine wirklich menschlich-freie Begegnung. Anders war es bei Schülern und Studenten, sie wirkten auf mich noch unverstellt. Es waren anrührende, herzliche Begegnungen dabei, wo ich mir um sie Sorgen machte, wenn sie allzu offene Fragen stellten. Obwohl ich meist in der Sommerzeit in Nordkorea war, erlebte ich die Atmosphäre dort dunkel und düster, kalt und hart. Über allem liegt dieser unfreie Geist. Ein Beispiel: Es gibt in Pjöngjang einen künstlichen See. Er dient der Freizeitgestaltung. Junge Männer, die sich das leisten können, mieten ein Ruderboot und rudern mit ihrer Freundin oder Frau hinaus auf den See – doch nur auf einem kleinen, mit Bojen abgegrenzten Bereich. Armeeboote überwachen das Ganze und Uniformierte benutzen eine Trillerpfeife, sobald eines der Liebespärchen der imaginären Grenze nahe kommt. Da ist der Riesensee, aber alle Boote bewegen sich eng zusammengepfercht. Dass ein Boot sich einen freien Weg sucht, wird nicht zugelassen. So ist die Stimmung im ganzen Land. Es ist eine Stimmung, die alles durchdringt und durchzieht. Ich hatte gehofft, auf dem Land eine andere, freiere Atmosphäre zu finden. Aber so groß und großartig das Land auch ist: Das Auge des Militärs und der Partei reicht überallhin. Selbst wenn die Menschen bei der Ernte sind oder jemand einen Eselkarren zieht, steht ein Aufpasser dabei.

 
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Ein Volk in Geiselhaft einer Familie?

Ja, die kommunistische Herrschaft wurde vererbt, von Kim Il Sung auf Kim Jong Il, einen skrupellosen Apparatschik, und nun auf dessen Sohn, Kim Jong Un, der seit 2011 herrscht. Bei ihm allerdings scheint mir, dass er einen allmählichen Wandel herbeiführen will, eine Öffnung, einen ökonomischen Aufschwung. Er sucht das Gespräch mit den Erzfeinden USA und Südkorea. Damit ist aber auch sein eigenes Überleben in Gefahr. Der Tod von Gaddafi in Libyen oder von Saddam Hussein im Irak sind für einen Diktator wie ihn natürlich Schreckensbilder. Wir dürfen nicht vergessen, dass Kim Jong Un in Europa, in der Schweiz, zur Schule ging. Anders als sein Vater und Großvater kennt er mehr als Korea, ist zeitweilig europäisch sozialisiert. Ich vermute, dass er sich des Problems bewusst ist, dass in der heutigen Welt eine derart isolierte Diktatur, ein abgeschlossenes System, in dem ein ganzes Volk in Gefangenschaft ist, nicht dauerhaft bestehen kann. Dazu ist unsere Welt zu komplex und zu offen.

Diese Hoffnung hatten manche, als er an die Macht kam, doch dann hat er in seiner Verwandtschaft ‹aufgeräumt›.

Sein skrupelloses Verhalten kann man auch so interpretieren, dass er, jung, verweichlicht, ohne militärische Meriten, sich Respekt verschaffen musste gegenüber mächtigen gegenläufigen Strömungen im Militär. In Nordkorea herrscht nämlich nicht, wie sonst im Kommunismus, die Partei, sondern es ist eine Militärdiktatur. Kim Jong Un scheint nun zu versuchen, das Militär zu schwächen und die Partei zu stärken. Vor seinem Machtantritt 2011 gab es zwei Jahrzehnte lang keinen Parteitag. Unter ihm werden jetzt Parteitage durchgeführt. Die Bedeutung des Militärs und auch der Atombewaffnung versteht nur, wer das Gefühl der extremen Bedrohung versteht, das in Nordkorea herrscht und immer neu geschürt wird. Man fühlt sich, immer noch ohne Friedensvertrag, von den amerikanischen Truppen unmittelbar bedroht und ist dabei technologisch dermaßen unterentwickelt, dass das Land in einem Krieg mit Südkorea, Japan oder den USA keine Chancen hätte. Also ist die Atombombe die einzige Überlebensgarantie des Systems. Die zuletzt mehrfach erklärte Bereitschaft, diese Waffen gegen Friedensgarantien nach und nach aus der Hand zu geben, halte ich für einen welthistorisch bedeutsamen Schritt. Kim Jong Un hat schon mehrfach im Rahmen seiner Neujahrsbotschaften Friedensangebote an die Weltgemeinschaft gemacht und um direkte Verhandlungen mit den USA gebeten. Wenn das nun zustande kommt, ist die Welt ein Stück weiter.

Ich vermute, dass er sich des Problems bewusst ist, dass in der heutigen Welt eine derart isolierte Diktatur nicht dauerhaft bestehen kann. Dazu ist unsere Welt zu komplex und zu offen.

Ist hier der Koreakrieg als traumatische Erfahrung immer noch präsent?

Natürlich. Die nordkoreanische Erzählung besagt ja, dass man friedlich ganz Korea beherrscht hatte. Dann sei der große Aggressor gekommen, habe den Süden in Besitz genommen und bedrohe seither den Rest. Ohne Friedensvertrag wähnt man sich noch immer im Kriegszustand mit den USA. Die ganze Rhetorik ist auf diesen Kampf gegen den großen Feind ausgerichtet.

Das waren die Eindrücke aus den 1990er-Jahren. Wie hat sich Nordkorea entwickelt?

Insgesamt war ich fünfmal in Nordkorea. Bei meiner ersten Reise hatte ich mehrere Bücher über Südkorea dabei und habe sie heimlich Nordkoreanern zugesteckt. Einen sah ich in einer Ecke mit dem Buch, Tränen liefen über sein Gesicht. Erstmals sah er, wie faszinierend sich der Süden entwickelt hatte – und wie brutal zurückgeblieben und repressiv dagegen das eigene Land war.

Heute wissen die Menschen mehr. Immer mehr haben Handys – wenn auch nur für das geschlossene nordkoreanische Netz. Dazu gibt es Fernseher, Radios und Waren aus China. Kim Jong Un hat Kleinunternehmertum zugelassen. Selbst gemachte oder angebaute Waren werden am Straßenrand verkauft. Fast jeder verdient sich etwas dazu. So hat sich das Land verändert. Auch die Blicke, ja sogar Gespräche sind etwas offener geworden. Das alles ist relativ gemeint. Doch hat Kim Jong Un Veränderungen durchgesetzt, die Spuren hinterlassen und den Wunsch nach mehr wecken.

 
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Wo zeigt sich die Entwicklung noch?

Ich habe einen Freund in Nordkorea, Karl Fall. Mit einem kleinen Entwicklungsprojekt im Rahmen der Welthungerhilfe fing er an. Jetzt ernährt er damit 26 000 Kinder täglich. Er ist ein moderner Heiliger. Seine koreanischen Mitarbeiter schickt er jeweils für einige Wochen nach Deutschland. Früher wäre das undenkbar gewesen. Heute erklärt er dem Regime, diese Ausbildung sei notwendig. Sie belegen dann einen Landwirtschaftskurs an der Hochschule Weihenstephan, leben einige Wochen in einer bayerischen Bauernfamilie und erleben, wie man frei denkt, sein Leben gestaltet, offen über alles redet. Sie kommen als andere Menschen zurück. Das strahlt aus. Ich wünsche Nordkorea (und der Welt) viele Menschen wie Karl Fall. Sie bewirken mehr als Sanktionen, Waffen oder einschüchternde Rhetorik.


Fotos: ‹(stephan)›, Pyongyang, North Korea, 2007–08, www.bit.ly/2Ql7fSJ

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