Umstülpung der organischen Architektur

Umstülpung der organischen Architektur

Nach einer dynamischen Entwicklung bis in die 1980er-Jahre ist die anthroposophisch-organische Architektur anschließend in der allgemeinen Architektur fruchtbar geworden. Jetzt bedeutet die Digitalisierung eine Herausforderung. Gespräch mit Marianne Schubert, Henning Schulze-Schilddorf und Uwe Kirst vor der kommenden Tagung ‹Die Aktualität organischer Architektur›.


Kann man von einer ‹anthroposophischen Architektur› sprechen?

Uwe Kirst Der organische Architekturbegriff geht, neben Rudolf Steiner, von vielen Architekten des frühen 20. Jahrhunderts aus, wie Hugo Häring, Hans Scharoun, Erich Mendelsohn und Henry van de Velde. Vor allem innerhalb des Waldorfkontextes findet man noch etwas, was als organische Architektur in der Anthroposophie bezeichnet wird. Sonst ist es schwierig, zu beurteilen, ob es sich um organische Architektur oder anthroposophische handelt. Die einzelnen Strömungen verschmelzen immer mehr oder haben sich ineinander aufgelöst. Architektur ist zur individuellen, freiheitlichen Sache geworden. Betrachtet man den ersten und den zweiten Goetheanum-Bau, dann sind da große Unterschiede zu finden.

 Wie von Wind und Wasser geformt sollte das Opernhaus von Harbin sein, erzählen die Architekten des Büros MAD. Es soll sich nahtlos in die Natur und die Topografie einfügen und will eine Transfusion lokaler Identität, Kunst und Kultur sein. Foto: Hufton + Crow

Wie von Wind und Wasser geformt sollte das Opernhaus von Harbin sein, erzählen die Architekten des Büros MAD. Es soll sich nahtlos in die Natur und die Topografie einfügen und will eine Transfusion lokaler Identität, Kunst und Kultur sein. Foto: Hufton + Crow

Henning Schulze-Schilddorf Bei Architekturbüros liest man oft den Slogan «Wir bauen für den Menschen». Aber was für ein Menschenbild steht hinter dieser Aussage? In anthroposophisch inspirierter Architektur gibt es ein anderes Menschenbild, das viel tiefer reicht, als ich es anderswo erlebe. Die Frage des Menschen erweitert sich zum Sozialen, zur Natur und zum ganzen Kosmos. Was aber macht den Mensch zum Menschen? Die Anthroposophie hat tiefere Schichten dazu erforscht, was den Menschen ausmacht. Solche Gedanken und Empfindungen kann ich in der allgemeinen Architektur, wenn vom Menschen gesprochen wird, kaum finden.

Marianne Schubert Als die farbigen Fenster in das Erste Goetheanum eingebaut wurden, sagte Rudolf Steiner, dass sie nicht nur das Hinausschauen in die Welt fördern, sondern dass sie ebenso die Wand durchlässig machen für Geistiges. Das ist ein extremes Beispiel für eine Art zu bauen, die die geistige Welt mit einbezieht. Ein anderes Beispiel: Die Bauten von Zaha Hadid sind in fließenden, dynamischen Formen gebaut. Boden und Decke sind schief, was dazu führt, so wurde mir berichtet, dass die Menschen sich darin nicht wohlfühlen. Ihnen wird schwindelig, weil ihr Gleichgewichtssinn und ihr Bewegungssinn durcheinandergeraten. Die Motive, aus denen heraus Zaha Hadid ihre Bauten entstehen ließ, sind andere als die der anthroposophisch inspirierten Architektur. Es ist eine unglaublich faszinierende Architektur, aber sie beruht auf einem anderen Menschenbild.

Arbeiten noch viele Büros explizit mit einer anthroposophischen Architektur?

Schubert In den 1970er- und 1980er-Jahren, nach der Ära der Architekten um Rudolf Steiner, gab es einen Bauboom. Da wurden weltweit Waldorfschulen gebaut und entsprechend Architekten gesucht. Dann kam eine Flaute. Es gab nicht mehr die riesigen Aufträge und die großen Büros verschwanden. Die Landschaft der organisch bauenden Architekten im anthroposophischen Zusammenhang hat sich unglaublich verkleinert.

Schulze-Schilddorf Wie in vielen Bereichen der anthroposophischen Bewegung haben die Gründergeneration und deren Schüler einen Kräftestrom erlebt, der heute versiegt ist. Heute sind wir mehr auf uns selbst gestellt, dazu aufgefordert, aus Anthroposophie neu zu kreieren. Das kann man beklagen. Oder sich daran freuen, denn damit ist eine Chance verbunden.

Schubert Diese Kräfte sind in die Welt, in alle Lebensbereiche eingeflossen und nennen sich oft gar nicht mehr ‹Anthroposophie›. Sie haben sich – so glaube ich – in die Welt gestülpt. Der Schweizer Architekt Peter Zumthor hat mir großen Eindruck gemacht, als ich erkannt habe, wie sehr für ihn beim Bauen die Frage des Genius Loci eine Rolle spielt. Er führt ein aus dem ‹Eckenbau› entstandenes Büro, das sich aber mit Fragen beschäftigt, die auch uns umtreiben.

  Nationales Aquarium Dänemark. 3xn, 2013. Foto:  Adam Mark

Nationales Aquarium Dänemark. 3xn, 2013. Foto: Adam Mark

Schulze-Schilddorf Vor 30 Jahren war es in der Schweizer Architekturszene nicht möglich, ein Gebäude zu erstellen, das keinen rechten Winkel gehabt hätte. Man wurde nicht ernst genommen. Das hat sich grundlegend verändert, ist in den Seelen beweglicher geworden. Zwar würde ich es nicht anthroposophisch inspirierte Architektur nennen, und doch ist da etwas von einer Saat in der Welt am Aufgehen.

Kirst Eine weitere Entwicklung im Sinn einer anthroposophisch-organischen Architektur ist, dass jede Aufgabe individuell anzuschauen ist. Wenn man die neuen Büros nimmt, wie Snøhetta, da herrscht ein Kommen und Gehen von Gesellschaftern oder Geschäftsführern, da findet sich für jede Bauaufgabe eine individuelle Gruppe, da wird es schwierig, ein Baubüro über längere Zeit im klassischen Stil zu tragen.

Hat sich der Computer in der Werkstatt des organischen Architekten durchgesetzt?

Schubert Viele haben keine Zeichenbretter oder Stifte mehr, sie arbeiten durchweg am Computer. Dadurch sind andere, vielfältigere Formen entstanden. Das ist reizvoll und problematisch zugleich, weil man sich in diese Formenmöglichkeiten verlieben kann und dabei vergisst, was wir Menschen als menschliche Umgebung brauchen. Die Lust an der Formbildung überrennt diese Verantwortung.

Schulze-Schilddorf Die Design-Welt der Computer hat uns fasziniert, hat uns reingezogen, was sich z. B. in den späteren Bauten von Zaha Hadid ausdrückt. Die früheren Bauten, die sie noch von Hand gezeichnet hat, waren anders. Ich habe auch eine Zeit lang am Computer entworfen, bin aber wieder zurückgeschwenkt auf Entwürfe von Hand. Vorprojekte entstehen bei uns in Handarbeit am Reißtisch, Freihandzeichnungen und Modellbau mit Plastilin. Wir haben ein Wohnprojekt in Liestal, das im Stadtparlament eine unglaubliche Zustimmung erfahren hat. Beim ersten Spatenstich für diese zwei Gebäude mit 65 Wohnungen war ein Stadtrat da. Dort sah er eine fotorealistische Computervisualisierung des Projektes und war enttäuscht, denn er vermisste die Lebendigkeit unseres Modells. Manche Architektur sieht tatsächlich so aus wie diese kalten, unlebendigen Visualisierungen. Da habe ich ihn um Geduld gebeten zu warten, bis die Gebäude fertig sind. Sie werden nicht so aussehen.

Kann man organische, das heißt lebendige Architektur mit dem Computer entwerfen?

Schubert Wenn ich mit meinem Stift eine Form auf dem Papier suche, bin ich mit meinem ganzer Körper dabei, mit meinen Proportionen, die ich als Mensch in meinen Gliedmaßen habe. Ich messe die Form draußen durch meinen Körper ab.

Schulze-Schilddorf Das Steiner-Zitat auf dem Tagungsflyer sagt es: «Ein Hinausprojizieren der eigenen Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Leibes außer uns in den Raum ist die Baukunst, die Architektur.» Für meinen Eindruck ist die Architektur stark mit den unbewussten Bereichen des Willens verbunden. Deshalb ist es sinnvoll, schöpferisch tätig zu sein mit Werkzeugen, die einen Willensstrom zulassen, gerade in der Architektur, wo viel mit Analyse, mit formalen Aspekten gearbeitet wird.

Kirst Ich erlebe bei der heutigen Studentengeneration, dass diese Dimensionen abhanden gekommen sind. Sie entwerfen ein kleines Wochenendhaus von 40 m2 und es kommen 250 m2 heraus, weil sie diesen menschlichen Maßstab verloren haben. Das Entwerfen mit einem Skizzenprogramm fällt ihnen viel leichter, weil sie mit dem Medium verbunden sind. Es fällt den jungen Menschen schwer, zu überlegen, wenn ich hier mit der Treppe rauskomme, passt das dann noch mit dem Kopf? Es handelt sich um triviale Dinge, die ein Architekt wissen muss. Wenn man nicht 3-D entwerfen kann, weil man sich nicht hineinversetzen kann, entstehen immer einfachere Formen und Ebenen. Man spielt dann nicht mit komplexeren Formen.

Bei Architekturbüros liest man oft den Slogan «Wir bauen für den Menschen». Aber was für ein Menschenbild steht hinter dieser Aussage?

Schubert Mit dem Computer ist die Gefahr größer, aus der Gesamtheit herauszufallen. Das erlebe ich, wenn ich auf die Gebäude schaue. Ich erkenne solche Gebäude, die nur am Computer entstanden sind: Es fehlen oft liebevolle Details, ein Standardprogramm ist abgelaufen. Es war Rudolf Steiner wichtig, aus dem Ganzen heraus zu bilden und in Metamorphose jeden Schritt für uns als Betrachter nachvollziehbar zu machen. An diesem Punkt spüre ich, wie sich das Lebendige herauszieht aus unserer Lebenswelt. Ich arbeite mit einem Studenten, der Kommunikationsdesign studiert und in den Semesterferien ein Praktikum bei einem Schuhmacher macht. Er sagt, er muss wieder mal etwas mit den Händen machen, als Gegenentwurf zu dem, was ihm das Computerprogramm entzieht. Wir brauchen neue Instrumente, um das wieder in die Architekturwelt, die ja ganz von der Finanzwelt beherrscht wird, integrieren zu können.

Wie hat diese neue Art des Entwerfens unsere Architektur verändert?

Schulze-Schilddorf Ein Beispiel: Ich habe mir vor fünf Jahren ein Buch besorgt über die Entwurfslehre der ETH Zürich. Da wird geschildert, wie sie Volumengebilde entworfen, einen Schnitt durch gemacht und diese Schnittzeichnung dann umgeklappt haben und sagten, dass das jetzt der Grundriss sei. Das ist für mich die ultimative Abkopplung vom Leben. Es ist abstrakt. Ich habe auch in Zürich ein großes ehemaliges Industrieareal gesehen, wo jetzt Wohnbauten entstanden sind, die mit Computer entworfen wurden. An den Gebäuden habe ich es weniger gemerkt als an der Außenraumgestaltung. Ein großer Platz mit vielen Bäumen. Ich hatte den Eindruck, als stünden die Bäume so da wie in diesen schrecklichen Pflanzendarstellungen der Architektursoftware. Etwas aus der Computerwelt hat sich materialisiert, dachte ich, sogar die Pflanzen! Es geht nicht darum, dass wir der Computerwelt entfliehen wollen. Sondern wir müssen damit umgehen und uns diesen Herausforderungen stellen. Man kann geniale Dinge damit machen, wir müssen dem Medium, dem Werkzeug gewachsen sein.

  Kanadisches Museum für Geschichte, Douglas Cardinal, 1989. Foto:  Pieter van der Ree

Kanadisches Museum für Geschichte, Douglas Cardinal, 1989. Foto: Pieter van der Ree

Schubert Die zwei unteren Bilder auf dem Tagungsflyer – von Douglas Cardinal, einem Nicht-Anthroposophen, der auch am Goetheanum zu Besuch war – sind beispielhaft: Er hat ein tiefgründiges Menschenbild. Er hat vom ersten Tag seiner Arbeit an in diesem großen Büro Computer verwendet. Er hat viele junge Menschen um sich, die das immer auf den neusten Stand setzen. Aber in seinen Bauten sieht man das Menschenbild dieses Architekten klar und kraftvoll. Es durchdringt seine Bauten mehr als die Computertechnik. Man spürt, dass ihn die Technik unterstützt, aber er als Mensch die Regie behält. So habe ich ihn hier in Dornach erlebt. So erlebe ich es bei Peter Zumthor. Er ist ein Mensch mit einer sehr besonderen Haltung zur Natur, zum Menschen, zum Geist des Ortes. Aus dem heraus entstehen bis in die Materialisierung wunderschöne Gebäude, die vielleicht auf den ersten Blick nur viereckig sind und doch durch und durch organisch, um diesen Begriff noch mal etwas breiter zu fassen.

Was sind die nächsten Schritte für die organische Architektur?

Schubert Ich lade zu einer Tagung ein, die viele Menschen ans Goetheanum führt, die die Tagung mitgestalten und diese Frage diskutieren wollen. Wir bieten hier nicht nur Vorträge an, sondern wir möchten, dass jene, die aus den Büros kommen, aus ihrer aktuellen Tätigkeit die Tagung zu ihrer eigenen machen. Das ist mir ein Anliegen, und ich spüre aus den Rückmeldungen bei vielen den Wunsch, ihre Arbeiten zu präsentieren. Wenn sich eine Gruppe trifft und diese Fragen bewegt, können wir neue Ideen und Projekte entwickeln, wie wir der Not einer Zeit, in der die Lebendigkeit verloren geht, etwas entgegensetzen können. Das ist mir sehr wichtig. Und es ist mir wichtig, dass Menschen, auch solche, die nicht aus der Anthroposophie heraus arbeiten, diesen Ort und die Bauten hier erleben können. Das aktive Wahrnehmen ist auch ein großer Teil der Tagung. Ich glaube, der Goetheanum-Campus ist eine unerschöpfliche Inspirationsquelle.


Rudolf Steiner über Architektur

Fehlende Hülle

Um die Architektur in ihren Formen wirklich fühlend zu verstehen, muss man den Menschen selber, die Menschenform künstlerisch fühlen ... Der Mensch steht gewissermaßen in Bezug auf seinen Sinnenschein nackt in der Welt da. Es entsteht das Bedürfnis, für das Physische, anstelle des Physischen, um ihn herum rein in der künstlerischen Empfindung ein bildhaft Geistiges zu haben, das ihn umhüllt.
Rudolf Steiner, 18. Mai 1923 (GA 276)

Sprache der Götter

Das Licht wird stärker einfallen durch die dünneren Stellen der Glasfenster; es wird schwächer einfallen durch die dickeren Stellen und dadurch dunklere Farben geben. Geist und Materie in ihrem Zusammenhange, sie werden empfunden werden können in dem, was die Glasfenster ausdrücken. Aber die ganze Innenfläche soll sprechen wollen, sozusagen Organ sein für die Sprache der Götter. Und wie wir sagen, der Mensch hat einen Kehlkopf, durch diesen bist du imstande zu sprechen, so werden wir die Empfindung haben können: diese ganze Reliefgestaltung ist Organ für die Sprache der Götter, die zu uns sprechen sollen von allen Seiten des Universums. Es sind überall Sprachorgane der Götter.
Rudolf Steiner, 17. Juni 1914 (GA 286)

Heranstürmendes Licht

Die Architektur drückt ursprünglich die Art und Weise aus, wie der Mensch von den Weiten des Kosmos aufgenommen sein will. − Befinde ich mich in einem Haus, so sollte das künstlerische Empfinden auch so sein. Ich schaue die Flächen, ich schaue die Linien. Warum sind sie da? Um mir anzuzeigen, so will die Seele in der Richtung dieser Linien hinausschauen in die Raumesweiten. So will aber auch die Seele geschützt sein vor dem heranstürmenden Lichte. Und betrachtet man das Verhältnis der Seele zum Universum, zum Raumesuniversum ringsherum, lernt man so recht erkennen, wie das Raumesuniversum die Seele des Menschen in der richtigen Weise empfängt, dann bekommt man die künstlerische Form der Architektur heraus.
Rudolf Steiner, 18. MAI 1923 (GA 276)

Lebendiges Wort

In diesem Topf entsteht der Napfkuchen, und wenn der Gugelhupf herauskommt, zeigen sich an der Oberfläche des Gugelhupfes alle die Formen, die an den Wänden des Topfes im Negativ sind: Das Prinzip ist wirklich bei der Innendekoration des Baues richtig anzuwenden, nur dass eben nicht ein Gugelhupf drinnen sein wird, sondern dass lebend und webend drinnen sein soll das lebendige Wort der Geisteswissenschaft in der ihr möglichen Form. Das, was hier umschlossen ist in den Raumformen, was darin gesprochen und getrieben wird, soll sich so anpassen, wie sich der Napfkuchenteig anpasst der Negativform des Napfkuchentopfes. Fühlen soll man in dem, was an den Wanden ist, das lebendige Negativ dessen, was da gesprochen und getan werden soll.
Rudolf Steiner, 7. Juni 1914 (GA 286)