Europa ohne Russland?

Europa ohne Russland?

Kann es Europa ohne Russland geben? Die politischen Ereignisse der letzten Zeit lassen solche Fragen immer drängender in den Vordergrund treten.


Die europäische Politik hat Russland, wie schon mehrmals zuvor in der Geschichte, wieder zum Feindbild aufgebaut. Putin wird als neuer Hitler, Russland insgesamt als unberechenbar hingestellt. Europa müsse vor russischen Aggressionen geschützt werden. Mit Sanktionen und dem Aufbau militärischer Stärke möchte man Russland gefügig machen. Kurz, die Beziehungen Europas zu Russland sind durch und durch ambivalent. Gerade in der Ambivalenz liegt jedoch die Aufforderung, genauer hinzuschauen, ob Europa und Russland zu trennen sind oder nicht und welche Bedeutung ihre Beziehung zueinander für den Lauf der globalen Dinge heute hat.

Wenn wir von Europa sprechen, sprechen wir natürlich nicht nur von der Europäischen Union. Europa ist mehr als die Europäische Union. Europa in seiner Gewordenheit und in seinem Werden umfasst auch Länder auf dem europäischen Kontinent, die nicht der Europäischen Union angehören, sehr wohl aber dem europäischen Kulturraum. Das betrifft Sprachen, Lebensart, Kunst, Religion und Geschichte. Das sind Länder auf dem Balkan, im Kaukasus und eben auch Russland, zumindest Teile Russlands bis zum Ural.

Russland andererseits ist nicht einfach ein Teil Europas. Russland ist zwar geografisch – auch ökonomisch – nicht von Europa zu trennen, lässt sich jedoch seinerseits in seiner Gewordenheit und seinem Werden nicht auf Europa, auch wenn man es nur bis zum Ural betrachten wollte, schon gar nicht auf die Europäische Union reduzieren. Russland ist nicht nur geografisch, sondern auch kulturell, sogar ethnisch Teil Asiens, genau genommen ist Russland das Gebiet, die Kultur, die Realität zwischen Europa und Asien. Bildlich gesprochen: Russland kann man als Zwischenraum, Europa als Rand definieren.

Zusammen bilden Europa und Russland aber nicht nur einen untrennbaren geografischen Zusammenhang. Sie sind auch nicht nur ökonomisch eng miteinander verbunden – im Kürzel gesagt: russisches Öl gegen europäisches ‹Know-how› –, sie bilden darüber hinaus miteinander auch den geopolitischen Raum, von dem aus die heutige Welt über eine Zeitspanne von 2000 Jahren christianisiert, kultiviert, zivilisiert und schließlich kolonisiert wurde – arbeitsteilig, um es salopp, gleichberechtigt, um es provokativ zu formulieren: Europa als der ‹Nabel der Welt›, Russland als das ‹Herzland› Eurasiens.

Expansion und Integration

In der Art, ‹wie› die Expansion vor sich ging, unterschieden sich Europa und Russland jedoch in diametraler Weise voneinander. Europa expandierte in einem Prozess des Differenzierens, des Pluralisierens, des beständig um die Vormacht auf kleinstem Raum miteinander Kämpfens, der Konkurrenz, letztlich in einem sich steigernden Prozess der Individualisierung, der individuellen Emanzipation, im Kern eines tiefen, wenn auch produktiven Egoismus. Europa trug diesen Prozess als ununterbrochenen Krieg in die ganze Welt hinaus, vielsprachig, in ständiger Veränderung, ohne dauerndes Zentrum.

Russland expandierte nach dem Prinzip des Sammelns, des Zusammenführens, des Integrierens und Kollektivierens, der Vielfalt unter dem Dach einer Sprache, der Bildung von Gemeinschaftstraditionen unter einem autoritären Zentrum, Moskau. Das heißt nicht, dass die russische Expansion im Gegensatz zur europäischen gewaltlos vor sich gegangen wäre; es haben sich in der Geschichte nur zwei ganz unterschiedliche Prinzipien der Kolonisierung verwirklicht, deren Wirkung bis heute anhält: Integration im russischen Raum – Desintegration in Europa und von dort ausgehend in der Welt.

Wo liegen die Gemeinsamkeiten dieser unterschiedlichen Entwicklung, die entgegengesetzter nicht verlaufen konnte? Welche Dynamik liegt heute noch darin? Der Blick muss tief in die Geschichte gehen, um erkennen zu können, wie aus einem ursprünglich gemeinsamen Kulturstrom – indogermanisch–griechisch–römisch–christlich – die systemgeteilte Welt des 20. Jahrhunderts und nach deren vorübergehendem Übergang in die us-dominierte Globalisierung die sich heute andeutende erneute Ost-West-Teilung hervorgehen konnte und wo die Möglichkeiten der Überwindung dieser Dualität liegen.

Zwei Töchter der römischen Welt

Über die ganze sich über mehr als 500 Jahre erstreckende Zeit dieser griechisch-römischen Geschichte zieht noch ein einheitlicher kultureller Strom ins frühe Europa, das man zu einem ursprünglichen Kulturstrom in Mesopotamien zurückführen kann. Mit der Teilung Roms in Ostrom und Westrom im Jahr 395 n. Chr. setzt die unterschiedliche Entwicklung des europäischen Siedlungsraumes in ein östliches Europa mit Byzanz und ein westliches Europa ein, das unter dem Ansturm germanischer Stämme und hunnischer Reiterheere aus dem Inneren Asiens zerfällt. Mit der Übernahme des orthodoxen Christentums durch den Fürsten Wladimir von Kiew im Jahr 988 n. Chr. bindet die Kiewer Rus sich an Byzanz. Mit diesem Schritt nimmt das Auseinanderdriften der religiösen Sphäre in Ost- und Westeuropa an Deutlichkeit zu.

 Die Basilius­ Kathedrale wurde ursprünglich von Iwan IV. während des Zu­rückdrängens der Mongolen im 16. Jahrhun­dert errichtet. Fotografie von Nikita Karimov

Die Basilius­ Kathedrale wurde ursprünglich von Iwan IV. während des Zu­rückdrängens der Mongolen im 16. Jahrhun­dert errichtet. Fotografie von Nikita Karimov

Mit dem Schisma, der großen Kirchenspaltung von 1064 n. Chr., wird das Auseinanderdriften Europas auf einen oströmischen und einen weströmischen Entwicklungsweg manifest. Die Patriarchen von Byzanz und Rom exkommunizieren sich gegenseitig. Byzanz versteht sich als Hüter der Einheit von Staat und Kirche, betrachtet Rom als abtrünnig vom wahren Glauben. Roms Entwicklung führt dagegen sehr schnell auf einen dreigeteilten gesellschaftlichen Weg, der die differenzierte Zukunft des westlichen Europa vorzeichnet: den politischen Bereich der Reiche und Staaten, den religiösen Bereich und eine unabhängige Philosophie und Wissenschaft.

Im byzantinischen Raum, wie er sich im Kiew Wladimirs fortsetzte, entwickelte sich keine unabhängige Wissenschaft, keine Renaissance, keine Reformation, keine Aufklärung – und keine bürgerliche Revolution. Die Zerstörung Kiews durch die Mongolen im Jahr 1241 war ein weiterer entscheidender Impuls für die Entfernung Ost- und Westeuropas voneinander. Zu der religiösen Spaltung zwischen Ost- und Westkirche kommt die unterschiedliche Ausrichtung des zuvor noch offenen politischen Raumes hinzu. Ausgehend von Moskowien, noch unter der mongolischen Tributhoheit, beginnt mit dem Moskowiter Fürsten Kalita (1325–1340), intensiviert durch Iwan III. (1530–1584), dann Iwan IV. (1456–1471) der Prozess des ‹Sammelns russischer Erde›, wie es in der russischen Geschichtsschreibung genannt wird. Nach dem Fall Konstantinopels erklärt Iwan IV. Moskau zum ‹Dritten Rom›. Dabei übernimmt er das Staatskirchentum des byzantinischen Modells, übernimmt auch den Titel Kaiser, also Zar des russischen Reiches. Mit der Unterwerfung Nowgorods und der Verdrängung des deutschen Ritterordens aus Livland schließt er die Grenzen nach Westen; zugleich forciert er die Kolonisation nach Osten auf der Spur des zerfallenden mongolischen Großreiches bis nach Sibirien.

Die Politik Iwans IV. zementiert die Trennung zwischen dem orthodoxen Osten und einem reformatorischen, protestantischen, aufklärerischen Westen bis in die Zeit Peters I. in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Ost und West, Russland und Europa sind für mehr als 200 Jahre getrennte Welten. In dieser Zeit festigt die christliche Orthodoxie ihr Verständnis von sich als Bewahrer des wahren christlichen Glaubens – ohne einschneidende Abspaltungen, ohne Protestantismus, ohne Religionskriege, ohne Aufklärung in despotischer Einheit von Staat und Kirche – bis auf die minoritäre Bewegung der ‹Altgläubigen›, die eine formale Kirchenreform im 17. Jahrhundert nicht mitmachen wollten.

Eine neue Begegnung

Mit Peter I. (1682–1725), genannt der Große, beginnt eine neue Phase der Ost-West-Beziehungen. Er unterwarf Russland einer Modernisierung und Industrialisierung nach westlichen Standards. Seine Modernisierung war ein Gewaltakt, der die in ihrer traditionellen Orthodoxie lebende mehrheitlich bäuerliche russische Gesellschaft zutiefst erschütterte. Gleichzeitig führte er Expansionskriege nach Norden und nach Süden.

Zeitgleich zu den petrinischen Reformen entwickelt sich im Westen die Aufklärung. Die antidynastischen Wolken der Französischen Revolution ziehen auf, deren Ideologen ihre Impulse aus der Unabhängigkeitserklärung der usa von 1776 und der Bill of Rights von 1797 beziehen. Europa und Russland sind, trotz Modernisierung Peters I., auf unterschiedlichen Wegen: Europa öffnet sich in Richtung Amerika, Russland expandiert, wenn man das Gebiet zu der Zeit noch so nennen kann, im ost- und südeuropäischen Raum.

Von 1762 bis 1796 intensiviert Katharina II., die ‹Deutsche auf dem Zarenthron›, ebenfalls die Große genannt, die Beziehungen Russlands zum Westen. Sie pflegt intensivsten Umgang mit den französischen Aufklärern, insbesondere Voltaire. Sie fördert europäische Wissenschaft und Kunst. Der Enzyklopädist Diderot ist über längere Zeit Gast des Zarenhofes. Gleichzeitig setzt sie das Sammeln russischer Erde nach Süden, ebenso wie den autoritären Regierungsstil, fort. Die Politik Katharinas vertieft die Durchmischung von Orthodoxie und westlicher Aufklärung erheblich.

Konfrontationen

Der Schlagabtausch, der mit Napoleons endgültiger Niederlage bei Waterloo 1816 endete, war das Vorspiel für die Konfrontationen des darauf folgenden Jahrhunderts, in denen die von Europa ausgehende Expansion über See und die von Moskau ausgehende territoriale Expansion an den Rändern Eurasiens, zum Beispiel in Afghanistan, aufeinanderprallten, ergänzt durch Konfrontationen im südeuropäischen Raum, in dem Russlands panslawistische Ambitionen auf westeuropäische Grenzen stießen. Es entstand das, was uns bis heute unter dem Stichwort des ‹Great Game› begleitet und was sich in dem Jahrhundert der zwei Weltkriege entlud, die sich 1914–1918 und noch einmal 1939–1945 im Kern um Verschiebungen der ins Globale gewachsenen Konkurrenz zwischen den von Europa und Russland ausgehenden Einflusszonen drehten.

Einige Aspekte dieser konfrontativen Zeit, die Beziehung Europas zu Russland betreffend, fallen von heute aus besonders ins Auge. Das ist vor allem die schon erwähnte Unterstützung der Oktoberrevolution durch den Westen im Zuge des Ersten Weltkriegs, konkret durch die deutsche Wehrmacht, die Lenin und eine Gruppe russischer Revolutionäre in plombierten Waggons nach Russland einschleusten, mit dem klaren Ziel, den Zarismus zu stürzen und Russland damit zur Kapitulation zu zwingen. Aber wenn der Sturz des Zarismus, die Konfrontation mit westlichem revolutionärem Gedankengut, nicht zuletzt mit dem Atheismus der Revolution Russlands Identität auch ins Herz traf, zerstörte Europa sich in diesem Krieg doch andererseits selbst, während die von Russland, der entstehenden Sowjetunion ausgehende kommunistische Internationale sich in der Gegenbewegung zu dem von Europa ausgehenden Zersetzungsversuch praktisch über die gesamte westliche Welt verbreitete.

Europa und Russland könnten in ihrem gegensätzlichen Aufeinander-bezogen-Sein von individueller Emanzipation und gemeinschaftlicher Tradition einen entscheidenden Beitrag leisten, in dem ‹Herz› und ‹Kopf› miteinander und nicht gegenein­ander wirken.

Nach seiner Selbstzerstörung in den zurückliegenden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts braucht und sucht Europa heute eine neue nachkoloniale und nachnationale Identität und Form. Die gegenwärtige Europäische Union ist eine Übergangserscheinung, bei der die Frage entsteht: Was ist der mitteleuropäische Raum in diesem ganzen Konzert? Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion braucht/sucht Russland heute eine post-expansive Identität als Entwicklungsland neuen Typs, in dem westliche Standards und durch den Sowjetismus gebrochene Tradition eine neue Verbindung suchen. Russlands gegenwärtige autokratische Form ist eine Übergangserscheinung. Unterdessen haben die usa das Ruder der Weltentwicklung übernommen: Sie haben ein erklärtes Interesse daran, die Verbindung eines erneuerten Russland mit einem erneuerten Europa, insbesondere Deutschlands als tragender Mitte Europas, zu verhindern.

Ein Weg aus dem Knäuel

Wie kann es gelingen, die verschütteten Impulse der europäisch-russischen Beziehungen wieder so freizulegen, sie miteinander in Austausch zu bringen, statt sie unerkannt, ins Lähmende oder ins Globale eskaliert, weiter gegeneinander wirken oder gar wüten zu lassen?

Ein interessanter Ansatz dazu lässt sich in einem Vortrag von Rudolf Steiner finden, den er zum Jahreswechsel 1918/19 hielt, also noch unter dem unmittelbaren Eindruck des Ersten Weltkrieges (GA 195). Er spricht von drei Kulturströmungen, die sich aus den Tiefen des vorchristlichen Altertums entwickelt hätten, deren Wirken offengelegt, verstanden und in neue Beziehung zueinander gebracht werden müssten, wenn man das heutige Chaos und die heutige Entwicklungsdynamik verstehen wolle. Als die drei Strömungen benannte er:

  • den aus dem Orient über Mesopotamien kommenden griechischen, christlichen Strom, der sich am Ende im russisch-slawischen Raum in besonderer Weise entwickelt und bewahrt habe;
  • den aus Ägypten über Rom kommenden rechtlichen, politischen Strom, der sich über den ursprünglichen orientalischen gelegt und sich wesentlich in Mitteleuropa in der Herausbildung der Emanzipation des Einzelnen und rechtsstaatlicher Vorstellungen ausgeprägt habe;
  • den später aus dem Norden kommenden pragmatisch-wirtschaftlichen Strom, der sich in der englisch-amerikanischen Welt entwickelt habe, der aber als jüngster Strom noch nicht voll ausgebildet sei.
 Der Evolutionsturm (rechts), zwischen 2011 und 2014 im internatio­nalen Geschäftszentrum ‹Moskau City› vom schottische Architekturbüro RMJM gebaut, klingt mit der Kuppeldrehung der Basili­us ­Kathedrale zusammen (siehe oben). Die zwei Gebäude wollen die Größe des Landes manifestieren. Fotografien von Nikita Karimov

Der Evolutionsturm (rechts), zwischen 2011 und 2014 im internatio­nalen Geschäftszentrum ‹Moskau City› vom schottische Architekturbüro RMJM gebaut, klingt mit der Kuppeldrehung der Basili­us ­Kathedrale zusammen (siehe oben). Die zwei Gebäude wollen die Größe des Landes manifestieren. Fotografien von Nikita Karimov

Diese Grundströmungen seien heute nicht mehr in Klarheit erkennbar, so Steiner, hätten sich auf dem Weg durch die Geschichte zu einem chaotischen Knäuel einer geistlosen Zivilisation verwickelt, verfälscht und zum Teil pervertiert. Sie unter ihren Verformungen in ihrer jeweiligen Wertigkeit zu erkennen und im Zuge einer Entzerrung des heutigen sozialen Lebens nach geistigen, politisch-rechtlichen und wirtschaftlichen Aspekten – Steiner spricht von einer Dreigliederung des sozialen Lebens – so miteinander in Beziehungen zu bringen, dass die konfliktstiftende Dominanz des Ökonomischen überwunden werden könne, sei das Gebot der Zeit. Das habe der Krieg, der aus ebendieser Dominanz des Ökonomischen entstanden sei, – um es mit Worten von heute zu sagen – der Menschheit nachhaltig vor Augen geführt.

Was könnte eine Besinnung auf die von Steiner genannten Kulturströmungen in der heutigen Situation für Europas Beziehung zu Russland also bedeuten?

  • Ganz sicherlich keine fraglose Unterordnung unter die Dominanz einer bloß ökonomisch orientierten Globalordnung nach amerikanischem Muster – auch dann nicht, wenn diese Ordnung in Zukunft unter anderen Namen, etwa dem chinesischen, auftreten sollte.
  • Ganz sicher keinen romantischen Rückfall auf den Traum von einem ungeteilten christlichen Europa nach Art der deutschen Romantik oder gar auf eine von Europa und Russland gemeinsam gebildete eurasische Achse, die versucht, ihre durch die Teilung verlorene abendländische Dominanz wiederherzustellen.
  • Ganz sicher aber auch nicht den isolierten Rückzug auf eine ‹russische Idee› oder eine ‹europäische Idee›, die sich voneinander abgrenzen oder gar bekämpfen. Das liefe nur auf eine Beschleunigung der nationalistischen Tendenzen hinaus, die sich gegenwärtig in der Welt des ‹America first› abzeichnen.

Eine Notwendigkeit der heutigen Zeit ist aber sicher, und das mehr und dringender als noch vor hundert Jahren, die russische und die europäische Idee, wie jede andere nationale Idee, die zurzeit lebt oder noch neu entsteht, einschließlich der amerikanischen, vorurteilslos daraufhin zu untersuchen, wie sich die genannten kulturellen Grundströmungen in der heutigen globalen gesellschaftlichen Wirklichkeit darstellen und wie eine von nationalen Beschränkungen befreite Wechselwirkung von geistigem Leben, Politik und Ökonomie so gefördert werden kann, dass die Dominanz der Ökonomie relativiert und tendenziell überwunden werden kann, bevor die Notwendigkeit dazu durch eine weitere Weltkatastrophe bewiesen wird.

Europa und Russland könnten dazu, wenn sie sich auf ihre historischen Wurzeln besännen, in ihrem gegensätzlichen Aufeinander-bezogen-Sein von individueller Emanzipation und gemeinschaftlicher Tradition einen entscheidenden Beitrag leisten, in dem ‹Herz› und ‹Kopf› miteinander und nicht gegeneinander wirken – allerdings, ohne dabei, das ist zu betonen, die Ökonomie zu vergessen, ohne dabei aber auch zu erneuter Expansion oder Dominanz aufsteigen zu wollen. Anders gesagt, die Ökonomie, konkret auch der ‹american way of life›, einschließlich seiner chinesischen Variante, muss nicht bekämpft, sondern in diese Entwicklung integriert werden, wenn sich ein lebendiger Austausch zwischen den Kulturen entwickeln soll, der an der Förderung des Wohles, der Selbstständigkeit und Freiheit des einzelnen Menschen orientiert ist.

In diese Richtung nach vorn zu schauen, um zu sehen, wie russische und europäische Art sich gegenseitig anregen können, ist wohl die optimale heutige Variante.


Fotografien von Nikita Karimov

Christlich denken: Von der Ichdurchdrungenheit der Erdenwirklichkeit

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Abschied vom Feuer

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