Die Präparate

Die Präparate

Dieses Jahr widmet sich die Jahreskonferenz der Sektion für Landwirtschaft den Präparaten, jenen acht alchemistischen Substanzen der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Gespräch mit Ueli Hurter und Benno Otter.


Rudolf Steiners Erfindung und ihre heutige Interpretation.

Anfang Februar kommen mehr als 800 biologisch-dynamisch arbeitende Landwirte, Gärtnerinnen und Händler zur Jahrestagung der Sektion für Landwirtschaft zusammen. Dieses Jahr widmet sich die Konferenz den Präparaten, jenen acht alchemistischen Substanzen der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Gespräch mit Ueli Hurter und Benno Otter.

Wie war die erste Begegnung mit den biologisch-dynamischen Präparaten?

Benno Otter: Das war heftig. Ich machte meine Ausbildung zum biologisch-dynamischen Gärtner in den Niederlanden. Die Schule begann im August und im September ging es an die Herstellung der Präparate. Ich trat in den Raum, in dem nun blutige Kuhschädel und Netze der Kuh als die tierischen Hüllen für die Präparate bereitlagen. «Was ist das denn», fragte ich mich, aber nach ersten Widerständen, die in mir aufstiegen, hat es mein Interesse für die biologisch-dynamische Landwirtschaft erst recht entfacht. Die reiche anthroposophische Begründung zeigte mir dann bald, wie man in den Präparaten einen Spiegel, einen Mikrokosmos des Makrokosmos Landwirtschaft finden kann.

Ueli Hurter: Ich erinnere mich gut an ein frühes Erlebnis mit den Präparaten. Mai 1989 war ich auf dem Dottenfelder Hof bei Frankfurt und dann erreichte uns die Nachricht des Reaktorunfalls in Tschernobyl und des radioaktiven Regens über Osteuropa. Wir jungen Landwirte waren zutiefst erschüttert in unserem Vertrauen und Willen für diese Welt. Da haben wir uns diese Weltverseuchung vom Leibe gerührt, indem wir während ein paar Tagen wie wild Präparate gerührt haben. Wir haben uns gesagt: Wir lassen uns die Erdennatur nicht nehmen. 

Verschiedene Zugänge, aber jeweils Ereignisse des Willens. 

Hurter: So hat uns die vorangehende Generation von Landwirten die Arbeit mit den Präparaten übergeben: «Hier gibt es etwas zu tun und weniger etwas zu verstehen.» Diese Haltung habe ich auch heute noch. Aber eine Taterkenntnis als Praxisforschung hat natürlich auch mit Denken und Verstehen zu tun. Die Präparate sprechen Hand, Herz und Kopf an – in dieser Reihenfolge. 

Otter: Nach meiner Ausbildung ging ich nach Irland in eine Camphill-Gemeinschaft. Dort war die Herstellung der Präparate Teil des Michaelifestes. Die Präparate wurden gefeiert, nicht durchdacht.

Diese Selbstverständlichkeit kollidiert aber mit heutiger Agrarwissenschaft und deren Fragen nach der messbaren Nützlichkeit, oder?

Hurter: Die Frage der äußeren Nützlichkeit richtet sich an den Verstand, und tatsächlich lässt sich aus dieser Sphäre der Umgang mit den Präparaten kaum beantworten, denn das akademische Kalkül sucht nach Ursache und Wirkung, und hier haben wir nur spärlich etwas gefunden. Es gibt natürlich messbare Resultate, wie sich der Boden verbessert, wie sich Ertrag und Gesundheit der Pflanzen heben – wir werden diese Ergebnisse auch an der Tagung vorstellen –, aber gleichwohl, diese Zahlen sind nicht überwältigend. 

Und dennoch diese Treue zu den Präparaten und ständig neue Interessierte?

Hurter: Ja, Tausende von Weinbauern sind mit den Präparaten beschäftigt, mit ihrer Ausbringung im Kompost und den Weinbergen, und diese Winzer fragen überhaupt nicht nach solchen Resultaten. Da geht es vielmehr darum, dass man im Weinberg diesen Prozess erlebt – jenseits von Ursache und Wirkung. Sie selbst sind es, die durch den Umgang mit Hornmist und Hornkiesel, mit Scharfgarbe und Kamille anders mit dem Weinberg leben – und dann wird auch die Qualität des Weins anders. Das merken die Winzer sehr wohl, aber es gibt eben kein einfaches Ursache-Wirkung-Prinzip, sondern ein komplexes Lebensfeld, das sich durch die Präparate da bildet. Also: Degustativ ist das sehr wohl zu fassen, aber es lässt sich hier keine agroökonomische Gleichung mit den Präparaten auf der einen Seite und Resistenz und Ertrag auf der anderen Seite aufstellen.

Otter: Es gibt natürlich den dok-Versuch, bei dem die Wirkung der Präparate deutlich aufleuchtet. 

Hurter: ... als Teil des ganzen Systems ‹biologisch-dynamisch›. Das können wir in seiner Gesamtheit, wie in diesem Langzeitversuch, auch akademisch-wissenschaftlich deutlich abbilden. Das ist bei den Präparaten viel schwieriger und bei einzelnen Präparaten, wenn wir nur Kiesel oder Schafgarbe untersuchen, kaum möglich. 

Otter: Wo die einzelnen Präparate verstehbar werden, ist nicht am Ende des Weges, sondern am Anfang: Das bedeutet, über die Phänomenologie ein Verhältnis zu diesen Ingredienzen zu bekommen, dann, wenn sie noch Pflanze sind, mit ihrem ganz eigenen Umkreis. Was kann man nicht alles erleben, wenn man Löwenzahn sammelt auf einer Wiese. Wenn ich zu allen Präparaten so eine Beziehung der Beobachtung, des Einfühlens aufbaue, dann gewinne ich eine reiche Welt. Die liegt zwischen Verstand und Gefühl und sagt mir, dass es so stimmt. Da spielt der Reichtum dieser Pflanzen und die besondere Verbindung zu den Tieren – Horn, Hirschblase, Gekröse, Darm –, die Steiner knüpft, eine besondere Rolle. 

Dann verwandeln die Präparate nicht allein den Boden, sondern auch denjenigen, der da mit dem Boden arbeitet?

Otter: Bei mir ist es so. 

Hurter: Vor einem Jahr haben wir die Studie ‹Die biodynamischen Präparate im Kontext. Individuelle Zugänge zur Präparatearbeit – Fallstudien der weltweiten Praxis› vorgestellt, just in time zur Tagung erscheint jetzt die Buchform der Studie auf Deutsch und Englisch. In der Einleitung bin ich auf diese Frage eingegangen und habe es «Systemregulierung» genannt, zu der die Stoffe, der Hof und die Landwirtin, der Landwirt gehören. Die Präparate zeigen eine übergeordnete steuernde Eigenschaft, die sich in heilenden Prozessen äußert. Dabei kann in dem einen oder anderen Fall der Ertrag sogar schwinden. Weil bei den Präparaten Substanz, Leben und der tätige Mensch zusammenspielen, haben wir die Studie auch sozialwissenschaftlich verstanden. Gerade wenn es um die Präparate geht und die ganze Sphäre, die damit angesprochen ist – denn in den Präparaten kristallisiert sich die ganze biologisch-dynamische Idee –, müssen wir es kulturwissenschaftlich untersuchen. Allein nach der stofflichen Wirkung zu fragen und Benno und mich ganz herauszunehmen, das ist so, als würde ich über einen Text sprechen, aber den Autor beiseite­lassen. Die Autorenschaft gehört dazu!

Bei den Steinkreisen vor 5000 Jahren ging es darum – das betont auch Rudolf Steiner –, eine Nabelschnur von Kosmos und Erde zu bilden, denn mit der Emanzipation durch die Schrift drohte der Zusammenhang mit den Sternen zu reißen. Sind die Präparate die Steinkreise von heute?

Otter: Ich lebe damit, die Erde als Organismus, als ein ‹Ich› zu verstehen, und in diesem Organismus schlummern Sommer und Winter, Hornmist und Hornkiesel.

Hurter: Die Präparate sind vielmehr polar zu den Steinkreisen. Dazu zwei Dinge: Ich kann mir bei den Steinkreisen eine Wirksamkeit nur für ein Kollektiv vorstellen. Da geht es immer um eine Menschengemeinschaft. Anders bei den Präparaten, hier ist der Zugang eigentlich immer individuell. Zum anderen: Wenn wir Rudolf Steiners Spruch nehmen, «Sterne sprachen einst zum Menschen», dann sind die Steinsetzungen Ausdruck einer Zeit, in der dieses kosmische Wort nach und nach verklingt. Dieses Schweigen spüren wir ja heute noch, wenn wir durch diese Steinsetzungen hindurchgehen. Die Präparate gehören nun aber zur Umwendung, die Rudolf Steiner im zweiten Teil des Spruches, in dem von der menschlichen Sprache zu den Sternen die Rede ist, anspricht. Es ist polar.

In tiefem Braun versammelt sich das Irdische, in Wachstumsringen gerinnt die Zeit und im durchschimmernden Licht klingt der Kosmos – das ist Kuhhorn, das Oben und Unten verbindet. Es gibt hier manche interessante Polaritäten: Rudolf Steiner betont, dass die Präparate den Ertrag steigern sollten, gleichzeitig scheint das ökonomische Nützlichkeitsdenken hier gerade keinen Platz zu haben. 

Hurter: Hier müssen wir uns tatsächlich immer wieder befragen, ob unser Bedürfnis nach lebensnaher Spiritualität nicht dazu führt, dass wir manches der Anthroposophie überhöhen, verklären. Im Landwirtschaftlichen Kurs spricht Rudolf Steiner nicht utilitaristisch, aber selbstverständlich landwirtschaftlich, und der Landwirt hat gerne alle möglichen Geister des Bodens und des Himmels dabei, aber am Schluss muss der Wagen voll sein. So spricht Rudolf Steiner und betont in der abschließenden Jugendansprache, dass er absichtlich nicht wissenschaftlich gesprochen hätte. Wissenschaftler, die nicht mit im Landbau tätig waren, die wurden gar nicht zum Landwirtschaftlichen Kurs zugelassen. 

Otter: Gleichwohl: Der Wagen wird auf lange Sicht voller, wenn wir die Präparate ausspritzen und in den Kompost geben. Es geht ja darum, die Fruchtbarkeit zu steigern, an dem Ort, an dem ich arbeite. Es lohnt, sich die Prozesse, die mit den Präparaten verbunden sind, klarzumachen. Man sammelt die Pflanzen und nimmt die tierischen Organe, idealerweise alles vom Hof, gräbt die Kompositionen wie den Kuhmist – selbst ein Konzentrat aller Wiesen des Ortes auf dem Hof – ein und setzt sie dem Jahreskreislauf aus. All diese Prozesse bedeuten dabei immer eine Art Hautbildung, und Hautbildung ist das, was das Leben, was die Fruchtbarkeit ausmacht – jeder Humuskrümel hat seine Haut. 

Die Präparate lassen sich begründen, aber ohne Rudolf Steiner wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, Schafgarbe in eine Hirschblase zu stopfen und in der Erde zu vergraben, oder?

Hurter: Sie sind eine Erfindung, eine neue Schöpfung. Ich sage auch, Rudolf Steiner ist hier Komponist und wir sind die Interpreten. Das beschreibt wohl das Verhältnis am besten: Ich fühle mich als Interpret eines Werkes, das Rudolf Steiner komponiert hat. Interpret zu sein, ist dabei nicht wenig, ich muss mich voll hereingeben, sonst geschieht nichts. Am Interpreten hängt alles und gleichzeitig nichts. Das verändert natürlich radikal das Verhältnis zur Anthroposophie und zu Rudolf Steiner, weil Anthroposophie zu betreiben hier eine Tatwissenschaft wird und keine Weisheitswissenschaft. 

In der Weisheit gibt es die eine Wahrheit, zur Interpretation gehört die Vielfalt.

Hurter: Aus diesem Grund habe ich mich für die schon genannte Studie engagiert, weil sie uns rät, diese Vielfalt zu feiern. Nun ist das stärkste Wachstum der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise gegenwärtig in Frankreich, Spanien und Italien, in den romanischen Ländern, und dort kreuzt man gerne die Klingen, wenn es um das Wie geht. Aber tatsächlich gehört zur Logik des Interpretierens nicht die Beliebigkeit, sondern die Vielfalt. Das ist mit ein Grund für das diesjährige Tagungsthema. 

Otter: Die Studie zu den Präparaten zeigt eindrucksvoll, wie die Generationsströme gerade im Umgang mit den Präparaten verflochten sind – ausgehend von Persönlichkeiten wie Manfred Klett oder Eckard von Wistinghausen. 

Hurter: Da sind wir bei einem Grundzug der Anthroposophie, dass wir von diesen Lichtgestalten der Anthroposophie zu einer partizipativen Form des anthroposophischen Lebens gekommen sind. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass geistige Kompetenz ohne soziale Kompetenz heute nicht möglich ist. 

Jürgen Schürholz, ehemaliger Präsident der Weleda, betont, dass jede Generation sich die Wirkung der Arzneimittel neu erobern müsse. Gilt das auch für die Präparate?

Hurter: Überhaupt für die Biodynamik. Ich frage mich dabei immer, wieso beispielsweise die eth Zürich Schritt für Schritt immer weiter stürmt und im internationalen Ranking jeweils die vorderen Plätze einnimmt, während die Hochschule am Goethe­anum sich immer wieder von Neuem erfinden muss und dazwischen oft Abstürze geschehen. Was liegt da vor? Als ich als Sektionsleiter begonnen habe, hat mir niemand gesagt, dass die Kontinuität der Generationen zum Wichtigsten gehört. Die eth verwaltet und entwickelt ein Wissen, das für sich steht und mit den Biografien der Forschenden nicht viel zu tun hat. Hier liegt der große Unterschied. Anthroposophische Erkenntnisarbeit ist immer an die Biografie gekoppelt, wir sind eine Schicksalsschule. Wir wissen das, aber wir kultivieren es noch zu wenig. 

Die Präparate, sind sie ein anthroposophischer Kult am Hof oder anthroposophische Folklore?

Hurter: Sie dürfen auch Folklore sein, aber dann ist man nicht am Kern, um den es geht. Im vierten Vortrag sagt Rudolf Steiner bezüglich der Präparate: «Machen sie mal!» Da müssen ihn die Anwesenden schon merkwürdig angeschaut haben und er ergänzte ganz pragmatisch, dass die unbeschäftigten Haustöchter und -söhne das am Sonntag nach dem Essen machen können. Da ist weniger von kultischer Überhöhung als mehr von Feier die Rede. Deshalb ist es schön, wenn bei jedem Vorgang, der mit den Präparaten zu tun hat, auch etwas Heiterkeit entsteht. Heiterkeit kann sich von unten nähren, im extremen Fall durch Alkohol. Heiterkeit kann sich aber auch von oben nähren, das ist die Stimmung, um die es geht. Es gibt vermutlich niemanden auf den Höfen, der oder die diese «ernste Leichtigkeit» nicht schon erlebt hat. 

Otter: Es lohnt sich, einmal dabei zu sein, wenn der Mist in die Hörner kommt. Da sind fünf, sechs Menschen beschäftigt, klopfen den Mist in diese wunderschöne geschwungene Form des Horns, da ist viel Bauchgefühl, viel Mitte zu spüren. Anders ist es beim Kieselpräparat, da liegt Licht, ein Quietschen in der Luft. 

Was macht die Schönheit der Präparate aus?

Hurter: Wir haben über die Jahrtausende eine Landwirtschaft entwickelt, die mit Fruchtfolge und Zuchtveredelung hochgradig kultiviert ist. Für die Präparate gehst du an den Feldrand und sammelst die Schafgarbe, die Kamille, den Baldrian und du erlegst einen Hirsch. Du wirst wieder Jäger und Sammler. Du musst den Hirsch jagen, den Baldrian sammeln. Die so intendierte Weiterentwicklung der Landwirtschaft über das Sesshaftwerden hinaus heißt, wieder zurück an den Anfang zu gehen, wieder Jäger und Sammler zu werden. ‹Ad fontes›, zu den Quellen. Darin erlebe ich etwas von der Schönheit, denn die Schönheit ist am Rand, an der Haut, dort, wo es scheint, da erlebe ich die geistige Schönheit der Präparate.