Das dreifache Weihnachtsmysterium

Das dreifache Weihnachtsmysterium

Dass ein Gott Mensch wird, ist die Friedensbotschaft der Weihnacht – Himmel und Erde werden eins. Es ist ein Entwicklungsereignis, das macht Weihnachten zu einem gegenwärtigen und zukünftigen Fest.


Der Zauber des Weihnachtsfestes hängt offensichtlich auch heute noch mit einem Gefühl zusammen, das in dieser herausgehobenen Zeit immer wieder auftaucht: In unserer zerfallenden Weltordnung gibt es dennoch eine untergründige, verlässliche und für uns erreichbare Kraft des Friedens. Dieser Frieden verbindet die Polaritäten unserer Welt: Himmel und Erde, Arm und Reich, Herz und Verstand, bedeutend und unwichtig. So ist der Kern der weihnachtlichen Friedensbotschaft auch schlicht und gewaltig zugleich: Gott wird Mensch. Aber welcher Mensch könnte wohl als ‹Repräsentant› der Menschheit Gott in sich aufnehmen? Einer, der das weiße Gewand der Unschuld – aber Unwissenheit – trägt? Oder einer, der das farbige Gewand der Erfahrung – aber auch Schuld – trägt? Beides zugleich, so möchte man sagen: naiv-unschuldig – und zugleich auch wissend-erfahren. Im Christentum ist dieser Friede zwischen den grundlegenden Polaritäten des Menschlichen als ‹Weg des Leidens› veranlagt – als Weg des wahrhaftigen Mitleidens mit dem anderen Menschen. Wohl der Erste, der das in aller Klarheit so ausgedrückt hat, war Richard Wagner in seiner Charakterisierung der Gestalt des Parsifal: «Durch Mitleid wissend, der reine Tor.» Der unschuldige, nicht wissende Mensch kann Wissen erlangen, ohne schuldig werden zu müssen: wenn er den Weg des Mitleidens geht. Durch mittragende und mitleidende Anteilnahme am Leidensweg des ‹Wissenden› wird ein Tor geöffnet, durch das der unschuldige, reine ‹Unwissende› Anteil gewinnen kann an der Erfahrung des Wissenden. Die Schicksale der Menschen verbinden, durchdringen und erfüllen sich auf diesem Christus-Weg. Doch kann man diesen Weg nicht allein und für sich gehen. Der unschuldige Unwissende geht auf diesem Weg in Gemeinsamkeit mit dem anderen, dem ‹wissenden› Mitmenschen. In diesem Sinne ist die weihnachtliche Friedensbotschaft von der Menschwerdung Gottes nicht mit einem allein, sondern mit zwei Menschen verbunden.

Der unschuldige, nicht wissende Mensch kann Wissen erlangen, ohne schuldig werden zu müssen: wenn er den Weg des Mitleidens geht.

Der eine ist eine ‹junge Seele›, sogar die jüngste überhaupt, das heißt ohne irgendeine vorangehende Inkarnation und deshalb auch ohne Erdenerfahrung und ohne irgendeine Schicksalsverbindung zu anderen Menschen. Allen Menschen ist er gleich.

Und weil die Menschen allein durch das, was sie ‹haben› (irdische Güter, geistige Begabungen, soziale Kontakte …), ungleich sind, wird dieser Mensch nichts besitzen und in völliger Armut auf die Erde kommen. Seine Geburt geschieht an unbedeutendem Ort, sein Bett eine Futterkrippe im Stall: «Maria gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Futterkrippe, denn sie bekamen in der Herberge keinen anderen Raum.» (1)Und diejenigen, die von der Geburt des Heilands erfahren, gehören als Hirten ebenfalls zu den Armen, die ohne Privilegien alle gleich sind.

Ganz verschieden davon der andere: Er ist nicht arm, seine Geburt findet in einem Haus statt, einflussreiche Menschen besuchen und beschenken ihn und die politischen Machthaber nehmen mit großer Beunruhigung seine Geburt zur Kenntnis. «Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr es gefunden habt, gebt mir Bescheid, dass auch ich komme und es anbete. Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.» (2) Dieser Mensch – das Kindlein, das die Weisen anbeten – ist eine ‹alte Seele› mit weitreichender Erdenerfahrung und einem tiefen Schicksal mit der Erde und den Menschen. Beide zusammen repräsentieren die Menschheit in ihrer Spannung zwischen Himmel und Erde, Unschuld und Erfahrung. Es sind die beiden Ölbäume, von denen prophetisch im Alten Testament gesprochen wird (3) als den beiden «Gesalbten des Herrn» – König und Priester. Und wenn auf dem Weg in die Zukunft der Menschheit immer mehr «die zwei eins werden», wie es im apokryphen ‹Ägypterevangelium› heißt (4) und wie es auch Paulus auf seine Weise ausdrückt, (5) dann beginnt die weihnachtliche Friedensbotschaft Wirklichkeit zu werden: «Die zwei» – die sinnliche und die übersinnliche Welt – «sind eins geworden».

Lukas ist der eigentliche Evangelist des Weihnachtsmysteriums. Er schildert mit der Geburt des ‹armen› Jesus das Neue, das durch ihn, der seine erste Inkarnation auf Erden hat, in die Welt kommt. Und Lukas ist es dann auch, der den zweiten Akt des Weihnachtsmysteriums beschreibt, die große Verwandlung des zwölfjährigen unschuldig Unwissenden, der vor aller Augen im Tempel zum Wissenden wird. Die Prophetie wird sichtbar: die zwei werden eins.

Was nun folgt, ist der Weg zum dritten Akt des Weihnachtsmysteriums. Zum ersten Mal geschieht hier eine in unserem heutigen Sinn verstandene ‹Entwicklung›. Die Beschreibung dieses Weges bleibt aber in den vier Evangelien noch verhüllt, denn Entwicklung ist ein Begriff und eine Erfahrung, die erst den Menschen unserer Zeit zugänglich sind. Was früher in den Mysterien als Schulung stattfand, war immer ein Abstreifen des Mitgebrachten, des Alten, eine Befreiung vom Gewicht des Irdischen und dadurch Öffnung für den Geist. Das ganz Neue des modernen Entwicklungsgedankens ist mit der Bewusstseinsseele verbunden, gehört also zum Zeitalter der fünften Kulturepoche. Da bedeutet ‹Entwicklung› nicht das ‹Auswickeln› eines schon Vorhandenen, die Befreiung des Geistigen von irdischer Verhüllung, sondern umgekehrt: Was ‹entwickelt› wird, entsteht überhaupt erst im Prozess der Entwicklung ganz neu. Davor existiert es noch nicht.

Nachdem ‹die zwei› einer geworden sind, geht dieser eine nun den Weg, der zum ersten Mal ein Entwicklungsweg ist. In unserer Zeit aber beginnt das fassbar zu werden als ‹fünftes Evangelium›, als Evangelium des sich entwickelnden Menschen.

Nachdem ‹die zwei› einer geworden sind, geht dieser eine nun den Weg, der zum ersten Mal ein Entwicklungsweg ist. In der Zeit, in der die Evangelien entstanden sind, konnte das noch nicht beschrieben und verstanden werden. In unserer Zeit aber beginnt das fassbar zu werden als ‹fünftes Evangelium›, als Evangelium des sich entwickelnden Menschen. Nur Lukas gibt eine Andeutung dieser Entwicklung (das von ihm dafür noch verwendete Wort bedeutet aber eher ‹zurechtstoßen›). In der sprachlichen Fassung Rudolf Steiners heißt das: «Und Jesus nahm zu an Weisheit, an reifen Neigungen und an anmutiger Schönheit, sodass das sichtbar war dem Gotte und den Menschen.» (6)

Durch achtzehn Jahre geht Jesus nun diesen Entwicklungsweg, der sich zugleich als Erkenntnisweg erweist in Bezug auf die Menschheit. Immer mehr sieht und versteht er, dass die Menschheit am Ende ist und ihre Zukunft verloren hat. So kommt er schließlich als ‹wissender› Repräsentant dieser Menschheit zu Johannes an den Jordan und empfängt durch ihn die Taufe. In diesem Augenblick vollzieht sich der dritte und abschließende Akt des Weihnachtsmysteriums, durch das die Polaritäten und Gegensätze überwunden und dann zuletzt Mensch und Gott vereinigt werden. Der Mensch Jesus wird durch die Taufe Sohn Gottes: «Und der heilige Geist fuhr hernieder in leiblicher Gestalt auf ihn wie eine Taube, und eine Stimme wurde vom Himmel herab hörbar, die sprach: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.» (7)

Das Weihnachtsmysterium des Friedens hat sich im dritten Schritt erfüllt: Gott und Mensch sind eins geworden. Nun ist der Weg offen zum Mysterium von Golgatha.


Zu den Bildern: Barbara Schnetzler, Geist erinnern, Geist besinnen, Geist erschauen Aquarell, 25 × 25 cm August, Oktober 2015
«Menschenseele, du lebest in den Gliedern, lebest im Herzen-Lungen-Schlage, lebst im ruhenden Haupt.» – Diese im Grunsteinspruch Rudolf Steiners genannte dreifache Beseelung des Körper hat Barbara Schnetzler zum Ausgangspunkt ihrer Aquarelle genommen. Die Beseelung des Körpers ist zugleich das Weihnachtsereignis.

(1) Lukas 27
(2) Matthäus 27–11
(3) Sacharja 41–14
(4) «Auf die Erkundigung der Salome, wann sein Reich kommen würde, sagte der Herr: Wenn … die zwei eins werden und das Auswendige wie das Inwendige und das Männliche mit dem Weiblichen, sodass es weder Männliches noch Weibliches gibt.» – Edgar Hennecke, Neutestamentliche Apokryphen, Tübingen 1924, S. 58
(5) «Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt eins in Christus Jesus.» –  Brief an die Galater, 328 f.
(6) GA 112, 25.6.1909, Lukas 252
(7) Lukas 322

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