Michaelische Verbindlichkeit

Michaelische Verbindlichkeit

Aus dem Geist für die Welt unternehmen: Vom 28. bis 30. September lud die im Mai 2018 gegründete World Goetheanum Association zu ihrem ersten öffentlichen Forum ein. Etwa 180 Sozialunternehmer, Landwirte, CEOs und andere Initiativträger fragten sich gemeinsam: Wie schaffen wir es, mit dem anthroposophischen Impuls, der auch der Hochschule für Geisteswissenschaft zugrunde liegt, uns gegenseitig zu unterstützen, um zukunftsweisende Impulse in die Welt zu bringen? Diese Frage vertiefte Fabio Brescacin in seinem Impulsbeitrag.

Das World Goetheanum Forum fand in der Michaelizeit statt. Michael schafft eine Verbindlichkeit, einen Treffpunkt zwischen Geist und Materie. Diesen stiftenden Zusammenhang nicht aus den Augen zu verlieren, ermöglicht Zukunft und Zusammenarbeiten konkret und aus konkreten geistigen Impulsen heraus.


Die anthroposophische Meditation bringt uns in erster Linie nicht so sehr in höhere Welten, sondern vor allem zu den Mitmenschen, zur sozialen, zur praktischen Arbeit, zu Lösungen, die die täglichen Herausforderungen uns abfordern. Wenn wir wiederum in der praktischen Arbeit vollständig aufgehen, finden wir keine Lösungen, wenn wir nicht durch die Materie gehen, um die geistige Dimension zu finden, die dahintersteht. Das ist diese Verbindlichkeit, die wir durch Michael aufbauen. Sie spielt in verschiedenen Ebenen.

Der Mensch in sich

Eine Ebene ist unsere Menschenseele und die menschliche Biografie. Wir müssen immer eine Übereinstimmung finden zwischen dem, was wir denken, und dem, was wir tun. Das ist ein Streben, eine Schwierigkeit, ja sogar ein Schmerz. In diesem Schmerz gibt es manchmal den alchemistischen Prozess, wenn es gelingt, durch unsere Biografie hindurch unsere Ideale und unser tägliches praktisches Tun zusammenzubringen. Das ist ein Spielraum.

Der Mensch unter Menschen

Ein anderer Spielraum ist, was in unseren Initiativen geschieht. Als Unternehmer sind wir keine Eremiten. Wir arbeiten mit anderen Menschen in vielfältigen Initiativen zusammen. Es ist der gleiche Schmerzprozess, wenn nicht nur ein Mensch da ist, sondern viele, mit unterschiedlichen, eigenen Wünschen und Zielen. Wir spüren auch dort diese Spannungen. Manchmal sind Menschen eher Idealisten, andere sind praktisch veranlagt und suchen die Lösungen pragmatisch. Und jede Initiative hat eine Mission. Die Aufgabe ist auch dort, eine Einigung zu finden. Wie verstehen wir uns da? Was ist eine Möglichkeit für unsere Firmen, für unsere Initiativen, in einer michaelischen Art und Weise weiterzugehen? Die Herausforderung dabei ist, dass die Initiativen inzwischen sehr groß, die Pioniere alt geworden sind. Und worauf man dann vor allem schauen will, sind praktische Gedanken wie die Zahlen und die Bilanzen. Das sogenannte Praktische steht im Vordergrund. Dann tut man als Unternehmer in einer Initiative, die in Verbundenheit mit der Anthroposophie geboren wurde, wieder nur das, was alle anderen auch tun. Aber in so einem Fall handelt es sich nicht mehr um eine michaelische Initiative. Und es wird nicht funktionieren, weil die Begeisterung nicht wirklich durch die Materie geht und ihre Mission erfüllen kann.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt. Wir haben vor gut 30 Jahren mit vielen anthroposophischen Initiativen angefangen und wollten damit etwas auf die Beine stellen. Darin lag eine Notwendigkeit. Heute gibt es ein neues Moment. Denn heute ist es nicht mehr möglich, dass die Initiativen allein und in Einsamkeit gedeihen. Sie sollten offen sein für andere Initiativen. In Italien, zum Beispiel, arbeiten meiner Erfahrung nach die Läden am besten, welche eine Beziehung knüpfen mit einer Schule, mit einem Hof, jene also, die eine lebendige Beziehung zu einem anderen Feld pflegen. Wenn ein Laden nur für sich allein ist und nur an sich denkt, schafft er das nicht. Die verschiedenen Initiativen sollten zusammenarbeiten und sich verbinden, lokal oder auch global. Ein Hof braucht einen Laden oder Konsumenten, er kann nicht allein überleben. Auch die Schulen sind manchmal zu eng, denken nur an die Pädagogik. Sie haben keine Verbindung zur Welt. Die Lehrer haben keine Ahnung, was eine Bilanz ist oder Geldflüsse sind. Oder ein Laden: Er hat Kunden, die haben Kinder, die haben mit einer Schule zu tun. Wir sind Kulturwesen. Diese Zusammenarbeit, diese Gemeinschaft ist sehr fruchtbar. Das gegenseitige Wahrnehmen darin brauchen wir für die Zukunft.

 
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Die geistige Welt und der Mensch

Dann gibt es noch eine dritte Ebene. Wir sind nicht nur lokal aktiv, wir sind nicht nur Einzelmenschen. Wir leben auch nicht nur in unserer Gemeinschaft, in unserer Schule, in unserer Bank, in unserem Laden, unserem Hof. Wir sind von Anfang an und immer inspiriert von einem geistigen Impuls, von der geistigen Welt. Ohne den Impuls der Anthroposophie, der hier durch Rudolf Steiner in die Welt getreten ist, wäre aus sich heraus keine ökologische Landwirtschaft, keine Waldorfpädagogik, keine Bank entstanden. Wir haben eine gemeinsame Mutter. Die ist nicht gestorben und nun gehen die Kinder alle ihrer Wege, sondern dieser Impuls ist immer ein geistig motivierter Impuls, mit dem jede Initiative arbeitet. Die Frage ist, ob wir die Kraft haben, diesen Impuls zu fühlen. Wir gehören einer Bewegung an, einer geistigen Bewegung. Das ist eine verborgene, eine ungeheure Kraft und Möglichkeit für die Zukunft. Wir sind kein multinationaler, esoterischer Konzern, wie es in der Zeitschrift ‹Le Monde Diplomatique› in Juli berichtet wurde. (1) Wir haben eigentlich keinen CEO, keinen Verwaltungsrat und keine Hierarchie, sondern wir sind eine Gruppe von Menschen, von Initiativen, die inspiriert sind von der geistigen Welt. Ich spreche mit Menschen, die die gleichen Ideen haben oder die gleichen Situationen vorfinden wie ich in Italien oder Helmy Abouleish in Sekem oder Koos Baker in den Niederlanden. Das heißt, dass der Impuls lebendig ist. Das ist eine große Möglichkeit, in die wir Vertrauen haben müssen und fühlen müssen, dass wir eine große Kraft haben.

In Italien arbeiten die Läden am besten, die mit einer Schule oder einem Hof in Beziehung stehen, also jene, die eine lebendige Beziehung zu einem anderen Feld pflegen.

Andererseits ist das auch eine Möglichkeit für die ganze Gesellschaft. Die Welt strebt heute auf breiter Linie nach dem, was wir machen, nach gesunder Ernährung, nach gesunder Landwirtschaft, nach neuer Pädagogik, neuem Bankwesen. Wir haben die Möglichkeit, wirklich an den Kern, die Quelle der Welt zu kommen. Es ist eine Verantwortung für die ganze Welt, was wir bringen können. Der Sinn dieser World Goetheanum Association ist es, weltweit und in verschiedenen Initiativen eine Beziehung zu finden, nicht nur zwischen uns, sondern zur geistigen Quelle. Das Goetheanum, die Hochschule für Geisteswissenschaft ist das Symbol dafür. Hier wird das Geistige gepflegt, und zwar nicht nur für uns, sondern auch in dem Sinne, was die Welt braucht. Es wird keine Lösungen mehr geben in den Wirtschaftsthemen, den biografischen Themen, wenn wir nicht den Geist finden, einen Gang durch die Materie machen und die Materie verwandeln. Wenn wir es nicht schaffen, den geistigen Impuls zu pflegen und Menschen zu finden, die auch weiterhin diesen Impuls pflegen, gehen wir auch wirtschaftlich bankrott. Wir brauchen diesen Zusammenhang zum Geist.

Im zweiten Vortrag des Vortragszyklus von Rudolf Steiner ‹Die Sendung Michaels› heißt es, dass Michael das Mysterium von Golgatha vorbereitet habe, damit das Wort Fleisch werde. Jetzt, sagt Steiner, sei es an der Zeit, dass das Fleisch zum Wort werde. Wir haben also jetzt die Möglichkeit, genau das zu tun, durch den Michaeli-Impuls, durch jenes, was uns in unseren Leben führt.

Licht in die paradigmatischen Worte

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Der Rahmen unseres Handelns ändert sich

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