Der Rahmen unseres Handelns ändert sich

Der Rahmen unseres Handelns ändert sich

Aus dem Geist für die Welt unternehmen: Vom 28. bis 30. September lud die im Mai 2018 gegründete World Goetheanum Association zu ihrem ersten öffentlichen Forum ein. Etwa 180 Sozialunternehmer, Landwirte, CEOs und andere Initiativträger fragten sich gemeinsam: Wie schaffen wir es, mit dem anthroposophischen Impuls, der auch der Hochschule für Geisteswissenschaft zugrunde liegt, uns gegenseitig zu unterstützen, um zukunftsweisende Impulse in die Welt zu bringen? Diese Frage vertiefte Thomas Jorberg in seinem Impulsbeitrag.

40 Jahre in der GLS-Bank bedeutet für Thomas Jorberg, eine Fülle von Menschen in ihren Initiativen begleitet zu haben, Initiativen, die die Welt verändern wollten, verändert haben. Wie lässt sich so eine Veränderungskraft und Verantwortungsbereitschaft fassen? Wird sie zum täglichen Fluss?


Erkennen und Handeln

Kommunismus, beziehungsweise die zentral verwalteten Planwirtschaften, sind an ihrer Ineffizienz zugrunde gegangen. Die kapitale Marktwirtschaft wird umgekehrt an ihrer Effizienz zugrunde gehen. Denn diese Effizienz baut auf Abgrenzung und Dominanz über andere. Unsere Zeit wandelt sich, dadurch ergeben sich großartige Möglichkeiten, neue, fruchtbare Wege einzuschlagen. Können wir diese Veränderungen, diese neuen Lebensbedingungen wahrnehmen und beschreiben? Lässt sich fassen und beschreiben, wie initiative Menschen und Unternehmen, wie die Zivilgesellschaft die Rahmenbedingungen verändert haben und dadurch so viel Entwicklung ermöglicht wurde? Die sich verändernde Welt lebt allerdings noch in Formen aus alter Zeit, sodass sich nun die Rahmenbedingungen auch politisch ändern müssen, damit diese Entwicklung in unserer Gesamtgesellschaft möglich wird. Ich glaube nicht, dass man viel erreichen wird, wenn man ein paar Stellschrauben bei den Banken verändert, wenn nicht ebenso die systemischen und realwirtschaftlichen Grundlagen sich ändern. Die Voraussetzungen dafür sind heute gut, dadurch, dass all das erarbeitet worden ist, was die Möglichkeiten für Veränderungen schafft. Darüber hinaus haben wir längst globale Bedingungen und Umstände, durch die Sustainable Development Goals, das Klimaabkommen von Paris und die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen. Sie geben das Leitbild, in welche Richtung die Welt sich entwickeln will. Auf un-Ebene sind die richtungsweisenden Entscheidungen also getroffen, denen fast alle Länder zugestimmt haben.

Neue Wege, neue Organisationen

Es ist notwendig, diese veränderten, neuen Rahmenbedingungen zu beschreiben. Denn die positiven Entwicklungen müssen wachsen und zum Mainstream werden können. Sie dürfen sich dabei aber nicht zu stark vom heutigen Mainstream beeinflussen lassen. Im Finanzmarkt beobachte ich, dass man dazu neigt, Dinge zu übernehmen, weil man damit schneller wachsen kann, die aber dazu führen, dass man immer konventioneller wird, anstatt umgekehrt das Konventionelle zu verwandeln. Auch im Biobereich ist zu beobachten, dass eine gutgemeinte Professionalisierung bald eine Konventionalisierung wird. Alles, was im Konventionellen entwickelt worden ist, findet man drei Monate später adaptiert im Biobereich. Was müssen wir also tun, wenn der innovative Vorsprung schrumpft, sodass wir nicht mehr die Orientierung vorgeben? Sind wir uns überhaupt bewusst, dass wir die Rahmenbedingungen bereits geändert haben? Es besteht heute die Gefahr, dass wir diese Rahmenbedingungen wieder verlieren, wenn sie in das System übertragen und implementiert werden. Es droht, dass nicht wir das System, sondern das System uns prägt. Dann ist die gemeinschaftliche Frage: Können wir es beschreiben? Und können wir es leben? Denn nur dann werden wir unserer Aufgabe gerecht.

 
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Kooperation oder Konkurs

Dazu sind folgende Dinge erforderlich. Erstens zu schauen, wie wir organisatorisch aufgestellt sind als Unternehmen. Wie Frederic Laloux das in seinem Buch ‹Reinventing Organisation› analysiert: Wir sind in der postmodernen Organisationsform angekommen, also die Werte sind voll integriert und die Stakeholder und Menschen sind berücksichtigt. Das ist uns gelungen. Aber wir befinden uns noch in alten hierarchischen Strukturen. Können wir in diesen alten Strukturen den nächsten Schritt zur Kooperation und Assoziation machen? Ich glaube, noch nicht. Wie verändern wir die interne Verfassung unserer Unternehmen? Hier tauchen Stichworte wie agile Organisation, Assoziation etc. auf. Es ist nicht so, dass das nicht überall heute zu finden wäre, auch bei konventionellen Unternehmen. Die Frage liegt in der Luft, wie wir die Organisationsform neu erfinden, mit der wir die nächsten Schritte gehen können. Reinventing Organizations, also Organisationen, die sich fortwährend neu erfinden: Das ist die Voraussetzung dafür, in Kooperation untereinander zu kommen. Dabei lohnt es sich, die Unternehmen nicht mehr als abgeschlossene Einheiten aufzufassen, die zwar Netzwerke bilden, aber doch in der Abgrenzung verbleiben, auch im Wettbewerb untereinander und in Wertschöpfungsketten. Wir brauchen Unternehmen, die in der Lage sind, sich zu öffnen, um dann zu den dringend erforderlichen Kooperationen zu kommen – von der Bank, über den Biosektor, den Energiesektor bis hin zum gemeinnützigen Bereich.

Wir brauchen Unternehmen, die in der Lage sind, sich zu öffnen, um dann zu den dringend erforderlichen Kooperationen zu kommen – von der Bank über den Biosektor, den Energiesektor bis zum gemeinnützigen Bereich.

Dann erreichen wir die Frage, wie wir es schaffen, diese gewandelten und neuen Rahmenbedingungen, die Umstände des Arbeitens so zu formulieren, dass sie mehrheitsfähige Vorschläge werden können. Denn nur dann vermag auch die kleinere Kraft die umfassende Veränderung zu bewirken. Daraus muss eine mehrheitsfähige politische Rahmenbedingung werden können. Wie ist also die interne Verfassung? Wie können wir die Organisation neu erfinden? Wie können wir das, was wir intern gelernt haben, gleichzeitig in Zusammenarbeit, in Kooperation zwischen Unternehmen gießen? Und wie können wir die Rahmenbedingungen so formulieren, dass sie mehrheitsfähig sind. Ich denke, diese Fragen sollten im Vordergrund stehen in der World Goetheanum Association. Was brauchen wir, um diese Schritte tatsächlich möglich zu machen?

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Michaelische Verbindlichkeit

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