Das Wertvollste: die Entwicklung des Menschen wahrzunehmen

Das Wertvollste: die Entwicklung des Menschen wahrzunehmen

Vor hundert Jahren entwickelte Rudolf Steiner seine ‹Geschichtliche Symptomatologie› – ein Weg, um an der Erkenntnis der inneren Kräfte der menschlichen Geschichte zur Selbsterkenntnis aufzuwachen.

Zudem fragten wir den Historiker Andre Bartoniczek: Was hat Sie in den Vorträgen Rudolf Steiners zur geschichtlichen Symptomatologie beschäftigt oder inspiriert und wie hat es Ihre Anthroposophie geprägt?

Der Beitrag von Johannes Kiersch zur gleichen Frage kann hier gelesen werden.

Der Beitrag von Christiane Haid zu den 100 Jahre Geschichtliche Symptomatologie kann hier gelesen werden.


Da ist zunächst die provokative Passage, in der Rudolf Steiner seinen Dornacher Zuhörern unterbreitet, er charakterisiere Jakob I. bewusst nicht so, «dass Sie ein schönes geschlossenes Bildchen haben», sondern dass seine Rätselhaftigkeit erlebbar werde, an der sich ein aktives Denken entzünden könne (2. Vortrag). Historische Erkenntnis besteht nicht aus fertigen und sensationellen esoterischen Bildinhalten, sondern aus der inneren Anschauung der gerade an den Erkenntnisgrenzen entstehenden Denkbewegungen. Im Konsum spiritueller Inhalte bleibt das eigene Erkennen gegenständlich und passiv, während die produktive Tätigkeit des Denkens die seelische Beobachtung historischer Wirklichkeit möglich macht.

Von größter Brisanz sind für mich ebenfalls Steiners Ausführungen zum Wesen des Bösen und zu seiner Bedeutung für die geschichtliche Entwicklung. Seine Bemerkungen zur bolschewistischen Revolution, die sich nicht aus eigener Kraft, sondern aus dem von der Ideenlosigkeit der Sozialrevolutionäre geschaffenen Vakuum durchgesetzt habe (4. Vortrag), könnten eine Grundlage schaffen, die tragischen Vorgänge des 20. und 21. Jahrhunderts zu verstehen. Dieser Vakuumbegriff ist ein Schlüssel zur Erkenntnis und Bewältigung des Nationalsozialismus genauso wie aktueller Zerstörungsmechanismen, vom individuellen Amoklauf über den Terrorismus einer RAF bis hin zu den Vernichtungszügen des is oder den kapitalistischen Ausbeutungsstrategien westlicher Provenienz. Zu diesem Zusammenhang gehört Rudolf Steiners Hinweis auf die Auseinandersetzung eines jeden Menschen mit dem Bösen als Ausgangspunkt einer modernen Spiritualisierung des Denkens. Hannah Arendts Charakterisierung der «Banalität des Bösen» ist nur eines von vielen Beispielen, die die Aktualität dieses Ansatzes bestätigen.

Revolutionär ist die Wendung im fünften Vortrag, in der die Betrachtung vergangener Ereignisse umschlägt in eine differenzierte Beschreibung zukünftiger Entwicklungen, die aus einem Interesse des Menschen am Menschen hervorgehen. Diese Passagen vollziehen einen Paradigmenwechsel in der historischen Wissenschaft: Die Zukunft wird zum Bestandteil geschichtlicher Erkenntnis – hier kommt ein Zeitbegriff zum Tragen, der einen umgekehrten Zeitstrahl von der Zukunft in die Vergangenheit in den Blick nimmt und die Empirie von ihrer Bindung an die Vergangenheit befreit.

Eine ‹allgemeine Anthroposophie› gibt es für mich nicht – ge­schichtliche Erkenntnis ist selbst eine Ausdrucksform von Anthroposophie: Was gibt es Wertvolleres als eine Wahrnehmung der Entwicklung des Menschen? Die Gründung der Waldorfschule geht genauso aus einer historischen Erkenntnis hervor, wie später die Weihnachtstagung fundiert wird durch die historische Erinnerung an ganz bestimmte Menschen und ihre Beziehungen zueinander. Bei mir selbst bemerke ich, wie die Bemühungen, die Zeit wahrzunehmen und zu verstehen, sehr konkret mein Handeln prägen. Ein ‹Symptomatologe› wirkt demgegenüber wie ein Facharbeiter für Menschenerkenntnis – die in Wirklichkeit aber immer Möglichkeit jedes einzelnen Menschen bleibt. Die Fähigkeit dazu muss natürlich geübt werden – die betreffenden Schulungswege sind hier aber in der Kürze nicht darstellbar.


Foto: Notizbuch Rudolf Steiners von 1918 mit Notizen zu den Vorträgen zu Geschichtlicher Symptomatologie, Rudolf Steiner Archiv, NB 67

100 Jahre Geschichtliche Symptomatologie

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Sich in der verworrenen Gegenwart zuversichtlich zurechtfinden

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