Resilienz: Aus der Krise Kraft gewinnen

Resilienz: Aus der Krise Kraft gewinnen

Wer eine Krise überwindet, den bezeichnet man als Steh-auf-Männchen. Welch falscher Vergleich! Ein Mensch kommt gestärkt und mit neuen Erfahrungen aus der Krise. Im technischen Bereich wird alles schwächer durch Benutzung, anders im lebendigen Organismus. Hier wachsen die Kräfte, wenn sie gebraucht werden. Das ist ein Hinweis darauf, dass es sich bei ‹Resilienz›, bei den Kräften, die wir entwickeln, um aus einer Krise herauszukommen, um Lebenskräfte handelt.


Ob Berlin 1945 der spanische Bürgerkrieg oder Aleppo in Syrien. Städte, eine ganze Welt liegen in Trümmern und doch , die Kinder sind zum Teil verletzt, aber in ihren Gesichtern sieht man Freude. Wie ist es möglich, dass man solche Katastrophen so wohlbehalten übersteht? Ein anderes Beispiel: Einer meiner Studenten hat, als es um ein Selbstporträt ging, einen rohen Stein genommen und Rillen hineingetrieben und sie schwarz koloriert. Als er das Werk vorstellte, erzählte er: «Das war der Tod meines Bruders, das war der schwere Autounfall, das das Karzinom meiner Mutter.» Es waren seine traumatischen Erlebnisse. Alle waren betroffen. Dann meinte eine Studentin: «Aber der Stein steht so aufrecht!» Da war der junge Mann sprachlos, denn das hatte er selbst nicht gesehen. So ist es in der Kunst. Wir setzen eine Vorstellung um und benutzen dabei ästhetische Momente, die ganz aus dem Unbewussten kommen. Diese ästhetischen Qualitäten kommen tief aus unserer inneren Konstitution. Als die anderen ihre Wahrnehmungen darzustellten, war der Student völlig verwandelt. Vorher war er eher ein kritischer Student, der sich nicht leicht einbringen konnte, nun war er engagiert dabei. Diese Wandlung ist für mich ein Symbol für Resilienz geworden.

Sieben Stufen der Resilienz

Ich habe in meiner Auseinandersetzung mit Resilienz in der Literatur sieben Begriffe herausfiltern können: Akzeptanz, Flexibilität, Verlassen der Opferrolle, Verantwortung, Aufbau von Freundschaften, eine bewältigungsorientierte aktive Zukunftsplanung und eine gewisse Form von Spiritualität oder Transzendenz.

Also was ist Akzeptanz? Die Tangotänzerin Karoline Erdmann hat über ihr Leben mit Brustkrebs ein Buch geschrieben. Auf dem Cover sieht man, dass sie ihre verheilte Narbe als Rosenstrauch tätowieren ließ, an dessen Ende eine schöne Rose blüht. Sie ließ sich ein Kleid nähen, das die amputierte Brust frei ließ, und bot mit ihrem Tanzpartner Tangokurse auf Krankenhausstationen für brustkrebskranke Frauen an. «Die Krankheit war da und hat wehgetan. Indem ich es akzeptierte, bin ich frei geworden.» Das empfindet sie wie das Aufblühen der Rose. Andere kranke Frauen berichten überzeugend davon, dass es ihnen Kraft gegeben hat, ein solches Vorbild zu haben. Franz von Assisi wird der bekannte Spruch zugeschrieben: «Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.»

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Bei Flexibilität setzt sich dieser Spruch jetzt weiter fort: «… und den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.» Erst wenn ich unterscheiden kann, bin ich in der Lage, flexibel mit meinem Leben umzugehen. Dazu ein Bild von Giorgio Morandi (1), einem der größten und zugleich unbekanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts. Er hat 40 Jahre lang dieselben Dinge gemalt. Wie ein Mönch, zurückgezogen in einem kleinen Raum, hat er immer dieselben Töpfe, Teller und Tassen gemalt. Wer Rudolf Steiners Übung kennt, man möge einen Bleistift vier Wochen lang anschauen und dabei alle Gedanken, die nicht dazugehören, fernhalten, weiß: Das macht am ersten Tag Spaß, ist am zweiten noch interessant, wird aber am dritten schwierig. Giorgio Morandi hat das 40 Jahre ausgehalten. Er hat die Gegenstände auf dem Tisch unterschiedlich arrangiert. Erst hat er sie naturalistisch gemalt und später die Zwischenräume im Auge gehabt. Es ist, wie wenn sie Flügel bekommen und transparent werden. Das ist die Kraft, wenn man nicht starr an einem Vorhaben festhält, sondern flexibel damit umgeht.

Das Verlassen der Opferrolle ist das Schwerste, denn es scheint zu entlasten, wenn man weiß, wer am eigenen Unglück vermeintlich die Schuld trägt. Diese Person ist es dann, die mein Leben bestimmt, und ich setze so meinen größten Feind an die höchste Stelle meiner Seele und vergifte mich selbst. Darauf zu verzichten, ist schwer. Imre Kertész hat das geschafft. Für den ‹Roman eines Schicksallosen› bekam er den Nobelpreis. Er beschreibt einen Jungen während des Zweiten Weltkrieges im Konzentrationslager. Aber da ist nie zu lesen, der und jener hat das getan, sondern er beschreibt, dass er in Auschwitz von der Rampe jeden Schritt selber gegangen ist. Er beschreibt nur, was er getan hat, weil er sein Schicksal wieder zurückhaben wollte.

Wenn ich sage, der oder die hat mich zu jenem gezwungen, dann ist es nicht ‹mein› Schicksal. «Ich will mein Schicksal wiederhaben», war deshalb Imre Kertész’ Antrieb. Man kann dieses Buch gar nicht lesen, ohne beschämt zu sein über die Tatsache, wen man in seiner eigenen Biografie für dies oder das verantwortlich macht. Allein das Buch zu lesen, ist eine Katharsis, ein Reinigungsprozess. Der Dichter Rainer Maria Rilke drückt das in folgenden Gedichtzeilen auch aus: «Was unser Geist der Wirrnis abgewinnt, kommt irgendwann Lebendigem zugute.» Dem Schmerz einen Sinn abzugewinnen heißt, zu fühlen, es könnte wichtig sein, dass dieses so passiert ist, denn ich hätte diesen Menschen sonst nicht kennengelernt. Das Trauma lockert die Konstitution, das hat mich sensibel werden lassen und ich bin Künstler geworden. Das können wir mithilfe unseres Ich einsehen. Solange unser Ich den Astralleib nicht an die Leine legen kann, hockt dieser auf den Lebenskräften wie der Raubvogel auf der Beute. Wenn das Ich dem etwas abgewinnen kann, vielleicht verzeihen kann, dann lässt der Astralleib seinen Klammergriff los. Das kommt den Lebenskräften zugute. Imre Kertész hat das Chaos völlig aufgelöst. Auch wenn es nur Gedanken sind, sagt Rilke, kann sich das in den Lebenskräften auswirken. Aber wenn es sogar Gefühl ist, also wenn es habituell wird, dann ist die Wirkung groß. Dann kann es Welten bewegen und ein Stern verschiebt sich und ich habe eine neue Richtung in meiner Biografie. Das ist das Verlassen der Opferrolle.

Die hohe Schule ist, für nicht gewollte Wirkungen, die sich auch nicht beobachten lassen, dennoch die Verantwortung zu übernehmen.

Das nächste – Verantwortung übernehmen: Als Willy Brandt in Warschau 1970 zum 25-jährigen Kriegsende am Mahnmal des Warschauer Ghettos niederkniet, für ein Verbrechen, das er gar nicht begangen hat, ja er gehörte zu den Widerstandskämpfern, übernimmt er Verantwortung für das, was im deutschen Namen passiert ist. Die hohe Schule ist dabei, für nicht gewollte Wirkungen, die sich auch nicht beobachten lassen, dennoch die Verantwortung zu übernehmen. Da ist noch mehr als das Verlassen der Opferrolle.

Beziehung ist einer der stärksten Faktoren, die aus einer Krise helfen können. Man arbeitet mit einem Jugendlichen, der konfliktbeladen in der Schule versagt, kriminell wird. Wir therapieren ihn, er bekommt Menschen an die Seite gestellt. Manchmal gelingt das einfach nicht. Nach zehn Jahren treffen wir ihn wieder und er ist völlig verwandelt. Was hat ihm Kraft gegeben, sich zu verändern? Darauf sagt er vielleicht: «Weil Sie damals an mich geglaubt haben. Da waren Menschen, die in mir etwas gesehen haben, was mir selbst nicht wahrnehmbar war.» «Dein Ort ist, wo Augen dich ansehen, wo sich die Augen treffen, entstehst du, du fielest, aber du fällst nicht, Augen fangen dich auf.» (Hilde Domin) ‹Ein Fetzen Gemeinschaft› lautet das Bild von Paul Klee (2), wo er auf einem Fetzen Stoff aus zwei Strichen zwei Menschen darstellt, die verbunden sind. Egal, wie kaputt alles ringsherum ist, aber diese Verbindung hilft.

Mit Transformation ist gemeint, dass das Leben eine völlig andere Richtung einnehmen kann. Wir merken, dass wir ständig gegen die Wand rennen, ständig in Krisen geraten. Da muss an der Richtung etwas nicht stimmen, die wir eingeschlagen haben. Wenn das gelingt, sich innerlich zu wandeln, dann ist das Transformation. Hier ist das Bild von Carravaggio (3) erhellend: Saulus, der Christenverfolger, bricht in Damaskus zusammen und hat dann eine Vision, in der Christus ihn fragt: «Warum verfolgst du mich?» Von Che Guevara ist der Ausspruch überliefert: «Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren.» Dann fügt er hinzu: «Sie wir also realistisch und versuchen das Unmögliche.» Das ist eine Willensebene, tatsächlich sein Leben nochmal ganz anders in die Hand zu nehmen.

 
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Schließlich zählt Spiritualität. Das hat viele Forschende der Resilienz erstaunt, wie auch Forschende der Salutogenese, der Selbstregulation. Menschen, die eine spirituelle Orientierung haben, haben auch mehr Kräfte verfügbar. Wenn ich glaube, dass alles, was mir passiert, Zufall ist, dann kann ich daran ja auch nichts machen. Aber wenn ich empfinde, dass sich der liebe Gott irgendwas dabei gedacht haben wird, wenn er mir dieses Schicksal auflädt, und vielleicht vermutet, ich könnte es schaffen, gibt das allein schon Kraft. Das bedeutet, dass es seelische Eigenschaften gibt, die zur Gesundheit beitragen, eine spirituelle oder religiöse Grundhaltung gehört dazu. Menschen mit einer starken Resilienz gehen auch anders mit Krankheiten um. Man kann ja ganz leicht abfragen und im Gespräch abfragen und wahrnehmen, wie kräftig die ausgebildet sind.

Uns Ärzten begegnen mitunter Patienten, die kaum noch Resilienzkräfte haben. Wir haben große Schwierigkeiten mit unseren mehr funktionell wirkenden Arzneimitteln, hier noch viel zu erreichen. Demgegenüber sprechen Menschen mit starken Resilienzkräften sehr gut auf anthroposophische Heilmittel an. Umso wichtiger wird die Frage: Woher kommen diese Kräfte?

Resilienz und Rudolf Steiners sieben Lebensprozesse

Während meines Studiums bin ich intensiv mit Rudolf Steiners Gedanken von den sieben Lebensprozessen umgegangen. Bei allem, was ich über den menschlichen Organismus erfuhr, fragte ich mich, welcher Lebensprozess jeweils vorliegt. Ich wollte auch einen achten oder neunten Lebensprozess finden: vergebens. Ob es die Vorgänge an der Zellmembran sind oder die Sinnesvorgänge, immer sind es diese sieben Lebensprozesse. Rudolf Steiner beschreibt sie für jeden lebendigen Organismus, der sowohl einer Außenwelt gegenübersteht als auch in seinem Innern spezifische Fähigkeiten entwickelt. Von außen nimmt jeder Organismus Substanzen auf. Alles wird dabei an das Milieu des Innern angeglichen und verliert als ursprünglich Fremdes seine Eigenart, es wird zerstört. Das geschieht mit Nahrungsmitteln ebenso wie mit der Luft oder mit Sinneseindrücken. Am Anfang steht diese Atmung – zum Beispiel Nahrung anspeicheln, das Heiße abkühlen, das Kalte anwärmen –, dann folgt die Erwärmung, bevor sie in den Magen gelangt. Dann wird sie im Darm bei der Verdauung vollständig aufgelöst. Sie wird durch diese Absonderung etwas Eigenes. Nach innen geht es um Erhaltung. Das Wachstum steigert sich schließlich in die Reproduktion, die Erneuerung, die in der Fortpflanzung kulminiert.

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Dabei fällt eine Spiegelung ins Auge: Nimmt man in der Atmung Fremdes auf, gibt man bei der Reproduktion etwas Nicht-Fremdes nach außen zurück. Bei der Wärmung wird das Fremde an das Milieu meines Innern angeglichen und bei dem Wachstum reife ich an den Bedingungen von außen. In der Verdauung zerstöre ich das Fremde im Innern ganz und in der Erhaltung baut sich das Innere wieder auf. Das sind Gegensätze: Zerstören und Erhalten, Angleichen und Wachsen, Aufnehmen und Reproduzieren. Das Ganze wird von einem mittleren, vierten Prozess gehalten. Um die aufgenommene Nahrung zu verdauen, muss man Sekrete bilden. Schon der Gedanke an eine Zitrone lässt den Speichel fließen. Man sondert also etwas ab uns setzt es dem entgegen, was man als Fremdes aufgenommen hat. Um diese Prozesse innen aufrechtzuerhalten, sondere ich dann nur milligrammweise Hormone ins Blut. Auf diese Weise wird das, was zunächst Außenwelt war, nach innen gesondert und bildet eigene Substanz.

Nun lenkt Rudolf Steiner unseren Blick darauf, dass, wenn ein Kind z. B. seine Milchzähne verliert oder seinen Körper umbaut, ein gewisser Anteil unserer Lebenskräfte im Leib nicht mehr arbeiten muss und diese Lebenskräfte frei werden. Sie stehen jetzt der Seele zur Verfügung zum Lernen. Auch in der Seele nehmen wir von außen etwas auf, das ist die Wahrnehmung. Alles, was wir sehen, hören oder tasten, vergleichen wir mit unseren Erfahrungen, wir gleichen es ab. Schließlich analysieren und differenzieren wir das so Aufgenommene. Das entspricht dem Zerstören bei der Verdauung. Das Sondern ist schließlich den inneren Fragen verwandt, mit denen man dem Aufgenommenen begegnet. So wie die Nahrung den Leib erhält und aufbaut, so trägt das Wahrgenommene zum Aufbau eigener Ideen bei. Jede Intuition, jede neu geschöpfte Erkenntnis ist dabei der Reproduktion verwandt.

Schaut man sich diesen siebengliedrigen Prozess an, so wird deutlich, dass diese Prozesse nicht als ein reines Nacheinander geschehen, sondern vielmehr ineinandergreifen. Es ist ein Organismus. So wie der Organismus leiblich durch diesen Sonderungsprozess aufrechterhalten wird, wird er seelisch durch die Frage aufrechterhalten. Indem ich etwas wahrnehme, akzeptiere ich es. Sich aneinander gewöhnen und trotzdem die eigene Linie nicht verlieren, bedeutet, ich muss flexibel mit einer Herausforderung umgehen können. So wie wir die Nahrung zerstören, um sie nutzen zu können, so gilt es, die Muster der Seele – etwa die typischen Bilder, man sei ein Opfer – zu verlassen. Diese Auseinandersetzung mit meinem Schicksal bedeutet, sich bewusst zu machen: Was ist der Anteil des anderen, aber vor allem, was ist mein eigener Anteil? Das muss ich auseinanderdifferenzieren. Gerade im Sozialen ist das Schaffen von Gemeinschaft derselbe Prozess, der bei der Resilienz beschrieben wird als ‹Belonging›, als Zugehörigkeitsgefühl. Indem ich das Leben anschaue und sehe, was es für Aufgaben mit sich bringt, kann ich etwas verändern. Bislang bin ich in eine andere Richtung gegangen, aber jetzt nehme ich die neuen Aufgaben an, das heißt, jetzt transformiere ich die bisherige Richtung meines Lebens. An diesem intuitiven Moment wird das Ganze transzendent, das heißt, ich komme in eine spirituelle Dimension, die ich fast nur noch denken kann, wenn ich einen Begriff von Lebensprozessen habe. Das Ganze geht nur, weil ich Verantwortung dafür übernehme, was ich wahrnehme in der Welt, was ich damit tue und wie ich es umsetze.

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Auf einen ersten Blick zeigt sich, dass das, was die Psychologie erforscht hat an Resilienzkräften, ins Bild bringt, was Steiner an Lebenskräften beschrieben hat. Steiner beschreibt die Lebensprozesse als den Handwerkskasten des Ätherleibs. Nachts ist der Ätherleib damit beschäftigt, unseren Leib wiederherzustellen. Tagsüber ziehe ich Kräfte heraus und denke und lebe damit. Wenn ich diese Lebensprozesse im Seelischen, im Denken, im Sozialen etwas Kreatives tun lasse, kommen sie gestärkt wieder in meinen Leib zurück. Deswegen sind resiliente Menschen gesünder.

Kräfte zwischen Leib und Seele

Wahrnehmen und Nachahmen, das geschieht in den ersten sieben Jahren. Ein erworbenes Inneres mit der fremden Außenwelt in Verbindung zu bringen, ist das Geheimnis des zweiten Jahrsiebts. Alles kritisch zu hinterfragen, geht in der Pubertät los. So geht es die ganze Biografie weiter. Beim gesunden Menschen werden Lebenskräfte freigegeben und in der Seele angenommen und kreativ angewandt. Bei einem traumatischen Prozess ist die Situation so, dass ich etwas verstehen muss, was ich noch gar nicht verstehen kann. Das heißt, ich brauche Kräfte in meiner Seele, die ich noch gar nicht habe. Diese entziehe ich also meinem Leib, aber kann seelisch noch nichts damit anfangen. Dann hängen sie dazwischen. Und statt im Leib, im Darm zu verdauen, wird jetzt der Darm verdaut. Das ist dann die chronische Darmentzündung. Diese Wachstumsprozesse, die in der Seele nicht ankommen, fallen auf den Leib zurück und werden zu etwas, was da nicht hingehört, und das ist der Krebs. Oder umgekehrt kann es sein, dass sie dem Leib zu stark entzogen werden und in der Seele vagabundieren. Und statt jetzt das Erlebnis zu verarbeiten, wird die Seele verarbeitet: ‹Warum immer ich?› Wenn diese Bilder von mir nicht verarbeitet werden, entsteht die Psychose. Das heißt, die Lebensprozesse sind nicht ganz im Leib, nicht ganz in der Seele, sondern sie hängen dazwischen. Ich kann mich fragen, ob ich flexibel mit der Situation umgehe oder stark daran festhalte. Verlasse ich die Opferrolle oder erleide ich die Opferrolle? Übernehme ich Verantwortung oder gebe ich Verantwortung ab? Gehe ich in Beziehung oder vereinsame ich? Wandle ich meine Biografie oder resigniere ich? Werde ich spirituell oder werde ich materialistisch? Diese Lebensprozesse, die früher von allein in unserem Leib gearbeitet haben, werden also auf einmal in unsere Verantwortung gelegt: Wie gehe ich geistig-seelisch mit meiner neuen Situation um?

Es ist großartig, dass wir durch unsere Menschenkunde ein System haben und das Arzneimittel, sodass die künstlerische Therapie und das Gespräch miteinander in Verbindung bringen können. Auf Gesprächsebene kann ich dasselbe machen wie mit der Kunst oder dem Arzneimittel. Und dann kommt etwas zusammen. Wie viele Patienten mit chronischen Erkrankungen gibt es, die den Hausarzt, die Klinik, den Heilpraktiker und dann noch einen Psychotherapeuten haben, die alle ihre eigene Diagnose und Therapie entwickeln. In der Anthroposophie kommt alles zusammen, Gespräch, Kunst und Medizin ziehen an einem Strick. Das gelingt natürlich nicht jeden Tag, aber wenn es gelingt, dann erleben wir Wunder.


Titelbild: Gemälde von Giorgio Morandi, Foto von Paolo Monti, Fondo Paolo Monti, Civico Archivio Fotografico of Milan

Sich in der verworrenen Gegenwart zuversichtlich zurechtfinden

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1968

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