1968

1968

50 Jahre ist es her, dass eine Generation aufstand gegen Krieg und bürgerliche Enge, aufstand für Freiheit und Gleichberechtigung. Was dann im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts als anthroposophische Bewegung zu blühen begann, das hat vielfach hier seine Wurzeln. So fragten wir einige Anthroposophen, die damals gerade erwachsen wurden, wie es war und was es bis heute bedeutet. Redaktion: Wolfgang Held.


Ruedi Bind

In Gefühlsstürmen zwischen Paris und Prag

«La guerre est finie» (Der Krieg ist vorbei), rief mir einer im Überholen zu, als ich mich nach einem Hearing in der Sorbonne auf dem Boulevard Saint-Michel runter zur Kathedrale Notre-Dame bewegte. Es war ein Polizist auf dem Fahrrad. Diesen optimistischen Schlachtruf nahm ich gerne ernst, war ich doch eh auf dem Weg zur Kriegsdienstverweigerung, und damit war man in den Schweizer Gefängnissen unter den Staatsfeinden Nr. 1 fichiert.

Paris

An meinem 18. Geburtstag ging es im Mai 1968 in Paris so richtig ab. Quartier Latin, Sorbonne-Universität. Protestzüge, Straßenschlachten. Die Polizei schoss aus kurzen Gewehren Salven von Tränengasgranaten gegen die Menge. Barrikaden aus Pflastersteinhaufen und umgeworfenen und entzündeten Autofackeln. Polizei mit Schlagstöcken. Im Dauereinsatz die gefürchteten Schlägertrupps der Bereitschaftspolizei crs. In dieser Zeit war überhaupt viel und auch gewalttätig viel los. Der Student Benno Ohnesorg wurde in West-Berlin von einem Polizisten erschossen. Ein Monat vor den Mai-Unruhen wurde Martin Luther King ermordet. Der Studentenführer Rudi Dutschke wurde in West-Berlin angeschossen. Bob Kennedy, der Bruder des bereits ermordeten us-Präsidenten, wurde erschossen. Der Vietnamkrieg war täglich in den Nachrichten. In diesem Klima und dieser Aufruhr war es in der Schulbank nicht mehr auszuhalten. Auch in mir war Empörung über den Zustand der Gesellschaft, aber auch Aufbruchssehnsucht und Begeisterung für noch Unbekanntes, für das Noch-Nicht. Noch vor den Sommerferien brach ich nach Paris auf. Ich bewegte mich im Studentenviertel Quartier Latin. Nachts schlief ich unter den Brücken der Seine. Die Clochards, die hier ständig hausten, waren freundlich mit uns jugendlichen Ausreißern, Künstlern und Poeten aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien und Dänemark. Die Clochards teilten mit uns, was sie an Gemüse und Früchten zusammengesammelt hatten. Abends kochten sie für uns Suppe. Es wurde Gitarre gespielt, getrommelt und gesungen. Überhaupt war die Musik – Folk, Rock, Protestlieder und Chansons – unerlässlich fürs Lebensgefühl. Zu zweit gingen wir zum Betteln los: «Avez-vous un franc, Madame/Monsieur?» Wenn wir zehn Francs zusammenkriegten, waren wir für den Tag gerettet. Neben den üblichen versteinerten Mienen gab es auch immer wieder überraschende Gesten. Ein Mann, den ich anbettelte und der zuerst weiterging, rannte uns später nach und schenkte uns fünf Francs. Die urbane Solidaritätsstimmung wurde immer wieder angefacht durch die CRS-Armeen, ihre Razzien, Knüppeleien und Tränengasbomben. In Paris lernte ich schnell rennen.

 
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In diesem Aufruhr war es in der Schulbank nicht mehr auszuhalten. Auch in mir war Empörung, Aufbruchssehnsucht und Begeisterung für das Noch-Nicht.

Nach den Sommerferien stellte mich der Direktor wegen meines unerlaubten Fernbleibens. Seine Standpauke beendete er mit einem furiosen Fluch: «Dumm, faul und frech – Gammler!» Einige Tage danach standen wir alle vor dem Schulsekretariat. Nun hörten wir die Nachrichten aus dem Radio: In der Nacht auf den 21. August 1968 überschritten sowjetische Truppen die tschechoslowakische Grenze und besetzten das Land. Panzer inmitten der Bevölkerung in Prag. Nach dem übermütigen Aufbruch stand über Nacht alles still. Unter der unmissverständlichen Gewalt des Übermächtigen verstummte die Stimmung des «Soyez réalistes demandez l’impossible» (Seid Realisten, fordert das Unmögliche) und machte einer lähmenden Trauer Platz. Stimmungsmäßig passte es vielleicht ganz gut dazu, dass wir bald als Fernsehzuschauer zum ersten Mal den Mond von hinten zu sehen bekamen und dann die erste Landung der Amerikaner auf dem Mond verfolgen konnten.

Basel: Moser, Heidt, Jaensch

In Paris gab es damals nichts, was mich anthroposophisch anmutete – wenn man mal absah von dem Spruch an der Wand ‹l’imagination au pouvoir!› (Die Imagination/Fantasie an die Macht!). In Basel schon. Anthroposophie war im Lärm und in der Gewalt der Zeitgeschichte still und unauffällig da, so wie gerade neben meiner Schule das winzige Verlagsschaufenster von Zbinden, wo ich täglich an Andrej Bely und Christian Morgenstern vorbeigehen musste.

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An anderen Orten in der Stadt blieb es nicht so still. Die aktiven Verdächtigen waren kaum in anthroposophischen Institutionen eingebunden. Es waren einzelne unabhängige Geister, die sich mit der Anthroposophie ohne Berührungsängste unter das Volk mischten. Drei wahrhaft originelle Persönlichkeiten fielen mir damals auf, die älter und reifer als ich waren. Auf den Straßen von Basel bewegte sich Werner Moser, oft stand er mit anderen im Gespräch, er hatte immer Zeit. Um Moser bildete sich bald ein Kreis von Menschen, die philosophisch-anthroposophisch studieren und denken lernen wollten. Später entstand daraus das Basler Troxler-Institut. In der kommunistischen Buchhandlung von Otto Waser arbeitete ein Mann mit einem gewaltigen Marx-Bart. Es war Wilfried Heidt, hilfs- und gesprächsbereit, einer der Wortführer im Republikanischen Club24 in Lörrach, wohin ich einige Mal mitging. Daraus entstand das von Wilfried Heidt in Achberg geleitete Institut für Sozialforschung. Hier fanden die gescheiterten Prager Reformer und ihre Ideale von einer ‹Gesellschaft mit dem Antlitz des Menschen› ein freundschaftliches Exil. Achberg wurde auch zu einer der inspirativen Stationen für Beuys. Wilfrid Jaensch, der kämpferischste unter den Erwähnten, versuchte eine Untergrund-Schule in Basel aufzubauen. Er war Redakteur und Hauptautor von ‹Polemos› (nomen est omen), einer Untergrundzeitschrift, deren Ausgabe vom Juli 1968 seinen Beitrag ‹Idee der Tat. Guicciardini – Trotzki – Steiner› brachte.

Auch Beuys war damals kurz in Basel. Seine Aktion ‹Celtic +~~~~› während der Karwoche 1971 im Rohbau der Zivilschutzräume beim Stadion St. Jakob begann mit einer rituellen Dienst-Handlung, der Fußwaschung an sieben Personen aus dem Publikum.

Wie kommt es mir rückblickend vor? Erst nachdem der Pflasterstrand gewaltsam erschüttert war, konnten sanftere Bewegungen und Gegenbewegungen aufkommen und mit ihnen der Auftrieb für eine Alternativ- und Gegenkultur. Anthroposophie und ihre Lebenspraxisfelder erlebten in den 70er- und 80er-Jahren einen gewaltigen Aufschwung. Doch auch dieser Schwung hielt nicht an.


Michaela Glöckler

Mein Entscheid für den evolutionären Weg

Im Wintersemester 1966/67 hatte ich in Freiburg mit dem Studium von Germanistik, Geschichte und katholischer Theologie begonnen. Unabhängig vom Studienfach brodelte es in der Studentenschaft. Die Botschaft vom Elfenbeinturm machte die Runde, von der unreflektierten Anpassung an das System und man sah sich rasch mit dem Vorwurf konfrontiert, sich von der herrschenden Elite manipulieren zu lassen. Meine Schwester studierte in Marburg und hatte von Medizin auf Geschichte und Politologie umgesattelt. Sie fühlte sich von der linken Szene zunächst angezogen – intensive Diskussionen begannen, Marburg war neben Berlin eine der Hochburgen der Studentenrevolte. Dort hatte es auch die Waldorfschule erfasst, wo es dem Mathematiklehrer Georg Glöckler gelang, unter den Schülern der Oberstufe die Bedingungen für eine demokratische Abstimmung herzustellen. So kam es nach einer heftigen Generaldebatte zum akzeptierten Mehrheitsbeschluss, dass der Hauptunterricht stattfinden darf. Anschließend jedoch wollte man sich in der Stadt an den Protesten der Studenten beteiligen. Auch hatten Schüler das Lehrerzimmer verwanzt, sodass man über den lokalen Sender in der ganzen Stadt das Konferenzgespräch im Kollegium mithören konnte, bis seitens der Eltern jemand in die Schule eilte und man an einem anderen Ort fortsetzte.

 
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Macht kaputt, was euch kaputt macht» hatte suggestive Kraft. Es zeigte den Hass und half, meinen Entscheid für den evolutionären Weg der Anthroposophie zu fällen und die von Steiner zugesprochene ‹Rebellennatur› nach innen zu kehren.

Der Wille zur Veränderung des imperialistisch-kapitalistischen Systems, dessen Konsequenzen im Vietnamkrieg zu sehen waren, traf bei mir auf starke Resonanz. Dazu gehörte auch die Sensibilisierung gegenüber reaktionären Verhaltensweisen und das Ringen um Echtheit, Freiheit, um eine gegenwartsbezogene und zukunftweisende Diskussionskultur. Ich erlebte dabei aber auch die Herausforderung, auf aggressive Aktionen wie das Sprengen von Vorlesungen («Hört nicht den Fachidioten zu») zu reagieren, klarzustellen, wo man selber stand. Das war nicht immer leicht. Kann man mit rein friedlichen Mitteln die etablierten hierarchischen Strukturen abbauen und ein so mächtiges wirtschaftspolitisches System radikal verändern? Der Vietnamkrieg, die Palästinafrage waren wie offene Wunden – man wollte helfen, etwas tun, aber wie? Der Spruch «Macht kaputt, was euch kaputt macht» hatte suggestive Kraft. Er machte aber auch den Hass deutlich, der die linke Spur beherrscht und in den RAF-Morden gipfelte. Dieses ‹Stellung beziehen wollen und müssen› hat mir sehr geholfen, meinen Entscheid für den evolutionären Weg der Anthroposophie bewusst zu fällen und die von Steiner ja schon den Lehrern der Waldorfschule zugesprochene «Rebellennatur» (GA 293, 13. Vortr.) nach innen zu kehren und nicht im Hass auszuleben. Wenn ich mich heute frage, warum ich mich zeitlebens immer auch als ‹68erin› gefühlt habe, so war es dies, dass ich uns als Generation erlebte, die den Mut hat, individuelles Profil zu zeigen, ‹aufzumucken› gegen falsche Autorität und Loyalität sowie Positionen als Legitimation zur Machtausübung. Es ging um Freiheit, Friedenskultur und echte Demokratie. Dass die Anthroposophie hier Denk- und Handlungsansätze aufzeigen konnte, diese Ideale auf unblutigen Wegen realisieren zu lernen, war begeisternd. Schön war auch, dass sich viele aus dem damaligen Bekanntenkreis später tragend in der anthroposophischen Bewegung engagiert haben und man sich dadurch immer wieder traf. Was uns verbunden hat, war das Ringen um Authentizität im Umgang mit der Anthroposophie. Diesem Ringen verdanke ich auch die Möglichkeit, die in der anthroposophischen Gesellschaft und Hochschule von Rudolf Steiner gestifteten sozialen Formen als evolutionär orientierte Heilmittel für kranke Sozialstrukturen zu erkennen. Dass ich die Möglichkeit bekam, aus diesen Einsichten heraus etwas für die Entwicklung der Medizinischen Sektion am Goetheanum als einer weltweit tätigen Arbeitsgemeinschaft zu tun, kann durchaus auch als Beitrag einer 68erin gewertet werden. Joschka Fischer sprach gern vom «langen Marsch durch die Institutionen» und der Gefahr, dabei dem Anpassungsdruck zu erliegen. Solche Formulierungen halfen, sich gegenüber dieser Gefahr zu immunisieren.

 
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Friedwart Husemann

Es ging um eine viel gründlichere Reform

1968 war ich 23 Jahre alt und studierte in München. Ich habe mich an den damaligen revolutionären Aktivitäten nicht beteiligt. Zufällig geriet ich in eine Gedenkveranstaltung für die Geschwister Scholl im Lichthof der Universität. Sie wurde von zahlreichen Aktivisten lautstark und mit Transparenten gestört und unterbrochen. Der Vater von Hans und Sophie Scholl – ich sehe noch seine schlohweißen Haare vor mir – stand auf und ergriff das Wort, sodass eine Zeit lang völlige Stille herrschte. Kaum hatte er gesprochen, ging der Tumult wieder los. Ich konnte nicht verstehen, was dadurch erreicht werden soll, dass man einem Professor das Mikrofon aus der Hand nimmt und dann selbst dieselben abstrakten Sachen sagt wie der Professor, nur dass sie das Gegenteil bedeuten. Später las ich bei Steiner, dass die revolutionäre Phrase und der Radikalismus die Maske des Philistertums seien (GA 192, 22.6.1919). Ich studierte damals schon die ‹Philosophie der Freiheit› und mir war klar, dass es um eine viel gründlichere und radikalere Reform gehen muss als um Straßenschlachten oder sexuelle Freizügigkeiten: Es geht um die Reform des Denkens, es geht darum, sich an einem solchen Satz wie diesem zu begeistern: «Das Denken können wir durch es selbst erfassen.» Da wird ein Selbstbewusstsein begründet, das den Problemen des Lebens gewachsen ist und keiner äußeren Revolution bedarf.

Rudi Dutschke war evangelischer Christ und las in der Bibel. Er sagte, Jesus sei der erste Revolutionär gegen das Establishment gewesen, womit er ohne Zweifel recht hatte, wenn man an die Tempelreinigung oder an die Gespräche mit den Pharisäern, Hohepriestern und Schriftgelehrten denkt. Weiterhin meinte Rudi Dutschke, ein Satz von Jesus allerdings, der sei falsch gewesen, der Satz: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt» (Joh. 18,36). Was also an Jesus besonders überzeugend war, dass er auf die äußere Machtausübung verzichtete, das konnte Rudi Dutschke nicht verstehen.


Rainer Patzlaff

In diesem Moment im Protest einig

Ich kam im Herbst 1966 nach Berlin an die Freie Universität (FU) und verließ Berlin 1975, sodass ich dort die 68er-Revolution von A bis Z miterlebt habe. Schon bald nach meiner Ankunft zeigten sich die Vorboten der Unruhen: Plötzlich gab es Sit-ins und Go-ins in Lehrveranstaltungen, beherrscht von politischen Themen wie Vietnamkrieg und Kapitalismuskritik, Protestaktionen wurden organisiert, es rumorte. Unvergesslich ist mir, wie ich 1967 hautnah den eigentlichen Beginn der Revolte miterlebte: Für den 2. Juni war im Schillertheater die Uraufführung der neuen Fassung von Zuckmayers Stück ‹Des Teufels General› angekündigt, mit dem berühmten Carl Raddatz in der Titelrolle und in Anwesenheit von Zuckmayer persönlich. Durch ein zehnstündiges nächtliches Schlangestehen ergatterten wir Karten, und als wir dann am 2. Juni abends in die Bismarckstraße kamen, sahen wir vor der Deutschen Oper ein riesiges Polizeiaufgebot und hörten die protestierende Masse von Studenten, die auf die Ankunft des Schahs von Persien warteten, der im Rahmen seines Staatsbesuchs zu Mozarts ‹Zauberflöte› eingeladen war. Wegen seiner diktatorischen Methoden (ähnlich wie heute Erdogan) war er den Studenten verhasst. Da er aber erst um 20 Uhr eintraf, bekamen wir Theaterbesucher nicht mehr mit, wie die Polizei mit brutaler Gewalt auf die Studenten einprügelte.

Die Premiere in Anwesenheit des Dichters beeindruckte mich tief, weil ein menschlich sehr bewegendes historisches Ereignis im Dritten Reich dargestellt wurde, dessen Schauplatz nicht weit vom Schillertheater am Brandenburger Tor das Hotel Adlon war. In der Pause nahmen wir auf der Straße eine große Unruhe wahr, es gab das Gerücht, dass jemand erschossen worden sei. Noch ahnten wir nicht, dass soeben in unserer Nähe ein neues historisches Ereignis eingetreten war: Am nächsten Morgen erfuhren wir, dass in einem Hinterhof gegenüber der Deutschen Oper der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten grundlos erschossen worden war.

Dieser eine und einzige Schuss am 2. Juni 1967 war der Funke am Pulverfass der ‹68er-Revolution›. Denn nun radikalisierten sich Studenten, boykottierten die Lehrveranstaltungen und Versammlungen, Protestaktionen jagten sich, und eine Woche später – ich sehe das Bild noch vor mir – gingen wir zu Tausenden in einem unabsehbar langen Trauerzug von der fu bis zur Sektorengrenze hinter dem Sarg von Benno Ohnesorg her, der nach Hannover gefahren wurde. In diesem Moment waren wir uns alle im Protest einig. Danach aber brach der Streit aus: Die Radikalität kleinerer Studentengruppen verlor jedes Maß, Hass wurde aufgepeitscht, die Berliner erwiderten den Hass, gewisse Studenten redeten über Umsturz und die Vertreibung aller Professoren, und viele andere wie ich distanzierten sich von diesem sinnlosen Wüten.

Ich sehe das Bild noch vor mir – wir gingen zu Tausenden in einem unabsehbar langen Trauerzug von der Freien Universität bis zur Sektorengrenze hinter dem Sarg von Benno Ohnesorg her.

Um aber das Feld nicht den Radikalen zu überlassen, sahen wir uns veranlasst, an den zahlreichen ‹Vollversammlungen› unseres Fachbereichs Germanistik und der ganzen Universität teilzunehmen, wo oft auch Rudi Dutschke sprach. Schon bald mussten wir erkennen, dass alle diese Versammlungen von einer eingeschworenen Gruppe systematisch manipuliert wurden: Sobald die Mehrheit der Studenten einen vernünftigen Beschluss fassen wollte, wurde er durch endlose ‹Anträge zur Geschäftsordnung› so lange sabotiert, bis irgendwann spät in der Nacht die Radikalen unter sich waren und ihren Beschluss fassen konnten, der am nächsten Morgen in der Zeitung als ‹einstimmiger Beschluss der Vollversammlung› gemeldet wurde. Auf Dauer war die Mehrheit der Studenten nicht stark genug, diesem Treiben Einhalt zu gebieten.

Ich habe Rudi Dutschke, noch bevor er berühmt war, in der Mensa öfter aus nächster Nähe erlebt, und Jahre später stellte ich durch meine historischen Studien fest, dass von seinem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) exakt die Methoden angewendet wurden, die Lenin gelehrt und praktiziert hatte, um mit einer Handvoll von Leuten die Volksmassen pseudodemokratisch zu entmachten. Dutschke war seinen Genossen intellektuell hoch überlegen und insofern auch ‹vernünftiger› als sie, aber das hinderte ihn nicht, Lenin zu imitieren, den Steiner als ‹Henker des Geisteslebens› gebrandmarkt hat. Insgesamt scheint mir, dass die Revolution, deren Aufbegehren gegen das verkrustete Bürgertum und seine blinde Amerikahörigkeit ja durchaus berechtigt war, auf tragische Irrwege geraten ist, bis hin zur raf. Es fehlten einfach die zündenden Ideale. Ein völlig materialistisch interpretierter Marxismus füllte das Vakuum und lief sich tot.

Immerhin lernte ich dabei medienkritische Wachsamkeit, wenn ich in den Zeitungen die Berichte von den Ereignissen las, die ich selbst erlebt hatte: Meist wurde selektiv-parteiisch, verzerrt oder sogar falsch berichtet – ein Vorgeschmack auf die Fake News unserer Tage. Angesichts dieser Situation suchte man etwas Aufbauendes, Positives, und so schloss ich mich der anthroposophischen Studentengruppe an, die jeden Dienstag im Klubhaus der fu tagte und viele Semester lang in aller Stille die Grundlagenwerke Steiners studierte. Mit Manfred von Mackensen zusammen gab ich ein kleines Nachrichtenheft für die anthroposophische Studentenarbeit in Deutschland heraus, und auf diesem Wege kam ich dann zu dem großen Ereignis, das für mich der absolute Kontrapunkt zu dem Berliner Revolutionstreiben war: die Bochumer Hochschulwochen Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre.

Um den Kontrast verständlich zu machen, muss ich dazu sagen, dass an der fu der interessante Versuch gestartet wurde, eine von Studenten getragene Kritische Universität (KU) einzurichten. Sie fand zunächst parallel zu den Lehrveranstaltungen der FU statt, doch mehr und mehr verlegten sich die Radikalen auf den ‹Marsch durch die Institutionen›, indem sie versuchten, möglichst viele Lehrveranstaltungen mit einer lächerlich primitiven marxistisch-leninistischen ‹Wissenschaft› umzupolen und widerstrebende Dozenten durch Boykotts hinauszudrängen.

Zur selben Zeit suchten sich im Ruhrgebiet anthroposophisch orientierte Studenten aus eigener Initiative ihre Dozenten, mit denen sie in Bochum jährlich Hochschulwochen aus anthroposophischem Geiste abhalten wollten, und dieses Experiment gelang glänzend. Denn nun trafen sich Dutzende junger Menschen aus Deutschland und sogar aus der Schweiz, die jetzt ohne ausdrückliche Verabredung Sozialformen pflegten, die ich noch nie zuvor und auch kaum mehr später so erlebt habe. Freilassend, in vollem Respekt vor der Persönlichkeit des anderen, konnte hier diskutiert werden, ohne ideologisch zu werden, ohne Fraktionsbildung und Intrigen, und es fiel bemerkenswert leicht, zu einer gemeinsamen Willensbildung zu gelangen. Es wehte ein freudiger, erfrischender Wind, beflügelt durch die Begeisterung für die verschiedenen Fachgebiete, die uns von ebenso begeisterten Dozenten vorgestellt wurden.

Erst später wurde mir klar, dass sich hier eine karmische Gruppe gefunden hatte. Denn eine große Anzahl traf ich in späteren Jahren in anthroposophischen Arbeitsfeldern als initiative Persönlichkeiten wieder, besonders in der Pädagogik und in der Medizin. Um nur einige Namen zu nennen: Wolfgang Auer, Michael Bockemühl, Uwe Momsen, Volker Harlan, Karl-Martin Dietz, Ingo Krampen, Elisabeth von Kügelgen, Claudia von Kügelgen (später McKeen), Ruprecht Fried … Die letzten drei Genannten und ich, wir fanden uns ohne Verabredung innerhalb kurzer Zeit in Stuttgart in der Waldorfschule Uhlandshöhe als Kollegen ein und haben viele Jahre intensiv und produktiv zusammengearbeitet.

Wenn Sie mich fragen, was der gemeinsame Impuls der Bochumer Gruppe war, dann scheint es mir im Rückblick dieser gewesen zu sein: Die Anthroposophie in die Praxis der Berufsfelder hineinzutragen, nicht als dogmatisches Lehrgut, nicht missionarisch, sondern als praktizierte Anthroposophie in der lebhaften Beschäftigung und Auseinandersetzung mit den großen Aufgaben unserer Epoche. Immer wenn wir uns irgendwo nach langer Zeit wiedertrafen, spürte ich schon nach wenigen Minuten Gespräch: Ja, es ist noch immer derselbe Impuls, an dem wir arbeiten, jeder an seinem Platz. Der Impuls wurde nie zum Programm erhoben oder theoretisch reflektiert, er wurde einfach gelebt.


Karl-Martin Dietz

Jemand murmelte etwas von Dreigliederung

Die ‹revolutionären› Ereignisse am Ende meines Studiums in Heidelberg trafen mich ziemlich unvorbereitet. Man hatte zwar aus Paris einiges gehört. Als Demonstranten hinter roten Fahnen die Heidelberger Altstadt durchzogen, konnte ich jedoch nicht erkennen, worauf sie eigentlich hinauswollten. Denn ihre Parolen enthielten nur Protest gegen Missstände, und davon gab es natürlich genug. Wie aber sollte Universität in der Zukunft aussehen? – Das wurde nicht klar, abgesehen von dem Ruf nach ‹Basisdemokratie›, die aber, wie sie da propagiert wurde, auf eine Mehrheitsmacht-besetzte Massenmanipulation hinauslief. In vielen Gesprächen mit anderen Studenten suchte ich vergeblich nach Gesichtspunkten. Mehr als einmal resignierte mein Gesprächspartner: Ich hätte eben nicht das ‹richtige Bewusstsein›. Worin dieses bestehe, konnte mir aber nie jemand sagen. – Professorenwillkür durch Mehrheitsabstimmungen zu ersetzen – wurde da nicht der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben?

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Im Winter 1968/69 gab es allwöchentliche Vollversammlungen auch im Seminar für Klassische Philologie, in dem ich damals hauptsächlich studierte; erstaunlicherweise war der Lehrkörper einschließlich der Professoren fast vollständig anwesend. Eines Abends war ich zum Gesprächsleiter gewählt worden (eine undankbare Aufgabe!), als nach einiger Zeit eine Flaute in der Diskussion eintrat. Das schien mir eine Chance zu sein, einmal wegzukommen von den üblichen Forderungen an jeweils ‹die anderen›. Ich stellte eine Frage in die Runde, die mich selbst seit Langem bewegte: Worin sehen ‹wir› eigentlich den Sinn unserer scheinbar wo weit abgelegenen Fächer? – Nach längerem Schweigen sagte der Institutschef, ein international renommierter Latinist: «Herr Dietz, spüren Sie das denn nicht?!» Ich sagte nur: «Spüren? – Schon!» – Verlegenes Lachen und wieder großes Schweigen. Schließlich meldete sich ein für seine linken Neigungen bekannter Privatdozent: «Ich arbeite hier, weil das angenehmer ist als auf dem Bau zu arbeiten.»

Ich verkehrte damals gelegentlich in der Studentengruppe zum Studium der Anthroposophie an der Universität. Auch da herrschte Ratlosigkeit und Betroffenheit. Jemand murmelte etwas von «Dreigliederung», konnte aber nichts Genaueres sagen. Wer sich erkundigte, erfuhr damals nur eine Mischung von abstrakten Prinzipien und moralischer Forderung, nichts für die Lebenspraxis. Auch aus der Anthroposophischen Gesellschaft, in deren Raum wir uns treffen durften, war nichts zum Verständnis des aktuellen Geschehens zu vernehmen. – Viel später versuchte ich herauszufinden, was denn von anthroposophischer Seite insgesamt in dieser Situation gesagt oder getan worden sei. Ich stieß nur auf zwei Aufsätze, einen im ‹Goetheanum› und einen in ‹die Drei›. Der eine war namentlich, der andere mit einem Pseudonym gezeichnet. Christoph Lindenberg erzählte mir, dass der pseudonyme von ihm gewesen war. – War ich da einem Totalversagen der anthroposophischen Bewegung begegnet angesichts einer epochalen Herausforderung?

Etwas später gab es in Heidelberg dreieinhalb Jahre lang ein ‹linkes› Rektorat, unter dem – deswegen von seinen Kollegen sehr geschmähten – Theologen Rolf Rendtorff. Da änderte sich zum Beispiel die Vergabepraxis für staatliche Promotionsstipendien. Sie waren vorher unter der Hand von den Professoren verteilt worden. Jetzt wurden sie öffentlich ausgeschrieben. Ich bewarb mich – und wurde abgelehnt. Der Vorsitzende der Kommission (ein junger Assistent) beantwortete unvorsichtigerweise meine Frage nach dem Grund der Absage: Mein Thema lasse eine «gesellschaftliche Relevanz» vermissen. Den Ausdruck hatte ich noch nie gehört, sagte aber spontan, das könne ich ja nachreichen. Er versprach, meinen ergänzten Antrag wieder zu berücksichtigen. Ich nahm es dann als sportliche Herausforderung, etwas Passendes zu liefern. Mein Thema bewegte sich im Umkreis der Sophisten, einer Art Aufklärungsbewegung im 5. Jahrhundert v. Chr., die von Sokrates und Platon scharf bekämpft wurde. Es lag also scheinbar weit weg von jeder aktuellen ‹Relevanz›! – Karl Marx jedoch, ein promovierter Altphilologe (!), hatte die Sophisten sehr geschätzt. Darauf nun eine ‹gesellschaftliche Relevanz› zu konstruieren, war nicht allzu schwer. Ich bekam mein Stipendium und ging für ein Studienjahr nach Rom.

Ich habe in diesen Jahren vieles gelernt. Am nachhaltigsten gewirkt hat das Erlebnis, der Situation in keiner Weise gewachsen zu sein.

Viele Jahre später traf ich einen Studienfreund aus der ‹Revolutionszeit› wieder, der mich damals in seine ‹linke› Gedankenwelt mitgenommen hatte. Er war dann in einer anderen Stadt Lehrer geworden, und wir hatten uns aus den Augen verloren. Er hatte eine Sporttasche mit Tennisschläger dabei. Er sei jetzt Oberstudienrat und könne seinem Leben etwas abgewinnen. Er verwende sehr wenig Zeit für seinen Unterricht. Seine Unterrichtstexte habe er so mit Randbemerkungen «gezinkt», dass er sie ohne jede Vorbereitung jedes Mal wieder benutzen könne. – Dass ich gerade eine Beamtenstelle auf Lebenszeit an der Uni aufgegeben hatte, um etwas anderes zu unternehmen, auf wackliger finanzieller Basis und mit unsicherem Ausgang (den Aufbau des Hardenberg- Instituts), konnte er überhaupt nicht verstehen, er fragte auch nicht weiter nach. – Wir verabschiedeten uns freundschaftlich wie früher. Wahrscheinlich taten wir uns in diesem Moment gegenseitig leid.

Ich habe in diesen 68er-Jahren vieles gelernt. Am nachhaltigsten gewirkt hat jedoch das unerwartete Erlebnis, einer solchen Situation in keiner Weise gewachsen zu sein. Da war für einen weltgeschichtlichen Augenblick die Zukunft offen – und mir fiel nichts dazu ein! Das war wie eine Art sokratische Urerfahrung: eine existenzielle Frage erfährt Antworten, die der Nachprüfung nicht standhalten; und schon der Klärungsversuch, was es denn eigentlich ist, das man sucht, führt in eine Ausweglosigkeit (Aporie). – Ich habe mir damals geschworen, dass mir so etwas nicht wieder passieren soll. Diese Vornahme hat mein weiteres Leben stark bestimmt.


Martin Kollewijn

Ökologie und das Streben nach Bewusstseinserweiterung

Im Jahr 1968 lebte ich in Amsterdam und wurde 15. Überall auf der Erde brodelte es. Die ‹Provo›-Bewegung von Amsterdam wurde 1966 allgemein bekannt, als sie die Trauung von Kronprinzessin Beatrix mit Claus von Amsberg den neugierigen Fernsehaugen der Weltöffentlichkeit durch Rauchbomben entzog.

In August 1968 machten wir Familienurlaub auf der Mucherwiese am Rhein, als die Truppen des Warschauer Pakts in Prag einmarschierten. Ich zog mich auf der Wiese zurück, um mir darüber klar zu werden, wie eine menschliche Gesellschaft eigentlich aussehen könne. Jeder müsste darin, meinte ich, nach Bedarf erhalten und nach Fähigkeit tätig sein können. Daraufhin erzählte mir mein Vater von der sozialen Dreigliederung. Ich war begeistert, denn ich glaubte, dass durch sie meine Ideale Wirklichkeit werden konnten. Das sogenannte Soziale Hauptgesetz empfand ich als Quintessenz der Dreigliederung. Es formuliert, wie andere die Bedürfnisse eines Menschen befriedigen, während er nach Fähigkeit das hervorbringt, was andere brauchen. Als ich in der Schule davon erzählte, wurde es auf Reisen gleich geübt, indem ich die Brote anderer schmierte, während sie meine schmierten …

Als Provo 1967 wegen Erfolgs aufgelöst wurde, entfachte der vormalige Provo Roel van Duijn die Kabouterbewegung, die 1970 den ‹Oranjevrijstaat› gründete. Über die dabei leitenden Ideen liest man heute in Wikipedia: «Vision war eine Gesellschaftsutopie basierend auf den Anschauungen von Peter Kropotkin, Rudolf Steiner, Herbert Marcuse, Karl Marx und Erich Fromm.» Wie schon Provo beteiligte sich der Orange Freistaat auch an der Wahl des Stadtparlaments. Ich machte mit beim Wahlkampf. Angezogen als Klabautermann mit Zipfelmütze zog ich durch die Straßen und erzählte Märchen über Heinzelmännchen. Als wir auf Vertreter der linksliberalen Partei D66, Liste 5, stießen, sagte ich, 10 sei zweimal so links wie 5 (die Kabouter hatten Liste 10). Es war natürlich Unsinn, aber damals konnte man nicht links genug sein und die Konkurrenz war einen Moment sprachlos. Einmal zog ein Kabouteraufzug über den Leidseplein zum Stadttheater, als gerade durch eine andere Straße eine Militärparade der Heilsarmee einbog. Ich trug einen Pelzmantel mit einer Kette als Gürtel und spielte mit der Zipfelmütze auf dem Haupt Blockflöte. Ich war mir nicht zu schade, bei der Heilsarmee mitzuspielen. In dem Augenblick wurde ich fotografiert. Das Bild von dem Kabouter, der nach Noten der Heilsarmee pfiff, war natürlich ein gefundenes Fressen für die Presse. Es machte die Runde und illustrierte einen Bericht des amerikanischen ‹Time Magazine›. Oranjevrijstaat gewann so viel Sitze im Stadtparlament, dass Roel van Duijn Wethouder (Senator) wurde und die Verwirklichung seiner vielen Pläne erproben konnte, darunter Stadtbiohöfe und der Witte Fietsen Plan. Bio hieß für ihn BD und der Fahrradplan wurde später von vielen Städten in anderer Form realisiert. Wethouder wurde man für vier Jahre. So lange bestand Oranjevrijstaat nicht. Für das Bohren politischer Bretter braucht man einen längeren Atem. Aber die Kabouter gehörten zu den niederländischen Wegbereitern der Grünen.

 
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Der Orange Freistaat hatte viele Ministerien. Als Schüler schloss ich mich dem Unterrichtsdepartement an. Als in einem Papier die Verstaatlichung der Betriebe gefordert werden sollte, protestierte ich. Anstandslos wurde stattdessen Sozialisation geschrieben. Die Leichtigkeit der Änderung machte mich misstrauisch. Wir machten uns u. a. stark für eine Abschaffung des Abiturs. Als ich mich zwei Jahre später selbst zum Abitur entschließen sollte, erzählte ich meinen Lehrern davon. Zu meinem Erstaunen waren sie begeistert. Dass Lehrer einer Waldorfschule wenig für das Abitur übrighatten, war aber eigentlich nicht so verwunderlich. Das staatliche Examen, das ich abschaffen wollte, wollte ich selbst natürlich nicht machen. Was mich dann, Gott sei Dank, überzeugte, es doch zu tun, war ein Gespräch mit H. A. P. J. Ogilvie. Der Urpriester der Christengemeinschaft hatte noch unter Tage gearbeitet und sagte mir: Wonach die Arbeiter damals am meisten lechzten, waren Wissen und Bildung.

Im Sommer 1970 brachte die Iona-Stiftung 40 Leute zum ‹Faust› ans Goetheanum. Ich gehörte auch zu den Glücklichen, die so eine unvergessliche Woche in Dornach geschenkt bekamen. Als ich eines Tages auf der Goetheanum-Terrasse von den Ereignissen in Amsterdam erzählte, bildete sich bald eine stattliche Traube Zuhörer. Das Interesse war groß und ich war bald bekannt als der ‹Junge aus Amsterdam›. Der unerwartete Zuspruch machte mich eher kopfscheu. Zugleich war meine Begeisterung weit größer als mein Wissen von dem, worüber ich sprach. Die Diskrepanz zwischen großen Idealen und bescheidenen Fähigkeiten ist vielleicht typisch für die Generation der 68er, der ich mich als Jüngerer noch zugehörig fühle. Späteren Generationen konnte die Unverhältnismäßigkeit nicht verborgen bleiben. Sie galten in den Augen der ewigen Rebellen als borniert, aber sie waren dafür oft fähiger, etwas zu realisieren. Auf Provo und Oranjevrijstaat folgte in Amsterdam das Meditationszentrum De Melkweg. Wo bald noch Rockmusik dröhnte und es nach Rauschgift roch, herrschte jetzt meditative Stille und stiegen makrobiotische Düfte auf. Auch ein paar Anthroposophen boten Meditationskurse an. So lernte ich Rob Otte und Stefan Lubienski kennen. Einer der ‹Faust›-Besucher von 1970 (Nico Torenstra) leitete Fantasio und De Melkweg. Nach der Schule wohnte ich, bis ich nach Berlin zog, im Dachzimmer bei Rob Otte und seiner Familie in der Vondelstraat. Der polnische Graf Lubienski, der lange im Orient gewesen war, gab einen Kurs in Hatha-Yoga. Er konnte wie wenige ganz konkret über spirituelle Erfahrung sprechen. Zwischen Provo, Oranjevrijstaat und einem Meditationszentrum liegen freilich Welten. In der Anthroposophie kommen die verschiedenen Welten zusammen. Dass ein Mitbegründer der Grünen jetzt die sozialwissenschaftliche Sektion am Goetheanum leitet, scheint mir nur folgerichtig.

Die 68er-Generation war die erste Generation des 20. Jahrhunderts, deren aus vorgeburtlichen Erlebnissen stammende Impulse nicht durch einen Weltkrieg an der Realisierung gehindert wurden.

Die 68er-Generation war die erste Generation des 20. Jahrhunderts, deren aus vorgeburtlichen Erlebnissen stammende Impulse nicht durch einen Weltkrieg an der Realisierung gehindert wurden. Dafür hatte diese Generation mit anderen Gefährdungen zu kämpfen. Aber um sie zu verstehen, muss man weiter ausholen. Menschenkundlich ging die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins mit einer langsamen Schrumpfung des leibfreien Ätherleibes einher. Im 19. Jahrhundert kamen Ätherleib und physischer Leib des Menschen vollends zur Deckung. Seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts lösen sich bestimmte Ätherkräfte allmählich wieder. Seelisch ergriffen und kultiviert werden es übersinnliche Erkenntnisfähigkeiten. Nicht ergriffen veröden oder wuchern sie. Mit dieser menschheitlichen Änderung hängen die Notwendigkeit einer öffentlichen Geisteswissenschaft und die Schöpfung der Anthroposophie direkt zusammen. Die Änderung vollzieht sich schubweise. Sie charakterisiert die 68er besonders. Die sprichwörtlichen langen Haare sind ein äußerlicher Ausdruck davon. Typische bleibende Errungenschaften sind das menschheitliche und das ökologische Bewusstsein und das Streben nach Bewusstseinserweiterung.

Wenn es nächstes Jahr genau hundert Jahre her ist, dass Rudolf Steiners ‹Kernpunkte der sozialen Frage› erschienen, wird an die soziale Dreigliederung erinnert werden. Sie erscheint heute nötiger denn je. In den Idealen der französischen Revolution trat sie zuerst hervor, aber noch abstrakt. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Dreigliederungsbewegung fast erfolgreich. Heute wird eine Dreigliederung von der Not der Zeit erfordert, und ihre Idee kann umfassender und genauer erfasst werden als vor hundert Jahren. Wir sollten alles beherzigen, was wir durch die Dreigliederungszeit und seitdem erfahren und gelernt haben. Aber Rudolf Steiner knüpfte in keiner Weise an der französischen Revolution an. Wir sollten ebenso wenig an Vergangenes anknüpfen, sondern ausschließlich die Notwendigkeiten der Gegenwart erkennen und zur Richtschnur unseres Handelns machen. Die Gefahr ist groß, dass versucht wird, irgendwie an die reiche Vergangenheit anzuknüpfen. Das wäre fatal, denn dadurch wäre zum Scheitern verurteilt, was heute so dringend notwendig ist.

Resilienz: Aus der Krise Kraft gewinnen

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Erkennen in veränderter Zeitlage

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