Wie Luzifer sich verwandelt bei Goethe und Steiner

Wie Luzifer sich verwandelt bei Goethe und Steiner

In der Gender-Diskussion tritt die Frage der Geschlechter gegenwärtig neu ins Bewusstsein. Mit medizinischer Technik und Chemie kann man heute das Geschlecht verändern. Da der Mensch in dieses ihm bisher zugewiesene Gebiet nun selbst eingreifen kann, stellt sich die Frage nach dem Sinn und Ursprung der Geschlechtlichkeit neu. Im Folgenden beleuchtet Armin Husemann die Bedeutung der Geschlechtertrennung geisteswissenschaftlich. Wie gehen wir heute mit Luzifer um, der in der Trennung der Geschlechter wirksam war und ist?


Der Mensch war anthroposophisch betrachtet ursprünglich zweigeschlechtlich, ‹androgyn›, was in der Mythologie vieler Kulturen nachklingt. Er pflanzte sich in jenen frühen Zeiten, die im Zusammenhang der Anthroposophie als die Zeiten der ‹alten Sonne› bezeichnet werden, durch Selbstbefruchtung fort, wie das manche Tiere und Pflanzen heute noch tun. (1)

Später waren die Bildekräfte des Lebens der zunehmenden Verdichtung der physischen Stoffe nicht mehr gewachsen – es konnte sich nur noch ein Teil des Ätherleibs physisch verkörpern, entweder der männliche oder der weibliche: Im physischen Leib vollzog sich die Trennung der Geschlechter. Der Teil des Ätherleibs, der sich physisch nicht mehr verkörperte, hat seither das andere Geschlecht: Der männliche physische Leib hat einen weiblichen Ätherleib, der weibliche physische Leib hat einen männlichen Ätherleib.(1) Mit denjenigen Ätherkräften, die sich nicht mehr physisch verkörpern konnten, bildete sich der Mensch ein neues physisches Organ, in das der Ätherleib nicht mehr direkt eingreifen kann, das er leibfrei nur noch umspielt: das Gehirn. Rudolf Steiner: «Die Kraft, durch die sich die Menschheit ein denkendes Gehirn formt, ist dieselbe, durch welche sich in alten Zeiten der Mensch befruchtet hat.» (2) Als der Mensch auch im physischen Leib noch zweigeschlechtlich war, konnte er nicht denken. Er lebte das Leben der geistigen Welt selbstlos, aber völlig unfrei und schlafend mit. Was in der Bibel als der Sündenfall beschrieben wird, ist die zunehmende Verkörperung im dicht gewordenen Stoff auf der Erde. Luziferische Wesenheiten waren es, die dem Menschen dazu verhalfen und ihm die Freiheit des eigenen Denkens schenkten, indem sie ihm zur Absonderung aus der Einheit und dem Kosmos, dem ‹Paradies›, verführten. Irrtum und Schuld waren der Preis für Freiheit und Eigenverantwortung des Menschen.

Luziferische Wesenheiten verhalfen dazu, die Freiheit des eigenen Denkens zu bilden, indem sie den Menschen zur Absonderung aus der Einheit und dem Kosmos, dem ‹Paradies›, verführten. Irrtum und Schuld waren der Preis für die Freiheit und Eigenverantwortung.
 
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Erkenntnis als Befruchtung

Im denkenden Erkennen finden wir die Metamorphose der Fortpflanzung wieder. Die physische Welt dringt durch die Sinne in uns ein. Wir bringen ihr die Kraft des Denkens entgegen. Indem sich Wahrnehmung und Begriff vereinigen, bringen sie die Erkenntnis als ihr Kind hervor. Lebt in dieser Erkenntnis ein lebendiges, schöpferisches Denken, wie im atmenden Denken des Künstlers, (3) dann wird das mit der Atmung schwingende Gehirnwasser zur Metamorphose des Fruchtwassers, der Amnionflüssigkeit, in der sich ein lebendiger Ideenorganismus entwickelt, wächst, sich ausgestaltet, wie es ein Künstler oder Philosoph erleben kann. «Wie beim physischen Befruchtungsakt sich zwei Prinzipien vereinigen, ein männliches und ein weibliches, so auch bei der Hervorbringung, die durch den genialen Menschen bewirkt wird. Der Künstler, der Philosoph, sie nehmen ihren Stoff von außen auf und bringen an sich die künstlerische, die philosophische Gestaltung, die Form hinzu. Ich glaube mit diesem Satz nicht bloß ein Bild ausgesprochen zu haben, sondern etwas, was im Zusammenhang der Naturerscheinungen seine gute Begründung hat … Die Wollust des Befruchtungsvorganges ist die selbstsüchtige Befriedigung an einer Handlung, die nicht auf das Selbst, sondern auf die ganze Welt geht. Ein Ähnliches bemerken wir auch am Genie. Durch sein Schaffen befriedigt es im höchsten Grade sich selbst. In diesem Schaffen liegt die höchste geistige Wollust. Dennoch liegt das Ziel des Schaffens nicht in der Beförderung des eigenen Selbst, sondern in der Mitwirkung an den großen Daseinsnotwendigkeiten der Weltordnung. Auf dieser höchsten Daseinsstufe des Menschen, im genialen Wirken, ist er aus Selbstsucht selbstlos. Hier fallen Egoismus und Altruismus zusammen in einer höheren Einheit.» (4) In diesem Sinne bekennt Goethe: «Wer an sich erfuhr, was ein reichhaltiger Gedanke, sei er nun aus uns selbst entsprungen, sei er von anderen mitgeteilt oder eingeimpft, zu sagen hat, muss gestehen, welch eine leidenschaftliche Bewegung in unserem Geiste hervorgebracht werde, wie wir uns begeistert fühlen, indem wir alles dasjenige in Gesamtheit vorausahnen, was in der Folge sich mehr und mehr entwickeln, wozu das Entwickelte weiterführen solle. Und so wird man mir zugeben, dass ich von einem solchen Gewahrwerden, wie von einer Leidenschaft eingenommen und getrieben, mich, wo nicht ausschließlich, doch durch alles übrige Leben hindurch [mit der Metamorphose der Pflanzen] beschäftigen musste.» (5)

Goethes Schulungsweg

Die leibfreie Dynamik der lebendigen, kosmischen Bildekräfte, die im Denken waltet, erlosch im Laufe der Kulturentwicklung in der Asche des Materiellen. Das Denken vergaß seine eigenen Kräfte und die Welten, in denen es lebendige Wirksamkeit entfaltet. Es verfiel dem Glauben, dass es sich die Formen der Begriffsbildungen ebenfalls von der physischen Sinneserfahrung diktieren lassen müsse. Das Verhalten lebloser Stoffzusammenhänge wurde das Dogma des wissenschaftlichen Denkens; den Lebenserscheinungen wird bis heute eine molekulare Mechanik unterstellt. Berühmt sind die Worte des Professors zum Studenten, in dessen Talar aber Mephisto steckt:

Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
Dann hat er die Teile in seiner Hand,
Fehlt leider! nur das geistige Band.
— J. W. Goethe, Faust I (6)

«Man erobert sich durch die Metamorphose-Anschauung das Lebendige. Man belebt das eigene Denken. Es wird aus einem toten zu einem lebendigen. Dadurch aber wird es fähig, das Leben des Geistes anschauend in sich aufzunehmen», so fasste Rudolf Steiner 1923 seine Goethe-Forschung zusammmen. (7) Auf seinem Schulungsweg zu diesem Denken erstrebte Goethe nach außen wie nach innen das, was er im Tagebuch und in den intimen Briefen an Charlotte von Stein «Reinheit» nannte. Nach außen schulte er sich im reinen Auffassen der Phänomene. «Man suche nur nicht hinter den Phänomenen – sie selbst sind die Lehre.» Die beleuchtete Trübe wird blau, die durchleuchtete Trübe wird rot – im Urphänomen der Farbenlehre erklärt sich die Natur selbst.

 
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An den Pflanzen beobachtete er in Ruhe ihr Werden im Sprießen, im Sich-Entfalten der Blätter, ihre verfeinerte Rückbildung und ihr Heranrücken an den Stängel, ihre Metamorphosen in die Blüten-, die Staub- und die Fruchtblätter, wo sich die Pflanze wieder blühend ausdehnt in Farbe, Duft und Pollenflug; und sich in Frucht und Samen gleichzeitig innen zusammenzieht und außen ausdehnt. Dieses räumliche Atmen der Pflanze in ihrer Zeitgestalt nahm Goethe in seine lebendigen Denkbewegungen auf als das innere Leben der Urpflanze.

In der Steigerung und Verfeinerung der wachsenden Pflanze, in ihrer Hingabe zuletzt an das Sonnenlicht in der Blüte, fühlte er zugleich ein Bild seines inneren seelischen Entwicklungsziels. So schrieb er in seinem Tagebuch 1778 an verschiedenen Tagen Worte, die das Ringen des Geistesschülers nach Seelenläuterung andeuten: «Wir müssen nichts sein, sondern alles werden wollen … Man muss sich immerfort verändern, erneuern, verjüngen, um nicht zu verstocken.» «In schönem, bestätigtem Wesen still und rein … Bestimmtes Gefühl von Einschränkung und dadurch der wahren Ausbreitung.» «Heiliges Schicksal, lass mich frisch und zusammengenommen die Reinheit genießen.» (8)

Es war der Rosenkreuzer-Schulungsweg, den Schiller später aus dem Erleben Goethes in die Worte brachte:

Suchst Du das Höchste, das Größte?
Die Pflanze kann es dich lehren.
Was sie willenlos ist, sei du es wollend – das ist’s.
— F. Schiller (9)

Rudolf Steiners Goetheanismus

Als Rudolf Steiner 1917 näher auf die inneren Ursachen der Katastrophe des Ersten Weltkriegs einging, bezeichnete er die Denkweise, die als Ursache des organischen Lebens molekulare Mechanik unterstellt, den «intellektuellen Sündenfall». Er erinnerte daran, wie Goethes Denken diesen Sündenfall schon überwunden hatte. «Das reine Anschauen, das ist dasjenige, was Goethe gesucht haben will. Und den Verstand wollte er nur dazu benutzt haben, um die Phänomene so zusammenzustellen, dass sie selbst ihre Geheimnisse aussprechen … Goethe wollte eine hypothesenfreie, eine von Verstandeskombination freie Naturforschung haben … Goethe wollte mit anderen Worten den menschlichen Verstand, den kombinierenden Verstand auch für die Naturforschung jungfräulich machen.» (10) – Wie entdeckte Goethe die Urpflanze? Sie wuchs heran in den Weimarer Jahren. Erstmals schreibt er am 9. Juli 1786 an Frau von Stein: «Es ist kein Traum, keine Fantasie; es ist ein Gewahrwerden der wesentlichen Form, mit der die Natur gleichsam immer nur spielt und spielend das mannigfaltige Leben hervorbringt. Hätt ich Zeit in dem kurzen Lebensraum, so getraut ich mich, es auf alle Reiche der Natur – auf ihr ganzes Reich – auszudehnen.» (11) Während der bald nach diesen Worten angetretenen Italienreise arbeitete die Suche nach der Urpflanze weiter. In Palermo angekommen, beschäftigte sich Goethe mit einem neuen Drama, ‹Nausikaa›, einem Stoff aus der Odyssee. Im botanischen Garten zieht ihn aber die Fülle der Pflanzenformen wieder in den Bann. «Es ist ein wahres Unglück, wenn man von vielerlei Geistern verfolgt und versucht wird! Heute früh ging ich mit dem festen, ruhigen Vorsatz, meine dichterischen Träume fortzusetzen, nach dem öffentlichen Garten, allein, eh ich mich’s versah, erhaschte mich ein anderes Gespenst, das mir schon diese Tage nachgeschlichen.» Angesichts der Fülle der Pflanzen erfasste ihn wieder die Frage, «ob ich nicht unter dieser Schar die Urpflanze entdecken könnte. Eine solche muss es denn doch geben … Gestört war mein guter poetischer Vorsatz, der Garten des Alcinous war verschwunden, ein Weltgarten hatte sich aufgetan.» (12)

Goethes Streben, Luzifer zu überwinden, wirkt in seiner Kunst und lebt in seiner Wissenschaft, wie die Entdeckung der Urpflanze zeigt.

Was war geschehen? Goethe entzog die schöpferischen Kräfte seines Denkens der eigenen poetischen Produktion und richtete sie hinaus in die Anschauung der Pflanzen, deren Urpflanze er nun erfasst hatte. «Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschöpf von der Welt, um welches mich die Natur selbst beneiden soll», heißt es vier Wochen später. Goethe, als Künstler auf seine eigene Produktion verzichtend, opfert seine schöpferischen Kräfte dem reinen Anschauen der Natur. Prägnant bringt er es im Alter dem Physiologen Johannes Müller gegenüber zum Ausdruck: Die Arbeiten an der Gesamtausgabe seiner Werke halten ihn ab «von unmittelbarer Betrachtung der äußeren Natur, in welche ich gegenwärtig nur verstohlene Blicke tun darf, damit der große Reiz, womit sie mich oft an sich zog und alles Ästhetisch-Produktive verschlang, mich nicht wieder ergreife und von einem Geschäft ableite, welchem alles Zaudern und Stocken höchst gefährlich werden könnte.» (13) So vereinigen sich in Goethe Kunst und Wissenschaft – so vereinigt sich sein fruchtbares jungfräuliches Denken mit dem, was aus der Vaterwelt der Natur einstrahlt durch die Sinne. So gebiert die mütterliche Kraft des Denkens den Sohn. «Dadurch … beginnt man schon auf dem Gebiete der Naturforschung sich zu dem Sohne hinzuwenden, dass man die Mutter entreißt der Kombinatorik und sich hinwendet zu der Anschauung des reinen jungfräulichen Urphänomens … Damit sehen Sie, welch tiefer Ernst, welch tiefe Bedeutung in dem eigentlich steckt, was Goetheanismus genannt werden kann. Was liegt denn einer solchen Tendenz wie der Goethe’schen eigentlich zugrunde: den kombinatorischen Verstand nicht zu verwenden auf das äußere Phänomen, sondern dieses in seiner Jungfräulichkeit anzuschauen? Dem liegt zugrunde, dass dann dieser Verstand nach der anderen Seite sich wendet, nach der spirituellen Seite hin; und er gebiert den Sohn: die geisteswissenschaftliche Lehre, die zuletzt zum wirklichen Verständnis des Menschen, des ganzen Menschen führt.» (10)

 
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Das Sinnlich-Sittliche

In Goethes ‹Faust› verkörpert Gretchen diese Jungfräulichkeit. Sie fällt dem in ‹Faust› herrschenden Luzifer zum Opfer – um ihn am Ende zu überwinden. Goethes Ringen, die sinnliche Liebe zu läutern und zu verwandeln in die heilige Liebe zum Göttlichen, es verkörpert sich in der Abend-Szene ‹Ein kleines reinliches Zimmer›.

Faust hat von Mephisto den Trank aus der Hexenküche im Leibe – eine poetische Veranschaulichung von Luzifers Herrschaft in der sinnlichen Leidenschaft des Blutes. In Gretchens reinlichem Zimmer wird Faust nun aber auch von der hohen sittlichen Kraft ihres Wesens ergriffen.

Wie atmet rings Gefühl und Stille
Der Ordnung und Zufriedenheit!
In dieser Armut welche Fülle!
In diesem Kerker, welche Seligkeit!

Dies steigert sich, indem der alte Großvatersessel, in den er sich wirft, in seiner Fantasie Gretchen als Kind aufruft:

Vielleicht hat, dankbar für den heiligen Christ
Mein Liebchen hier mit vollen Kinderwangen
Dem Ahnherrn fromm die welke Hand geküsst.
— (V. 2701)

Durch Fausts Empfänglichkeit für Gretchens moralische Kraft wird der ersehnte Kuss zur Geste der kindlichen Ehrfurcht geläutert. – Dann tritt er an ihr Bett:

Und hier! (Er hebt den Bettvorhang auf.)
Was fasst mich für ein Wonnegraus!
Hier möcht’ ich volle Stunden säumen.
Natur! Hier bildetest in leichten Träumen
Den eingebornen Engel aus!
Hier lag das Kind mit warmem Leben
Den zarten Busen angefüllt,
Und hier mit heilig reinem Weben.
Entwirkte sich das Götterbild!
— (V. 2716)

Was ist geschehen? Er hebt den Bettvorhang und wird von Luzifer in seinem Blut erfasst im «Wonnegraus». Aber sein Genius ruft – «Natur!» – und führt ihn in Gretchens Kindheit, in ihre Unschuld. Aus der heißbegehrten Leidenschaft des Blutes an Gretchens Brust wird das Kind, «mit warmem Leben den zarten Busen angefüllt».

Neben seiner leidenschaftlichen Begierde lebt in Faust die moralische Kraft seines Geistes. Zwei Schlangen sind es: die schwarze, der sich die weiße gegenüberstellt. Rudolf Steiner gab diesen Merkurstab zur Meditation und sah in ihm «Faust, den strebenden Mensch!» (14) (siehe Abbildung 1).

Der dreifache Luzifer in der kleinen Kuppel des Ersten Goetheanum

Goethes Streben, Luzifer zu überwinden, wirkt in seiner Kunst und sie lebt in seiner Wissenschaft, wie die oben erwähnte Entdeckung der Urpflanze beispielhaft zeigt. Anstelle einer persönlichen Schöpfung, die in ihrer Bilderwelt aus der Odyssee die vierte Kultur­epoche evozieren will, tritt seine originäre Tat, die die Menschen der fünten Kulturepoche dem Leben gewachsen macht – Goethe wird der «Kepler und Kopernikus der organischen Wissenschaft».

In der kleinen Kuppel des Goetheanum veranschaulichte Rudolf Steiner Luzifer in drei Metamorphosen (siehe Abbildung 2 und 3).

1 Kapitel ‹Merkursäule› des Ersten Goetheanum 2 Rudolf Steiner, Skizze zum Menschheitsrepräsentanten 3 Menschheitsrepräsentant, von Rudolf Steiner entworfen und mit der Bildhauerin Edith Maryon geschaffene, acht Meter hohe Holzskulptur. Goetheanum Kunstsammlung,
© Rudolf-Steiner-Archiv

In der plastischen Holzgruppe des Menschheitsrepräsentanten sehen wir auf der linken Seite Luzifer im Bund mit Ahriman. Sie schalten den Menschen aus. Luzifer thront in seiner ‹ganz Kehlkopf› und ‹ganz Ohr› gewordenen Gestalt mit einer Haltung der Hände und des Hauptes, dass man ihn für den Dirigenten über einem Orchester halten möchte. – Wenn rechts davon in der Mitte der Figurengruppe der Mensch zwischen Luzifer und Ahriman schreitet, sehen wir aber Luzifer um 180° gewendet kopfüber über der linken Hand des Menschheitsrepräsentanten herunterstürzend – als eine leere Hülle – auch die Augen sind hohl. Lebt er noch? Wirkt er nicht wie die leere Hülle eines Schmetterlings, der geschlüpft ist? Dieses eigenartig gestaltete Geschehen wirft Fragen auf, zumal Ahriman im Vergleich dazu in ziemlich ähnlicher Haltung nach unten unter die Füße des Menschheitsrespräsentanten versetzt erscheint. Des Rätsels Lösung scheint mir nun in der dritten, bildlichen Darstellung des Luzifer gegeben, die in der kleinen Kuppel über dem Ort der Holzgruppe gemalt war. Dort sehen wir in Farben gemalt ein zweites Mal Christus zwischen Luzifer und Ahriman. ‹Christus› darf man jetzt sagen, denn das Bild ist durch die Erinnerung an die drei Kreuze von Golgatha in die Zeitenwende gestellt. Die als Widersacher zusammenwirkende Luzifer-Ahriman-Gruppe – die links in der Holzgruppe plastiziert ist und den ‹Humor› über sich benötigt – ist hier im Bild darüber verschwunden! Während Ahriman auch hier in ähnlicher Haltung erscheint, ist Luzifer völlig verwandelt! Er schwebt über dem linken emporgehaltenen Arm der Christusfigur aufrecht und hat dieselbe Haltung der Arme wie Christus! Er schwingt sich wie ein Feuerwesen hinauf, das von der linken Hand des Christus geführt erscheint. Was fühlt der Betrachter angesichts dieser drei Luzifer-Formen?

Links in der Holzgruppe: Luzifer ist als Widersacher des Menschen im Blut verkörpert; rechts davon in der Holzgruppe: Luzifer stirbt; wir sehen nur seine leere Hülle; im farbigen Bild darüber: Luzifer aufersteht als ‹Bruder Christi›.

Es scheint mir kein Zufall zu sein, dass das Geschehen, das wir hier berühren, ausführlich und erstmals 1909 an Goethes Geburtstag, am 28. August, dargestellt wurde. (15) Luzifer war aus dem Kosmos herabgestiegen als ‹zurückgebliebene› Wesenheit. Er lebt seither als geistiges Wesen im Blut des physischen Menschen auf Erden – die Folgen des ‹Sündenfalls›. Christus blieb lange Zeit als der Führer der Sonnenwesenheiten im Kosmos; dann folgte Christus Luzifer nach, um die Erdenmenschheit aus der Sündenkrankheit zu erlösen. Wenn der von Luzifer befreite Mensch diese Freiheit dazu verwendet, Christus in sein Herz aufzunehmen, dann stirbt Luzifer und aufersteht durch Christus, der an seine Stelle tritt, im Geiste. Indem Christus aus einem kosmischen Wesen ins Innere des Menschen einzog, wurde er dem mystischen Herzensweg zugänglich. Luzifer aber starb in Christus und in seiner Auferstehung wurde er ein kosmisches Wesen. Rudolf Steiner blickt dabei auf die Kräfte des Denkens, die wir der Trennung der Geschlechter, die wir Luzifer verdanken:

«Wird das Gemüt warm und von Enthusiasmus erfüllt für das Göttliche, wenn es verchristet wird, so werden auf der anderen Seite unsere anderen geistigen Fähigkeiten, durch welche wir die Welt verstehen und begreifen, erfassen, einsehen, durchleuchtet, durchströmt und durchkraftet von dem luziferischen Prinzip. So steigt der Eingeweihte des Rosenkreuzes zu dem luziferischen Prinzip aufwärts … So haben wir eine völlige Umkehr der menschlichen Erkenntnisverhältnisse im Laufe der menschlichen Entwicklung zu verzeichnen: der Christus ist geworden von einem kosmischen Gott zu einem irdischen Gott, der die Seele der Erde ist in der Zukunft. Der Luzifer ist geworden von einem irdischen Gott zu einem kosmischen Gott.» (15)

Wenn wir uns erinnern, wie Goethe sich der Pflanzenwelt erkennend gegenüberstellte und in jungfräulicher Geburt den Sohn im Leben der Natur zur Welt brachte, dann sehen wir darin diese Überwindung und Erlösung Luzifers in Goethes Seele. Statt künstlerischer Eigenproduktion in griechischen Bildern, erfasst er mit den Augen des Geistes das Schaffen der Natur! Damit weist aber Goethe gleichzeitig Ahriman, der über die Sinnes-Nerven-Organisation wirkt, in die Schranken:

«Die Menschheit würde in Materialismus versinken, immerfort in dem Glauben verharren, dass alles nur äußere materielle Welt ist, wenn sie nicht aufstiege zur Inspiration durch das luziferische Prinzip. Ist das Christus-Prinzip dazu berufen, unser Inneres stärker und stärker zu machen, so ist das luziferische Prinzip dazu berufen, unsere Fähigkeiten, die eindringen sollen in die Welt in vollem Umfange, zu schärfen, auszubilden. Immer stärker und stärker für das Begreifen und Erkennen der Welt wird uns Luzifer machen, immer stärker und stärker im Inneren wird uns Christus machen.» (15)

Wenn wir mit Paulus sagen ‹Nicht ich, sondern der Christus in mir›, dann heißt das: Mein von Luzifer mir gegebenes ‹Ich bin› stirbt; es macht einen Platz frei – und Christus tritt an seine Stelle. Aber Luzifer aufersteht als die durchchristete Erkenntniskraft der Welt. «Wenn der Mensch den Christus erkennt, wenn er sich wirklich einlässt auf die Weisheit, um zu durchschauen, was der Christus ist, dann erlöst er sich und die luziferischen Wesenheiten durch die Christus-Erkenntnis. Dass der Mensch das kann, dass er imstande ist, den Christus zu erkennen, dass Luzifer in einer neuen Gestalt aufersteht und sich als der Heilige Geist mit dem Christus vereinigen kann, das hat der Christus selbst noch als eine Prophezeiung denen gesagt, die um ihn waren, als er sagte: ‹Ihr könnt erleuchtet werden mit dem Heiligen Geist … Dieser Heilige Geist ist kein anderer als der wiedererstandene und jetzt in reinerer, höherer Glorie erstandene luziferische Geist, der Geist der selbstständigen, weisheitsvollen Erkenntnis.›» (16)

 
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Luzifers Traum

Einmal nicht nur göttlicher Wille, sondern auch Bild sein, einmal das Gute nicht nur tun, sondern als das Gute zu glänzen, zu strahlen und dann gesehen zu werden, das ist Luzifers Traum. Von Venus bekam er, der erste und liebste Engel des Schöpfers, seinen Namen ‹Luzifer›. Denn wie der Morgenstern leuchtet er so hell, dass er es mit der Sonne aufzunehmen vermag. Wie der Morgenstern bildet er eine solche Eigenwelt, wie sie sonst nur im Menschen zu finden ist, und wie der Morgenstern, der rückwärts rotiert, muss auch der gefallene Engel sich vom Gott fortwenden. Nur jenseits der Sonne kann sich die Innen- und Eigenwelt bilden. In Rudolf Steiners Gruppe steht Luzifer mit Recht in der Mitte, denn er will gesehen werden.

‹Gesehen werden wollen›, diese allzu menschliche Sehnsucht ist also böse? Wer will denn gesehen werden? Der- oder diejenige, die zu wenig gesehen, gefunden, erkannt wird. Dass so das Licht also böse wird, ist zum guten Teil Sache all derjenigen, die vorbeischauen, die missachten und ignorieren, die ihr eigenes Licht nicht dorthin werfen. Es ist auch die Dunkelheit des Umkreises, die das eitle Licht erzeugt. Umgekehrt ist es Aufmerksamkeit, die es zum Erlöschen bringt. Tatsächlich, denn alles, was gesehen wird, braucht nicht mehr aus sich selbst zu leuchten, weil es so angeschaut aus dem Umkreis leuchtet. So wie in manch antiker und anthroposophischer Anschauung die Sonne selbst: Auch sie leuchtet, weil der Umkreis aufmerksam ist.

Wolfgang Held


Literatur

(1) R. Steiner, Spirituelle Perspektiven. Stichwort Sexualität. Dornach 2010 S. 7 ff.
(2) R. Steiner, Aus der Akasha-Chronik. Dornach 1973, GA 11, S. 77.
(3) A. Husemann, Der hörende Mensch und die Wirklichkeit der Musik. Stuttgart 2010, S. 65 ff. sowie: ders., Der musikalische Bau des Menschen. 4. Aufl., Stuttgart 2003, S. 104 ff.
(4) R. Steiner, Methodische Grundlagen der Anthroposophie. Gesammelte Aufsätze 1884–1901. Dornach 1961, S. 427 ff.
(5) J. W. Goethe, Geschichte meines botanischen Studiums, in: Naturwissenschaftliche Schriften, Hrsg. v. R. Steiner. Dornach 1982, Band 1, S. 80.
(6) J. W. Goethe, Faust I, Hamburger Ausgabe. München 1976, Bd. 3, S. 26, V. 1936–1939.
(7) R. Steiner, Goethe und das Goetheanum, in: Der Goetheanumgedanke inmitten der Kulturkrisis der Gegenwart. Gesammelte Aufsätze 1921–1925. Dornach 1961, S. 337.
(8) P. Boerner, Johann Wolfgang von Goethe. Hamburg, 10. Aufl. 2012, S. 56.
(9) F. Schiller, Sämtliche Werke, München 1981, Band 3, S. 198.
(10) R. Steiner, Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse. Dornach 1980, GA 180, Vortrag vom 26.12.1917.
(11) Brief an Charlotte v. Stein vom 10. 7. 1786.
(12) J. W. Goethe, Italienische Reise, 17.4.1787.
(13) Brief an Johannes Müller am 23.2.1826.
(14) R. Steiner, Der Dornacher Bau als Wahrzeichen geschichtlichen Werdens. Vortrag v. 19.10.1914. Dornach 1985, GA 287.
(15) R. Steiner, Der Orient im Lichte des Okzidents. Die Kinder des Luzifer und die Brüder Christi. Dornach 1960, GA 113 (Der einzige von R. Steiner selbst korrigierte und mit Anmerkungen versehene Vortragszyklus), Vortrag vom 28.8.1909.
(16) R. Steiner, Geisteswissenschaftliche Menschenkunde, Dornach 1979, GA 107, Vortrag vom 22.3.1909.

Fotos: Modelle von Rudolf Steiner und Edith Maryon für die Skulptur des Menschheitsrepräsentanten, Xue Li, 2018

Korrigendum (07.11.2018)

Das Zitat «Wird das Gemüt warm …» war versehentlich mit Fußnote 16 statt 15 versehen worden. Das Zitat stammt korrekt aus dem Vortrag vom 28. August 1909, GA 113. Außerdem heißt die Zeile in Schillers Gedicht: «Suchst du das Höchste, das Größte …» (statt «Suchst du das Höchste, das Schönste…»). Beide wurden im obigen Text korrigiert.

Erkennen in veränderter Zeitlage

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Die Landschaft mit den Augen der Maler sehen

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