Wie ein Kindergarten sollte das Leben sein

Wie ein Kindergarten sollte das Leben sein

Aus 56 Nationen kamen an Ostern über 1100 Erzieherinnen und Erzieher zur Welterziehertagung ans Goetheanum, um zum 100. Geburtstag der Waldorf­pädagogik über die Zukunft der am Menschen abgelesenen Pädagogik in der frühen Kindheit zu sprechen.


«Wir sind hier nicht im Kindergarten!» Die große Waldorferziehertagung erwies, dass dem Satz ein ‹schade› folgen müsste. Wie gut wäre es, wir wären alle öfter im Kindergarten, würden mehr spielen und die Qualitäten leben, die uns Kinder vorleben. In der heutigen Zeit der Polarisierung, Fragmentierung und Desorientierung sind die Fragen nach dem Wesen des Kindes, seinen Fähigkeiten und deren Schutz zu Zukunftsfragen geworden, die uns alle sozial betreffen. Dass Erziehung eine Kunst ist, heißt verstehen, was der Mensch als künstlerisches und soziales, als freies und verantwortliches Wesen ist und warum wir einen solchen Menschen in Zukunft brauchen.

Das Bild des Menschen

1100 brennende Kerzen umrunden in der Dunkelheit am letzten Abend der Tagung das Goetheanum, ein Gebäude, einen Ort. Viele singen, auch in anderen Sprachen, und manch einer fühlt sich im ersten Moment vielleicht auch peinlich berührt, weil er nicht gern Teil einer Masse ist. Aber irgendwann weicht dieses Gefühl der Gewissheit, dass das kein Akt einer Religionsgemeinschaft ist. Es ist eine Menschengemeinschaft, die diesen Kreis bildet und dann ihre Lichter vor dem Südeingang ungeplant auf dem Boden zu einem Sechsstern zusammenstellt. Eine Menschengemeinschaft, in der das Individuum nicht verloren geht. Was wir umrunden, ist jener unsichtbare Teil in uns, der eine Ganzheit bilden kann, ohne sich selbst darin aufzulösen. Und das am Gründonnerstag, als das Kind schon längst erwachsen ist und auf dem Weg, sich zu opfern für die Erneuerung der Welt. Es kommt der Moment der Transformation, wie Claus-Peter Röh, Leiter der Pädagogischen Sektion, noch einmal anmerkt, an dem wir bewusst etwas Altes zurücklassen, es sterben lassen in dem Vertrauen darauf, dass etwas neu werden kann und auch muss. «Wenn ihr nicht umkehret und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen» (Matth. 18,3), heißt jener bedeutungsschwere Satz im Neuen Testament.

Die Tagung versuchte einen Bogen zu schlagen zwischen der Kleinkindpädagogik und der sozialen Zukunft der Menschheit. Dabei überschnitten sich diese beiden Bereiche immer wieder und machten deutlich, dass Kindsein und Menschsein auf eigentümliche Art und Weise zusammenhängen.

 
Claus-Peter Röh, Florian Osswald: Eröffnung der Tagung ohne Worte.

Claus-Peter Röh, Florian Osswald: Eröffnung der Tagung ohne Worte.

 

Wer erinnert sich an seine Kindergärtnerin?

Die staatlichen Vorgaben und Curricula graben heute den Kindern eine Grundlage ab. Angefangen von Lernspielen, die sich gut verkaufen, weil alle Welt will, dass sein Kind früh ein Genie wird, bis hin zu den Hygienebestimmungen für Kitas, die den Kontakt mit Dreck und Bakterien verhindern wollen, sprießen Maßgaben und Ansprüche im Nährboden aus Angst und Sicherheitsbedürfnis. In England ist seit drei Monaten ein Gesetz erlassen, dass verbietet, Kinder in staatlichen Grundschulen auf den Schoß zu nehmen oder an die Hand. Staatliche Inspektionen verlangen von Waldorfkindergärten Rechtfertigung für deren ‹Nichtlernen›. Die Idee: Kinder müssen auf die Welt der Geldwirtschaft so vorbereitet werden, dass sie nicht zu ‹untauglichen› Träumern werden. Alles soll effizient sein. Dazu gehört auch, den Computer als kindliche Frühförderung misszuverstehen. Nicht nur im Bereich der Pädagogik stellt sich die Frage nach der Nachhaltigkeit der Welt, aber hier in Bezug auf das Zwischenmenschliche am deutlichsten. Die veränderten Familienstrukturen, die Fluktuation von Menschen, auf die sich Kinder einstellen müssen, aufgelöste Traditionen und der Stress des modernen Erwachsenen wirken auf die Kleinen ein. Die heutigen Kinder können sich schwerer konzentrieren, verteidigen lautstärker ihre Ansprüche, werden schneller aggressiv, halten es schwer aus, sich zu langweilen, verlangen Unterhaltung. Wie sorgen nun Erzieherinnen und Erzieher dafür, dass die Kinder stark werden in ihrer Individualität und sich gleichzeitig als soziale Wesen empfinden lernen? Wie helfen Menschenkunde, Waldorfpädagogik und Anthroposophie dabei, diese Arbeit zu leisten? Die Fachfrauen und -männer aus 56 Ländern fragten nach und berichteten von ihrer eigenen Arbeit und ihren Möglichkeiten, diesen Raum für die ganz Kleinen zu bereiten. Dass sie damit aus dem konkreten Verzicht heraus schon einen enormen Beitrag zur Zukunft der Menschheit leisten, war mir nie zuvor so deutlich vor Augen getreten. Wer von uns erinnert sich schon an seine Kindergärtnerin, die die Früchte ihrer Arbeit fast nie aufgehen sieht? Was geschieht eigentlich in diesen ersten Lebensjahren von Kindern, wo noch kein schulisches Lernen angelegt ist? Vielleicht kämpfen wir heute den ‹Kampf um die Kindheit›, wie Stefanie Allon es nannte, der beinhaltet, dass es um die Würde eines Kindes (und eines Menschen) geht, aus seinen eigenen Impulsen lernen zu dürfen.

Die International Association for Steiner/Waldorf Early Childhood Education (IASWECE) und die Pädagogische Sektion hatten diese Tagung gemeinsam ausgerichtet mit dem Schwerpunkt auf der Frage nach den Wegen in eine menschliche Zukunft. Clara Aerts und Philipp Reubke als Mitglieder der Koordinationsgruppe von IASWECE hatten den Ablauf so organisiert, dass das Soziale schon in den Vorträgen versucht wurde. Denn jeweils eine Frau und ein Mann, ein(e) Erzieher(in) und ein anderer Experte hielten die Vorträge.

Links: 100 Jahre Waldorfpädagogik –  50 Jahre Internationale Waldorfkindergartenvereinigung: «Vertrauen und Zusammenarbeit erhalten, schützen und pflegen» Rechts: Puppen? Am Besten sind sie möglichst einfach und entstehen im Beisein der Kinder. Workshop mit Svitlana Eks, Ukraine.

Was man nur im Spiel lernen kann

Die Tagung begann mit Flöte und Trommelschlag. Es erinnerte an Gaukler auf dem Marktplatz. In den Gesichtern war Leuchten und Staunen zu sehen und es wurde deutlich, Kindergärtnerinnen und Kindergärtner sind Menschen, die viel Spaß am Spiel haben. Selten habe ich bei einem ernsten Thema so viel Lachen gehört und Freude, neue Dinge auszuprobieren. In den fast 60 Workshops und Diskussionsgruppen flogen Bälle und anderes durch die Luft. Die Abende waren mit Eurythmie aus aller Welt, dem ‹Kleinen Muck›, ‹Don Quichotte› und einer Open Stage gefüllt, bei der man auch über sich selbst lachen konnte. So tauchte der ‹Steinosaurus› aus Neuseeland auf der Bühne auf, der seine Schwingen über das junge ‹Waldorf-China› ausbreitet. Kleine Sketche, aber auch ernste Lieder und gemeinsam erarbeitete Bilder des Sozialen wurden miteinander geteilt. Und es wuchs die Frage in mir: Wo bin ich Kind und wie sehe ich dann meine Mitmenschen? Welche Seelenregungen erlebe ich in mir selbst, wenn ich nicht mehr muss oder soll, sondern einfach tue? «Der Mensch ist nur im Spiel ganz Mensch», so Schiller in seinen ‹Ästhetischen Briefen›.

Dass Erziehung eine Kunst ist, heißt verstehen, was der Mensch als künstlerisches und soziales, als freies und verantwortliches Wesen ist und warum wir einen solchen Menschen in Zukunft brauchen.

Es gibt eine Zeitqualität im Kindergarten, eine zeitlose Qualität des Fließens, beschrieb Clara Aerts. Und freies Spiel ist, wenn es nichts zu verlieren gibt, wenn es um nichts geht. Es ist absichtslos. Aber doch gibt es auch immer ein Element von Risiko, von Abenteuer. Es hat Kreativität, Neugier, Offenheit, Ausdauer, Vertrauen, Beständigkeit. Außerdem ist ein Kind im Spiel problemlösend und verzeiht schnell. Im kindlichen Spiel verbindet sich die Lebensintention des Kindes mit seinem irdischen Wesen, sagte Steiner. Die Erziehenden können darin beobachtend erkennen, wie das Kind mit den Erfahrungen umgehen wird, die ihm das Leben bereithält. «Wo finden wir das, was an dem Kind als ein höheres Selbst, als eine höhere Wesenheit sich betätigt, die zu dem Kind gehört, aber nicht ins Bewusstsein hereinkommt? […] Beim Spiel des Kindes können wir nur die Bedingungen der Erziehung herbeischaffen. Was aber durch das Spiel geleistet wird, das wird im Grunde genommen geleistet durch die Eigenbetätigung des Kindes, durch alles, was wir nicht in strenge Regeln bannen können. Ja, gerade darauf beruht das Wesentliche und das Erzieherische im Spiel, dass wir haltmachen mit unseren Regeln, mit unseren pädagogischen und erzieherischen Künsten, und das Kind seinen eigenen Kräften überlassen. […] Dann probiert das Kind im Spiel an den äußeren Gegenständen, ob dieses oder jenes durch die eigene Tätigkeit wirkt. Es bringt seinen eigenen Willen zur Betätigung, in Bewegung. Und in der Art und Weise, wie sich die äußeren Dinge unter der Einwirkung des Willens verhalten, geschieht es, dass das Kind in ganz anderer Weise als durch Einwirkung einer Persönlichkeit oder ihres pädagogischen Prinzips sich an dem Leben, wenn auch nur spielend, erzieht.»(1)

 
«Von der Bewegung zum Gefühl, vom Gefühl zur Aufmerksamkeit»: Workshop mit Alexandru Bugnariu, Eurythmist aus Rumänien

«Von der Bewegung zum Gefühl, vom Gefühl zur Aufmerksamkeit»: Workshop mit Alexandru Bugnariu, Eurythmist aus Rumänien

 

Was nehmen wir dem zukünftigen Menschen, wenn wir diese Erfahrungen nicht mehr machen oder ermöglichen können? Kathy MacFarlane aus Neuseeland, die in China Menschenkunde unterrichtet, erarbeitete in ihrem Workshop, wie sich dieses freie Spiel metamorphosiert im Erwachsenenleben und uns befähigt, uns auf andere einzulassen, Perspektivwechsel zu vollführen und die Geste des Miteinanders innerseelisch zu ermöglichen. Das freie Spiel im Kindergartenalter wird zu sozialer Kompetenz. Man kann dann sehen, «wie er [der Mensch] es jetzt mit dem Ernst des Lebens macht, mit dem, was nützlich ist, was zweckvoll im Leben ist, wo man sich durch Erfahrung hineinfinden muss, so findet man, dass jetzt der Mensch sich in den Nutzen, in die Zweckmäßigkeit der Welt, in das, was vom Leben gefordert wird, hineinstellt mit einem solchen Charakter, wie er sich zuerst in den kindlichen Lebensjahren im kindlichen Spiel frei gezeigt hat.»(2)

In den Kindern lebt am stärksten der absichtslose Wille, die Welt zu erkunden und sich auch in ihr zu Hause zu fühlen. Sie schlafen und träumen in der unbewussten Gewissheit, dass sie Teil eines Ganzen sind.

In den Kindern lebt am stärksten der absichtslose Wille, die Welt zu erkunden und sich auch in ihr zu Hause zu fühlen. Sie schlafen und träumen in der unbewussten Gewissheit, dass sie Teil eines Ganzen sind. Sie agieren ganz aus dem Wollen, und erst hinterher kommt das Denken. Alle Erwartung und auch die zu kopfbetonte Ansprache lähmt ihre Entwicklung, beschrieb Sabine Häfner. Silvia Jensen, Waldorfkindergärtnerin aus Brasilien, gab das Bild des Leuchtturms, der uns «im Meer der ewigen Menschwerdung» eine Orientierung gibt. Diese Orientierung ist die Anthroposophie und Menschenkunde. Sie erschien während der Tagung wie ein Dach, unter dem sich Menschen fanden. Ob in Israel, China oder Afrika, die Anthroposophie ermöglicht eine Selbsterkenntnis, die nicht unsere kulturellen Identitäten auslöscht und uns in unserer Individualität sein lässt. Sie liegt darüber und verhilft zur Inkarnation des Menschen weltweit. «Sie gibt eine Antwort darauf, warum du etwas tun kannst, was eine Religion üblicherweise nicht tut», sagte Lakshmi Prasanna aus Indien. Sie ging sogar so weit, zu meinen, dass wir alles vergessen sollten, was wir gelernt haben. Dafür benutzte sie das Wort ‹unlearning›. In diesem Sinne kann es auch kein festes Bild der Waldorfpädagogik geben, keine Angaben, was Rhythmus ist, keine Systematik. Rhythmus muss jeden Tag neu erlauscht werden, dann sind wir als Erziehende und als Menschen mit den Lebenskräften verbunden und nach einem Arbeitstag mit 18 Kindern nicht müde, erzählte eine Kindergärtnerin.

Kopfüber ins Wasser springen

Stefanie Allon und Claus-Peter Röh beschrieben in ihrem Dialogvortrag die sieben Stufen der Kunst. Gespiegelt zur Architektur an der unsichtbaren Achse, auf der die Musik liegt, finden wir in der Zukunft die soziale Kunst. Wenn die Erziehenden ihre eigene Musikalität pflegen, nicht in dem Sinne, dass sie ein Instrument spielen müssen, sondern indem sie die Klänge der Situation vernehmen können und darauf musikalisch reagieren, ist schon viel getan für die Zukunft. Der Klang, die Stimmung ist beweglich und verwandelt sich beständig. Manchmal muss man dafür auch das Chaos aushalten. Und dass alle Erziehung Selbsterziehung ist, war jedem bewusst.

Wenn die Künste Werke schaffen, schafft die Sozialkunst vielleicht nicht mehr ein Werk, sondern ist ein gemeinsames Werken, ein Miteinander-Tun, -Gestalten und -Bauen. So wie das kindliche Spiel. In der Kunst tritt etwas durch ein Medium in Erscheinung, zum Beispiel durch Farbe oder Sprache. Wären wir in Zukunft einander Medium und würden dasjenige des anderen zur Erscheinung bringen, was er selbst nicht zur Erscheinung bringen kann? (Zvi Szir)

«Wir gestalten das Soziale schon in der Art, wie wir übereinander sprechen und denken», betonte Gerald Häfner. Die zukünftige Kunst führt von der Ästhetik zur Ethik. Sie betrifft unser Miteinander.

Links: Vor einer Weltkarte ohne Landesgrenzen Begrüßung der Sprach- und Landesgruppen; Rechts: Stefanie Allon aus Israel: Von der Architektur zur Sozialkunst

Wenn Rudolf Steiner betont, dass im Kontext von Kindergarten und Schule die Selbstverwaltung eine wichtige Rolle spielt, liegt hier eine Möglichkeit, zu begreifen, was der Mensch als freies und selbstbestimmtes Wesen ist. Wo entscheiden wir bewusst, wie unsere Kinder aufwachsen, wie und was sie lernen? Wo und wie geben wir uns selbst den Rahmen, der uns guttut und Entwicklung erlaubt? «Ich habe große Freude daran, Menschen zu ermutigen, kopfüber ins Wasser zu springen», sagte Anne-Kathrin Hantel, Kindergärtnerin und IASWECE-Repräsentantin für Deutschland, in ihrem Workshop.

Vielleicht ist die soziale Kunst deshalb die ‹höchstmögliche› künstlerische Form, die der Mensch erreichen kann, weil er sich selbst und die Gesamtheit seiner Mitmenschen gestaltet?

«So wird das Weltenziel erreicht, wenn jeder in sich selber ruht und jeder jedem gibt, was keiner fordern will»(3), war einer der letzten Sätze der Tagung, der wie ein Geschenk mitgenommen werden konnte und zur Meditation taugt.

Für die Organisatoren war die Tagung ein Erfolg. Der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen weltweit hatte den Touch dessen, was Kinder in sich tragen: ein Staunen am Zauber der Vielfalt, Reiselust, Interesse, keine Angst vor dem Unbekannten, ein spielerisches Einander-Entdecken. Zwischen den Tischen, Tellern und Kuchen, in den Pausen, auf den Wegen zu den Workshops, auf den Wiesen liegend, im Saal sitzend oder in den freien Initiativen konnte man erlauschen, wie sich die Teilnehmenden Gedanken machten, was mit nach Hause zu nehmen und zu verwandeln wäre, was neu erfahren wurde, was beflügelt oder zum Weiterdenken angeregt hat. Ein beständiges I A O. Die sozialen Gesten, welche das Kind in den Erziehenden fühlt, kann es nachahmen, ihre Beweglichkeit und ihre Elastizität. «In unserem Werden kann das Kind uns folgen», sagte jemand. Vielleicht ist das ein Ziel für die nächsten 100 Jahre Waldorfpädagogik, es begreift den Menschen in seinem Wollen, dem zukünftigen Teil in uns.


(1) Rudolf Steiner, Vortrag vom 14. März 1912, GA 61.
(2) Rudolf Steiner, Vortrag vom 10.6.1920, GA 335.
(3) Rudolf Steiner, Mysteriendramen, Die Pforte der Einweihung GA 44.

Fotos: Xue Li, Welterzieher­tagung am Goetheanum 2019

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