Unentdecktes Zukunftspotenzial

Unentdecktes Zukunftspotenzial

Zu Lebzeiten Rudolf Steiners nicht veröffentlicht und mit dem Untertitel ‹ein Fragment› versehen, gehört das Werk ‹Anthroposophie. Ein Fragment›, bezogen auf den darin enthaltenen revolutionären Ansatz des Menschenverständnisses, zu den noch unentdeckten Schätzen der Geisteswissenschaft. Seine Entstehungsgeschichte ist bemerkenswert und das Buch selbst aus heutiger Sicht aktueller als jemals zuvor, da Rudolf Steiner hier Anthroposophie auf besondere Art darstellt.


Anlässlich der achten Generalversammlung der Theosophischen Gesellschaft, im Oktober 1909 in Berlin, hält Rudolf Steiner eine Vortragsreihe mit dem Titel ‹Anthroposophie› (1) und skizziert dabei im ersten Vortrag, dass er nun, nach sieben Jahren, «eine ernste und würdige Fundamentierung unserer geistigen Strömung» (2) vornehmen wolle. Man kann sich hier fragen, was es mit dieser «Fundamentierung» auf sich hat. Steiner skizziert, wie man sich in den vergangenen Jahren mit den Zyklen zu den Evangelien und den Hierarchien in «die hohen Regionen der geistigen Forschung» (3) begeben habe und wie jetzt nach sieben Jahren «ein Zyklus erfüllt ist und wo wieder gesprochen werden darf in einem umfassenderen Sinne von dem, was man unter Anthroposophie verstehen soll» (4). Er spielt hier darauf an, dass er während der ersten Generalversammlung der Theosophischen Gesellschaft 1902, am 20. Oktober, die Versammlung verließ, um im Kreis der Berliner literarischen Moderne ‹Die Kommenden› einen Vortrag vor einem nichttheosophischen Publikum über den geistigen Werdegang der Menschheit zu halten. Es war eine Vortragsreihe mit dem Titel ‹Von Zarathustra bis Nietzsche›, über die Rudolf Steiner in ‹Mein Lebensgang› rückblickend äußert, dass er hier über «Anthroposophie» (5) gesprochen habe.

Stelle dich in die Mitte zwischen Gott und Natur und lass den Menschen in dir sprechen über das, was über dir ist und in dich hineinragt, dann hast du Anthroposophie, die Weisheit, die der Mensch spricht.

Das Vorhaben, mit dem Steiner während der Generalversammlung 1909 beginnt, und seine folgenden Ausführungen dazu lassen aufmerken. Es ist eine programmatische Neuausrichtung. Der bisherigen theosophischen Art, die Welt zu betrachten, also von einem Standpunkt aus, der zu den «hohen Regionen der spirituellen Erkenntnis aufsteigt» und als Voraussetzung die Entwicklung eines hellseherischen Bewusstseins hat, soll nun eine Erkenntnisart an die Seite gestellt werden, die Steiner als eine mittlere Position beschreibt und in folgende Worte fasst: «Stelle dich in die Mitte zwischen Gott und Natur und lass den Menschen in dir sprechen über das, was über dir ist und in dich hineinragt, dann hast du Anthroposophie, die Weisheit, die der Mensch spricht.» (6) Die andere Seite bildet eine Erkenntnisweise, die Anthropologie genannt wird und die sich auf die physisch-sinnlichen Erscheinungen konzentriert, also die Erkenntnisform, die die damalige Wissenschaft repräsentiert. Man kann in diesem mittleren Weg auch das Bestreben sehen, eine Erkenntnisweise zu pflegen, die aus der reinen Beobachtung der Phänomene in streng goetheanistischer Art das Feld der Sinne in seinem Zusammenspiel zwischen der Ich-Wesenheit des Menschen und der Welt zu erkunden sucht. Dabei ist der leitende Gesichtspunkt, das Geistige in den sinnlichen Erscheinungen wahrnehmen zu lernen. Die neue Art der Betrachtung charakterisiert Rudolf Steiner wie folgt: «Zu dem Geistigen sollte man sich, wenn man von den Sinnen spricht, so stellen, dass man abwartet, inwiefern sich naturgemäß aus der Sinnesbeobachtung der Hinweis auf das Geistige ergibt. Weder abgewiesen noch vorausgesetzt darf das Geistige werden; es muss sein Hereinscheinen erwartet werden.» (7) Hier wird schon in wenigen Worten deutlich, dass das Buch den Leser auf einen sehr feinen und die innere Beobachtung anregenden Weg führen wird. Man kann diesen als eine Art absichtslose Suche empfinden, die in einer hingabevollen Erwartungsstimmung eine neue Welt zu entdecken sucht.

Zur Entstehung des Buches

Noch während der Generalversammlung 1909 kündigt Rudolf Steiner die schriftliche Fassung der Vorträge (8) an, die er bald publizieren wolle. Das vorliegende Manuskript, das 1951 als ‹Anthroposophie. Ein Fragment› veröffentlicht wurde, entstand zwischen Ende Oktober 1909 und November 1910. Noch kurz vor der Generalversammlung 1910 gibt Rudolf Steiner das unvollendete Manuskript in die Druckerei und korrigiert die eintreffenden Druckbögen, während er weiterschreibt. Im November unterbricht er jedoch diese Arbeit. Mit dem zehnten Kapitel endet der Text und die bereits gedruckten Bogen wurde nie zu einem Buch. Das Werk wurde nicht vollendet. Offen gebliebene Forschungsfragen, die Unmöglichkeit, das Darzustellende in eine adäquate sprachliche Form zu bringen, und Zeitmangel wegen Überlastung mit anderen Arbeiten verhinderten den Abschluss. In einem Vortrag(9) spricht er noch von anderen Gründen, die er näher erläutert. Wenn man schaut, was im gleichen Zeitraum an Schriften entstanden ist, ist bemerkenswert, dass Steiner im Dezember 1909 das Vorwort zur ersten Auflage der ‹Geheimwissenschaft› abgeschlossen hat. Beeindruckend ist auch, dass er nach dem Abschluss dieses großen Gesamtumrisses der Anthroposophie, der in der ‹Geheimwissenschaft› vorliegt, nun seine ‹Anthroposophie› in Angriff nimmt, die einen so anderen Charakter hat. Das wird beispielsweise in der näheren Bestimmung dessen, was ein Sinn ist, deutlich: «In anthroposophischer Beleuchtung darf alles dasjenige ein menschlicher Sinn genannt werden, was den Menschen dazu veranlasst, das Dasein eines Gegenstandes, Wesens oder Vorganges so anzuerkennen, dass er dieses Dasein in die physische Welt zu versetzen berechtigt ist.» (10) Ein Satz, der zu einer Meditation über das Verhältnis von Mensch und Welt anhand der Sinne werden kann.

Prozesse beschreiben erzeugt geistige Bewegung

Bezieht Steiner sich in der ‹Geheimwissenschaft im Umriss› noch auf die teilweise theosophische Terminologie, so tritt diese in der ‹Anthroposophie› sehr in den Hintergrund, oder wenn sie vorkommt, dann erscheinen die verwendeten Begriffe wie beispielsweise ‹ätherische Welt› oder ‹astrale Welt› ganz am Ende ausführlicher Darstellungen von Entwicklungsvorgängen, die in einer Art konsequenter geistiger Empirie entlang der inneren Beobachtung entwickelt werden. Die Darstellung schildert, wie die verschiedenen Sinne in ihrem Verhältnis zur Welt stehen und wie sie durch höhere Kräfte als Organe der Ich-Tätigkeit gebildet werden. Dieses fortwährend seelisch-geistiges Beobachten anregende und fordernde Vorgehen ist das Besondere dieses Buches. Es zeigt, dass Rudolf Steiner hier eine ganz andere Darstellungsform der Anthroposophie intendierte, als er sie bisher durch die Theosophie bedingt praktizieren konnte. Sie gerät nie ins Spekulative, sondern hält sich streng an die seelisch-geistige Beobachtung und strebt einen zwischen der leiblichen und der geistigen Sphäre fortwährend vermittelnden Weg an.

Zu dem Geistigen sollte man sich, wenn man von den Sinnen spricht, so stellen, dass man abwartet, inwiefern sich naturgemäß aus der Sinnesbeobachtung der Hinweis auf das Geistige ergibt. Weder abgewiesen noch vorausgesetzt darf das Geistige werden; es muss sein Hereinscheinen erwartet werden.

Das bis heute nur wenig gelesene Werk birgt gerade durch diese Ansätze ein großes Zukunftspotenzial, auch wenn es an die Leser hohe Ansprüche stellt. Der vorliegende Text vermittelt deutlich, in welche Richtung Rudolf Steiner arbeiten wollte. Er regt ein imaginatives und inspiratives Denken an, ja fordert es geradezu heraus. Die Wesensglieder werden hier in einer so anderen Weise dargestellt, dass ein ganz neues Licht auf sie fällt. So ist dieser Text, auch wenn er unvollendet blieb, durch das Wie seiner Darstellung hoch bedeutsam. Besonders das siebte Kapitel macht anschaulich, wie Rudolf Steiner durch Imaginationen den Übergang über die Schwelle in einer einzigartigen Weise beschreibt. Er führt die Leser im denkenden Mitvollziehen so über die Schwelle, dass dabei die Anschauung erhalten bleibt bzw. vom Sinnlichen ins Geistige überführt wird und der Vorgang selbst als eine vollständige Umstülpung erlebt werden kann. Folgende Sätze mögen beispielhaft auf diesen Zusammenhang hinweisen: «Alle Sinneserlebnisse sind nur, wie die vorhergehenden Betrachtungen ergeben, verschieden modifizierte oder abgestufte Ich-Erlebnisse. Im Erleben des Ich selbst steht der Mensch mit der übersinnlichen Welt in einer unmittelbaren Beziehung. Die anderen Ich-Erlebnisse werden ihm durch Organe vermittelt. Und durch die Organe offenbaren sich die Ich-Erlebnisse in der Mannigfaltigkeit der Sinnesgebiete.» (11)

In den vorangegangenen Kapiteln werden die einzelnen Sinneserlebnisse ausführlich entwickelt. Folgt man dem Gang der Betrachtung, der vom Lebenssinn ausgeht, bis hin zum Ich-Organismus, so wird evident, wie der Übergang von der sinnlichen Beobachtung zur geistigen durch eigene geistige Aktivität nachvollziehbar wird. Die Darstellung gipfelt am Beispiel des Begriffserlebens in einer Imagination, in der die Begegnung der unterschiedlichen Kräfteströme in Form eines Pflanzenbildes beschrieben wird. Das entscheidende Übergangsmoment ist dabei der Begriffs-, Laut- und Ich-Organismus, der die Grundlage für die übersinnliche Wahrnehmung darstellt. Rudolf Steiner skizziert, wie sich im Zusammenwirken der von «oben nach unten» und der «von unten nach oben» wirkenden Kräfteströme das Ich-Erleben entfaltet. Dass gerade bei den mit der Sprache und dem Denken zusammenhängenden Sinnen gleichsam der zentrale Punkt liegt, ist für das Verständnis des Menschen als Logoswesen sprechend.

Sinne und Logoswesen

Gerade mit diesem Motiv berühren wir den inneren Grund der Sinnesthematik im Zusammenhang mit dem Ich, die in ihrer mehr innerlichen Seite tief mit dem Wesen des Christus verbunden ist. In verschiedenen Mitgliedervorträgen in Verbindung mit dem 5. Evangelium schildert Rudolf Steiner im Jahr 191412 die geistigen Vorstufen des Mysteriums von Golgatha. Die Christuswesenheit begleitete die Entwicklung des Menschen seit den allerersten Anfängen während der planetarischen Entwicklungsepoche auf dem alten Saturn. Als der Mensch dann während der lemurischen Zeit der Erdentwicklung durch luziferische und ahrimanische Wesen verführt wurde, die sein Sinneswesen in Unordnung und Chaos versetzen wollten, besänftigte die Christuswesenheit diese Wirkungen. Bis heute sind wir, dieses geisteswissenschaftliche Forschungsergebnis Rudolf Steiners berücksichtigend, in unserem Ich-Erleben durch unsere Sinne nicht nur mit der inneren und äußeren Welt verbunden, sondern erfahren zugleich fortwährend die harmonisierende Wirkung des Christus. In diesen Bereich mehr Bewusstsein zu bringen, führt somit auch in eine andere Aufmerksamkeit gegenüber diesem Wesen.


Von der Metamorphose der Sinne

Rudolf Steiners Werk ‹Anthroposophie. Ein Fragment› und seine Sinneslehre

10. – 12. Mai 2019 am Goetheanum.

Für uns Heutige scheint gerade der Zugang zum Menschen über die Sinne zentral, auch angesichts der Herausforderungen der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz, durch die die Bedeutung des Leibes und des Ich infrage gestellt oder negiert werden. Die im Rahmen der Sektion für Schöne Wissenschaften Mitte März des vergangenen Jahres veranstaltete Studientagung ‹Vom Sinn der Sinne. Zu Rudolf Steiners Werk ‹Anthroposophie. Ein Fragment›, an der 120 Menschen teilnahmen, hat erste Horizonte zu diesem Buch eröffnet. Wir möchten die Arbeit 2019 vom 10. bis 12. Mai fortsetzen. Das Studium der Menschenkunde und der Wesensglieder in Pädagogik, Heilpädagogik, Medizin, Eurythmie und anderen Fachbereichen könnte durch diese ganz andere Zugangsart erfrischt und belebt werden. An dieser zweiten Tagung erweitern wir den Horizont thematisch und beziehen auch die späteren Darstellungen Rudolf Steiners zu Sinneslehre, Menschenkunde, Christologie und Karmaforschung mit ein. Die Tagung findet wieder im Rahmen der Sektion für Schöne Wissenschaften statt und wird von Seija Zimmermann, Jaap Sijmons und Christiane Haid verantwortet.

Mit: Torsten Arncken, Martin Basfeld, Christiane Haid, Detlef Hardorp, Constanza Kaliks, Salvatore Lavecchia, Jaap Sijmons, Seija Zimmermann.


(1) Rudolf Steiner: Anthroposophie, Psychosophie, Pneumatosophie. GA 115, Dornach 2012.
(2) Ebenda, S. 15.
(3) Ebenda, S. 15.
(4) Ebenda, S. 16.
(5) Siehe: Rudolf Steiner, Mein Lebensgang. Kap. XXX, S. 394.
(6) Ebenda, S. 18.
(7) Rudolf Steiner, Anthroposophie. Ein Fragment. 5. Aufl., Dornach 2009, S. 21.
(8) Die Vorträge über ‹Anthroposophie› waren der erste Teil eines dreistufigen Vorhabens, das 1909 zunächst die leibliche Wesenheit des Menschen in ihrem Zusammenhang mit der seelischen und geistigen Welt behandelte und 1910 mit vier Vorträgen zur ‹Psychosophie› fortgesetzt wurde, in der die seelische Wesenheit des Menschen im Mittelpunkt stand. Abgeschlossen wurde die Reihe 1911 mit vier Vorträgen über ‹Pneumatosophie›, in der die geistige Wesenheit des Menschen entwickelt wurde. Den beiden letzten Vortragsreihen liegen keine schriftlichen Fassungen zugrunde. Veröffentlicht in GA 115, siehe Anmerkung 1. (9) Rudolf Steiner: Naturbeobachtung, Mathematik, wissenschaftliches Experiment und Erkenntnisergebnisse vom Gesichtspunkte der Anthroposophie, GA 324, Vortrag vom 22. März 1921
(10) Rudolf Steiner, Anthroposophie. Ein Fragment. 5. Aufl., Dornach 2009, S. 23.
(11) Ebenda, S. 66. 12 Rudolf Steiner, Vorstufen zum Mysterium von Golgatha. GA 152, Dornach 1990, Vorträge vom 5., 7., 30. März 1914.

Bild: Christiane Haid, Metamorphose, Acryl auf Hartfaserplatte, 10 × 10, 2019

Ergänzung (10.5.2019): Christoph Hueck macht darauf aufmerksam, dass das Zitat von Rudolf Steiner aus seinem Lebensgang unvollständig wiedergegeben wurde. Vollständig lautet es: «Stelle dich in die Mitte zwischen Gott und Natur, lass den Menschen in dir sprechen über das, was über dir ist und in dich hineinleuchtet, und über das, was von unten in dich hineinragt, dann hast du Anthroposophie, die Weisheit, die der Mensch spricht.»

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