Der wissenschaftliche Kern der Anthroposophie

Der wissenschaftliche Kern der Anthroposophie

Wie die weltweite Verbreitung der anthroposophischen Bewegung zeigt, überzeugt Anthroposophie durch ihre lebenspraktischen Anwendungen. Dennoch scheint die Anthroposophie selbst weniger Akzeptanz zu genießen und vor allem ihr Anspruch auf Wissenschaftlichkeit wird oft nicht verstanden. 2016 veröffentlichte Peter Heusser von der Universität Witten/Herdecke das Buch ‹Anthroposophie und Wissenschaft, eine Einführung› (1). Wir haben ihn gefragt, inwiefern die Anthroposophie nicht als religiöse Weltanschauung, als dogmatischer Glaube zu sehen ist, sondern als eine Wissenschaft unter den Wissenschaften.


Die Anthroposophie versteht sich als eine empirische Geisteswissenschaft, die Erkenntnisse über die geistigen Bereiche der Wirklichkeit mit derselben Erkenntnissicherheit gewinnen und für die praktischen Lebensbedürfnisse fruchtbar machen möchte, wie das die Naturwissenschaft für die materiellen Bereiche der Wirklichkeit mit großem Erfolg bereits seit mehreren Jahrhunderten tut. Anthroposophie ist somit eine jüngere Schwester der Naturwissenschaft. Sie ist mit ihrer geisteswissenschaftlichen Erkenntnismethodik schon von Denkern des 19. Jahrhunderts gefordert worden, so von Ignaz Paul Vital Troxler (1780–1866) an den Universitäten Basel und Bern und von Immanuel Hermann Fichte (1796–1879) an der Universität Tübingen. Erkenntniswissenschaftlich begründet, methodisch ausgearbeitet und bis in Einzelheiten erforscht wurde die Anthroposophie dann bekanntlich um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert durch Rudolf Steiner. Daraus ist eine Vielzahl von erfolgreichen praktischen Anwendungsgebieten in Medizin, Pädagogik, Heilpädagogik, Landwirtschaft, Ernährung, Ökonomie, Architektur, Kunst und sozialer Praxis entstanden.

Die Verstärkung des Denkens

Die geisteswissenschaftliche Erkenntnismethodik der Anthroposophie beruht auf demselben empirischen Erkenntnisprinzip wie diejenige der Naturwissenschaft, das heißt auf systematischem Beobachten und Denken, aber angewendet auf ein anderes Wahrnehmungsgebiet. So wie sich das naturwissenschaftliche Erkennen auf sinnlich-materielle Tatsachen und Prozesse richtet, so richtet sich das geisteswissenschaftliche Erkennen auf nicht-sinnliche und immaterielle Tatsachen und Prozesse. Solche Tatsachen und Prozesse gibt es. So können schon die Kräfte der Materie nicht mehr sinnlich wahrgenommen werden; ihre Existenz kann von der Naturwissenschaft immer nur aufgrund ihrer sinnlich wahrnehmbaren Wirkungen indirekt erschlossen werden. Ebenso kann man zeigen, dass das organismische Leben, über das schon Pflanzen im Unterschied zu Maschinen verfügen, ferner das seelische Leben in Mensch und Tier und schließlich die geistigen Fähigkeiten des Menschen auf je eigenen, aber immateriellen Kräftewirksamkeiten beruhen. Auch diese Kräfte können von der Naturwissenschaft indirekt erschlossen, aber nicht direkt wahrgenommen werden, ein Grund übrigens für ihre häufige Ablehnung durch die materialistische Weltanschauung.

Rudolf Steiner hat methodisch gezeigt, wie die Kraft des Denkens so verstärkt und ausgeweitet werden kann, dass sie in der Außenwelt ebenso lebendige geistige Kräfte wahrzunehmen lernt, wie sie im gewöhnlichen Bewusstsein die wirkenden Gesetzmäßigkeiten dieser Außenwelt nur als lebens- und kraftlose, das heißt abstrakte geistige Ideen erfassen kann.

Aber diese Ablehnung ist unnötig und aus empirischen Gründen nicht korrekt. Denn der Mensch kennt die Existenz immaterieller Kräfte sehr wohl, und zwar zunächst durch sein eigenes seelisch-geistiges Innenleben. Jedermann weiß, dass man zum Beispiel eine mathematische Aufgabe nur dadurch lösen kann, dass man seine Denkkraft betätigt. Das Denkkrafterlebnis ist ein sehr reales seelisch-geistiges Erlebnis. Es abzuleugnen und nur das materielle Gehirn als Realität zu akzeptieren, ist wissenschaftlich völlig inkonsequent. Das Gehirn ist nur die notwendige körperliche Bedingung, aber nicht die Ursache für das Denken. Das Denken erlebt man auch nicht draußen durch Sinnesorgane wie der Anatom das Gehirn, sondern durch seelisch-geistige Innenwahrnehmung. Diese Innenwahrnehmung ist die Grundlage jeder wissenschaftlichen Psychologie und Geistphilosophie, die es neben der Naturwissenschaft selbstverständlich auch gibt und die man deshalb mit Recht als Geisteswissenschaft bezeichnet. Aber diese Innenwahrnehmung kann gegenüber dem gewöhnlichen Bewusstsein erweitert und die Geisteswissenschaft vertieft bzw. zur empirischen Geisteswissenschaft im Sinne der Anthroposophie ausgebildet werden. Rudolf Steiner hat methodisch gezeigt, wie die Kraft des Denkens durch systematische Übung allmählich so verstärkt und ausgeweitet werden kann, dass sie in der Außenwelt ebenso lebendige geistige Kräfte wahrzunehmen lernt, wie sie im gewöhnlichen Bewusstsein die wirkenden Gesetzmäßigkeiten dieser Außenwelt nur als lebens- und kraftlose, das heißt abstrakte geistige Ideen erfassen kann. Das durch Übung verstärkte Denken, und auf weiteren Stufen auch das durch Übung verstärkte Fühlen und Wollen, wird so zum geistigen Organ für eine direkte geistige Wahrnehmung und Erkenntnis der immateriellen Kräfte, Prozesse und Wesen in Mensch, Natur und Kosmos, von denen die Anthroposophie spricht.

 
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Als Zerrbild kritisiert

Die Inhalte der Anthroposophie haben eine enorme Bedeutung für die Lebenspraxis und das soziale Leben. Ein Beispiel dafür ist die Idee, dass der Mensch nicht nur ein materielles Wesen ist, sondern dass sein physischer Körper mit seinen materiellen Stoffen und Kräften von drei weiteren Klassen von Kräften durchwirkt wird. Das sind die Kräfte des Lebens, der Seele und des menschlichen Geistes. Deren geordnete oder ungeordnete Wechselwirkung mit den physischen Kräften des Körpers ist verantwortlich für die Prozesse von Gesundheit und Krankheit und die normale oder pathologische leiblich-seelisch-geistige Entwicklung des Menschen. Für Medizin und Pädagogik sind solche Erkenntnisse von erheblicher Bedeutung. Ein anderes Beispiel ist die Wirksamkeit von kosmischen, mit der Sonne, dem Mond und anderen Gestirnen zusammenhängenden Kräften in den Lebensprozessen der Pflanzen, was zum Beispiel für die Landwirtschaft von praktischer Relevanz ist. Die anthroposophische Medizin, die Waldorfpädagogik, die anthroposophische Heilpädagogik und die biologisch-dynamische Landwirtschaft beruhen auf solchen geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen.

Solange man nicht selbst über die Fähigkeit geistigen Wahrnehmens verfügt, wird man verständlicherweise Zweifel daran hegen können, ob es eine solche Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit überhaupt gibt und ob die Anthroposophie nicht bloß ein philosophisches Konstrukt sei.

Aber wie soll man sich zu solchen geisteswissenschaftlichen Ideen verhalten, von denen zudem auch heute noch die meisten auf Rudolf Steiner selbst zurückgehen? Solange man nicht selbst über die Fähigkeit geistigen Wahrnehmens verfügt, wird man verständlicherweise Zweifel daran hegen können, ob es eine solche Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit überhaupt gibt und ob die Anthroposophie nicht bloß ein philosophisches Konstrukt sei. Vertreter materialistischer und agnostizistischer Weltanschauungen lehnen zudem die Existenz immaterieller Prozesse und wesenhafter Kräfte in Mensch, Natur und Kosmos a priori ab oder bestreiten wenigstens ihre Erkennbarkeit durch den Menschen. Dem anthroposophischen Menschen- und Weltbild wird auf solchen Voraussetzungen ein vernünftiger Bezug zur Realität und ein wissenschaftlicher Wert oft abgesprochen; die Anthroposophie wird dann für eine Art Glaube oder Dogma gehalten, kritisiert oder gar bekämpft, meist jedoch, ohne dass die entsprechenden Kritiker sich gründlich mit der Anthroposophie beschäftigt oder sich gar in ihre Wissenschaftsgrundlagen eingearbeitet hätten. Was dann kritisiert wird, ist oft gar nicht die Anthroposophie, sondern ein Zerrbild, das man sich vorher selbst von ihr gemacht hat. Andererseits gibt es auch immer wieder Vertreter der Anthroposophie, die sich unwissenschaftlich oder gar dogmatisch verhalten und weder die konventionelle Wissenschaft noch die Wissenschaftsbasis der Anthroposophie selbst zu würdigen verstehen. Was bei solchen Auseinandersetzungen meist unberücksichtigt bleibt, ist, wie die Anthroposophie selbst ihre Wissenschaftlichkeit sieht, und vor allem, wie sie ihr Verhältnis zur akademischen Wissenschaft versteht und praktiziert.

 
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Anregungen müssen empirisch überprüft werden

Dass die Anthroposophie als Geisteswissenschaft auf geistigem Beobachtungsgebiet nach demselben Prinzip des Erkennens vorgehen will wie die Naturwissenschaft auf sinnlich-materiellem Beobachtungsgebiet, wurde oben schon erwähnt. Und ebenso wurde geschildert, dass ihre Methode, zu geistiger Wahrnehmung zu gelangen, auf einer systematischen Verstärkung der gewöhnlichen Denkkraft beruht, also derjenigen Denkkraft, welche jeglicher Form von Wissenschaftlichkeit zugrunde liegt und liegen muss. Schon diese Grundlagen sind sehr oft unbekannt. Und ebenso wird selten berücksichtigt, dass die Anthroposophie für ihre Erkenntnisresultate keinerlei Anerkennung verlangt, die auf einer Umgehung oder Missachtung der akademischen Wissenschaft beruhen würde. Im Gegenteil: In den Vorträgen über Medizin, die Rudolf Steiner von 1920 bis 1924 auf Anfrage von Pharmazeuten, Ärzten und Medizinstudierenden gehalten hat und die die Hauptgrundlage für die seither erfolgte Entwicklung der anthroposophisch erweiterten Medizin bilden, wiederholte Steiner immer wieder, dass er diese Ausführungen als Anregungen verstehe, die gegenüber der Wissenschaft zunächst keinen anderen Status als den von Hypothesen, Leitideen oder regulativen Prinzipien beanspruchen, die mit den in der Medizin üblichen anerkannten empirisch-wissenschaftlichen Methoden ausgearbeitet und verifiziert werden müssten:

«Es kann sich ja wirklich bei alledem, was für Medizin und zum Beispiel auch für Physiologie von anthroposophischer Geistesforschung herkommt, nur um Anregungen handeln, die dann empirisch weiterbearbeitet werden müssen. Erst auf der Grundlage dieser empirischen Weiterarbeit kann sich über die Dinge, um die es sich handelt, ein gültiges, überzeugendes Urteil bilden, ein Urteil von der Art, wie man es auf therapeutischem Gebiete braucht.» (2) Oder: «Ich wollte das im Prinzip anführen, damit Sie sehen, wie auf einer Ratio diese Dinge beruhen, aber die Ratio soll nur regulatives Prinzip sein. Sie werden sehen, dass dasjenige, was durch diese regulativen Prinzipien behauptet wird, verifiziert werden kann auf die Weise, wie überhaupt solche Tatbestände nach den Gewohnheiten der heutigen Medizin verifiziert werden. Wir wollen auch gar keinen Anspruch darauf erheben, dass diese Dinge irgendwie als Behauptung hingenommen werden sollen, bevor die Verifizierung da ist.» (3)

Heute nennt man das hier von Steiner selbst geltend gemachte Prinzip der naturwissenschaftlichen Überprüfung geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse das Prinzip der ‹evidenzbasierten Medizin›. Damit ist für das Gebiet der Medizin gezeigt, dass die anthroposophischen Konzepte dasselbe Verhältnis zur akademischen Wissenschaft haben wie die Konzepte und Hypothesen aus allen anderen Wissensbereichen: Sie haben sich der empirischen Forschung zu stellen. Das gilt selbstredend nicht nur für die anthroposophische Medizin und ihre Therapien, sondern ebenso für die Grundlagen der anthroposophischen Pädagogik, Landwirtschaft usw. Die Aufforderung zu einer wissenschaftlichen Überprüfung anthroposophischer Konzepte durch die anerkannten Wissenschaftsmethoden hat Steiner zudem nicht erst bei der Inauguration dieser lebenspraktischen Anwendungsgebiete der Anthroposophie in den letzten Jahren seines Lebens ausgesprochen, sondern bekanntlich schon in der ‹Geheimwissenschaft im Umriss› von 19104, seiner ersten und gleichzeitig umfassendsten Schrift zum anthroposophisch-geisteswissenschaftlichen Verständnis von Erde, Mensch und Kosmos. Auch die geisteswissenschaftliche Überprüfung von Steiners Angaben kann und muss auf empirische Weise, durch eigene geistige Arbeit und innere Beobachtung, geschehen. Dass das prinzipiell möglich ist, kann man bereits bei den ersten Schritten des geistigen Schulungswegs sehen, so wie er zum Beispiel in der ‹Philosophie der Freiheit› (5) und in ‹Wie erlangt man Erkenntnisse des höheren Welten?› (6) beschrieben ist.

Stand der anerkannten Forschung

Die wissenschaftliche Überprüfung anthroposophischer Konzepte durch die empirischen Forschungsmethoden der anerkannten Wissenschaft hat denn auch dazu geführt, dass ca. seit der Mitte des 20. Jahrhunderts immer mehr anthroposophisch orientierte Forscher an Universitäten tätig geworden sind, ein Trend, der – unterstützt durch Volksinitiativen und Fördergelder von Stiftungen und anthroposophischen Firmen – in den letzten 25 Jahren stark zugenommen hat, mit der Folge, dass zum Beispiel in der Medizin eine ganze Reihe von jungen Forschern mit anthroposophisch-wissenschaftlichen Themen habilitiert und an mehreren Universitäten Professuren für anthroposophisch-medizinische Forschung und Lehre eingerichtet worden sind, so in Witten/Herdecke, Berlin und Freiburg (Deutschland), Bern (Schweiz), Leiden (Holland) und Ann Arbor (Michigan, USA).

Am weitesten vorangeschritten ist die empirische Überprüfung anthroposophischer Konzepte durch allgemein anerkannte Wissenschaftsmethoden in der Medizin. Zahlreiche anthroposophische Leitideen können heute aufgrund von Forschungsprojekten, Dissertationen und wissenschaftlichen Publikationen als belegt bzw. als völlig kompatibel mit den naturwissenschaftlichen und psychologischen Fakten gelten, so etwa die Viergliederung des Menschen nach Körper (physischer Leib), Leben (Ätherleib), Seele (Astralleib) und Geist (Ich); die funktionelle Dreigliederung des Gesamtorganismus in Nerven-Sinnes-System, rhythmisches System und Kreislaufsystem; die Sinneslehre Rudolf Steiners, insbesondere mit den erstmals von Steiner beschriebenen Sinnen für die soziale Perzeption: Sprachsinn, Gedankensinn und Ich-Sinn; die Aussage Steiners, dass das Seelisch-Geistige nicht nur im Gehirn, sondern im ganzen Organismus seine leibliche Grundlage habe und dass das Bewusstsein auf Abbau, nicht auf Aufbau beruhe; die Herz- und Kreislauflehre Steiners (die primäre Eigenbewegung des Blutes, die organismische, nicht pumpenartig zu denkende Herzfunktion); die Milz als rhythmisch-regulatorisches Organ bei der Nahrungsaufnahme; der funktionelle Zusammenhang von Darm (Bakterienbesiedlung) und Gehirn (Denken). Ferner sind eine Reihe der erstmals von Steiner und später von anthroposophischen Ärzten für die Therapie vorgeschlagenen Heilmittel aus dem Mineral- und Pflanzenbereich sowohl klinisch wie auch durch Laborexperimente im Sinne der geisteswissenschaftlich vorausgesagten Wirksamkeit naturwissenschaftlich bestätigt worden, so zum Beispiel die Mistel bei Tumoren, Antimon bei Blutstillung, Quitte/Zitrone bei Heuschnupfen, Birkenrinde bei Hautkrankheiten, Schlüsselblume/Bilsenkraut/Eselsdistel bei Herzfunktionsstörungen, Keimzumpe (Bryophyllum) zur Wehenhemmung, ferner generell die Wirksamkeit potenzierter Substanzen, auch völlig unabhängig von dem von Kritikern immer ins Feld geführten Placeboeffekt beim Menschen. Gewiss ist vieles noch nicht entwickelt und nachgewiesen, aber das ist angesichts der im Vergleich zur konventionellen Medizin immer noch sehr kleinen personellen, finanziellen und institutionellen Ressourcen der anthroposophischen Medizin nicht anders zu erwarten. In der Schweiz hat der in einer nationalen Evaluation überprüfte wissenschaftliche Stand der anthroposophischen Medizin zu ihrer Aufnahme in die obligatorische Grundversicherung geführt. Die anthroposophischen Spitäler sind in Deutschland und der Schweiz Teil der öffentlichen Spitalplanung und offiziell anerkannte Ausbildungsstätten für die nationalen Facharztausbildungsprogramme. Denn entsprechend ihrem Grundkonzept ist anthroposophische Medizin eben keine Alternativmedizin, sondern geisteswissenschaftlich erweiterte naturwissenschaftliche Medizin.

 
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Die Hochschule für anthroposophische Geisteswissenschaft

Die von Rudolf Steiner inaugurierte Hochschule für Geisteswissenschaft hat das Ziel der Forschung auf geistigem Feld im oben genannten Sinn; sie ist deshalb keine Konkurrenz oder kein Ersatz zur konventionellen Hochschule, sondern ergänzt deren Zielsetzungen nach der geistigen Seite hin. Allerdings ist diese Hochschule gegliedert in Fachsektionen (zum Beispiel medizinische, pädagogische, landwirtschaftliche, naturwissenschaftliche, mathematisch-astronomische Sektion usw.); und deren Aufgabe ist dann auch die Verbindung der geisteswissenschaftlichen mit den naturwissenschaftlichen Perspektiven in Forschung, Lehre und Praxis. Von einem repräsentativen anthroposophischen Wissenschaftler auf einem konkreten Lebensfeld wie der Medizin darf deshalb erwartet werden, dass er sowohl ein ausgewiesener Wissenschaftler in Sinn der Universitätswissenschaft ist wie auch ein aktiv nach Erkenntnis strebender Mensch ist im Sinne des anthroposophischen Erkenntniswegs und der Hochschule für Geisteswissenschaft. Aber auch von einem forschenden Repräsentanten der Anthroposophie ohne akademischen Hintergrund darf erwartet werden, dass er oder sie sich auf dem entsprechenden Fachgebiet und in der Anthroposophie durch objektives Wahrnehmen und Denken so verhält, wie das für die Wissenschaft notwendig ist. Forschung auf geistigem Feld bedeutet dann sowohl die sukzessive Ausbildung einer empirisch-geisteswissenschaftlichen Forschungskapazität wie auch die systematische Rezeption geisteswissenschaftlicher Forschungsresultate und deren empirische Ausarbeitung und Überprüfung durch naturwissenschaftliche, psychologische oder weitere konventionell-wissenschaftliche Methoden in den spezifischen Fachsektionen. So hat Rudolf Steiner zum Beispiel die Aufgabe der Medizinischen Sektion für die Ausbildung des anthroposophisch-medizinischen ‹Systems› selbst charakterisiert (7), im vollen Bewusstsein, dass das ein über Generationen dauernder Prozess sein würde. (8)

Die erkenntniswissenschaftlichen Grundlagen der Anthroposophie

Dazu gehört auch – und das wird leider noch viel zu wenig berücksichtigt – eine Fähigkeitsausbildung in den erkenntniswissenschaftlichen Grundlagen der Anthroposophie. Denn diese bilden gleichzeitig die Basis der anthroposophischen Wissenschaftsmethode wie auch die Basis einer streng an Wahrnehmung und Denken orientierten Naturwissenschaft, auch im Sinne Goethes. Rudolf Steiner selbst hat deswegen vom anthroposophischen Wissenschaftler erwartet, dass er sich geistig an der ‹Philosophie der Freiheit› schule (9). Durch ein auf dieser Grundlage geschultes Beobachten und Denken können die materialistischen Modellvorstellungen, mit denen die akademische Wissenschaft ihre naturwissenschaftlichen Fakten auch heute noch interpretiert (was völlig unnötig ist), allmählich überwunden und eine neue, menschen- und geistgemäße wissenschaftliche Gesamtsicht von Mensch, Natur und Kosmos entwickelt werden. Diese kann dann den Boden abgeben für einen sukzessiven Ausgleich der vielen Schäden, die durch die einseitig materialistische Weltanschauung und die aus ihr folgende Gesinnung in der modernen Zivilisation und in der Natur entstanden sind.


Bilder: Jasmina Bogdanovic, Farbansichten, Tempera auf handgeschöpftem Papier, ca. 56 x 76 cm, 2011

(1) Peter Heusser, Anthroposophie und Wissenschaft. Eine Einführung, Verlag am Goetheanum, Dornach 2016
(2) Rudolf Steiner, Physiologisch-Therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft, GA 314, Vortrag vom 26. Oktober 1922
(3) Ebd., Vortrag vom 27. Oktober 1922
(4) Rudolf Steiner, Die Geheimwissenschaft im Umriss, GA 13
(5) Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, GA 4
(6) Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, GA 10
(7) Rudolf Steiner, Meditative Betrachtungen und Anleitungen zur Vertiefung der Heilkunst, GA 316, Vortrag vom 5. Januar 1924
(8) Rudolf Steiner, Das Initiaten-Bewusstsein, GA 243, Vortrag vom 21. August 1924
(9) Rudolf Steiner, Grenzen der Naturerkenntnis, GA 322, Vortrag vom 3. Oktober 1922

Weiterführende Literatur

Rudolf Steiner – Seine Bedeutung für Wissenschaft und Leben heute, P. Heusser, J. Weinzirl (Hrsg.), Schattauer Verlag, 2013

Anthroposophie und Hochschule
Geisteswissenschaftliche Perspektiven von Forschung, Studium und Ausbildung, T. Tzdrazil, P. Selg (Hg.), Verlag des Ita-Wegman-Instituts, 2017

Goetheanum – Freie Hochschule für Geisteswissenschaft. Geschichte und Forschung der Sektionen, C. Haid, C. Kaliks, S. Zimmermann (Hrsg.), Verlag am Goetheanum, 2018

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