Die öffentliche und die verborgene Seite der Dreigliederungskampagne

Die öffentliche und die verborgene Seite der Dreigliederungskampagne

Vor hundert Jahren, in dem vom Krieg geschlagenen Europa, kulminierte Rudolf Steiners politische Arbeit zur sozialen Dreigliederung. Werden Rudolf Steiners politische Mühen und seine inneren Motive zusammengeschaut, wirft dies ein Licht auf die stets aktuelle Frage, wie Esoterik und Exoterik, innere und äußere Arbeit sich im Bezug zueinander steigern können.


Der soziale Tempelbau

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Eine politische Kampagne muss mit einfachen, immer wiederholbaren Gedanken arbeiten. Alles, was in einer Kampagne öffentlich getan wird, braucht einen hohen Wiedererkennungswert auch für einfachste Gemüter. Dadurch allein entsteht ein gesellschaftliches Gebilde, das in einer geeigneten historischen Situation etwas bewirkt. Fraglose Eindeutigkeit und das Sammeln der Energie in wenigen Punkten ist dafür notwendig. So verdichtet man ‹soziale Willenssubstanz›, die in sich selbst ‹dunkel› ist, nicht erkenntnisleuchtend.

Zum öffentlichen Teil einer Kampagne gehört ihr verborgenes ‹anderes›, das in die Äußerungen der Kampagne nicht hineinfließen kann: Es ist die Erkenntnisseite der politischen Aktion. Sie ist die vollständige Polarität zur aktiven Form der Kampagne. Man will nichts. Die Welt soll sprechen und sagen, wie es ist. Nicht wollend, nicht wünschend, in völligem Verzicht auf Wirksamkeit hört man zu. In der Erkenntnis wird der politische Aktivist ganz ausgelöscht. Und dann spricht die soziale Wirklichkeit und zeigt sich, wie sie ist: hochkomplex, widersprüchlich und vielschichtig. Aus diesem Zustand der Erkenntnis allein kann man eine Kampagne mit Sinn erfüllen, entblinden, ihre Bewegungen enttölpeln und entbrutalisieren.

Das sind die exoterische und die esoterische Seite einer Kampagne, die öffentliche und die verborgene oder die politische und die metapolitische. Entscheidend ist, dass man den Abgrund versteht, der zwischen beiden liegt, und dass man ihn geistig und seelisch in beide Richtungen sicher überspringen kann. Der Esoteriker muss das jenseits Gewonnene umgießen können in etwas, das unmittelbar soziale Stoßkraft entwickelt. Hier der politisch Wirksame (Agierende, Agitierende) und dort der alles Hinnehmende, in der Empfänglichkeit Ersterbende, diese beiden müssen im Verwandlungssprung über den Abgrund stets neu zu dem ‹aus Erkenntnis Handelnden› verbunden werden.

Unbequem, ja schmerzhaft ist es, das auch nur zu begreifen. Das merkt man, wenn man gedanklich erfühlt: Die exoterische Seite einer Kampagne ist elementar demokratisch-egalitär-gemeinschaftlich. Die esoterische Seite ist radikal aristokratisch-hierarchisch-solitär. Solch gänzlich Unvereinbares will allezeit eins ins andere verwandelt werden. Dies geschieht auch dadurch, dass auf der egalitär-demokratischen Seite die hierarchisch-aristokratische Führung nicht besprochen, aber fühlbar gemacht wird. Und es geschieht dadurch, dass die aristokratische Seite sich ganz an der Selbstopferung ausrichtet.

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Die verborgene Seite der Kampagne

Die exoterische Seite einer Kampagne ist elementar demokratisch-egalitär-gemeinschaftlich. Die esoterische Seite ist radikal aristokratisch-hierarchisch-solitär.

Ein Jahrzehnt vor der Dreigliederungszeit bereitete Rudolf Steiner alle diese Dinge vor. In seinen Demonstrationskulten für eine mögliche Freimaurerei übte er mit seinen Schülern den sozialen Tempelbau, die Entwicklung und Kultivierung der Kräfte, mit denen man im Sozialen, in der Geschichte ‹baut›. Das, worauf er mit diesem Möglichen, noch nicht Realen hindeutete, nannte er aristokratisch «die Erneuerung der königlichen Kunst», die Kunst, Zivilisation zu gestalten. Dass es sich noch um einen Schein handelte, machte er durch die Feststellung deutlich, dass außer ihm und Marie von Sivers alle anderen Teilnehmer jener Arbeiten noch keinen realen Impuls verkörperten. Sie nähmen an einer (durch Jahre gehenden, sehr wirksamen) Demonstration teil. Man versteht die Sache also richtig, wenn man sich sagt: Die Arbeiterkampagne für Betriebsräte und Sozialisierung 1919 in Württemberg ist eine andere Seite der esoterischen Arbeit seit 1906, die mit Beginn des Weltkriegs aufgehoben werden musste. Freimaurerei und die Kampagne für Soziale Dreigliederung sind so eins wie rechte Herzkammer und linke Herzkammer, wie Todeskräfte tragendes Blut und belebendes Blut.

Rudolf Steiner sieht Stalin und Hitler vor sich

Normalerweise wird die Kampagne nicht in ihrem tatsächlichen Umfang wahrgenommen. Sie beginnt früher, als meist angenommen, und sie umfasst ein ganz anderes Volumen an Vorträgen oder, um deutlicher zu sprechen: an Schulungen.

Am 1. September 1914 setzt sie ein, einen Monat nach Kriegsanfang. Rudolf Steiner beginnt eine ganz neue Art von Vorträgen, thematisch und stimmungsmäßig. So leistet er eine systematische Einführung in die Grundlagen der Geopolitik (GA 158, 9.–15. Nov. 1914), vorbereitet durch den ‹Volksseelenzyklus› von 1910. Er bereitet das Sprechen über die Hintergründe des Weltkriegs vor. Geschichte stellte er bis dahin vor allem in schönen und großen Zeitpanoramen dar; jetzt führt er ein in das Walten der unmittelbar schaffenden moralischen Geschichtsmächte. Er stellt die Hörer in das Ringen der Geister hinein und zeigt ihnen ihr eigenes Mitwirken in dem, was das Bild des Kampfes Michaels mit dem Drachen bezeichnen möchte. Die Vorträge erwecken ein inspiratives Mitleiden an der Weltgeschichte und ein Durch-Leiden-Verstehen. Sie sind Grundlagen für die Kampagne.

Allerdings muss er erleben: Vor diesen Denkweisen, vor diesen Themen schrecken die Zuhörer zurück. Vor ihnen verschließen sie die Ohren. Unermüdlich hält er Hunderte von Vorträgen über metapolitische Themen. So bereitet er seinen Einsatz für die Regierungen der Mittelmächte vor, so bereitet er die spätere sozialistische Dreigliederungskampagne vor. Er braucht ja Mitkämpfer, die wenigstens ein wenig verstehen, was geschieht, worum es geht, wo die eigentlichen Gefahren lauern und was er selbst vorhat.

Der Rudolf Steiner, der da die sehr ungewohnte, aber doch auch sehr einfache Idee von der Abgliederung des Erziehungswesens und der Wirtschaft vom Staat propagiert, hat doch ganz andere Dinge im Bewusstsein. Man versteht ihn nicht, wenn man sich nicht klar darüber ist, dass er das Nazireich und Stalin als geistige Realitäten vor sich sieht und diese als Vorhut des unausweichlichen Ahriman-Reiches versteht, das sich im amerikanischen Imperialismus inkarnieren wird. Stellen wir uns vor, wie er ahnt, dass der Staat das Schulwesen furchtbar missbrauchen wird – und er kann in der Kampagne nur über Abstraktionen wie Rechtsleben und Geistesleben reden. Er sieht die Auflösung Europas durch Migration, sieht uns in einer Völkerwanderungszeit (u. a. GA 188, 3. und 26. Jan. 1919, GA 196, 6. Feb. 1920) – und propagiert gerade einmal die Stützung der einzelnen Volkskulturen in einem staatsunabhängigen Geistesleben. Es müssten doch wenigstens einige verstehen, so hofft er, in welche konkrete Geschichtslage diese Dreigliederungsparolen einwirken sollen. Die Vorträge seit 1914 gehören wahrhaftig zur Kampagne!

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Was Rudolf Steiner wusste

Die Kampagne wächst aus dem Kern der anthroposophischen Bewegung hervor. Sie ‹ist› ein großer Teil des ‹Stirb und werde›-Vorgangs dessen, was die Anthroposophie noch nicht ist, aber einmal sein wird. Verstehen wir einige Hinweise Rudolf Steiners deutlicher.

‹Die Dreigliederung› ist von ihm nicht so generell gedacht, wie gern gemeint wird. Für Deutschland sei sie eine absolute Lebensnotwendigkeit. Schon den Schweizern sagt er, dass sie etwas besonders Gutes täten, wenn sie sich um den Impuls der Dreigliederung verdient machten, eben weil sie es nicht müssten. Sie täten es gewissermaßen freiwillig. So auch die Briten. Warum wäre die Dreigliederung allein für die Deutschen eine Lebensnotwendigkeit gewesen?

In einem bekannten Vortrag, ich referiere nach dem Gedächtnis, sagt Rudolf Steiner, es gehe mit der Dreigliederung um Leben und Tod des deutschen Volkstums. Nicht um das Überleben der einzelnen Menschen, sondern um den Fortbestand als Volkstum. Er wisse, dass das kaum zu begreifen sei, aber so sei es. Dieser drohende Verlust des Volkstums müsse einmal ausgesprochen werden. Die Schweiz und andere Länder könnten demnach ohne die Dreigliederung gut weiterbestehen, Deutschland aber nicht (oder nur als barbarisches Gebiet). Was liegt dem zugrunde?

Rudolf Steiner wusste, dass besondere Volksgeister führender Völker der indoeuropäischen Entwicklung sich nach der Vollendung ihrer Mission in einem einzelnen Volk von diesem Volk lösen, um eine epochale, völkerübergreifende Wirksamkeit zu entfalten. So hatten die Volksgeister der alten Griechen und Römer ihre Völker zurückgelassen, um den Geschichtsimpulsen für die nächsten 1000 bis 2000 Jahre Gestalt zu geben. Es entstand die katholische Kirche in orthodoxer und römischer Ausprägung. Er wusste natürlich auch, wie das griechische Volk nach dem Fortgang und Aufstieg seines Volksgeistes von den Römern ausgeraubt und niedergemacht wurde; als die Zeit für die Römer gekommen war, gerieten sie unter die Schwerter der germanischen Migranten. (Den Iren, die ein gleiches Volksschicksal für die Bildung des esoterischen Christentums in Europa auf sich nehmen mussten, geschah Ähnliches durch die Briten.)

Rudolf Steiner wusste, dass sich mit Goethes Tod der Volksgeist vom deutschen Volk gelöst hatte. Die Gefahren, die dem zurückgebliebenen Volkstum nun drohten, konnten ihm klar bewusst sein. Solche geistig verlassenen Volkstümer können nicht mehr tragfähige Staaten bilden. Es war gar nicht mehr möglich, einem deutschen Reich «eine aus dem Wesensinhalt der deutschen Volkheit entspringende Aufgabe zu stellen» (GA 23, Anhang). Was Otto v. Bismarck rein politisch großartig versuchte, war geistig leer. Ohne einen tragenden Geist musste es den Wichtigtuern wie Kaiser Wilhelm und den Militärdiktatoren und Putschisten wie Erich Ludendorff zufallen und letztlich zur Beute im Kampf der Meuten von Rotfront und SA herabsinken. Und diese Beute wollten nicht nur innerdeutsche Mächte kapern. Die Einsichtigen des angloamerikanischen Imperiums sahen auch, was da zu holen war. Das war ein größerer Kuchen als Irland.

Nach dem Weltkrieg brauchte das deutsche Volkstum einen Schutzraum, um nicht, wie Rudolf Steiner es ausdrückte, weiter «zertreten zu werden»; beim Zertreten denke man etwa an die Versailler Verträge. Schutz konnte dieses verlassene Volkstum nur in einem übernationalen Staat finden, um sich, vielleicht in Jahrhunderten, im inneren Anschluss an die geistige Arbeit seines ehemaligen Volksgeistes geordnet aufzulösen und über die Erde auszugießen. Diesen überlebensnotwendigen Schutzraum für das sterbend-werdende deutsche Volkstum zu schaffen, das war die Aufgabe der Kampagne. Es ging um konkrete Gefahren und um viele, viele Menschenleben.

Wenn man die Diskrepanz zwischen den Erkenntnissen Rudolf Steiners und seinen Besuchen von Arbeiterrat zu Arbeiterrat wie einen zerreißenden Schmerz erlebt, bekommt man ein Gefühl für seinen immer wieder niedergeschmetterten und ständig auferstehenden politischen Helferwillen.

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Bau und Kampagne gehen durch den Tod

Rudolf Steiner resümierte: Die Kampagne wurde missverstanden «auf allen Seiten». Nicht einmal fünf Menschen hätten sie verstanden. Graf Ludwig Polzer-Hoditz war möglicherweise der Einzige. Steiner musste wohl feststellen, dass die Möglichkeit für ein geschichtliches Wirken ab 1922 praktisch vorbei war.

Alle Ideen, diese Bemühungen um die Dreigliederung zu wiederholen, missverstehen die Größenordnung der Kampagne. Man kann das Erste Goetheanum nicht noch einmal wirksam aufbauen. Mit dem Niederbrennen ist es in die Geschichte eingegangen. Es war ja nicht nur ein schöner geistvoller Bau. Es war die Manifestation, dass der Sozialimpuls der Geisteswissenschaft, zu dem auch die esoterische Schule gehörte, tatsächlich zivilisationsverändernde Bauten errichten will und kann. Der Goetheanumbau gehörte mit zur Kampagne. Die Arbeitsgemeinschaft für diesen Bau zeigte, dass die Geisteswissenschaft zu Zivilisationsvorhaben befähigt ist. Der Bau legte vor Gott und der Welt Zeugnis dafür ab, dass hier ein Zivilisationsimpuls wirkte – und nicht nur politisch-soziales Wünschen oder illusionäres Wollen. Der Bau ging durch den Tod wie die Kampagne. Taten dieser Größenordnung können Normalsterbliche nicht tun.

Das Unheilbare heilen

Nichts von dieser Arbeit ist verloren. Die Tatenfolgen werden auferstehen. Noch in diesem Jahrhundert. Tod und Auferstehung standen auch Rudolf Steiner vor dem inneren Auge. Schon 1914 sprach er aus, dass der Bau die Jahrtausendwende nicht erleben werde. Er sei ein Same, aus dem erst am Ende des 21. Jahrhunderts die goldene Zeit für den Hochschulimpuls hervorsprossen werde. Und er wusste wohl auch, dass es unmöglich ist, das gefährdete Volkstum zu retten. Er hat immer wieder angedeutet, was in den Jahrzehnten nach dem Jahre 2000 alles zugrunde gehen würde, auch im Anthroposophischen. Aber er hat auch ausgesprochen, was die Götter wieder hervorrufen werden, wenn es an der Zeit ist. Nichts geht verloren. Und so wird wohl der deutsche Volksgeist noch in diesem Jahrhundert wieder erstehen als der Träger und Gestalter einer weltweiten geisteswissenschaftlichen Bewegung.

Rudolf Steiner hat als Esoteriker gehandelt: Einen Kranken einfach gut geisteswissenschaftlich-medizinisch zu behandeln, das sei noch keine Esoterik. Geistig zu schauen, dass der Kranke wegen seines Karmas nicht zu heilen sei, das sei noch keine Esoterik. Aber alles nur Mögliche zu tun, um den Kranken zu heilen, von dem man wisse, dass man ihn nicht heilen könne, das sei Esoterik. Wir dürfen uns ergänzen: So wird man als Meister tätig, so wirkt man in Tod und Auferstehung.

Aus den Tiefen des esoterischen Lebens

«Als von dem Dreigliederungsimpuls im sozialen Leben gesprochen worden ist, da war das gewissermaßen eine Prüfung, ob der Michael-Gedanke schon so stark ist, dass gefühlt werden kann, wie ein solcher Impuls unmittelbar aus den zeitgestaltenden Kräften herausquillt. Es war eine Prüfung der Menschenseele, ob der Michaelgedanke in einer Anzahl von Menschen stark genug ist. Nun, die Prüfung hat ein negatives Resultat ergeben. Der Michaelgedanke ist nicht stark genug in auch nur einer kleinen Anzahl von Menschen, um wirklich in seiner ganzen zeitgestaltenden Kraft und Kräftigkeit empfunden zu werden. Und es wird ja kaum möglich sein, die Menschenseelen für neue Aufgangskräfte so mit den urgestaltenden Weltenkräften zu verbinden, wie es notwendig ist, wenn nicht [...] aus den Tiefen des esoterischen Lebens heraus ein neugestaltender Impuls kommen kann.» (GA 223, 3. Vortrag)

Nachklang «Deutschland ist nichts, aber jeder einzelne Deutsche ist viel, und doch bilden sich Letztere gerade das Umgekehrte ein. Verpflanzt und zerstreut wie die Juden in alle Welt müssen die Deutschen werden, um die Masse des Guten ganz und zum Heile aller Nationen zu entwickeln, das in ihnen liegt.» Johann Wolfgang von Goethe im Gespräch mit Kanzler von Müller am 14. Dezember 1808