Das Blatt wendet sich

Anlässlich der Landwirtschaftlichen Tagung am Goetheanum (7.– 10. Februar) besprachen die Mitglieder des International Biodynamic Council die weltweite aufstrebende biodynamische Bewegung.


Wie präsentiert sich aktuell die weltweite biodynamische Bewegung?

Alexander Gerber (Vorstandssprecher Demeter Deutschland) Neulich hatte ich Demeter-Bauern aus Indien in Berlin zu Besuch. Sie waren verblüfft, was man in einem Bioladen an Demeter-Produkten kaufen kann. In jeder Warengruppe gibt es nicht nur eines, sondern mehrere Demeter-Produkte. Doch auch die Quantität steigt: In Deutschland werden von 1500 Bauern ca. 80 000 Hektar bewirtschaftet. Die Fläche ist in den letzten beiden Jahren um 4000 Hektar gewachsen, aber das reicht nicht, um die steigende Nachfrage zu decken. Die Nachfrage erreicht Südeuropa, sodass in Italien, Frankreich und Spanien viele große Betriebe für Gemüse- und Obstanbau jetzt umstellen. Das Problem: Dort gibt es keine Tierhaltung, die für einen Demeterhof dazugehört. Da kommen neue Fragen auf uns zu. Oder Kolumbien: Dort gibt es noch keine zertifizierten Betriebe, gleichwohl fragen deutsche Händler schon nach Demeter-Bananen und die ersten Betriebe stellen daraufhin um. Wie gelingt es, dass in solchen Ländern nicht nur für den Export produziert wird, sondern dass auch lokale Märkte entstehen? Wie gelingt es, dass auch Kleinbauern umstellen – dass sich nicht nur die ökologische, sondern auch die ökonomische Situation in diesen Ländern verbessert? Das Gegenbeispiel dazu ist Indien. Hier gibt es eine Vielzahl von biodynamisch arbeitenden Kleinbauern, die kaum exportieren. Hier geht es darum, die Marke Demeter in Indien zu etablieren. So sieht derzeit der Spannungsbogen aus, in dem wir weltweit stehen.

In welcher Größe spielt sich diese Vielfalt ab?

Cornelia Hauenschild 18 Mitgliedsländer bilden Demeter International und verwalten in ihrem Land selbstständig die Marke, ergreifen selbstständig Initiativen. Demeter International ist aber größer, denn in weiteren 45 Ländern haben wir Bauern und Gärtner in Kooperationen. Wir zertifizieren einzelne Betriebe und arbeiten mit Händlern zusammen.

Christoph Simpfendörfer Weltweit verfügt die Demeter-Bewegung damit über eine Fläche von 180 000 Hektar oder 1800 km2.

Wie sieht die Beziehung aus zwischen dem zertifizierten Bereich und der biodynamischen Bewegung?

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Ueli Hurter Die eigentlich zertifizierten Flächen sind das Herz, in dem die Marke vergeben wird. Gleichwohl noch einmal: Die biodynamische Bewegung ist viel größer. In Indien sind es mehrere 10 000 Menschen! Das sind Familienbetriebe, die in größeren Projekten eingebunden sind, in denen Demeter keine eigentliche Rolle spielt. Da ist die Demeter-Zertifizierung nicht das wesentliche Kriterium, hier müsste man eher auf die Menschen und ihre sozialen Bindungen schauen.

Wie viele Menschen, wie viele Kleinbetriebe sind daran beteiligt?

Hurter Die Projekte von Binita Shah umfassen 10 000 Betriebe und es gibt noch zwei weitere so große Projekte in Indien. In den kleinen mikrosozialen Bereichen, wo niemand zählt und Listen führt, wächst es noch schneller. Ein ähnliches Bild ergibt sich weltweit für den Weinbau, wo zahlreiche Winzer zwar um der Rebe und des Weines willen biologisch-dynamisch wirtschaften, aber sich gar nicht um eine Zertifizierung bemühen.

Simpfendörfer Dieses Phänomen gibt es generell: Es wird immer wieder gesagt, die Biobewegung wäre klein, hätte nur einen kleinen Prozentsatz. Jedoch gibt es Millionen Bauern, die zwar nicht in das Zertifizierungssystem eintreten, aber auf organischer Grundlage arbeiten. Das ist im biodynamischen Bereich nicht anders. Es gibt deshalb eine weltweite Polarität zwischen der Marke Demeter, die eine Rolle spielt, die sich von anderen Biomarken differenziert, indem sie eine besondere Qualität abbildet, und von der biodynamischen Methode. Die biodynamische Methode verbessert – wie wir es in Indien erlebt haben – handgreiflich die Lebensbedingungen der Bauern, und zwar ohne dass es einen separaten Markt gibt. Die Bauern können besser mit dem Klima umgehen, sie müssen weniger Stoffe zukaufen und haben eine bessere Produktqualität. Das greift um sich. Es gibt immer mehr Projekte, in denen die Biodynamik umgesetzt wird. Im Moment wird sehr stark auf das Klima fokussiert, es geht aber auch um die soziale Frage: Hilft die biologisch-dynamische Landwirtschaft den Menschen, eigenständig und handlungsfähig zu werden?

Wie wird die biodynamische Landwirtschaft weltweit wahrgenommen?

Gerber Bisher haben wir eher quantitativ darauf geschaut. Der qualitative Blick ist aber genauso interessant. Für das, was wir machen, ist weltweit eine Öffnung, eine neue Neugier zu erleben – in jeder Kultur allerding auf ihre Weise. In Deutschland hatten wir ein Treffen mit den Chefs der Umweltverbände, die Kirchen waren auch dabei, und alle betonten: «Wir wollen gern mit euch zusammenarbeiten, denn ihr seid derzeit die Einzigen, deren Arbeit auf Werten basiert.» In Lateinamerika ist das ganz anders: Da finden die Menschen den Zugang über das Empfinden, über gemeinsames Tun. Da bilden sich Gruppen, die neugierig Präparate herstellen. In Indien wiederum ist es selbstverständlich, dass man mit den Kräften des Kosmos umgeht, dass man sich nach dem Rhythmus richtet. Deshalb sind dort die Präparate etwas ganz Normales und fügen sich gut in die religiöse Gesellschaft hinein.

Jean-Michel Florin Es ist auch nicht nur der Weinbau, der sich so entwickelt, es gilt für die Landwirtschaft ganz allgemein, vor allem in Spanien, Italien und Frankreich, also den romanischen Ländern in Europa. Es wenden sich viele Betriebe an uns. Betriebe, die nicht in einer Nische sind oder sich ohnehin als Aussteiger empfinden, es sind jetzt auch große Betriebe. So fragte uns ein 2000 Hektar großer Betrieb mit Getreideanbau aus Südwestfrankreich, wie er innerhalb von zwei bis drei Jahren biodynamisch arbeiten könne. Ein erster Schritt war, sich Kühe auf den Hof zu holen. Ein anderer Betrieb mit 200 Hektar Obstanbau sagt, er möchte in drei Jahren auf Biodynamik umgestellt sein. Vor zwei Wochen habe ich Verantwortliche von 20 großen Bor­deaux-Schlössern getroffen, die wissen wollten: Wie geht das mit dem Demeter-Wein? Die biodynamische Landwirtschaft wird als Möglichkeit ernst genommen und dient nicht mehr nur dem Image, denn es geht nicht um Image, wenn ein Getreideproduzent bemerkt, dass die Böden sterben. Es wird auch gefragt, ob man in forstwirtschaftlichen Plantagen mit Biodynamik arbeiten kann. Ich kann von Spanien ähnliche Beispiele erzählen. Auch dort wollen viele Bauern wissen, wie man auf Biodynamik umstellen kann. Das alles sind Leute, die uns bisher gar nicht so nahestanden. Das sind große Herausforderungen.

Wie sieht es in Afrika mit der biodynamischen Landwirtschaft aus?

Hurter Im südlichen Afrika ist die Bewegung stark mit der Anthroposophie verbunden, es gibt Exportplantagen, aber auch biodynamische Initiativen, wo man mit drei Tomatenstöcken vor der Hütte in einem Township dabei ist. Im östlichen Afrika gibt es kulturelle Hotspots, die auch den biodynamischen Impuls tragen: die Waldorfschule in Nairobi, ein Rosenprojekt von Wala in Äthiopien und Sekem in Ägypten. Im afrikanischen Mittelmeerraum, im Maghreb, gibt es vereinzelt Projekte, die von hier aus betreut werden, wobei dies die aktuelle politische Instabilität schwierig macht. Im Französisch sprechenden Westafrika steht die Biodynamik noch am Anfang.

Simpfendörfer In Afrika haben wir Europäer die größten Schäden, auch kulturell, angerichtet. Deshalb bedeutet die Ausbreitung des Biodynamischen dort eine besondere Herausforderung, denn sie kann nicht mehr an bestehende kulturelle Impulse anknüpfen. In Indien habe ich erlebt, wie sich das Biodynamische in eine – wenn auch abgeschwächte, verwestlichte – lebendige spirituelle Kultur einfügen kann. Auch auf dem lateinamerikanischen Kontinent finden wir Anschluss an eine Bewegung, die zwar aus einem Sammelsurium entstanden ist, jedoch über eine starke und lebendige Dimension verfügt. In Afrika ist das sehr viel schwieriger.

Und in China?

Thomas Lüthi Flächenmäßig ist die biodynamische Bewegung in China noch klein. Die Möglichkeiten jedoch sind enorm groß. In China gibt es ein Bewusstsein für Umweltfragen und einen unglaublichen Willen, etwas zu ändern. Ich denke, in den nächsten Jahren können wir sehr viel von den Entwicklungen in China erwarten. Was bei den Waldorfschulen schon begonnen hat, ist zwar im Biodynamischen noch im Keim, jedoch vor den Leuten und ihren Impulsen kann man nur den Hut ziehen.

Kann die biodynamische Bewegung die Herausforderung annehmen?

Hurter Es stellt sich immer wieder die Frage nach dem Verhältnis des Durchdringens von Anthroposophie und sogenannter ‹angewandter Anthroposophie›. Ich möchte uns, der biodynamischen Bewegung, das Zeugnis ausstellen, dass es ein gesundes Verhältnis ist. Es ist nicht so, dass es auf der einen Seite die ‹Techniker› und auf der anderen die ‹Heiligen› gibt. In diesem Kreis und besonders in der Sektion ist eine Durchdringung stark gewollt, weshalb sie, wie ich es sehe, in den allermeisten Situationen auch gelingt.

Simpfendörfer Für diese Frage haben wir den Biodynamic Council gegründet. In der Sektion, in IBDA (Interantional Biodynamic Association) und bei Demeter International arbeiten wir an einem Bild, und auch die intersektionelle Arbeit hier am Goetheanum gehört dazu. So bemerken wir, was für die Entwicklung in den Regionen wichtig ist: dass die pädagogische, die biodynamische und die medizinische Bewegung so zusammenarbeiten, dass ganzheitliche Projekte entstehen.

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Zum 150. Geburtstag Rudolf Steiners entdeckten wir: Die Welt ist bei Rudolf Steiner angekommen, sie ist offener, spiritueller geworden. Geht heute eine Saat auf?

Es ist nun nicht mehr so, dass wir es sind, die es verstanden haben und die anderen überzeugen müssen, dass die biodynamische Methode das Beste ist. Da hat sich etwas verändert.
— Jean-Michel Florin

Uli Johannes König Es hat sich in der Welt etwas geändert, sodass eine Begegnung möglich wird. Die Gräben zwischen der allgemeinen Welt und einem anthroposophischen Verständnis sind heute leichter zu überwinden. Das merkt man bis in die akademische Ebene hinein. Früher gab es das Sonntagsbewusstsein und das Werktagsbewusstsein. Heute ist es oft möglich, auch mit konventionellen Akademikern darüber zu reden, dass es noch andere Ebenen gibt. Vor anderthalb Jahren hatten wir einen Hilferuf von der Universität für Landwirtschaft in Kaunas (Litauen). Dort seien gerade zwei Doktorarbeiten zu biodynamischen Präparaten geschrieben worden, die sehr gute Ergebnisse aufweisen. Der Institutsleiter jedoch wolle diese Arbeiten ablehnen. Die dortige biodynamische Bewegung organisierte einen Kongress, an dem wir, Jürgen Fritz und ich, teilnahmen und ausschließlich wissenschaftliche Ergebnisse zu den Präparaten vortrugen. Abschließend beschrieb ich, dass es vier verschiedene Ebenen gibt: die physische Ebene, eine Lebensebene, eine organisatorische, seelische und eine individuelle Ebene. Auf jeder Ebene muss anders gearbeitet werden. Daraufhin sprang der Institutsleiter auf und sagte: «That’s exactly the way to discuss it!» Es stellte sich heraus, dass der Institutsleiter Landwirt ist und diesen Zusammenhang aus dem Erleben kennt. Am Ende sagte er, solange er Institutsleiter sei, würde es diese Art der Arbeit bei ihm geben. Nun gibt es schon eine dritte Doktorarbeit zu diesem Thema an dieser Universität. Eine Öffnung ist da, sofern man sich darauf einlässt und die Grenzen des anderen respektiert.

Florin Vor sieben und vor fünf Jahren ging es bei unseren Jahrestagungen um die Fähigkeit, Allianzen zu knüpfen. Ich habe den Eindruck, damals haben wir gemeinsam etwas angelegt und jetzt ist ein Teil davon angekommen. Zum Beispiel im Dialogischen war es nach der alten Methode so, dass die einen etwas wissen und die anderen sollen nur zuhören. Da hat sich das Blatt gewendet. Es ist nun nicht mehr so, dass wir es sind, die es verstanden haben und die anderen überzeugen müssen, dass die biodynamische Methode das Beste ist. Da hat sich etwas verändert. Die letztjährige gemeinsame Reise nach Indien hat das noch verstärkt. Dadurch haben wir uns in die große biologische Bewegung eingebracht, wurden ein Teil davon.

Weiter dazu lesen:

 

Wege des Wachstums

Täglich kommen Dutzende Menschen zum ersten Mal in Berührung mit Betrieben der biodynamischen Landwirtschaft. Partnerschaften häufen sich, die Anerkennung wächst, neue Assoziationen werden gegründet. Was braucht es für die Landwirtschaftliche Sektion am Goetheanum, um so eine innovative Weltgemeinschaft in ihrem schnellen Wachstum zu begleiten?

Simpfendörfer In der Welt gibt es immer mehr Menschen, die nach einem ganzheitlichen Ansatz suchen, und wir selbst sind auch freier geworden. So wäre es auch am Goetheanum vor ein paar Jahren nicht vorstellbar gewesen, dass man im Großen Saal in dieser differenzierten Offenheit die Frage des Weines besprechen kann.

Lüthi Am 19. Januar hat der chinesische Vize-Außenminister Deutschland besucht. Er ist in Frankfurt gelandet und bestand darauf, zuerst den biodynamischen Dottenfelderhof zu besuchen.


International Biodynamic Council

Das IBDC ist ein Koordinations- und Vertretungsorgan der welt­weiten biodynamischen Bewegung. Es stellt keine juristische Person dar. Mitglieder des IBDC sind die nationalen biodynamischen Vereine, vertreten durch die International Biodynamic Association (IBDA), Demeter International (DI) und die Landwirtschaftliche Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft sowie eine Person als Vertreterin des Wirtschaftslebens. Das IBDC trifft sich zweimal im Jahr, um die Entwicklung der Bewegung aktiv zu begleiten und zu koordinieren.

 Alexander Gerber, Deutschland, Vorstand Demeter International

Alexander Gerber, Deutschland, Vorstand Demeter International

 Thomas Lüthi, Schweden, Vorstand Demeter International

Thomas Lüthi, Schweden, Vorstand Demeter International

 Uli Johannes König, Deutschland, Vorstand IBDA

Uli Johannes König, Deutschland, Vorstand IBDA

 Sabrina Menestrina, Italien, Vorstand IBDA

Sabrina Menestrina, Italien, Vorstand IBDA

 Cornelia Hauenschild, Dänemark, Certification program manager, Demeter International

Cornelia Hauenschild, Dänemark, Certification program manager, Demeter International

 Ueli Hurter, Schweiz, Sektionsleiter & IBDA

Ueli Hurter, Schweiz, Sektionsleiter & IBDA

 Christoph Simpfendörfer, Deutschland, Generalsekretär Demeter International

Christoph Simpfendörfer, Deutschland, Generalsekretär Demeter International

 Jean­Michel Florin, Frankreich, Sektionsleiter und IBDA

Jean­Michel Florin, Frankreich, Sektionsleiter und IBDA

 Petra Derkzen, Niederlande, Vorstand Demeter International und IBDA

Petra Derkzen, Niederlande, Vorstand Demeter International und IBDA

 Änder Schanck, Luxemburg, Vertreter des Wirtschaftslebens

Änder Schanck, Luxemburg, Vertreter des Wirtschaftslebens

 Lapo Cianferoni, Italien, Vorstand Demeter International

Lapo Cianferoni, Italien, Vorstand Demeter International

Nicht anwesend

Regina Haller Argentinien, Vorstand IBDA

Thomas Schmid Deutschland, Vorstand IBDA

Jean­-Marie de France Frankreich, Vorstand DI

Susanna Küffer Schweiz, Vorstand DI

Helmy Abouleish Ägypten, Vorstand DI